Im Gespräch mit...

"Die Spielerinnen dürfen sich nicht wie Stiefkinder fühlen"

13.11.2020, 16:07 Uhr von:  Larissa Alexey Malte S.
Lesezeit: ca. 29 Minuten
Svenja Schlenker (links) und Carsten Cramer (rechts) stehen in der Geschäftsstelle vor einer Wand, die eine Aufnahme des Westfalenstadions zeigt. In der Mitte zwischen ihnen ein graues BVB-Logo.
Abteilungsleiterin Svenja Schlenker und Geschäftsführer Carsten Cramer
© Borussia Dortmund

In der kommenden Saison wird Borussia Dortmund mit einem eigenen Frauen-Team an den Start gehen. Erste Details hat der Verein vor wenigen Wochen seinen Vereinsmitgliedern bekanntgegeben. Nach einer Online-Umfrage unter allen interessierten BVB-Fans und intensiven Diskussionen haben sich die Verantwortlichen entschieden, in der untersten Kreisliga zu beginnen. Dabei soll es aber ausdrücklich nicht bleiben: Der "Dortmunder Weg" solle die BVB-Frauen innerhalb eines Jahrzehnts möglichst in die Bundesliga führen, hieß es im Mitgliedermagazin.

Eine anspruchsvolle Aufgabe, für die am Rheinlanddamm nun die Rahmenbedingungen geschaffen werden. Zur verantwortlichen Abteilungsleiterin wurde Svenja Schlenker ernannt, die seit vielen Jahren beim BVB tätig ist und früher selbst unter anderem beim Wambeler SV gespielt hat. In unserem Interview haben wir gemeinsam mit ihr und Geschäftsführer Carsten Cramer über den anstehenden Weg und viele offene Fragen gesprochen: Wie kann Borussia Dortmund erfolgreich sein, ohne anderen Vereinen aus der Region das Wasser abzugraben? Wo sollen die Mädchen und Frauen spielen und trainieren? Wie kann man Frauen- und Männerfußball künftig miteinander verzahnen? Und warum ist man, vielleicht auch im Sinne des gesamten Frauenfußballs, nicht den schnelleren Weg gegangen und direkt oben eingestiegen?

An dieser Stelle bedanken wir uns bei beiden für das ausführliche Gespräch.

schwatzgelb.de (Alexey): Seit Kurzem leitet Svenja Schlenker die neue Abteilung Frauenfußball beim BVB. Magst du dich den Fans, die deinen Namen zu diesem Anlass vielleicht das erste Mal gelesen haben, einmal vorstellen?

Svenja Schlenker: Sehr gerne. Ich bin 37 Jahre alt und seit über 13 Jahren bei Borussia Dortmund tätig. Durch ein Praktikum im Rahmen meines Studiums habe ich damals bei Sportfive angefangen. Als der BVB 2010 dann eine eigene Marketingabteilung gegründet hat, hatte ich das Glück, direkt zum Verein wechseln zu können.

Ich habe angefangen, den BVB-KidsClub weiterzuentwickeln. Anfangs hatten wir 4.000 Mitglieder, mittlerweile sind es über 22.000 im Alter von 0 bis 14 Jahren. Es hat mir immer riesigen Spaß gemacht, mit den kleinen Fans arbeiten zu können. Auch das Maskottchen haben wir über die vielen Jahre weiterentwickelt, bei den Kids ist es eine echte Institution geworden.

Im letzten Jahr haben wir auch begonnen, das Thema der 60-plus-Fans anzugehen. Corona hat uns auf diesem Weg ein bisschen ausgebremst, mittlerweile haben wir aber ein Walking-Football-Team in der Fußballakademie. Auch eine erste Wochenend-Auswärtsfahrt nach Bremen haben wir veranstaltet.

Die Arbeit mit Jugendlichen haben wir mit dem Fan- und Jugendhaus verknüpft. Aber wie ihr auch wisst, sind wir aus diversen Gründen hier noch in der Entwicklung.

schwatzgelb.de (Alexey): Initialzündung für Frauenfußball beim BVB war die Mitgliederversammlung im vergangenen Jahr. Wie kam es dazu, dass du die neue Abteilung nun leitest?

Svenja Schlenker: Wir, Carsten Cramer und ich, haben früher schon mit der Geschäftsstellentruppe zusammen gekickt. Bereits als junges Mädel habe ich Fußball gespielt, und auch noch in den vergangenen Jahren hier in Dortmund, beim Wambeler SV. Von daher wusste Carsten natürlich, dass ich dem Thema sehr, sehr zugetan bin. Und als es im vergangenen Jahr dann konkret wurde, haben wir beide auch relativ schnell gesprochen.

Anschließend haben wir eine Projektgruppe gegründet. Die Leitung ist nach und nach in meine Hände übergegangen. Wir haben dann eine Umfrage gestartet, mit erfreulichen Ergebnissen. Ich fand es sehr wichtig, unsere Mitglieder und treuesten Fans direkt zu befragen. Deren Meinung zählt. Und nun, seit dem 1. Oktober, gibt es die Abteilung Frauenfußball.

"Wir sind ein gesellschaftliches Vorbild und schließen 50 Prozent der Menschen am aktiven Sporttreiben aus. Das kann nicht richtig sein."

Carsten Cramer: Unser Ziel war es von Anfang an, das Ganze auf eine möglichst breite Basis zu stellen. Deshalb war es wichtig, mit den Mitgliedern, Fans, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu sprechen. Ich muss zugeben: Wir sind heilfroh, dass die Umfrage zu diesem positiven Ergebnis gekommen ist. So hatten wir uns das intern erhofft, und es scheint nicht unsere Einzelmeinung zu sein.

Die Projektgruppe ist die größte, die wir momentan beim BVB haben. Alle Abteilungen sind vertreten. Von vornherein hatten wir ein paar aktive Fußballerinnen dabei, sogar Kollegen, von denen ich vorher nicht gedacht hätte, dass sie sich so für das Thema interessieren. Da sind wir sehr breit aufgestellt, und alle haben richtig Bock.

schwatzgelb.de (Larissa): Obwohl das Thema Frauenfußball bei der Mitgliederversammlung 2019 nur am Rande vorkam – konkret ging es um zwei Wortmeldungen –, wurde es beim BVB vergleichsweise schnell und öffentlichkeitswirksam vorangetrieben.

Carsten Cramer: Auf der Mitgliederversammlung wurde uns die Frage “Warum verwehrt ihr Mädchen beziehungsweise Frauen, unter dem Dach von Borussia Dortmund Fußball zu spielen?” gestellt. Die Frage war berechtigt und wir hatten auf sie keine zeitgemäße Antwort.

Wir sind ein gesellschaftliches Vorbild und schließen 50 Prozent der Menschen am aktiven Sporttreiben aus. Das kann nicht richtig sein. Uns darauf zu berufen, dass wir eine Fußballschule betreiben, in der auch Mädchen für 150 Euro Kurse buchen und mitspielen können, ist nicht der Anspruch von Borussia Dortmund. Frage: Warum kann ein talentierter männlicher Jugendlicher auch bei uns in den Grundlagen- beziehungsweise Jugendmannschaften spielen, Mädchen können das aber nicht?

Deshalb werden wir das künftig professionell und unter der Leitung von Svenja aufziehen. Wir möchten eine ordentliche Infrastruktur bieten, und alle Mädchen und Frauen, die das BVB-Trikot tragen, sollen wissen, dass wir das nicht halbherzig machen. Ich hoffe, dass wir einen Dortmunder Weg einschlagen werden, der so authentisch wie möglich ist.

Eine Porträtaufnahme von Abteilungsleiterini Svenja Schlenker während dieses Interviews
Svenja Schlenker

schwatzgelb.de (Malte): Ihr habt jetzt schon zwei Mal die Fußballschule beziehungsweise -akademie des BVB angesprochen. Dort habt ihr in den vergangenen Jahren also schon bereits Erfahrungen mit Mädchenfußball gesammelt?

Svenja Schlenker: Grundsätzlich haben wir das Angebot der Fußballschule in den letzten Jahren geöffnet: Anfangs war es nur für Jungen, dann haben wir aber gemerkt, dass es hinterwäldlerisch ist, die Mädchen außen vor zu lassen. Das wollten wir unbedingt ändern. Zunächst haben wir gemischte Angebote geschaffen, bis zu einem gewissen Alter können Mädchen und Jungen ja auch zusammenspielen. Der Andrang und der Wunsch, im schwarzgelben Trikot zu spielen, waren so groß, dass wir mittlerweile auch eigene Angebote für Mädchen haben – aber noch nicht in dem Umfang, wie wir ihn haben könnten, wenn wir das Ganze mit einer eigenen Mädchen- und Frauenabteilung verknüpfen.

Schwatzgelb.de (Malte): Gab es aus der Fußballakademie Erkenntnisse, die bereits in die Pläne für die neue Mädchen- und Frauenfußballabteilung eingeflossen sind?

Svenja Schlenker: Wir haben eine Kollegin aus der Akademie in der Projektgruppe. Wir werden jetzt zeitnah schauen, wie schnell und wie gut eine Verzahnung stattfinden kann.

Carsten Cramer: Wir spüren auf jeden Fall: Immer mehr Mädchen in jungem Alter haben Lust, Fußball zu spielen.

schwatzgelb.de (Alexey): Es gab dann auch Gespräche mit Dortmunder Vereinen. Wie ist der Plan des BVB, in den Frauenfußball einzusteigen, aufgenommen worden?

Carsten Cramer: Ich glaube, es war sehr gut, dass wir von Anfang an offen kommuniziert haben. Außerdem hat es uns geholfen, dass der Wunsch nach Frauenfußball aus der Mitgliedschaft kam – und keine Idee aus der Geschäftsstelle zu Marketingzwecken war.

Wir hatten ein sehr offenes Gespräch mit den Vertretern vom SV Berghofen in Form eines drei- bis vierstündigen Workshops im Stadion. Als ranghöchster Verein in Dortmund war Berghofen unser erster Ansprechpartner. Beim SV Berghofen hat man gemerkt, dass wir es ernst meinen und ergebnisoffen diskutieren möchten. Ich hoffe, diesen Eindruck werden sie bestätigen, wenn man heute dort noch einmal dort nachfragt.

"Eine Idee wäre, maximal zwei bis drei Spielerinnen pro Verein zum BVB zu holen."

schwatzgelb.de (Alexey): Was konntet ihr für die Gründung einer eigenen Abteilung beim BVB aus den Gesprächen mitnehmen?

Carsten Cramer: Bisher war unsere Argumentation, nichts zu machen, das den bestehenden Vereinen schadet. Deshalb waren wir froh, dass wir mit dem SV Berghofen vom ersten Tag an einen extrem offenen Austausch hatten. Wir haben direkt gemerkt, wo beim Frauenfußball der Schuh drückt, was die Stärken und Schwächen sind und welche Sorgen einen Verein wie Berghofen, der für uns repräsentativ für den Frauenfußball steht, umtreibt. Parallel hat Svenja mit dem Kreisvorstand gesprochen. Ich denke, das hat uns geholfen, neben unseren eigenen Ideen ein Gespür zu bekommen, in welche Richtung es gehen soll.

schwatzgelb.de (Malte): Welche Ängste und vielleicht auch Hoffnungen sind in dieser Phase von den Vereinen und dem Kreis an euch herangetragen worden?

Svenja Schlenker: Ich glaube, es gibt zwei sehr große Sorgen. Zum einen besteht die Angst, der BVB habe eine so große Strahlkraft , dass alle Mädchen und Frauen zu uns wollen und sich bestehende Mannschaften auflösen müssen. Zum anderen sind alle Vereine von Sponsoringgeldern abhängig, und die haben einen sehr, sehr regionalen Bezug. Auch in dieser Hinsicht gab es natürlich Bedenken, die wir aber ausräumen konnten.

Wir werden den anderen Vereinen nicht die lokalen Partner und Sponsoren madig machen, außerdem wird es eine Transferbeschränkung geben, auf die wir uns noch einigen müssen. Das werden wir gemeinsam mit den Dortmunder Vereinen klären. Eine Idee wäre, maximal zwei bis drei Spielerinnen pro Verein zum BVB zu holen, damit auf alle Fälle garantiert wäre, dass alle bisherigen Mannschaften weiterbestehen können.

Wir möchten auf keinen Fall, dass andere Teams sich abmelden müssen oder der Dortmunder Frauenfußball kleiner wird, sondern ihn vielleicht ein klein wenig aufblühen lassen.

Carsten Cramer: Wir möchten nicht mit dem Staubsauger durch Dortmund fahren und den Vereinen ihre talentiertesten Mädels wegnehmen.

Ein Trainingsplatz des BVB-Trainingszentrums in Brackel aus der Froschperspektive. Im Vordergrund steht eine Eckfahne, links sowie im Hintergrund jeweils ein Flutlichmast und über allem scheint die Sonne vor einem unbewölkten blauen Himmel.
In Brackel ists bereits voll ...

schwatzgelb.de (Malte): Den Blauen, deren Frauenteams im Sommer in der Kreisliga gestartet sind, wird nun vorgeworfen, sich an die versprochene Selbstbeschränkung nicht gehalten zu haben: Ein Landesligist aus Bottrop musste sein Team abmelden, weil vier Spielerinnen zu den Blauen gewechselt seien.

Carsten Cramer: Spätestens wenn sich zwei Mädchen oder Frauen bei einem Verein aus der Region abmelden, wird uns das mit Sicherheit vorgeworfen: “Da siehste, was der BVB macht.” Aber wir glauben – und dieses Feedback haben wir auch von lokalen Vereinen bekommen –, dass durch den BVB der Frauenfußball auch belebt wird. Vielleicht haben durch den BVB mehr Mädchen oder Frauen Lust, Fußball zu spielen. Und die können am Ende bestimmt nicht alle für Borussia Dortmund auflaufen. Wir haben uns für eine ambitionierte Herangehensweise entschieden und möchten entsprechend ausbilden. Natürlich verliert ein Vorortverein dadurch auch mal ein Talent an Borussia Dortmund. Aber irgendwann kommt es ja vielleicht auch wieder zurück, wenn es sich zum Beispiel beim BVB nicht durchsetzen kann. Bei den Jungs läuft es ja auch so.

schwatzgelb.de (Larissa): Gibt es auch Bereiche, in denen eine Kooperation zwischen dem BVB und anderen, lokalen Vereinen denkbar wäre?

Carsten Cramer: Im Jugendbereich müssen wir uns die Frage stellen, ob wir zu einem Teil Doppelpass mit anderen Vereinen spielen möchten. Vielleicht müssen wir nicht in jedem Jahrgang eine Mannschaft haben.

schwatzgelb.de (Alexey): Habt ihr auch Gespräche mit den großen Vereinen hier in der Gegend, beispielsweise SGS Essen aus der Bundesliga, geführt, um ein Meinungsbild über einen BVB-Einstieg in den Frauenfußball zu holen oder gar eine Lizenz zu übernehmen?

Svenja Schlenker: Wir haben zumindest kurz überlegt, eine Lizenz zu übernehmen. Auch weil es zunächst für Essen – nach dem Weggang einiger Stammspielerinnen – nicht ganz so rosig aussah. Aber die haben sich, nach meinem letzten Stand, wieder gut gefangen.

Persönliche Gespräche gab es jedoch nicht. Und an grundsätzlichem Feedback haben wir das aufgesogen, was in Fußball-Deutschland über die sozialen Kanäle und Co. ging. Dort gab es ja sehr positive Rückmeldungen. Alle haben sich gefreut, dass wir endlich starten und irgendwann auch bestimmt konkurrenzfähig in den höheren Ligen sein werden.

"Unser Traum ist es, in der Roten Erde zu spielen."

schwatzgelb.de (Alexey): In Gelsenkirchen ist man in dieser Saison gleich mit zwei Damenteams in der Kreisliga gestartet. Wäre das auch eine Option für den BVB?

Svenja Schlenker: Ich würde mal spontan behaupten, dass wir keine zwei Mannschaften machen. Aber das müssen wir noch exakter herausarbeiten. Zum Beispiel, ob es Sinn macht, im ersten Jahr nur mit einer Damenmannschaft zu starten, oder direkt auch eine Mädchenmannschaft zu gründen. Um zu schauen, was langfristig sinnvoll ist, möchten wir uns noch mit den Kollegen aus dem Sport hier beim BVB zusammensetzen.

schwatzgelb.de (Malte): Wenn Borussia Dortmund zum ersten Probetraining ruft, würde der Andrang riesig sein. Um ein letztes Mal ein Beispiel aus Gelsenkirchen zu bemühen: Nach eigener Aussage haben sich dort auch Spielerinnen aus der zweiten englischen Liga vorgestellt. Denen habe man klarmachen müssen, dass sie zwar das Schalke-Trikot tragen, aber trotzdem in der Kreisliga A starten würden. Auch beim BVB würden bestimmt viele Mädchen und Frauen auch aus höheren Ligen auf der Matte stehen, die schon ihr ganzes Leben davon träumen, das BVB-Trikot zu tragen. Dann stellte sich die Frage, wie man damit umgeht. Schickt man sie wieder weg oder ist es am Ende die Verantwortung der Spielerin, ob sie entgegen ihrer Fähigkeiten recht weit unten spielen möchte?

Svenja Schlenker: Wir wollen uns faire Leitplanken für alle Parteien bauen. Auch wenn es vielleicht der Traum ist, im schwarzgelben Trikot aufzulaufen, macht es für eine Frau, die in der ersten oder zweiten Liga spielt, relativ wenig Sinn, zum BVB in die Kreisliga zu wechseln. Das würde auch nicht zu dem von uns gewählten Weg passen, und wir möchten authentisch bleiben. Inwieweit wir unsere selbst gesetzten Regeln im Laufe der Jahre optimieren werden, müssen wir schauen. Das wird sicher ein fließender Prozess sein.

Carsten Cramer: Wir haben kein Dogma. Nur weil wir bei den Männern oft junge Spieler verpflichten, heißt das ja auch nicht, dass Michael Zorc keine alten Spieler verpflichten wird. Und möglicherweise wird es die Situation geben, in der eine Bundesligaspielerin, deren Traum es immer war, für den BVB zu spielen, nach dem Ende ihrer Profikarriere bei uns in der Bezirksliga anklopft. Wollen wir dann wirklich so selbstverliebt sein und einer Frau und ihr diesen Traum verwehren? Das muss man austarieren. Solche Fragen hoffen wir durch möglichst transparente Kommunikation zu klären. Sicher werden wir nicht versuchen, mit nebulösen Maßnahmen schnellstmöglich Erfolg sicherzustellen.

Eine Porträtaufnahme von Geschäftsführer Carsten Cramer während dieses Interviews
Carsten Cramer

schwatzgelb.de (Larissa): Wenn ein Verein unten einsteigt, aber über professionelle Strukturen verfügt, stellt sich zwangsläufig auch die Frage nach einer möglichen Bezahlung der Spielerinnen …

Carsten Cramer: Andere Vereine können ihren Spielerinnen in unteren Ligen höchstens das Spritgeld bezahlen. Wir werden sicherlich keine Gehälter zahlen. Die ersten fünf oder sechs Jahre wird es wahrscheinlich so ablaufen wie auch bei den anderen Vereinen.

schwatzgelb.de (Alexey): Gibt es schon Ideen oder Wünsche, wo die neuen Teams spielen und trainieren sollen?

Svenja Schlenker: Nein, noch nicht ganz. In Brackel sind momentan alle Kapazitäten komplett erschöpft. Wir können uns also von der Idee verabschieden, das Trainingszentrum zu benutzen. Darüber hinaus haben wir die Fußballakademie [am Rabenloh, die Redaktion], wo wir abends mit Sicherheit trainieren könnten.

Unser Traum ist es, in der Roten Erde zu spielen. Das würde natürlich einiges mit sich ziehen. Wir wissen ja, wie oft der Platz aufgrund von Unbespielbarkeit schon allein für die U23 gesperrt ist. Das Problem müsste man also noch angehen.

Carsten Cramer: Wo würdet ihr das denn sehen?

schwatzgelb.de (Larissa): Grundsätzlich wäre es in der Roten Erde sehr charmant. Allerdings reden wir da natürlich von einer Rasenqualität, die vermutlich mit einer weiteren Mannschaft auch nicht besser wird als ohnehin schon.

schwatzgelb.de (Alexey): Am Trainingsgelände zu spielen, fände ich persönlich nicht so gut. Man würde dort weniger Leute erreichen, weil es weit außerhalb liegt, eine gute Öffi-Verbindung nicht gegeben ist und man es eigentlich nur mit dem Auto vernünftig erreichen kann. Die Rote Erde wäre eigentlich am besten. Man könnte aber auch schauen, ob man in Richtung Nordstadt ziehen kann, zum Beispiel in den Hoesch-Park. Wäre schön, in der Umgebung zu spielen, in der der BVB gegründet worden ist.

Carsten Cramer
: Aber jetzt mal eine Gegenfrage: Würde nicht der Eindruck entstehen, dass die Mannschaft beziehungsweise der Frauenfußball nicht richtig integriert wäre, wenn wir sie auf einem Außengelände spielen ließen, obwohl in Brackel das Trainingszentrum mit den vielen Plätzen ist, wir die Fußballakademie und zusätzlich noch die Rote Erde haben? Würde es nicht negativ rüberkommen, wenn die Frauen da spielen, wo vor 20 oder 30 Jahren noch die Jugendmannschaften spielen mussten?

"Das Team gehört auf ein Gelände von Borussia Dortmund."

schwatzgelb.de (Larissa): Hat man diesen Eindruck nicht eh schon? Ich meine, die Frauen können ja nicht mal auf demselben Gelände trainieren wie die Profis und sollen woanders hin ...

Carsten Cramer: Deswegen frage ich. Wir haben noch keine abschließende Meinung dazu. Ich finde den Standort und dessen Wirkung nicht ganz unwichtig.

schwatzgelb.de (Malte): Den Gedanken an den Hoesch-Park finde ich auch sehr charmant. Auch weil der BVB in der Nordstadt, wo er herkommt, sonst sehr wenig hat. Andererseits ist das in erster Linie eine romantische Vorstellung von Fans des Männerfußballs. Sollte es nicht im Zweifel wichtiger sein, was die Spielerinnen und die Trainer dazu sagen? Grundsätzlich könnte man sicherlich in den Hoesch-Park gehen – dort ist neben dem Rasen- ja auch ein Kunstrasenplatz –, aber nur wenn der Staff und die Spielerinnen diese Bedingungen vernünftig finden. Alles andere wäre wirklich schwierig.

Svenja Schlenker: Ja, am Ende müssen wir halt die Romantik mit den funktionellen Überlegungen vereinen.

Carsten Cramer: Die Spielerinnen dürfen sich nicht wie Stiefkinder fühlen. Ich persönlich fände die Rote Erde mit die beste Lösung, die Verzahnung von U23 und Frauen ist charmant.

Über den Hoesch-Park haben wir ganz kurz gesprochen, kamen aber schnell zum Schluss, dass sich ein Frauenteam dort sehr isoliert fühlen würde. Das Team gehört am Ende auf ein Gelände von Borussia Dortmund. Und das ist entweder hier am Stadion, auch wenn die Rote Erde uns aktuell nicht gehört, im Rabenloh oder drüben in Brackel.

Das Foto zeigt einen Teil des Stadions Rote Erde. Im Vordergrund steht eine Trainerbank auf der roten Tartanbahn, links davon ist ein Stück des Spielfeldes. Dahinter sind Tribünen der Roten Erde und die deutlich größere Fassade des Westfalenstaidons.
Die Rote Erde, Wunsch-Spielort des BVB

schwatzgelb.de (Alexey): Aktuell nicht gehört? Vor ein paar Jahren gab es ja bereits Pläne des BVB, die Rote Erde zu übernehmen. Gibt es da etwa Neues?

Carsten Cramer: (lacht) Nächste Frage bitte.

schwatzgelb.de (Alexey): Wo soll der Frauenfußball denn angesiedelt werden, in der KGaA oder im e. V.?

Carsten Cramer: In der KGaA.

Schwatzgelb.de (Malte): Nach meinem Empfinden wurde lange suggeriert, dass das Ganze eine e.-V.-Angelegenheit werden würde. Sowohl auf der letzten Mitgliederversammlung, wo die Idee entstanden ist, und zuletzt öffentlich war ja immer die Rede davon, den Mitgliedern am Ende etwas vorzustellen.

Carsten Cramer: Das haben wir durch Mitgliedermagazin und die Fandelegiertentagung vorgezogen, weil wir bedingt durch Corona in diesem Jahr keine Mitgliederversammlung veranstalten können. Wir wollten dann auch einfach nicht länger mit unserer Entscheidung auf uns warten lassen.

Das Ziel war in der Tat, unser Konzept auf der Mitgliederversammlung im November als Erstes zu präsentieren. Ich formuliere es mal so: Mir als Fan, Mitglied oder Außenstehender wäre es eigentlich egal, ob die Frauenmannschaft über den e. V. oder die KGaA läuft. Hauptsache, es ist schwarzgelb. Ich glaube, da wird in der Außendarstellung eh nicht immer so unterschieden.

schwatzgelb.de (Malte): Warum hat man sich am Ende für die KGaA entschieden?

Carsten Cramer: Tatsächlich ist Frauenfußball auf Dauer im e. V. schwierig zu organisieren. Das hat sicher auch fiskale Gründe. Denn das Frauenfußball-Thema, das weltweit wächst, wird auf Sicht sicher auch eines, das sukzessive an Professionalität auf allen Ebenen – intern wie extern – gewinnen wird.

"Hochklassig kann für mich aber auch bedeuten, in sieben oder zehn Jahren in der zweiten Liga zu sein."

schwatzgelb.de (Malte): Also wird es auch keine formale Mitgliederabstimmung mehr über das Konzept geben?

Carsten Cramer: Nein. Wir haben das als Auftrag der Mitglieder empfunden und eine Prüfung zugesagt. Dabei sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass es richtig ist, eine Frauenfußballabteilung zu gründen. Unsere Ergebnisse, die wir jetzt mit euch diskutieren und im Mitgliedermagazin vorgestellt haben, hätten wir genauso im Rahmen einer Mitgliederversammlung präsentiert.

schwatzgelb.de (Malte): Wir würden gerne über die vielen unterschiedlichen Erwartungen sprechen, die an den BVB herangetragen worden sind, nachdem er bekanntgegeben hat, sich intensiv mit der Gründung einer Abteilung für Frauenfußball zu beschäftigen. Da waren die Wünsche der Mitglieder und Fans, die durch die Umfrage ins Boot geholt wurden. Und neben den Erwartungen der Dortmunder Vereine gab es natürlich auch die Stimmen aus dem Profifußball, zum Beispiel von Alex Popp, Lina Magull oder Funktionären ...

Carsten Cramer: Letztere hatten, um das mal abzukürzen, maximal Verstärkerqualität. Es war nicht unsere Motivation, Frauenfußball spielen zu lassen, nur weil alle anderen das machen.

Wir haben ja auch Kritik bekommen. Leute haben gefragt, warum wir denn nicht den Weg wählen, der schnellstmöglich zum Erfolg führt. Aber das war nicht unser Ansatz. Wir wollten einen glaubwürdigen, einen Dortmunder Weg zu finden.

schwatzgelb.de (Malte): Wobei es für diesen Weg und vor allem die damit verbundene Zielsetzung wiederum Kritik gab. Sieben Aufstiege in zehn Jahren haben mit organischem Wachstum nicht mehr viel zu tun. Schon weil man sich dieses Ziel nur leisten kann, wenn man über die entsprechenden finanziellen Mittel sowie eine gute Infrastruktur verfügt.

Carsten Cramer: Aber das ist doch Blödsinn. Die Aufstiege kann man vielleicht in Sportarten planen wie Basketball oder Volleyball, die eben keine Kontaktsportarten sind. Aber wenn mir jemand sagen will, beim Fußball könne man regelmäßige Aufstiege so stringent planen – das glaube ich nicht. Wer sagt uns heute, dass wir sieben Mal hintereinander aufsteigen werden?

Eine Frontalaufnahme von Carsten Cramer in seinem Büro während unseres Interviews. Im Sitzen gestikuliert Cramer erklärend mit seinen Händen.
Carsten Cramer

schwatzgelb.de (Malte): Sonst hätte man das Ziel doch so nicht ausgerufen.

Carsten Cramer: Wir haben das nicht als Ziel formuliert. Wir haben gesagt, dass wir so schnell und ambitioniert wie möglich hochklassig spielen wollen. Hochklassig kann für mich aber auch bedeuten, in sieben oder zehn Jahren in der zweiten Liga zu sein. Wo hört das denn auf? Sollen wir erst dann zufrieden sein, wenn wir im Champions- League-Finale Olympique Lyon geschlagen haben? Nein, das ist ja nicht der Ansatz. Ambitioniert ja, aber kein Erfolg um jeden Preis.

schwatzgelb.de (Malte): Ich würde schon behaupten, dass man einen großen Vorteil gegenüber den konkurrierenden Mannschaften hat. Allein schon aufgrund der Infrastruktur. Außerdem hat man die Einnahmen aus dem Männerbereich. Ressourcen, die ein Zweitligist wie beispielsweise Berghofen nicht zur Verfügung hat. In meinen Augen kann man schon fragen, warum man dann nicht einen einfacheren Weg gegangen ist, wenn man ohnehin in acht oder zehn Jahren in der Bundesliga spielen möchte. Man hätte ja zum Beispiel in der Regionalliga einsteigen können.


Carsten Cramer: Diese Fragen haben wir uns ja auch selber gestellt und diskutiert, deshalb kann ich das an dieser Stelle abkürzen. Wir haben nämlich schnell gemerkt, dass ein Großteil der Menschen, die wir gefragt haben, diesen Weg für falsch hält, und wir glauben auch, dass dieser Weg einfach nicht zu Borussia Dortmund passt. Und er wäre auch nicht glaubwürdig. Wir können nicht einerseits Hoffenheim und Leipzig für deren Modell kritisieren, selbst aber bei erstbester Gelegenheit den bequemen Weg gehen, indem wir die Lizenz eines anderen Vereins übernehmen.

In meinen Augen wäre das auch nicht wertschätzend gegenüber den Vereinen, die sich den Erfolg selbst erarbeitet haben. Wie bereits gesagt: Über Kooperationsmodelle, beispielsweise im Jugendbereich, können wir nachdenken, wenn wir ein etabliertes Team haben. Aber nun haben wir den Ehrgeiz, uns das selbst und aus eigener Kraft zu erarbeiten – und unter fairen Bedingungen.

"Franchise-Systeme heißen wir schon vom Grundsatz her für nicht gut."

Ich glaube übrigens auch nicht, dass der Frauenfußball anfangs subventionsbedürftig sein wird. Zu Beginn wird er uns nicht viel kosten. Anders wäre das, würden wir uns elf Legionärinnen kaufen und diesen dann eine Aufwandsentschädigung von 450 Euro bezahlen. Dann kämen schnell Kosten von 150.000 bis 250.000 Euro auf uns zu. Das soll es, darf es und wird es aber am Anfang nicht kosten. Am Anfang wird sich der Frauenfußball, das glaube ich ganz ehrlich, selber tragen.

schwatzgelb.de (Malte): Mit Blick auf die Diskussionen über ein zweites Leipzig oder Hoffenheim wurde auch kritisiert, man würde den Frauenfußball so vom Männerfußball her denken – und dem Frauenfußball damit nicht gerecht werden. Vor allem in der Premier League und in der französischen Liga ist Querfinanzierung durch Männerteams gang und gäbe, was ja einem Mäzenatentum gleichkommt. Hätte man nicht einfach akzeptieren können, dass es im Frauenfußball nun mal ganz anders läuft als bei den Männern, und beispielsweise direkt weiter oben starten können?

Zumal man als Borussia Dortmund trotzdem weiterhin hätte glaubwürdig verkaufen können, dass man nicht das Gleiche macht wie RB Leipzig bei den Männern: Weil das Motiv nicht ist, möglichst viele Energy Drinks zu verkaufen, sondern man, im besten Fall, ehrlich den Frauenfußball nach vorne bringen möchte.

Carsten Cramer: Das ist eine These, die wir nicht teilen.

Schwatzgelb.de (Malte): Warum nicht?

Carsten Cramer: Ich habe ja gerade versucht zu erklären, warum der andere Weg der passendere ist. Du hast jetzt Leipzig auf den reinen Zweck reduziert, indem du gesagt hast: Die spielen nicht Fußball um des Fußballspielens Willen, sondern weil es ein reines Marketingkonstrukt ist. Lasse ich jetzt mal so stehen. Nichtsdestotrotz heißen wir Franchise-Systeme schon vom Grundsatz her für nicht gut. Und nichts anderes wäre es, wenn wir einfach die Lizenz eines anderen Vereins übernehmen würden.Ja, es stimmt: Ab einem bestimmten Level wird Frauenfußball Profifußball und mit einem gewissen Trainingsaufwand verbunden sein. Das führt dazu, dass die Spielerinnen nebenbei keinen anderen Job mehr ausüben können. Dass sie dann eine angemessene Aufwandsentschädigung erhalten müssen, ist klar. Dass diese Aufwandsentschädigung, Stand heute, nicht mehr allein durch Ticketing und Sponsoring aus dem Frauenfußball selbst refinanzierbar ist, ist auch klar. Da reden wir dann aber über Bundesliga, und zwar die erste. Die Kollegen aus Berghofen, damals noch Regionalliga, haben uns das bestätigt: Die sind in der Lage, ungefähr 80.000 bis 90.000 Euro über eigene Mittel beizubringen, und arbeiten so einigermaßen kostendeckend.

Die Aufnahme zeigt Svenja Schlenker während unseres Interviews von der Seite. Schlenker sitzt auf einem Stuhl und gestikuliert mit ihren Händen, während sie spricht.
Svenja Schlenker

Und ich glaube, so wird das auch bei uns in den ersten Jahren sein. Ja, vielleicht wird das Trainerteam bei uns mehr kosten. Vielleicht sagen wir, wir wollen bestmögliche Ausbildung garantieren. Trotzdem bleibe ich bei der Einschätzung, dass Frauenfußball am Anfang bei uns nichts sein wird, das wir subventionieren müssen. Weil ich sicher bin, dass Frauenfußball beim BVB eine große Resonanz erfahren wird und wir nicht nur 100 Zuschauer, die je zwei Euro Eintritt zahlen, haben werden, wenn wir in der Roten Erde spielen werden.

Richtig ist aber auch: Wenn wir heute Bundesliga spielen würden, wäre das ohne Quersubventionen aus dem Männerfußball nicht kostendeckend zu betreiben. Die Erkenntnis bestätigt jeder klassische Männer-Bundesligist, der auch ein Frauenteam in der ersten Liga hat.

schwatzgelb.de (Malte): Es gab ja häufig die Forderung an den BVB, eine Art weiterer Leuchtturm neben Bayern oder Wolfsburg, die mittlerweile die Aushängeschilder in Deutschland sind, zu sein beziehungsweise zu werden. Ist das überhaupt etwas, das ihr anstrebt? Und wenn ja, wie könnte das überhaupt aussehen?

Carsten Cramer: Also in diesem Raum sind Svenja und ich zwei Fünftel vom BVB, ihr seid drei Fünftel. Was wäre denn eure Erwartungshaltung an den BVB?

schwatzgelb.de (Malte): Ich finde ein Engagement des BVB im Frauenfußball vor allem gut, weil er so weibliche Identifikationsfiguren schaffen kann. Ich konnte als kleiner Junge – auch wenn es wohl nichts Entfernteres gab – zumindest davon träumen, vielleicht mal für den BVB zu spielen. Viele Mädchen und Frauen können das wahrscheinlich nicht. Ich fand es immer einen schönen Gedanken, dass Borussia Dortmund nun auch diese Perspektive aufzeigen kann. Außerdem kann ich mir schon vorstellen, dass auch andere Vereine mitziehen werden, wenn sie sehen, dass der BVB ganz selbstverständlich Frauenfußball betreibt. Es gibt ja leider immer noch viele Vorurteile.

schwatzgelb.de (Alexey): Das glaube ich auch. Letztens habe ich auch mit Freunden, die viel auswärts fahren, darüber gesprochen, dass das sehr schön wäre, wenn der BVB eine Frauenmannschaft hätte. In der Kreisliga könnte man zu allen Spielen, die ja in der näheren Umgebung sein werden, mit dem Fahrrad fahren. Ich selbst bin mir aber noch nicht sicher, ob ich viele Spiele sehen werde. Einerseits hätte ich Lust, andererseits gibt es die erste Mannschaft, ihre Auswärtsspiele, vielleicht noch die Amateure – ob man am Wochenende noch genug Zeit für ein viertes Spiel hat? Aber allein schon, weil es mein Verein ist, würde ich die Spiele der Frauen gerne sehen.

schwatzgelb.de (Larissa): Ich bin selbst im Frauen- beziehungsweise Mädchenfußball tätig. Deshalb habe ich natürlich auch aus persönlichen Gründen ein großes Interesse an diesem Thema. Ich fände es – gerade als BVB-Fan – total charmant, wenn Dortmund im Frauenfußball ein gewisser Name würde. Für den deutschen Fußball wäre es natürlich auch nicht schlecht, wenn es auf dem internationalen Markt noch ein weiteres Schwergewicht gäbe, gerade mit Blick auf Frankreich oder England. Für mich persönlich muss es aber gar nicht der maximale Erfolg sein, solange es Spaß macht. Ich bin zum Beispiel auch total gerne bei den Amateuren. Schauen wir mal …

schwatzgelb.de (Alexey): Ich habe nur die Befürchtung, dass nach ein paar Jahren gar nicht mehr so viele Leute ins Stadion gehen. Ich war gestern beim 1. FFC Recklinghausen, die spielen Regionalliga und da waren zwischen 45 und 50 Zuschauer. Berghofen hatte in der Regionalliga im Schnitt 68 Zuschauer, glaube ich. Gestern, beim ersten Zweitligaspiel und bestem Wetter, waren 240 da.

Carsten Cramer: Ich glaube schon, dass das Thema dann unter dem Dach von Borussia Dortmund eine andere Strahlkraft haben wird. Und dass nun auch junge Mädchen das Fußballspielen mit dem Traum beginnen können, am Ende für den BVB aufzulaufen, ist ein Gedanke, der uns sicherlich helfen wird.

"Ich fände es sehr schade, wenn am Ende genau die gleichen Vereine in der Frauen-Bundesliga spielen wie in der Herren-Bundesliga."

schwatzgelb.de (Larissa): Wie war denn innerhalb des BVB die Resonanz auf den nun eingeschlagenen Weg ab der Kreisliga?

Carsten Cramer: Ein Verein wie Borussia Dortmund, der darf auch ehrgeizig sein. So sieht es beispielsweise auch Sebastian Kehl. Auch im Ältestenrat war das Thema. Da sagte zum Beispiel Theo Redder: “Wir machen das dann aber schon richtig, ‘ne? Wir sind ja Borussia Dortmund.” Das fanden wir beide eine coole Botschaft. Wir wurden auch gefragt: “Ihr wollt aber nicht auf Dauer da unten drin bleiben, oder?” Nein, das wollen wir nicht. Aber irgendwo müssen wir ja anfangen. Wir möchten so häufig wie möglich aufsteigen. Andererseits wird niemand im Boden versinken, wenn wir nicht sofort von der Kreisliga B in die Kreisliga A aufsteigen.

Svenja Schlenker: Außer ich! (lacht)

Frontalaufnahme von Carsten Cramer während des Interviews. Das Bild umfasst einen Teil des Oberkörpers und seinen Kopf. Cramer spricht, schaut in Richtung des Interviewers und hat seine Hände auf Höhe des Halses zusammengelegt.
Carsten Cramer

schwatzgelb.de (Larissa): Das passt ganz gut zur nächsten Frage. Der BVB steht ja für einen gewissen Erfolg. Und irgendwann möchte man mit Sicherheit oben mitspielen. Nun standen im Viertelfinale der Champions League mit Wolfsburg, Madrid, Barcelona, Arsenal London, Paris, Lyon und Bayern sieben Mannschaften, die auch im Herrenfußball international etabliert sind. Bis der BVB dahin aufschließt, dauert es vermutlich noch über ein Dutzend Jahre. Gab es auch schon mal die Überlegung, ob man nicht ein bisschen zu spät dran ist?

Carsten Cramer: Hey Leute, wir haben ja noch nicht mal angefangen. Das Glas ist immer halbvoll, und nicht halbleer. Aus unserer Sicht hatte es auch Gründe, warum wir nicht schon in den vergangenen Jahren in den Frauenfußball eingestiegen sind, das haben wir bei vollem Bewusstsein gemacht.

Jetzt haben wir gemerkt, dass sich die Zeiten geändert haben. Ich denke, dass wir nun offener mit dem Thema Frauenfußball empfangen werden als vielleicht noch vor drei, vier Jahren. Warum sollten wir uns jetzt über die Situation beklagen?

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass das gut wird. Wir haben da total Bock drauf. Ihr merkt hoffentlich, dass wir das mit vollem Enthusiasmus machen.

schwatzgelb.de (Larissa): Das strahlt ihr aus, und man hat wirklich das Gefühl, dass ihr das Thema ernst nehmt.

"Ich erhoffe mir eine höhere Akzeptanz von Mädchen- und Frauenfußball, in der Gesellschaft und auch im Männerfußball."

Svenja Schlenker: Das freut mich. Wir sind auch wirklich ehrgeizig. Gerade am Anfang wollen wir schon extrem Gas geben, auch wenn natürlich nicht alles sofort perfekt klappen wird.

schwatzgelb.de (Larissa): Wir haben ja in der nahen bis halbnahen Umgebung auch ein paar Vereine, die vom Herrenfußball kommend im Frauenfußball herumrennen und bei denen man eigentlich nicht das Gefühl hat, dass sie das Ganze ernsthaft verfolgen. Dort macht man es eher, weil es gesellschaftlich eben verlangt wird, aber Enthusiasmus steckt dort nicht dahinter. Das ist bislang der Vorteil beispielsweise der SGS Essen. Dort wird etwas Anderes geboten und die Durchlässigkeit zur Ersten ist noch sehr hoch.

Sieht man als BVB vielleicht auch die Gefahr, dass etablierte Vereine ohne Herrenfußball im Rücken, wie SGS Essen oder Turbine Potsdam, langfristig aus der Bundesliga verdrängt werden?

Carsten Cramer: Das ist eine gute Frage. Ich fände es sehr schade, wenn am Ende genau die gleichen Vereine in der Frauen-Bundesliga spielen wie in der Herren-Bundesliga.

schwatzgelb.de (Malte): Noch wäre ja ein bisschen Platz in der Frauen-Bundesliga. Es sind ja aktuell nur zwölf Teams.

Carsten Cramer: Ja, aber trotzdem wäre es schade. Das ist ja auch in anderen Sportarten so. Wenn am Ende eine Basketball-Bundesliga genauso aussieht wie die Fußball-Bundesliga? Ne. Wird alles immer nur von den Platzhirschen belegt, verliert das für mich an Charme und Reiz.

schwatzgelb.de (Malte): Das ist wirklich eine Gratwanderung.

schwatzgelb.de (Larissa): Hat der BVB in der Frauenfußball-Branche denn bereits Netzwerke?

Carsten Cramer: Zum Beispiel hat sich unser ehemaliger Spieler Christian Timm angeboten. Der ist Spielervermittler, war lange Zeit bei Roger Wittmann und hat sich jetzt fast ausschließlich auf den Frauenbereich spezialisiert.

Eine Sache, die in meinen Augen auch super interessant wird, ist die Frage, nach dem Trainer oder der Trainerin. Gibt es im Orbit von Borussia Dortmund einen Mann oder eine Frau, die passen würde? Mittlerweile haben wir beispielsweise in der Fußballakademie so viele ehemalige Spieler, die auch Trainer sind. Vielleicht ist da einer bei, der Bock hat, das Ding mit hochzuziehen. Oder braucht es vor allem Leute, die aus dem Frauenfußball-Geschäft kommen? Das wird alles noch zu klären sein.

Seitliche Aufnahme von Svenja Schlenker während des Interviews. Sie schaut in Richtung Carsten Cramers (nicht im Bild).
Svenja Schlenker

schwatzgelb.de (Alexey): Wird man versuchen, mehr auf weibliches Personal zu setzen?

Svenja Schlenker:
Ich habe gerade einen interessanten Artikel bei mir liegen, der genau dieses Thema behandelt: die Vorteile von männlichem und weiblichem Personal im Frauenfußball. Leider habe ich den Artikel aber noch nicht gelesen, deswegen kann ich dir noch nicht sagen, was besser ist. Aber wir haben darüber auch bereits diskutiert.

Carsten Cramer: Diskriminierungsfreie Jobbesetzung. So würde ich das mal formulieren.

Svenja Schlenker: Das definitiv.

schwatzgelb.de (Alexey): Gibt es schon Ideen, wie man Männer- und Frauenfußball beim BVB künftig verzahnen kann? Ich erinnere mich, dass vor einigen Jahren die Handballerinnen bei einem Spiel der Fußballer im Stadion vorgestellt worden sind. Vielleicht wäre das auch bei den Fußballerinnen eine Möglichkeit. Und die Fußball-Junioren haben sich eine Zeit lang während der Halbzeitpausen mit kleinen Wettbewerben im Stadion präsentiert.

Carsten Cramer: Eins muss aber auch klar sein: Wir fangen jetzt nicht an, Frauenfußball in eine Unterhaltungsecke zu drängen. Ein solches Halbzeit-Format hat nichts mit dem unserem eigentlichen Ansatz der Gleichberechtigung zu tun. Wir möchten die Bereiche verzahnen, zum Beispiel sollen männliche Profis regelmäßig Spiele der Frauen schauen und umgekehrt – bei den Handball-Damen klappt das übrigens wunderbar.

schwatzgelb.de (Larissa): Was ist denn sonst noch geplant, Stichwort gemeinsame Teamfotos oder Autogrammstunden, wie es der FC Barcelona macht?

Carsten Cramer: Gute Ideen, aber erstmal müssen wir eine Mannschaft haben. (lacht) Erstmal wollen wir Fußballspielen, Marketingmaßnahmen planen wir noch nicht. Eine starke Verzahnung haben wir aber bereits organisatorisch, weil die neue Frauenfußball-Abteilung bei uns im Haupthaus sitzt.

schwatzgelb.de, Malte: Denken wir mal zehn Jahre weiter. Welche Dinge würdet ihr aus der heutigen Perspektive dann, nicht nur mit Blick aufs Sportliche, gerne erreicht haben?

Svenja Schlenker: Ich würde mir wünschen, dass wir dann eine erfolgreiche erste Mannschaft haben. Außerdem einen, im Rahmen unserer Möglichkeiten, erfolgreichen Unterbau, der so gut entwickelt ist, dass die Spielerinnen auch später in einer ersten Mannschaft höherklassig spielen können. Ich hoffe auf eine gute Verzahnung mit unserer Fußballakademie. Denn da haben wir schon sehr gute Grundlagen geschaffen, um Mädchenfußball dort anzusiedeln. Und ich erhoffe mir natürlich grundsätzlich eine höhere Akzeptanz von Mädchen- und Frauenfußball, in der Gesellschaft und auch im Männerfußball, sodass man selbstbewusster durchs Land ziehen kann und der Fußball sich in dieser Richtung weiterentwickelt.

"Wir wollen Top-Rahmenbedingungen bieten, aber wir werden sicherlich nicht mit einem Mannschaftsbus in der Kreisliga B vorfahren."

Carsten Cramer: Ich würde in zehn Jahren gerne wieder in einer solchen Konstellation zusammensitzen und sagen: “Überlegt mal, was damals war – mega, was wir seitdem auf die Beine gestellt haben!” Ich finde den Gedanken, nun auch Mädchen einen aktiven Sporttraum ermöglichen zu können, stark. Dass nicht nur wie selbstverständlich mein Sohn sagen kann “Ich möchte gerne Fußballprofi in Schwarzgelb werden”, sondern dass man auch Mädchen diese Vision geben kann. Das ist ein Antrieb, unsere Pläne ambitioniert zu verfolgen. Denn dieser Traum kann sicherlich nicht zu Ende geträumt werden, wenn man Bezirks- oder Landesliga spielt.

Wenn Fußballerinnen irgendwann von sich sagen können, bei Borussia Dortmund einen Weg gegangen zu sein wie zuvor Norbert Dickel oder Michael Zorc, fände ich das sehr zufriedenstellend.

schwatzgelb.de (Alexey): Darf ich auch noch einen Wunsch äußern?

Carsten Cramer: Klar.

schwatzgeb.de (Alexey): Derbysieg in der Bundesliga vor 80.000 Menschen im Westfalenstadion.

Carsten Cramer: Da sage ich mal ganz selbstbewusst: Bekommen wir hin! Unsere Wege werden sich mit Sicherheit irgendwo kreuzen. Aktuell haben die Blauen sicher andere Sorgen …

schwatzgelb.de (Malte): Wie sieht nun der Fahrplan bis Juli/August 2021 aus?

Svenja Schlenker: Ich kann dir das Ziel sagen, nämlich dass wir eine Mannschaft melden können. (lacht) Aber im Ernst: Ich denke, dass wir im ersten Quartal des neuen Jahres Sichtungstrainings machen können. Und ich hoffe, dass wir um Ostern herum mit Testspielen starten können. Wie das dann sportlich-inhaltlich aussieht, muss natürlich das Trainerteam entscheiden.

Carsten Cramer: Die nächsten drei Monate werden sicherlich erstmal genutzt, um die Roadmap festzulegen, und dann müssen wir irgendwann anfangen, uns um das sportliche Team Gedanken zu machen. Das muss gut überlegt werden, denn wir müssen dem Trainerteam ja auch die Chance geben, den Weg, den wir eben vorgezeichnet haben, vom ersten bis zum letzten Tag mit zu gehen. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit.

Svenja Schlenker: Ich bin gerade quasi dabei, den Rahmen des Puzzles zu legen.

schwatzgelb.de (Larissa): Gibt es denn schon Überlegungen, wie beispielsweise der Staff aussehen soll?

Svenja Schlenker: Das steht noch in den Sternen.

Carsten Cramer: Wir wollen Top-Rahmenbedingungen bieten, aber wir werden sicherlich nicht mit einem Mannschaftsbus in der Kreisliga B vorfahren. Da bekommen wir ja den Vogel gezeigt, und das macht auch keinen Sinn. Genauso wäre es die falsche Botschaft, direkt mit zwei Physiotherapeuten aufzulaufen. Damit würden wir vieles von dem, was wir eben erzählt haben, konterkarieren. Es muss passen.

Hinweis: Das Interview haben wir Anfang Oktober geführt.

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