Warmlaufen

Am Ende der langen Sommerpause...

09.08.2019, 09:09 Uhr von:  Nadja
Am Ende der langen Sommerpause...

...steht die erste Runde im DFB-Pokal, so will es das Fußball-Gesetz. Dass dieser andere Gesetze hat, ist wiederum ein weiteres bekanntes Fußball-Gesetz. Und so gleichen sich die Parolen jedes Jahr aufs Neue.

Dieses Jahr gibt es jedoch noch ein anderes Thema, das alle anderen übertönt: das Duell mit dem verlorenen Sohn. Die Rede ist selbstverständlich von Kevin Großkreutz. Manche Medien können gar nicht hoch genug greifen und sprechen vom "Spiel seines Lebens". Dass man einem Spieler, der zweimal deutscher Meister, Pokalsieger und sogar Weltmeister wurde und darüber hinaus in der Startelf eines Champions League-Finales stand, unterstellt, sein wichtigstes Spiel sei eine erste Runde im DFB-Pokal, ist dann doch mehr als absurd. Und auch sonst wird das Ganze doch etwas gar hoch gehängt, auch wenn Großkreutz selbstverständlich seinen Platz hat in einem der großartigsten Abschnitte der Geschichte von Borussia Dortmund.

Apropos Geschichte. Die hat auch der Gegner des BVB an diesem Freitagabend, denn der KFC Uerdingen ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt im deutschen Profifußball. 1985 gewannen sie eben diesen DFB-Pokal sogar und feierten auch einen ziemlich erfolgreichen Ausflug in den internationalen Fußball. Doch spätestens mit dem Ausstieg von Bayer 1995 ging es schrittweise abwärts und der Verein wurde einer dieser abgestürzten ehemaligen Bundesligisten mit einem schönen Stadion, die man aus Nostalgiegründen gerne besucht, die aber sportlich absolut nicht mehr relevant sind.

Ich bin vor ein paar Jahren einige Male bei Spielen in der altehrwürdigen Grotenburg gewesen und mindestens einmal habe ich gesagt, wie schön es doch wäre, wenn ein Gegner wie Borussia Dortmund, zum Beispiel im DFB-Pokal, diesem Stadion mal wieder den würdigen Rahmen verschaffen würde.

Die roten Flutlichtmasten erinnern an das alte Westfalenstadion.
Die roten Flutlichtmasten erinnern an das alte Westfalenstadion.

Denn die Grotenburg ist einfach wunderbar. Von weitem ragen die roten Flutlichtmasten in die Höhe und erinnern mich an Fotos des alten Westfalenstadions. Ich blicke hoch und dieses wohlige Gefühl durchzieht meinen Körper: hier liegt Fußballtradition in der Luft. Durch die offene Ecke betrete ich das Stadion und blicke auf eine Stehplatzkurve im Gästebereich, die sich mit ihren moos- und unkrautbewachsenen, flachen, breiten, unüberdeckten Steintribünen anfühlt wie in der Roten Erde. Doch gegenüber wird es noch viel imposanter: eine steile Stehplatztribüne, ohne Dach, dafür mit einer großen, altmodischen Videoanzeige, prangt am anderen Ende des Stadions wie ein Relikt aus besseren Zeiten. Ich bekomme Gänsehaut. Ein Stadion, wie geschaffen für große Spiele, epische Schlachten, Regen und Schnee. Langsam füllt es sich, die Menschen sind euphorisch, schwenken Fahnen, singen. Der Beton schwingt unter der Last der Menschenmassen, die vor Freude und Begeisterung hüpfen. Ich sehe es vor mir.

Stattdessen läuft in diesem Moment die zweite Mannschaft des 1. FC Köln ins Stadion ein. Ein Fan hinter uns krächzt "KFC! KFC!" und klingt dabei wie ein Papagei aus dem nahen Zoo. Neben mir sitzt eine Frau in blauen Schuhen, weißem T-Shirt und rotem Hosenrock. Sie sitzt vermutlich bei jedem Spiel in diesen Kleidern da. Beide Stehplatztribünen sind leer, auf die Gegentribüne haben sich etwa 20 Kölner verirrt. Nur auf der Haupttribüne gibt es noch sowas wie Fankultur. Wie schön wäre es doch, wenn ein Gegner wie Borussia Dortmund, zum Beispiel im DFB-Pokal, diesem Stadion mal wieder den würdigen Rahmen verschaffen würde.

Eine steile Stehplatztribüne, ohne Dach, dafür mit einer großen, altmodischen Videoanzeige, prangt am anderen Ende des Stadions wie ein Relikt aus besseren Zeiten.
Eine steile Stehplatztribüne, ohne Dach, dafür mit einer großen, altmodischen Videoanzeige, prangt am anderen Ende des Stadions wie ein Relikt aus besseren Zeiten.

Nun ist es also soweit. Leider ist von dem Traum von damals wenig übrig geblieben. Denn 2016 hat ein Millionär sich den KFC als Spielzeug gekauft und ein paar Ligen höher geführt. Damit einher geht der Sympathieverlust durch Kaufwut (und die liebenswerte Persönlichkeit des "Präsidenten") und natürlich ein Stadionumbau. So wird dieses von mir herbeigesehnte Spiel in Düsseldorf ausgetragen. In einem Neubau, der nach einem Kasino benannt ist. Nostalgie und Tradition wird wohl nur die Dame in ihrer rot-weiß-blauen Spieltagsbekleidung bringen und der Mann, der "KFC! KFC!" krächzt wie ein Papagei – ohne den nahe gelegenen Zoo. Sofern sie sich auf den Weg nach Düsseldorf gemacht haben.

Am Ende wird es also doch nur eine erste Runde im DFB-Pokal wie meistens, mit den altbekannten Parolen, aber ohne besondere Emotionen. Und hoffentlich mit dem Ausgang, an den wir uns in den letzten Jahren doch sehr gewöhnt haben: einem unbedrängten Sieg unserer Borussia.

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