Eua Senf

Klimasünder Fußballfan?

13.10.2020, 09:39 Uhr von:  Gastautor
Lesezeit: ca. 7 Minuten
Gedeckter Tisch im Speisewaren eines Fernverkehrszuges
Mit dem Zug entspannt reisen und beeindruckende Landschaften erleben

Dieses Thema benötigt eigentlich keine Einleitung mehr. Klimaschutz ist in aller Munde oder war es zumindest, bis Corona auch mal in den Zeitungen stehen wollte. Jeder hat schon mal von Greta Thunberg und der Fridays for Future-Bewegung gehört. Die Wissenschaft ist sich einig, dass die derzeitigen Ausmaße des Klimawandels menschengemacht sind und sich einiges verändern muss, um Schlimmeres aufzuhalten. Auch ist überall vom CO2-Fußabdruck zu hören. Eine durchschnittliche Person hatte im Jahr 2018 in Deutschland einen CO2-Fußabdruck von mehr als 8 Tonnen, wobei dieser laut Weltklimarat eigentlich unter 2 Tonnen pro Person pro Jahr liegen sollte. Es ist also klar, dass was getan werden muss. Doch wie sieht es eigentlich im Fußball aus? Wie umweltverträglich ist ein Stadionbesuch und wie kann er im Sinne des Klimas gestaltet werden?

Der Deutschlandfunk hat zusammen mit der Klimaschutzberatung CO2OL in Bonn aus frei zugänglichen Daten geschätzt, dass die ca. 400.000 Stadionbesucher*innen pro Spieltag in der ersten Bundesliga hochgerechnet 120 Tonnen CO2 verursachen. Umgerechnet auf eine Person entspricht dies aber nur einem Verbrauch von 300g CO2 je Spieltag, wohingegen im Schnitt jede Person in Deutschland pro Stunde schon ca. das dreifache an CO2 verbraucht. Ist also womöglich der Stadionbesuch umweltfreundlich? Nein, so einfach ist es leider nicht. In diese Berechnung sind nämlich nur der durchschnittliche halbe Liter Bier, ein Bissen Bratwurst mit Brötchen, ein Schluck Limonade sowie der dazugehörige Müll eingerechnet worden. Spannend wird es allerdings, wenn man sich weitere Zahlen, z.B. zur Mobilität, anschaut.

Einfahrender Zug am Nahverkehrshaltepunkt in der Nähe des Stadions
Anreise mit dem öffentlichen Nahverkehr macht Sinn

Viel Potential steckt in der Anreise

Laut CO2-Rechner von Quarks kommen für ein Auswärtsspiel in München für die Hin- und Rückfahrt für den Busfahrenden ca. 30 kg CO2 dazu, für den Zugfahrerenden ca. 50 kg, für den alleinigen Autofahrenden ca. 240 kg und für den Fliegenden ca. 260 kg. Wenn man umweltbewusst Fußball schauen möchte, liegt das große Potential also vor allem in der Anreise. Wie zu erwarten, schneiden insbesondere das Flugzeug und das Auto schlecht ab. Am besten fährt man also zum Spiel mit einem (Fan-)Bus oder dem öffentlichen Nah- oder Fernverkehr. Wenn man nah am Stadion wohnt, ist ja vielleicht auch das Fahrrad eine Alternative oder ein Spaziergang. Wenn man mit Auto fahren möchte, so bietet es sich an, Fahrgemeinschaften zu bilden. Ein vollbesetztes Auto ist hier sogar mit der Zugfahrt vergleichbar. Auch bei Spielen in der Champions League ist es oft möglich, mit den Öffis zu den Spielen zu gelangen. Zeitlich kann die Zugfahrt bei längeren Wegen im Vergleich zum Flugzeug zwar nicht mithalten, dafür kann man aber beeindruckende Landschaften erleben beim entspannten Reisen. Mit unserer Reisegruppe haben wir so schon unvergessliche Fahrten mit dem Zug nach Monaco, Prag, Mailand, Barcelona und Paris unternommen (nachzulesen übrigens in der zweiten bodo-schwatzgelb.de Ausgabe).

Neben der Anreise kann man als BVB-Fan aber auch noch auf Weiteres achten. Ein normales T-Shirt soll schon nur in der Herstellung und der Verwendung von Ressourcen umgerechnet einem Fußabdruck von mehr als 5 kg CO2 entsprechen. Auch bei anderen Produkten des Merchandisings ist es so, dass diese Ressourcen verbrauchen, hergestellt werden müssen und weite Wege hinter sich lassen. Hier kann man sich als BVB-Fan fragen, ob man beispielsweise das neue Trikot wirklich benötigt oder ob nicht schon genügend Fanprodukte im Schrank liegen, die nur darauf warten, häufiger getragen zu werden. Oder ob man das Trikot nicht auch ohne Flock genauso schön ist und das Tragen dann nicht mehr vom Verbleib des Spielers abhängig gemacht wird. Vielleicht hat ja auch die eine oder der andere noch kaum genutzte Fanartikel im Schrank, über die sich ein anderer sehr freuen würde.

Imbisswagen auf dem Stadionvorplatz
Wenn man die Wahl hat, lohnt es sich zum Mehrwegbecher zu greifen

Wenn über das Klima gesprochen wird mit der Frage, wie man seinen ökologischen Fußabdruck verringern kann, so muss auch über die Ernährung gesprochen werden. Laut UN-Landwirtschaftsorganisation FAO sind knapp 15 Prozent der Treibhausgasemissionen auf die Haltung und Verarbeitung von Tieren zurückzuführen. Eine durchschnittliche Person soll in Deutschland laut CO2-Rechner des Umweltbundesamts im Jahr durch die Ernährung 1,7 Tonnen CO2 verbrauchen. Das kann bis zu 1 Tonne mehr sein, wenn viel Tierisches, viele Fertigprodukte und wenig Regionales und Saisonales gegessen wird. Andersherum kann so im Jahr aber auch bis zu 1 Tonne im Vergleich zur Durchschnittsperson eingespart werden. Im Stadion gibt es leider zur Stadionwurst wenig fleischfreie Alternativen. Und durch die aufwändige Verarbeitung und Kühlung von Pommes, ist die Umweltbilanz dieser vegetarischen Alternative mit umgerechnet knapp 600g CO2 für 100g (Tiefkühl-)Pommes sogar schlechter als von der Stadionwurst (ca. 400g CO2 für 100g Wurst). Aber vielleicht animiert ja auch der Skandal in der Fleischindustrie um Personen wie Tönnies dazu, das ein oder andere Mal auf die Wurst zu verzichten und zuhause zu essen.

Kleine Veränderungen können schon helfen

Wer ein Spiel besucht, weiß außerdem, dass Spieltage für große Müllberge bekannt sind. Auch hier können kleine Veränderungen schon helfen. So kann man sich von zuhause schon eine Pfandflasche Bier mehr mitnehmen oder am Kiosk kaufen, sodass in Stadionnähe die Anzahl der Dosen oder Plastikbecher verringert werden kann. Die Verwendung von Mehrwegbechern im Stadion soll laut Deutscher Umwelthilfe bereits nach 5 Benutzungen besser sein als die von Einwegbechern. Wenn man die Wahl hat, lohnt es sich also zum Mehrwegbecher zu greifen. Wichtig ist dabei natürlich, dass die Becher nach dem Spiel an den entsprechenden Abgabestellen wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden. Unter der Südtribüne gibt es beim BVB leider nicht die Wahl, es werden grundsätzlich nur Einwegbecher ausgegeben. Wenn man bereits einen Plastikbecher in der Hand hat, so kann man bei den mobilen Stationen bei der Neubestellung einfach fragen, ob nicht der bereits benutzte Becher wieder aufgefüllt werden kann.

In der Corona-Zeit haben viele von uns bewiesen, dass sie bereit dazu sind, Änderungen für die Gesellschaft in ihrem alltäglichen Leben vorzunehmen. Mittel- und langfristig ist die Klimakrise sicher bedrohlicher für die Menschheit als Corona, das hoffentlich in absehbarer Zeit durch geeignete Impfungen in den Griff bekommen werden kann. Die Klimakrise ist leider nicht so direkt greifbar wie eine unmittelbare Gefahr durch das Virus. Aber vielleicht regt diese ungewöhnliche Zeit auch zum Nachdenken an und dazu, einmal innezuhalten und alte Verhaltensmuster zu hinterfragen. Dabei geht es nicht darum, perfekt zu sein. Der einen Person fällt es leichter, sich das ein oder andere Mal gegen das Stück Fleisch zu entscheiden, die andere lässt auch mal das Auto stehen oder entscheidet sich gegen die Flugreise. Es sind die kleinen Veränderungen, die zählen.

13.10.2020, Eva

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