Im Gespräch mit...

...einem Wellenbrecher

25.04.2020, 14:44 Uhr von:  DocKay
Lesezeit: ca. 7 Minuten
...einem Wellenbrecher
Interview mit einem Wellenbrecher

Unser Dank gilt Herrn Dr. Hockenjos vom BVB. Durch seine Vermittlung war es uns möglich, dieses Interview mit einem Wellenbrecher auf der Südtribüne zu führen.

Wellenbrecher gelten als „Metallbau-Gewerke des Innenausbaus von Sport- und Versammlungsstätten“. Im Stadion sollen sie verhindern, dass für Zuschauer auf Stehplatztribünen die Gefahr besteht, durch unkontrollierten Druck von oben in Richtung Spielfeld zu geraten. Dabei gilt es, die Folgen einer eventuell daraus resultierenden Massenpanik mit ihren weitreichenden Konsequenzen zu verhindern. Ein durchaus positiver Nebeneffekt ist für die Fans eine Erhöhung des Komforts auf den Stehplätzen. Diese können sich jederzeit gemütlich anlehnen und auch ihren Kleinkindern bei eintretender Müdigkeit eine Sitzgelegenheit anbieten. In der aktuell fußballfreien Zeit hatten wir die Gelegenheit, ein Gespräch mit einem Wellenbrecher auf der Südtribüne zu führen.

schwatzgelb.de: Wir kennen uns von den Heimspielen des BVB und haben im Block 14 eine gemeinsame Heimat gefunden. Wie geht es dir aktuell?

Wellenbrecher: Im Moment fühle ich mich ziemlich einsam so ganz ohne Fußball und ohne die Fans. Wir sehen uns ja auch in der Regel mindestens alle 14 Tage und schließlich kennt man hier in der Umgebung fast alle und spürt das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Wir verkörpern schließlich alle die schwatzgelbe Leidenschaft und stehen hinter unserem BVB.

schwatzgelb.de: In Zeiten der Corona-Krise gilt als primäre Vorsorge Das-Abstand-Halten. Damit hast du sicher Erfahrung.

Wellenbrecher: Das kann man wohl sagen. Bei uns ist schon seit Jahren in der Versammlungsstättenverordnung (VStättVO) alles geregelt. In §28/Wellenbrecher heißt es: „Werden mehr als fünf Stufen von Stehplatzreihen hintereinander angeordnet, so ist vor der vordersten Stufe eine durchgehende Schranke von 1,10 m Höhe anzuordnen. Nach jeweils fünf weiteren Stufen sind Schranken gleicher Höhe (Wellenbrecher) anzubringen, die einzeln mindestens 3 m und höchstens 5,50 m lang sind. Die seitlichen Abstände zwischen den Wellenbrechern dürfen nicht mehr als 5 m betragen.“ Du siehst es ist alles geregelt.

schwatzgelb.de: Bei uns gilt aktuell eine Abstandsregelung von 1,50 m. Was hältst du davon?

Wellenbrecher: Wenn du dir vorstellst, dass bei uns nach höchstens fünf Stehplatzreihen die Abstände durch versetzt angeordnete Wellenbrecher zu überdecken sind, die auf beiden Seiten mindestens 0.25 m länger sein müssen als die seitlichen Abstände zwischen den Wellenbrechern, so hätten 1,50 m Abstand für uns sicher eine Art Kuschelcharakter.

schwatzgelb.de: Das musst du mir später bei einem Bier noch einmal erklären.

Wellenbrecher: Sehr gerne

schwatzgelb.de: Was vermisst du aktuell am meisten?

Wellenbrecher: Eigentlich vermisse ich alles. Mein Leben sind schließlich die Fans, die ich versuche, mit meinen Kollegen zu beschützen. Mir fehlt ihre Wärme und mir fehlt ihr atemberaubender Jubel bei einem Tor, aber auch ihr Innehalten und ihr Bangen beim Videobeweis, den ich als absoluten Stimmungskiller im Stadion empfinde. Gelegentlich fehlt mir aber auch die Bierdusche unter diesem trockenen Dach und natürlich der Geruch der Bratwurst, wie ich mich danach sehne. Nicht zu vergessen die total positiv bekloppten Borussensterne mit ihren Fahnen und dem Schwarzgelben Sternenkonfetti. Lange ist es her, definitiv zu lange.

Interview mit einem Wellenbrecher
Interview mit einem Wellenbrecher

schwatzgelb.de: Im letzten Jahr wart ihr noch 40 Wellenbrecher in Block 14. Zur neuen Saison sind acht „Neue“ hinzugekommen. War es schwer, diese zu integrieren?

Wellenbrecher: Am Anfang mussten wir uns Alte erst daran gewöhnen. Mit der Zeit war das aber kein Problem. Es ist wie bei euch Zuschauern, da kommen immer mal wieder Neue hinzu. Die in Block 15 hatten es da etwas leichter, sie mussten nur 4 „Neue“ integrieren.

schwatzgelb.de: Glaubst du, dass du bald wieder Spiele von der „Süd“ aus sehen wirst?

Wellenbrecher: Ich habe gehört, dass es vielleicht am 09.05. mit Geisterspielen wieder losgehen soll. Aber ich verstehe das nicht. Uns stellt man so weit auseinander und da unten auf dem grünen Rasen ist Rudelbildung angesagt. In der Fußgängerzone sollen sie mit Mund -und Nasenschutz herumlaufen und hier auf dem Spielfeld definiert man eine „virenfreie Zone“. Da wird man doch zum Wellen-Brecher. Das kotzt mich einfach an. SKY Millionen töten Viren, ohne im Labor erprobt zu werden. Wenigsten sollen die Journalisten Abstand halten. Darauf kommt es schließlich an.

schwatzgelb.de: Dein Blick in die Zukunft ist ja nicht sehr optimistisch

Wellenbrecher: Für mich sind das einfach keine Fußballspiele, so ganz ohne Fans. Ich hoffe nur, dass sie uns nicht noch irgendwelche Pappkameraden vor die Nase hinstellen wie am Niederrhein. Dann packen wir hier zusammen und die Ultras können sehen an wem sie in Zukunft die Trommeln festmachen. Es ist alles so traurig, aber die Hoffnung stirbt schließlich zuletzt. Trotzdem werde ich sicher kein SKY Abonnent. Das Geld spare ich mir und mal sehen, ob wir am Ende der Saison für das Stehen noch etwas „Kohle“ zurückbekommen. Verzichten werde ich darauf auf keinen Fall.

schwatzgelb.de: Glaubst du, dass unsere Borussen in dieser Saison noch eine Chance auf den Meistertitel haben?

Wellenbrecher: Ich bin da insgesamt sehr gespalten. Auf der einen Seite gönne ich unseren Schwarzgelben natürlich den Titel, auf der anderen Seite geht mir diese ganze überdrehte Finanzspirale ziemlich auf den Geist und natürlich habe ich Zweifel an der Sportpolitik und insbesondere an der DFL, die es billigend in Kauf nimmt, dass Amateurvereine reihenweise in die Pleite rutschen. Eine ganz neue Form der Solidarität.

schwatzgelb.de: Ich muss sagen, du beeindruckst mich schon mit deinem Fachwissen. Wo hast du das her?

Wellenbrecher: Du kannst dir ja nicht vorstellen, was ich mir über viele Jahre hier auf der Tribüne anhören musste. Da kommt schon einiges zusammen bei all diesen Trainern und Fußballexperten. Trotzdem fehlen sie mir.

schwatzgelb.de: Blicken wir gemeinsam in die Zukunft. Was ist dein größter Wunsch?

Wellenbrecher: Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen abgedroschenen Satz einmal in den Mund nehmen würde, aber ich würde mir wünschen, dass es einmal wieder so wie früher ist. Ich möchte fühlen, wie sich die Südtribüne langsam füllt. Ich wünsche mir engen Körperkontakt, Wärme und ein gelegentliches Husten. Ich sehne mich nach dem explosionsartigen Torschrei, auch wenn ich dabei ins Wackeln komme. Ich sehne mich auch nach dem traurigen Fan, der sich nach einer Niederlage an mich lehnt und sein Gesicht im Schal vergräbt. Mir fehlen die Freudentränen aber auch genauso die Tränen der Traurigkeit und der Verzweiflung. Ich vermisse meine schwarzgelben Freunde auf der Südtribüne in Block 14. Beim ersten richtigen Fußballspiel dürft ihr mich alle bekleckern mit Ketchup, Senf und Bier und ich werde tief Luft holen, auch wenn es gelegentlich nach merkwürdigen Sachen riecht. Ich wünsche mir Fußball, wie ich ihn lebe und liebe. Bleibt mir vom Gestänge mit diesen Geisterspielen.

schwatzgelb.de: Ich glaube, was die Wünsche angeht, liegen wir gar nicht so weit auseinander. Ein bisschen neidisch bin ich schon auf dich. Du kannst wenigstens bei den nächsten Spielen mit freiem Blick auf das Spielfeld zuschauen, obwohl du darauf sicher gerne verzichten würdest. Wir dürfen uns noch nicht mal draußen vor dem Westfalenstadion treffen und in den Kneipen ist sowieso überall tote Hose. Ich bin mir sicher, du wirst uns würdig vertreten und alles mit deinen 47 Kollegen in Block 14 geben, damit diese ganze Sache für alle besser zu ertragen ist. Und von euch soll dann auch dieser Funken auf alle Wellenbrecher des Unterranges Süd überspringen. Haltet durch als unsere Platzhalter. Wir freuen uns auf euch und auf das erste gemeinsame Spiel in einem vollen Haus, egal, ob ihr uns Stütze seid oder Rückhalt. Wir freuen uns auf richtig geilen Fußball auch wenn dieser Wunsch erst in unbestimmter Zeit in Erfüllung gehen wird. Wir danken dir für dieses sehr aufschlussreiche Interview und wünschen dir für die Zukunft vor allem Gesundheit!

Unterstütze uns mit steady