Fehlfarben

Gelsenkirchen geht unter - und das ist gut so

26.11.2020, 13:28 Uhr von:  Sascha
Lesezeit: ca. 5 Minuten

Es gibt Situationen, in denen spottet die Realität jeder Satire. Und so ist es dem Autoren diverser IM-Texte über unseren ungeliebten Nachbarn aus Gelsenkirchen völlig unmöglich, etwas satirisches über die aktuellen Vorgänge dort zu schreiben, das nicht vom real existierenden Chaos dort locker getoppt wird. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Aki und Susi in den Schaltzentralen der Macht stehen und auf einen großen Bildschirm starren, auf dem aktuelle Meldungen über das Blaukraut angezeigt werden. Susi spricht mit großen Augen: „Es ist völlig außer Kontrolle.“, was von Aki flüsternd und mit glänzenden Augen mit „Ja…. und es ist wunderschön“ beantwortet wird.

Ausgleich für Jahre der Derbyflaute

Wer jetzt an dieser Stelle der Meinung ist, dass man nicht auf am Boden liegende tritt und es doch eigentlich schade um diesen Traditionsverein ist, liest jetzt besser nicht weiter. Das Jahr 2020 ist eine einzige, herrliche Abrechnung mit dem Blaukraut, wie man es sich nicht hätte schöner ausmalen können. Vorbei die Zeiten, in denen unser Nachbar ein permanenter und penetranter Stachel im schwarzgelben Herzen war. Denn, sein wir ehrlich: die Derbysiege 2005 und 2007 waren auch vor allem deshalb so schön, weil uns die Blauen zuvor viele Jahre lang schmerzlich klar gemacht haben, wie Derby geht. Selbst in den Zeiten, in denen der BVB eindeutig die Vormachtstellung im Revier inne hatte, haben sie es mit ihren Moulders, Eijkelkamps und Nemecs immer geschafft, uns zu zeigen was „Derbymentalität“ ist.

Und heute? Zugegeben, die Umstände mit den Geisterspielen sind schon sehr speziell, weil der eigentlich unterlegenen Mannschaft das emotionale Moment fehlt, mit dem auch große qualitative Differenzen ausgeglichen werden können. Dennoch war es erschreckend, wie fast schon lächerlich einfach beide Derbys locker mit insgesamt 7:0 Toren gewonnen werden konnten. Nach Abpfiff hat man den Drang verspürt, den Kickern in ihren blauweißen Hemdchen eine Hand auf die Schultern zu legen und Dinge zu sagen wie: „Das war aber auch unfair. Die anderen waren ja viel besser als ihr“. Oder: „Dafür könnt ihr mit Sicherheit andere Sachen außer Fußball gut.“ Natürlich mit Gehässigkeit, statt Mitleid.

Der Abstieg ist eine Option

Diese Saison besteht die reale Chance, dass es das erst einmal für längere Zeit mit dem für mich nervigsten Spiel der Saison war. Die Blauen sind ein echter Abstiegskandidat und offenbar fehlen ihnen sowohl fähige Personen, als auch das notwendige Geld, um daran kurzfristig was zu ändern. Dabei dürften nur kühne Optimisten davon ausgehen, dass ein Abstieg die Teilnahme an der zweiten Bundesliga in der neuen Saison bedeutet. Realistischer wäre da ein Neustart als Schalke 22 in der Kreisliga C. In der Folge dann himmlische Ruhe ohne den Anblick von Menschen in blauweißen Elendslappen, ohne Zickzackläufe um sinnfreie Absperrungen und Wasserwerfer, die im Rahmen noch sinnfreierer Anreisekonzepte beim Derby aufgestellt werden, ohne diese ewig wiederkehrenden Berichte über sich lieb frotzelnde Nachbarn/Arbeitskollegen/Ehepaare, von denen einer ein Blauer und der andere Borusse ist. Vorzugsweise heißt der eine der beiden Erwin, damit das auch ordentlich Lokalkolorit hat. Bäh.

Nein, was aktuell in Gelsenkirchen passiert, ist gut und richtig so. Sich etwas anderes zu wünschen, wäre so, als würde man die Zerstörung des Todessterns blöd finden, weil das architektonisch ja schon ein beeindruckendes Bauwerk ist, oder Frodo zu raten, den Ring doch nicht ins Feuer zu werfen, weil ohne Sauron ja irgendwas fehlen würde.

Es gibt am Jahr 2020 ja nun wirklich nicht viele Dinge, von denen man sich wünscht, dass sie sich in 2021 fortsetzen. Gelsenkirchen ist die Ausnahme.

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