Eua Senf

Der VAR und kein Ende

03.12.2020, 17:31 Uhr von:  Gastautor
Lesezeit: ca. 4 Minuten
Der VAR und kein Ende

Wieder kochen die Diskussionen um den Videobeweis hoch. Aktueller Fall ist der unberechtigte Elfmeter für Lazio Rom im UEFA Champions League Spiel gegen Borussia Dortmund.

Als wäre der Lockdown, das deutsche Winterwetter und das Köln-Spiel vom vergangenen Wochenende nicht frustrierend genug, musste mir das spanische Unparteiischen-Gespann am gestrigen Champions-League-Abend die Laune noch mehr vermiesen. Und zwar mit einem Elfmeter für die Römer Gäste im Westfalenstadion, der niemals hätte einer sein dürfen - es sei denn man ist Journalist beim Römer Corriere dello Sport und meint, einen verdienten Ausgleich nach einem naiven Foul von Schulz gesehen zu haben.

Das Defensiv-Verhalten des eingewechselten Nico Schulz mag in der fraglichen Szene in der 65. Minute freilich ein wenig naiv gewesen sein, als er aus der Tiefe des Sechzehners zum Ball sprintete. Lazios Sergej Milinkovic-Savic war an der Strafraumgrenze tatsächlich einen Bruchteil einer Sekunde vor Schulz am Ball, legte sich das Leder dabei aber deutlich zu weit vor.

Der dankbare Thomas Delaney nahm den Ball an und wollte den Konter einleiten, während Milinkovic-Savic seinen Fauxpas realisierte und prophylaktisch zur theatralischen Segeleinlage abhob. Ganz nach dem Motto: Man kann es ja Mal versuchen, es wurde schon für weniger Elfmeter gegeben.

Schiri Lahoz ließ sich offensichtlich vom VAR überstimmen

Der spanische Hauptschiedsrichter Antonio Mateu Lahoz blieb zunächst seiner Laissez-Faire-Linie treu und signalisierte weiterspielen. Ganze fünf Sekunden später, im modernen Fußball eine gefühlte Ewigkeit, dann aber doch der schrille Pfiff aus der Pfeife, der die Kehrtwende signalisierte. Der Mann aus Valencia vollzog nicht nur sprichwörtlich eine 180-Grad-Wende und zeigte auf den Punkt. Entweder der Assistent an der Linie, oder der VAR im Ohr des Spaniers hatten diesen davon überzeugt, die Segeleinlage des Serben mit einer Einschusschance aus elf Metern zu belohnen.

Die Stimme im Ohr muss dermaßen überzeugend gewesen sein, dass sich Lahoz die Szene nicht einmal selbst auf dem Bildschirm am Spielfeldrand anschauen wollte. Aus Lahozs Sicht mag es zu diesem Zeitpunkt vorteilhaft gewesen sein, dass 66.000 Zuschauer weniger zugegen waren, als an einem „normalen“ Champions-League-Abend. Diese hätten seine Entscheidung und den gesamten Vorgang folgerichtig mit Pfiffen und Unverständnis quittiert.

Zuschauer, Trainer und Journalisten tappen im Dunkeln

Was fast noch mehr frustrierend, als die fragwürdige Elfmeterentscheidung an sich, ist die völlige Intransparenz, mit der der VAR gehandhabt wird. Erst im Jahr 2019 hatte man sich in der UEFA-Zentrale von Nyon dazu entschlossen, den Unparteiischen das technische Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen. In anderen Sportarten schon seit langem Standard, erfordert auch der immer schneller werdende moderne Fußball von den Referees mittlerweile dermaßen viel ab, dass sie diese Hilfestellung gut gebrauchen können.

Das Problem: Die Entscheidungsfindung ist eine völlige Black Box und für niemanden nachzuvollziehen. Nicht nur die TV-Zuschauer, wie am gestrigen Abend, tappen sprichwörtlich im Dunkeln. Die Fans im Stadion, die es in einer grauen Zeit vor Corona noch gegeben hatte, verstehen nicht, wie die Entscheidungsfindung erfolgt. Kein Wunder, dass die Vorbehalte gegenüber der Video-Technologie bei weiten Teilen der Fußball-Anhängerschaft auch Jahre nach der erstmaligen Einführung noch gravierend sind und deutlich ausgeprägter, als in anderen Sportarten.

Mehr Transparenz sorgt für mehr Akzeptanz

Beispielsweise im American Football hört der Fan im Stadion und daheim, wie die Entscheidung des Video-Assistenten lautet. Im Rugby, wo seit 1999 mit dem sogenannten Television Match Official gearbeitet wird, hört der Zuschauer im TV die gesamte Konversation zwischen dem Schiedsrichter auf dem Feld und seinem Assistenten im Ü-Wagen. Meist erklärt der TMO die Szene, während der Schiedsrichter auf dem Stadion-Bildschirm für alle sichtbar die Szene eingespielt bekommt - womit der Gang zu einem abgeschirmten Bildschirm am Spielfeldrand entfällt.

Auch im Rugby kommt es noch immer zu Kontroversen, wie beispielsweise am letzten Wochenende, als der Unparteiische im Duell der Erzrivalen Wales und England den TMO überstimmte, zu Ungunsten der Waliser. Krasse Fehlentscheidungen, wie gestern Abend beim Duell Borussia-Lazio sind aber weitaus seltener. Viel wichtiger noch: Fans, Journalisten und Trainer wissen, wie die Entscheidung zu Stande gekommen ist. Das trägt deutlich zur Akzeptanz des Video-Assistenten bei. Der Fußball könnte und sollte sich daran ein Vorbild nehmen.

Denis Frank

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