Im Gespräch mit...

...Ottmar Hitzfeld: "Ganz Dortmund stand Kopf"

12.07.2020, 11:00 Uhr von:  Vanni Seb
Lesezeit: ca. 22 Minuten
...Ottmar Hitzfeld: "Ganz Dortmund stand Kopf"
© Biso / CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)

Dienstag, 30.06.2020, Punkt 17:30 Uhr: Wir sind für ein Telefonat mit Ottmar Hitzfeld verabredet und wollen über die Meisterschaft 95 sprechen. Ein persönliches Treffen ist in der aktuellen Situation natürlich nicht möglich. Es tutet. Mit freudiger Stimme meldet sich Ottmar Hitzfeld:

schwatzgelb.de: Hallo Herr Hitzfeld! Schön, dass Sie sich heute für uns Zeit genommen haben. Bevor wir ein bisschen auf vergangene Tage zurückblicken, bleiben wir mal im Jetzt: Wie geht es Ihnen aktuell?

Ottmar Hitzfeld: Mir geht es hervorragend. Ich habe keinen Stress, keinen Druck und kann mein Leben selbst gestalten. Ich habe zwar einen Terminkalender, aber der wird nicht mehr von den Spieltagen vorgegeben. Von daher kann ich mein Leben selbst bestimmen.

Wie sehr verfolgen Sie den Fußball und vor allem die Bundesliga noch?

Ich bin nach wie vor Fußballfan. Ich schaue die Bundesliga, nicht nur Dortmund oder Bayern, sondern auch den Abstiegskampf, der sehr spannend war. Es ist eben eine gewisse Leidenschaft für Fußball und die bleibt natürlich, aber inzwischen völlig ohne Stress.

Schauen Sie dann ganz neutral oder schauen Sie bei Ihren ehemaligen Vereinen noch genauer hin?

Neutral schaue ich nicht. Wenn Dortmund spielt, dann fiebere ich natürlich auch mit und ich verfolge auch jede Schlagzeile und jeden Bericht, was so hinter den Kulissen abläuft. Da weiß ich selber recht wenig. Aber ich lese sehr gerne, was die Journalisten schreiben. Obwohl ich das aus meiner eigenen Zeit kenne, dass man sich manchmal wundert, was die alles und schreiben und meinen, zu wissen. Dabei stimmt eigentlich nur die Hälfte, was wirklich abläuft. (lacht)
Aber ich kann mich natürlich hineinfühlen, auch in Lucien Favre, der eine sehr gute Saison für mich gespielt hat.

Am Ende ist es dann auch schwierig, wenn die Bayern 16 von 17 Spielen in der Rückrunde gewinnen.

Das ist natürlich Pech, dass die Bayern wieder in Hochform gekommen sind, nach der schlechteren Phase im Herbst und jetzt keine Schwächen mehr gezeigt hat. Wenn Bayern mal ein bisschen schwächelt, dann hat man eine Chance. Sie haben überragende Leistungsträger und wenn sie aus dem Vollen schöpfen können, dann ist es sehr schwer. Auch für Borussia Dortmund, die ja immer noch eine sehr junge Mannschaft haben.

Gehen wir mal von der aktuellen Zeit ein paar Jahre oder Jahrzehnte zurück: Wenn Jürgen Klopp über seine erfolgreiche Zeit beim BVB spricht, fängt er meist mit dem Derby an, bei dem der BVB bereits zur Pause 3:0 zurücklag. Er befürchtete, dass er nach dem Spiel entlassen würde. Gibt es für Sie auch so ein Knackpunktspiel, mit dem Sie die Erfolgsgeschichte am liebsten beginnen?

Eigentlich nicht unbedingt. Aber ich kann den Ansatz von Jürgen Klopp verstehen. Das Derby ist ein Überlebenskampf. Es gibt sicherlich BVB-Fans, die würden lieber die Meisterschaft verspielen als das Derby zu verlieren - mal drastisch ausgedrückt. So tief steckt das. Das war für mich schon eine Überraschung, als ich aus der Schweiz in die Bundesliga kam. Auch zu meiner aktiven Zeit habe ich nie so eine Konkurrenz erlebt wie zwischen Dortmund und Schalke. Ich kann mich erinnern, dass Dr. Gerd Niebaum, als wir das erste Mal gegen Schalke gespielt haben, mich gefragt hat, ob er auch mal vor die Mannschaft treten und etwas sagen darf. Ich meinte dann: „Ja klar, das kann ja nicht schaden“. Und dann hat er versucht, den Spieler zu erklären, was es heißt, die Dortmunder Farben im Derby zu vertreten gegen Gelsenkirchen oder wie sagt man …?

Herne West

Ja, richtig (lacht). Da dachte ich: „Dr. Niebaum, was ist denn da los? Ist das so tierisch ernst? Geht es fast um Leben und Tod?“ So extrem fühlte sich das an. Letztendlich war das gut von ihm formuliert, weil es wirklich so war.

„Dr. Niebaum, was ist denn da los? Ist das so tierisch ernst? Geht es fast um Leben und Tod?“

Nochmal zurück zum Ansatz von Klopp: Es war ein ziemlicher Tiefschlag für ihn, in der Halbzeit deutlich zurückzuliegen und ich denke, er möchte die Geschichte einfach mit einem Tiefschlag beginnen. Wäre dann vielleicht ein vergleichbarer Einstieg, wenn man 1991/92 anfängt?

Ja, das war natürlich ein Schock für uns. Wir waren auf einem guten Weg und 3 oder 4 Minuten vor Schluss macht Buchwald das Tor für Stuttgart und ich dachte, „wir waren so nah dran“. Das war immer ein Traum, einmal in meinem Leben Deutscher Meister zu werden und der war da erstmal zerplatzt. Auf dem Weg nach Hause im Bus sagte Dr. Niebaum dann - wir waren noch per Sie: „Herr Hitzfeld, wer weiß, für was das gut ist.“ Da dachte ich auch, „was der jetzt erzählt. Für was das gut ist? Das ist eine Katastrophe! Wir sind nicht Deutscher Meister geworden, wir waren so nah dran“. Aber er hat Recht gehabt. Wenn wir damals schon Deutscher Meister geworden wären, hätten wir die anderen Erfolge sicherlich nicht erreicht, weil wir die Mannschaft nicht mehr verstärkt hätten, denn wir wären ja auch ohne Stars erfolgreich gewesen. Insofern ist der Start der Geschichte da vielleicht sogar richtig.

Erinnert man sich nach so einer Saison noch an alle Spiele oder eher die Highlights?

Die einzelnen Spiele könnte ich nicht mehr aus dem Gedächtnis nacherzählen. Wenn ich aber im Internet nachschaue und den Spielverlauf sehe, dann kann ich mich wieder hineinfühlen. Dann kommt es mir vor, als wäre es gestern gewesen und ich bin wieder hautnah dabei. Aber ich habe so viele Spiele miterlebt, da verdrängt man auch einiges wieder. 1994/95 ist noch sehr präsent, weil es für mich, für ganz Dortmund ein Auf und Ab war, eine Achterbahn der Gefühle. Die vielen Rückschläge, die wir hatten, das habe ich noch nie zuvor erlebt und auch nachher als Trainer nicht mehr. Mit dem Verletzungspech alleine: Povlsen, der ein wichtiger Spieler war, ein Antreiber, fiel seit Herbst aus. Im Endspurt fielen mit Chapuisat, der auch immer ein Garant für wichtige Spiele war und nachher mit Kalle Riedle zwei weitere Stürmer aus. Das hätte wahrscheinlich keine andere Mannschaft wegstecken können. Und da wurde der Babysturm entdeckt. Schon grandios, was Lars Ricken und Ibrahim Tanko in so jungen Jahren, mit knapp 18, geleistet haben. Es ist nicht einfach, in dem Alter mit dem ganzen Druck umzugehen.

Sie sagten gerade, dass es eine Saison mit ganz vielen Auf und Abs gewesen ist und ganz viele Rückschläge gab. War das die Saison, in der es die meisten Auf und Abs gab und damit auch die prägendste Saison Ihrer Karriere?

Ja, absolut. Das war natürlich auch verbunden mit der Erwartungshaltung. Unser Ziel war immer, Deutscher Meister zu werden und dann haben wir uns kontinuierlich verstärkt. Dementsprechend wurde der Druck für alle größer. Ende 1994 waren wir dann Herbstmeister, da hat man natürlich schon eine gewisse Vorfreude gehabt und gedacht „In dieser Saison können wir es wirklich schaffen“. Und dann kamen die Rückschläge: Es ist ein Wunder, dass wir es trotzdem geschafft haben.

Haben Sie zwischenzeitlich auch mal das Gefühl gehabt, dass es doch nicht mit der Meisterschaft klappt?

Nein, das verdrängt man als Trainer. Meine Philosophie ist immer, das nächste Spiel in Angriff zu nehmen und das bestmögliche aus der Situation zu machen. Man darf nie den Glauben verlieren. Wer soll noch an die Mannschaft glauben, wenn nicht der Trainer? Egal wer spielt: Wenn ich die Mannschaft einstelle, muss ich davon überzeugt sein, dass wir auch mit fünf oder sechs Ersatzspielern das Spiel gewinnen werden.

Wie vermittelt man das? Hatten Sie besondere Ansprachen oder besondere Taktiken, die Sie dann aus dem Hütchen gezaubert haben?

Ich horche in mich hinein und ich fühle mich in die Situation hinein. Ich versuche, zu spüren, was die Mannschaft braucht. Kommunikation ist immer wichtig, nicht nur die letzte Ansprache, auch zwei/drei Tage davor. Die Mannschaft immer wieder auch im Training anzuspornen und zu motivieren. Die Mannschaft muss spüren, dass der Trainer hinter jedem Spieler steht. Auch in Interviews, die man als Trainer gibt, kann man diese Philosophie und die Botschaften vermitteln, um die Mannschaft zu führen.

Das ist ja sehr viel Optimismus und gelebter Optimismus, der da mitschwingt. Haben Sie gar nicht mit dem Schicksal gehadert?

Wie ich sagte, es ist meine Philosophie. Das muss man verdrängen. Natürlich war ich auch schockiert, als ich die Diagnose erfahren habe. Wenn der Arzt sagt, dass es ein Kreuzbandriss ist, hat man einen Kloß im Hals, spürt den Druck auf der Brust und fragt sich, wie man die Erwartungen jetzt erfüllen soll. Aber das muss man verdrängen und nach Lösungen suchen.

Ist es in solchen Situationen wichtig, wenn man Führungsspieler in der Mannschaft hat oder ist das vorrangig die Aufgabe des Trainers?

Nein, es braucht beides. Wenn man eine Mannschaft mit Charakter und einer total guten Einstellung hat, will sie auch immer an die Grenze gehen. Da hilft es, wenn 4-5 Spieler immer voran marschieren. Aber es ist hauptsächlich der Trainer, weil für die gesamte Stimmung und für alle 20 Spieler verantwortlich ist. Er muss die Ersatzspieler mitnehmen. Das ist ein wichtiger Faktor im Mannschaftssport.

Also ganz viel Kopfsache diese Meisterschaft. Ich habe mich beim Rückblick auf 94/95 oft gefragt, wie unsere aktuelle Mannschaft mit diesen ganzen Rückschlägen umgegangen wäre, da wurde ja auch viel über Mentalität und Einsatz gesprochen. Ist das vielleicht auch etwas, das die Mannschaft von damals ausgezeichnet hat, die Mentalität?

Wir haben gute Charaktere gehabt. Das betraf die gesamte Mannschaft, jeden Einzelnen. Wir hatten mit Stefan Klos einen überragenden Torwart, der immer ruhig war, aber sehr viel Selbstbewusstsein ausgestrahlt hat. Hinten drin Sammer, der Ruhe ausgestrahlt hat, ab und zu ein Hitzkopf und voller Emotionen und nicht immer leicht zu führen (lacht), aber er war wichtig. Auch im Umgang mit jungen Spielern, sie mal in den Arm zu nehmen oder etwas zu erklären. Das hat er immer gerne gemacht. Da war er für viele junge Spieler, für Lars Ricken und auch für Tanko, wichtig. Dazu haben wir mit Michael Zorc immer ein Urgestein gehabt, der vom Charakter her unglaublich stark war für die Mannschaft. Der hat alles akzeptiert. Dass immer neue Stars kamen, war nicht einfach für ihn, aber er ist immer voran marschiert in der Mannschaft. Oder auch Andy Möller: Er kam nicht so gut in der Presse weg, aber für mich auch ein Leistungsträger. Früher wurde oft noch Manndeckung gespielt. Vom Gegner war immer ein Spieler auf Möller abgestellt, der ihn umgrätschte. Möller hatte da einen schweren Stand und trotzdem konnte er sich mit seiner Technik und mit seinen Geistesblitzen durchsetzen.

Mich würde jetzt mal ein Beispiel interessieren, wo Matthias Sammer nicht so einfach zu führen war …

Da können wir noch lange reden (lacht). Da gab es einige Situationen. Matthias hatte immer sein eigenes Blickfeld für Situationen. Er wollte immer diskutieren. Aber Fußball besteht nicht nur aus Diskussionen. Man kann viel in der Theorie erklären, aber im Fußball entscheidet sich letzten Endes in den 90 Minuten. Dass die Mannschaft zusammenhält, man sich total gegenseitig unterstützt, man auch taktisch einen Plan hat und immer in der Defensive gut steht, nicht nur nach vorne spielt, ist am Ende entscheidend. Auf Sammer war das System auch ein Stück weit zugeschnitten, damit er Libero vor der Abwehr spielen kann. Er hatte starke Abwehrspieler hinter sich.

Retrospektiv wurde dem Schachzug, Matthias Sammer aus dem Mittelfeld auf die Position des Liberos zurückzuziehen, eine große Bedeutung beigemessen. Würden Sie das selber auch so sehen?

Das war die richtige Entscheidung. Wir haben Matthias Sammer eigentlich als offensiven Mittelfeldspieler geholt, aber da war Andy Möller nachher überragender und gefährlicher. Sammer hatte ganz vorne beziehungsweise hinter der Spitze seine Position. Dort hatte er seine Karriere begonnen und in der ist er auch zu Inter Mailand gegangen. Da hat es aber nicht geklappt und wir haben gedacht, dass er bei uns in der Bundesliga es wieder schaffen und mehr Torgefahr entwickeln kann. Es war dann nicht überragend und wir haben uns entschlossen, ihn vor die Abwehr zu ziehen, was sich als goldrichtig für ihn herausstellte.

Sie sprachen gerade schon Andy Möller an: Da gab es ja die berühmte „Schutzschwalbe“ gegen Karlsruhe. Was dachten Sie in der Situation? Haben Sie sofort gesehen, dass es kein Elfmeter war?

Sagen wir es mal so: Es sah komisch aus (lacht). Es sah nicht so aus, als wenn er umgehauen wird. Ich war erst erstaunt und dann natürlich froh, dass es Elfmeter gibt. Jeder freut sich, wenn man einen Elfmeter zugesprochen bekommt. Das war enorm wichtig, denn es war der Knackpunkt für das Spiel.

Haben Sie mit Andreas Möller nach dem Spiel darüber gesprochen?

Ich habe das nicht groß mit ihm besprochen. Was soll ich sagen? Soll ich sagen, „mach es nächstes Mal nicht“? Das war intuitiv von ihm. Das hat er danach nicht mehr gemacht. Das war Instinkt und das kann man einem Spieler nicht vorwerfen. Im Nachhinein kann ich ihm auch nicht böse sein. Sie, als BVB-Fans, wahrscheinlich auch nicht.

Mittlerweile sieht er es als Fehler an und sagt, er würde es nicht mehr machen.

Klar, was soll er sonst sagen. Darum gebe ich eine ehrliche Antwort.

Er wurde lange auf diese eine Szene reduziert, andere wiederum sagen, dass war vom Gesamtpaket der beste Mittelfeldspieler, den Borussia Dortmund je unter Vertrag hatte. Würden Sie dem zustimmen?

Auf seine Art natürlich schon. Möller war natürlich vom technischen Potenzial, von seiner Schnelligkeit, von seinem Dribbling, seinem Turbo-Antritt Weltklasse. Wir hatten aber auch andere sehr gute Mittelfeldspieler. Michael Zorc war zum Beispiel ganz wichtig, wenn er gespielt hat, weil er viele Tore erzielt hat. Viele per Elfmeter, aber auch beim Kopfball war er Weltklasse. Er hat viele entscheidende Tore gemacht und immer den Instinkt gehabt, im richtigen Moment in den Strafraum zu gehen.

Und dann waren ja noch zwei einflussreiche Personen an der Seitenlinie, einmal Sie und Michael Henke. Hans-Joachim Watzke beschrieb Sie mal als eher nüchternen und zurückhaltenden Typen. Michael Henke hätte sogar das Schiedsrichterbeschimpfen übernehmen müssen. Stimmt das?

Ich habe nichts dagegen eingewendet (lacht).

Sind Sie denn auch manchmal etwas zur Furie geworden? Konnten Sie auch anders als nüchtern und sachlich?

Ja, natürlich. Man muss sich aber zurückhalten. Man möchte natürlich auf den Platz stürmen und sich beschweren, aber letztendlich ist der Trainer auch Vorbild für die Spieler. Wenn ich den Spielern sage „Flipp nicht aus, bleib ruhig, keine unnötigen Karten wegen Reklamieren“, dann muss ich Vorbild sein.

Für den Co-Trainer gilt das dann nicht?

Man muss halt alle taktischen Mittel ausschöpfen, auch um den Linienrichter mal zu beeinflussen. Man kämpft ja um jeden Einwurf. Das ist paradox, aber es ist so.

Die Trainerbank mit Ottmar Hitzfeld und Michael Henke war das prägende Bild für die 90er Jahre beim BVB. Was hat Henke für Sie so wichtig gemacht?

Michael Henke war unglaublich loyal. Er ist zum Freund geworden, wir konnten offen über alle Probleme innerhalb der Mannschaft reden und ich wusste, dass nichts nach außen dringt. Ich konnte mich ja sonst mit niemandem austauschen, höchstens noch mit dem Manager Michael Meier, der mich immer bedingungslos unterstützt hat und ebenfalls zum Freund geworden ist. Ansonsten darf man im Fußballgeschäft nicht mit anderen Menschen über Probleme innerhalb der Mannschaft diskutieren, weil es intern bleiben soll. Da ist es wichtig, sich mal austauschen zu können. In der Hinsicht waren Michael Henke und ich ein ideales Gespann. Wir hatten die gleiche Philosophie, wir hatten fast die gleichen Ansichten, auch bezüglich der Menschenführung. Er konnte die Mannschaft immer sehr gut motivieren, auch wenn er das Training geleitet hat. Wir haben uns das immer aufgeteilt. Ich habe meistens die Offensive trainiert und er die Defensive oder umgekehrt. So konnten wir die Aufgaben sehr gut abstimmen.

Stephane Chapuisat hat uns mal im Interview erzählt, dass Ihre größte Stärke war, wie Sie mit den Spielern umgegangen sind. Sie wussten, wer die größten Freiheiten braucht und wer eine kürzere Leine haben sollte. Bei wem war sie denn besonders kurz?

(lacht) Bei jedem. Man muss die Spieler spüren. Der Trainer muss merken, wann die Mannschaft im Training eine härtere Ansprache braucht, wenn sie zu nachlässig ist oder Fehlpässe produziert, die sonst nicht passieren dürfen. Da muss man sofort eingreifen. Genauso muss man als Trainer aber auch spüren, wann die Mannschaft angespannt oder nervös ist, dann muss man sie wieder motivieren. Das ist ein permanenter Austausch mit Signalen, die man aufnimmt oder aussendet.

Ist emotionale Intelligenz ein Hauptkriterium für einen Trainer?

„Emotionale Intelligenz“ habe ich so jetzt noch nicht gehört, aber das ist ein guter Ausdruck (lacht). Ich muss halt wissen, wann ich eingreifen muss und wann nicht. Wie schon Chappi sagte, wann muss ich die Zügel anziehen und wann muss ich wieder total locker sein. Aber man hat viele verschiedene Spieler gehabt, Frank Mill war auch ein Schlitzohr und ein guter Typ, der auch immer Tricks auf Lager hatte. Breitzke ist auch ein interessanter Spieler, den man immer motivieren, führen und an der Leine halten musste. Bei Transfers war es wichtig, dass man gute Charaktere verpflichtet. Das sieht man auch, wie ein Spieler sich aufführt, wenn man ihn verpflichten will. Es geht nicht nur um die technischen, taktischen, körperlichen, physischen Fähigkeiten. Es geht eben auch ums Auftreten eines Spielers. Wie verhält er sich gegenüber Schiedsrichtern? Wie verhält er sich gegenüber Mitspielern? Das ist auch sehr wichtig. Ich würde keinen Spieler holen, der permanent seine Mitspieler kritisiert oder abwinkt.

Es war natürlich eine hervorragende Situation für uns und ich war davon überzeugt, dass wir mit zwei Toren Unterschied gewinnen.

Das ist auch eine Sache, die bis heute immer noch wichtig ist und teilweise zu wenig beachtet wird…

Für mich ist das ein sehr wichtiges Kriterium. Mit eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten hole ich trotzdem lieber einen hochbegabten, technisch starken Spieler, der vielleicht auch mal abwinkt, aber dafür nachher auch wichtige Tore schießt. Aber es ist nicht ideal. Wenn man vom finanziellen her mehr Möglichkeiten hat, kann man ein kompletteres Paket kaufen.

Ein Spieler, der Ihre Menschenkenntnis zu spüren bekam, war Lars Ricken. Sie haben es gerade schon gesagt, dass Matthias Sammer sich ein bisschen um ihn kümmerte. Ricken sagte uns, dass sich beide auch ein Zimmer teilten. Er konnte sich nicht ganz vorstellen, dass das zufällig war. War das so eine Art Plan, dass Matthias Sammer da als Mentor auftritt?

Als Trainer überlegt man sich schon, wen man zusammenlegt. Die Spieler haben immer Doppelzimmer, nur selten Einzelzimmer. Ich wusste ja, dass Matthias Sammer die Spieler sehr gut unterstützt und ihnen Fehler aufzeigt, aber ihnen trotzdem den Weg weist. Daher war das eigentlich ideal, ja.

Wenn wir uns jetzt mal an das Jahr 1995 und die letzten Spiele erinnern: Da gab es schon am vorletzten Spieltag die Situation, wo das Ganze zu scheitern drohte. Da hat der BVB in Duisburg zur Pause mit 0:1 zurückgelegen, Werder Bremen war gleichzeitig auf dem Weg zum Sieg. Das wäre schon die Meisterschaft für Bremen gewesen. Wissen Sie noch, was Sie zur Halbzeit gesagt haben und was Ihnen durch den Kopf ging?

Wie ich schon sagte, ist für mich immer wichtig, dass man nach vorne blickt. Ich habe die erste Halbzeit nicht groß erwähnt, weil wir im Rückstand waren. Da bringt es nichts, viel darüber zu diskutieren. Stattdessen habe ich gesagt, was ich von der Mannschaft sehen will, dass wir vielleicht ein besseres Forechecking machen, dass wir beim letzten Pass noch präziser sein müssen, die linke Abwehrseite von Duisburg war nicht so gut… ich habe verschiedene Tipps gegeben, das ist mein Ziel in der Halbzeit. Man hat ja nur drei, vier, fünf Minuten Zeit, um mit der Mannschaft zu sprechen. Die ersten fünf Minuten ist die Mannschaft nicht ansprechbar.

Dann kam die Wende in dem Spiel, es wurde doch noch mit 3:2 gewonnen und es gipfelte darin, dass am letzten Spieltag sowohl Bremen als auch Dortmund noch Meister werden konnten. Man brauchte allerdings die Unterstützung von Bayern München, was heute ein wenig kurios wirkt. Aber wenn man an die Woche vorher denkt, wird häufig gesagt, dass die ganze Stimmung in der Stadt so positiv war, dass alle sicher waren, dass Dortmund die Chance haben wird, am letzten Spieltag wirklich Deutscher Meister zu werden, weil die Bayern gewinnen werden. Wissen Sie noch, wie das für Sie war?

Es war natürlich eine hervorragende Situation für uns und ich war davon überzeugt, dass wir mit zwei Toren Unterschied gewinnen. Und auch Bayern wird zu Hause nicht verlieren. Jeder Spieler ist top motiviert, wenn der zukünftige Trainer im letzten Spiel gegen sie spielt (Otto Rehhagel wechselte nach der Saison von Bremen nach München, Anm. d. Red.). Sie wollen sich ja auch beweisen und wollen vielleicht auch, dass der Trainer nicht als Deutscher Meister kommt, sondern erst mit Bayern dann Meister wird. Da war vom psychologischen her für mich klar, dass Bayern in dem Spiel noch mal alles geben wird. Und es ist immer schwer, dort zu gewinnen. Unser Ziel war es, nicht nur einen Punkt zu holen, sondern mit zwei Toren Unterschied zu gewinnen, sodass es eben auch reicht, wenn Bremen Unentschieden spielt.

Haben Sie die Stimmung in Dortmund vor dem Spiel aufgesaugt?

Die Stimmung war die ganze Woche über fantastisch. Wir sind von den Toten auferstanden. Nach dem 0:2-Rückstand in Duisburg noch 3:2 zu gewinnen, das war schon enorm wichtig. Das war der Moment „Jetzt sind wir nah dran“, das war so ein Aha-Erlebnis, was uns unglaublich gepusht hat. Dann war die Ausgangslage klar und die ganze Bevölkerung, die Leute überall waren zuversichtlich. So ist ja auch die Mentalität in Dortmund. Dass man positiv ist, dass man daran glaubt, dass man überall her Unterstützung bekommt. Das war eine angespannte, aber sehr wirkungsvolle Zeit.

Versucht man das mitzunehmen oder möchte man das eher abblocken, um nicht zu überdrehen? Wie haben Sie das versucht?

Als Trainer habe ich das immer registriert und habe mich auf den Job konzentriert. Und so muss man dann auch die Mannschaft einstellen. Dass man in der Woche noch mal total konzentriert trainiert und jeden Tag in Gesprächen zu der Mannschaft die Überzeugung, dass wir es packen werden, rüberbringt.

Sie hatten es gerade schon angesprochen: Otto Rehhagel ging danach zu den Bayern und auch Mario Basler wechselte als Spieler die Seiten. War das vielleicht auch eine Schlüsselsituation für das letzte Spiel? War das also vielleicht schon in den Köpfen der Bremer drin und hat vielleicht bei dem ein oder anderen die letzten Prozentpunkte Fokussierung genommen?

Das war natürlich auch ein Schock für Bremen, dass sie einen der besten Spieler an Bayern verlieren. Dass Rehhagel zu Bayern geht, passte ja auch nicht. Ein Bremer Trainer geht zu den Bayern… Willi Lemke war damals noch Manager, das war schon eine komische Konstellation. Von daher wusste ich schon, dass es da ein bisschen in Bremen brennt.

Bei bestimmten Spielausgängen wäre sogar ein Entscheidungsspiel nötig gewesen, um einen Deutschen Meister auszuspielen. Das ist auch etwas, was heute unvorstellbar ist oder in etwas Kuriosem gipfeln würde. Haben Sie sich damit überhaupt beschäftigt oder war das mehr eine mathematische Spielerei, die da möglich war?

Wenn die Presse alles schreibt und man sich die Tabelle und das Torverhältnis anschaut, ist man schon darauf vorbereitet, aber man sollte sich nicht zu sehr auf das Torverhältnis konzentrieren.

So ging es dann letzten Endes in das letzte Spiel der Saison. Beschreiben Sie doch mal die 90 Minuten, was in Ihnen als Trainer vorging.

Das war eine unglaubliche Anspannung vor dem Spiel, aber auch Vorfreude. Man kann etwas erreichen und unser Ziel und die Strategie war, früh in Führung zu gehen. Denn wenn wir früh in Führung gehen können, bekommt Bremen das auch mit. So kann man ein bisschen Druck beim Gegner in München erzeugen. Für uns war das wichtig, denn im Gegenzug fällt bei uns auch ein bisschen Druck ab. Es war enorm wichtig, dass Möller den Freistoß reinhaut und Ricken das 2:0 macht. Das war schon ein großer Schritt. Das hat Bremen mitbekommen und das hat sie ein bisschen gelähmt.

Haben Sie das bei sich selbst auch gemerkt, dass dann nach dem zweiten Tor ein bisschen Druck abfällt?

Druck abfallen nicht direkt, aber die Euphorie kommt. Da tut sich was, man ist auf einem guten Weg. Man hat es im Stadion gemerkt, als Bayern mit 1:0 in Führung ging. Das hat sich im Stadion wie ein Lauffeuer verbreitet. Die Leute haben plötzlich gejubelt, obwohl das Spiel bei uns normal lief. Und dann hat man es erfahren, auch wir auf der Bank wussten, wie das Spiel lief. Ich glaube, wir durften das Ergebnis nicht auf der Anzeigetafel zeigen. Aber wir haben das verfolgt und wussten, Bayern führt. Das war unglaublich, auch wie das Publikum reagiert hat. Das hat auch die Spieler noch einmal zusätzlich motiviert und ihnen Schub gegeben.

Gab es dann einen Zeitpunkt, wo Sie wussten, das ist durch, das ist uns nicht mehr zu nehmen oder haben Sie wirklich noch bis 17.20 Uhr gedacht „Ich warte mal, bis es abgepfiffen wird“?

Als Trainer warte ich immer bis zur 80. oder 85. Minute ab. Bei Bayern musste ich auch mal bis zur 93. Minute warten. Aber so ab der 80. Minute glaubt man auch langsam dran. Vorher weiß man als Trainer ja, was alles so passieren kann. Aber so ab der 80. Minute wird man dann ruhiger.

Ich bin in Tränen ausgebrochen, was ich sonst nie bin. Ich wollte auch nicht in Tränen ausbrechen, aber das war einfach überwältigend, weil dann der ganze Druck abfällt.

Und dann wieder nicht mehr. Als dann abgepfiffen wurde, haben sich ja komplett die Bahnen gebrochen. Können Sie mal beschreiben, wie Sie das wahrgenommen haben?

Das war natürlich schon ein besonderer Moment. Das war ein Gefühlsausbruch. Ich bin in Tränen ausgebrochen, was ich sonst nie bin. Ich wollte auch nicht in Tränen ausbrechen, aber das war einfach überwältigend, weil dann der ganze Druck abfällt. Die innere Freude und Erschöpfung wird spürbar, trotzdem kommen Glücksgefühle. Das ist ein wahnsinniges Gefühl, das man in solchen Momenten erlebt. Auch wie die Zuschauer reagiert haben, wie sie über den Zaun geklettert sind, wie sie auf das Spielfeld gestürmt sind. Das war auch unglaublich. Man hat schon ein bisschen Platzangst bekommen. Ich habe auch der Mannschaft gesagt „Sofort abhauen in die Katakomben.“, weil man fast zerdrückt wurde.

Wie viele sind dem wirklich gefolgt? Sie haben sich selbst in Sicherheit gebracht, wie war das mit der Mannschaft?

Na, jeder hat selbst ums Überleben gekämpft (lacht). Jeder musste sich seinen eigenen Weg bahnen. Ich habe nicht mehr zurückgeblickt. Die Leute waren so euphorisch, so begeistert, sind so ausgeflippt, das war unvorstellbar. Es sind ja immer mehr auf den Platz gedrängt, das war unvorstellbar, es wurde ja immer dichter.

Was haben Sie von den Tagen danach noch so im Kopf? Es gab ja große Feierlichkeiten, am Borsigplatz, am Friedensplatz…

Ja, was man so in der Stadt und beim Umzug am Borsigplatz erlebt hat, das war unvorstellbar. Ich habe so viele alte Leute gesehen, die schwarzgelb angemalt waren und das Trikot anhatten und aus den Häusern geschaut haben, glücklich waren. Es waren nicht nur die jüngeren Fans, sondern auch die älteren Leute, die an den Fenstern waren, überall runtergeschaut haben und ich weiß nicht wie viele Hunderttausende in der Stadt unterwegs waren, das war überwältigend. Das habe ich nie mehr in meinem Leben erlebt, nur noch 1997 mit dem Champions League-Sieg. Aber 1995 war noch überwältigender, weil ich es zum ersten Mal erlebt habe. Diese Verbundenheit der Bevölkerung mit der Mannschaft oder mit Borussia Dortmund, das war unglaublich. Ich habe nachher ja auch bei Bayern Deutsche Meisterschaften erlebt, aber das war irgendwie… wie ein Freundschaftsausflug. Auch in der Schweiz, als wir mit Aarau 1985 Pokalsieger in meinem ersten Jahr waren, kamen nur wenige Fans. Ich bin drei Jahre später zum Rekordmeister Grashoppers Zürich und dort Meister geworden. Da war dann ein Empfang auf dem Bürkliplatz und ich habe gefragt „Wann kommen die Leute?“ Es waren vielleicht 50 Fans da. (lacht) Das war wie bei den Bayern, erfolgsverwöhnt, eine komplett andere Mentalität, das kann man nicht mit dem BVB vergleichen.
Noch ein kleines Beispiel: als ich 1991 nach Dortmund kam und mir dann einen kicker oder die Dortmunder Zeitung am Kiosk kaufte, sagte die ältere Dame im Kiosk zu mir: „Sind Sie nicht unser Trainer?“ Sie sagte nicht „Sind Sie nicht der Trainer von Dortmund?“, sondern sie hat gesagt „Sind Sie nicht unser Trainer?“ Unglaublich, Sie sind ja so aufgewachsen, Sie kennen ja nichts Anderes, aber ich habe ja eben schon viele andere Clubs erlebt, wo es ganz anders gelebt wird.

Wie oft haben Sie diese Geschichten schon Ihren Enkeln erzählt?

Also nee, noch nicht. Mein ältester Enkel ist erst vier, der kennt vielleicht ein bisschen Fußball, aber noch keine Namen.

Aber das droht ihm noch…?

Ich werd’s ihm nicht erzählen. Das wird er dann irgendwo irgendwann erfahren, das soll er selbst rausfinden.

Ist die 1995er Meisterschaft tatsächlich der Titel, den Sie gegen keinen anderen eintauschen würden, weil es der erste war?

Ja, also vom Gefühlsausbruch auf jeden Fall. Die Begeisterung im ganzen Ruhrgebiet, ganz Dortmund stand Kopf, das war unbeschreiblich. Nachdem man als Trainer dann einen Schlussstrich zieht, braucht man schon längere Zeit, um abzuschalten. Aber ich habe jetzt noch ein Video geschaut vom Umzug 1995 und die Begeisterung, die Interviews, die vielen älteren Menschen, die so lange darauf gewartet haben, das ist schon unglaublich eindrucksvoll. Dann kommt das alles wieder hoch.

Es gibt viele Fans, die Sie für den besten Trainer der BVB-Geschichte halten. Jetzt haben Sie mit Jürgen Klopp in den letzten 10 Jahren natürlich Konkurrenz bekommen. Ehrt Sie dieses Denken?

Ich finde es schön, dass die Leute sich an mich erinnern. Sie haben immer gesagt „Da kommt der Ottmar“, nicht „Da kommt der Hitzfeld.“ Das war das beste Kompliment, dass man auch als Mensch akzeptiert ist.

Auf jeden Fall. Wir freuen uns, dass Sie sich die Zeit genommen haben, um mit uns über die damalige Zeit zu sprechen.

Selbstverständlich. Es war schön, sich mal wieder in diese Zeit hineinzuversetzen. Man lebt ja immer im absoluten Hier und Jetzt und soll nicht so weit zurückblicken. Aber als Rentner darf man das.

Vielleicht blicken wir dann ja bald nochmal gemeinsam zum Jubiläum des Champions-League-Sieges erneut zurück. Vielen Dank für das Interview.

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