Unsa Senf

Wir brauchen mehr Mentalitätsspieler (Contra)

28.05.2019, 16:15 Uhr von:  Seb
Wir brauchen mehr Mentalitätsspieler (Contra)

Bremen, 04.05.2019 so gegen 18:20 Uhr: Es ist kurz vor Anpfiff im Bremer Weserstadion. Malte und ich unterhalten uns über die letzten BVB-Spiele. Wir kommen dabei auch auf das Thema „Mentalität“ zu sprechen, und ob wir mehr davon brauchen, vertagen die Diskussion aber aufgrund des näher rückenden Anpfiffs auf nach der Saison – schriftlich. Hier unsere Gedanken:

Maltes Pro-Text findet ihr hier: Link

Mentalität gegen Malaga: Marcel Schmelzer
Mentalität gegen Malaga: Marcel Schmelzer

Ein Contra zur These “Wir brauchen mehr Mentalitätsspieler“ zu schreiben, ist eine sehr undankbare Aufgabe. Viele haben bei dieser Aussage schon einen bestimmten Spieler(typus) im Kopf. Siegeswille, mentale Stärke, Beißen – alles Eigenschaften dieser “Mentalitätsspieler“ und grundlegend wichtige Eigenschaften, wenn man etwas gewinnen möchte. Allein diese Eigenschaften reichen nicht: dazu muss auch noch eine gewisse fußballerische Qualität kommen. Spieler, die vor allem erstgenannte Eigenschaften mitbringen, hatten/haben wir bereits, z.B. Schmelzer und Rode – irgendwann hat bedingungsloser Einsatz und sich “reinhängen“ nicht mehr gereicht. “Der kann nix“ war dann ein beliebter Satz auf der Tribüne. Es kommt also auf die Kombination an. Mentale Stärke und fußballerische Klasse müssen im Einklang sein. Deswegen ist ein Contra so schwierig. Gegen einen Virgil van Dijk würde sich natürlich niemand wehren. Der liegt mit 80 Millionen aber auch recht locker außerhalb des Budgets, wenn man noch 1-2 andere Spieler holen möchte / muss.

Die These “Wir brauchen mehr Mentalitätsspieler“ ist also nicht grundlegend falsch, aber verkürzt. Sie impliziert nämlich einfach, dass wir bessere Spieler brauchen bzw. uns noch weiterentwickeln müssen. Allerdings wird dieser Satz der aktuellen Mannschaft nicht komplett gerecht. Weiterentwickeln muss man sich natürlich immer, aber für die Mentalität braucht es nicht zwingend neue Spieler. Dazu eine kleine Analyse:

Beispiel für Mentalität in der EL: Eintracht Frankfurt
Beispiel für Mentalität in der EL: Eintracht Frankfurt

Frankfurt und die Wahrnehmung

Wann immer man auf das Thema „Mentalität“ zu sprechen kommt, fällt unweigerlich das Beispiel der Frankfurter Eintracht. Wie diese Mannschaft mit Kampf und Einsatz Europa auf links gedreht hat und begeisternde Europapokalabende lieferte, war aller Ehren wert. Die SGE als Synonym für das besondere Etwas, für mentale Stärke, Aufopferung und das Hinausgehen über die Leistungsgrenze. Allerdings begibt man sich hier in einen unfairen Vergleich: Als BVB-Fan hat man vermutlich irgendwas zwischen 30 und 50 Spielen der Borussia in der abgelaufenen Saison gesehen, manche davon begeisternd, manche auch enttäuschend. Von Eintracht Frankfurt dürfte der gemeine BVB-Fan allerdings deutlich weniger Spiele gesehen haben. Vermutlich die beiden Auftritte unserer Borussia gegen Frankfurt, natürlich die Europapokalschlachten und vielleicht mal ein Spiel am Sonntag oder die Zusammenfassung. Im Großen und Ganzen aber vor allem die Highlights bei Eintracht Frankfurt. Man begibt sich also schnell dahin, die gesamte Saison des BVB mit den Highlight-Spielen von Eintracht Frankfurt zu vergleichen. Dazu beim BVB noch mit einem anderen, tieferen emotionalen Hintergrund. Niederlagen schmerzen da viel mehr und bleiben stärker in Erinnerung. Bei der Eintracht hingegen werden, wie beschrieben, vor allem die Highlights gesehen. Ergebnisse wie das Pokal-Aus gegen den Regionalligisten SSV Ulm, die herbe Klatsche gegen Leverkusen oder die beiden Niederlagen zum Saisonende gegen Mainz und Bayern (wo es immerhin noch um die Champions League ging) werden dann gerne ausgeblendet. Am Ende verspielten die „Mentalitätsmonster“ aus Frankfurt noch fast die komplette europäische Teilnahme, als es um alles ging. Es ist also nicht alles Gold, was bei der Frankfurter Eintracht glänzt und die Aussage „Die haben Mentalität und wir nicht“ ist aufgrund der Vergleichsmenge nicht haltbar.

Inbegriff von Mentalität: Axel Witsel
Inbegriff von Mentalität: Axel Witsel

Beispiel Hinrunde

Bei uns könnte man als Gegenbeispiel nämlich vor allem die Hinrunde anführen. In einigen Spielen setzten wir uns am Ende doch noch durch, weil wir nicht aufgesteckt haben. Schon zum Auftakt gegen Fürth im Pokal, aber auch gegen Leipzig lagen wir zunächst zurück. Genauso gegen Leverkusen und Augsburg und natürlich gegen die Bayern wurden die Spiele noch gedreht. Gegen Mainz und Blau warfen uns Gegentore in der Hinrunde nicht aus der Bahn. Dazu ein begeisterndes Hinspiel gegen Atletico und am letzten Spieltag der Gruppe in Monaco nochmal alles für den Gruppensieg gegeben. Man kann also davon ausgehen, dass Mentalität in der Mannschaft vorhanden ist. Immer wieder wurden die Anführer Reus, Witsel und Delaney in der Hinrunde gepriesen: überall zu finden, pushen die Mannschaft, übernehmen viel Verantwortung auf dem Platz und hauen auch mal dazwischen.

Warum weniger Mentalität in der Rückrunde?

Leider gibt es zur Hinrunde auch einen Gegenentwurf, zumindest Teile der Rückrunde sprechen eine andere Sprache. In einigen Spielen warfen Gegentore die Mannschaft völlig aus der Bahn, teilweise gab selbst eine 3:0 Führung nicht genug Wind, um es über die Ziellinie zu bringen. Und trotzdem gab es auch Willensleistungen wie gegen Hertha. Auch gegen Tottenham im Rückspiel hätte vielleicht nur ein Tor in der ersten Halbzeit fallen müssen, damit wirklich alle an ein Wunder glaubten.

Man muss sich also die Frage stellen, warum wir in der Rückrunde die mentalen PS aus der Hinrunde nicht mehr auf die Straße bekommen haben. Diese Analyse ist in meinen Augen viel wichtiger als einfach einen neuen Mentalitätsspieler zu fordern. Denn ein weiterer Axel Witsel wäre zwar vermutlich eine Bereicherung für die Mannschaft aber auch er hatte in der Rückrunde zu kämpfen. Warum ging also die Mentalität in der Rückrunde ein Stück weit verloren?

Die Frage ohne Kenntnisse aus dem Innenleben der Mannschaft zu beantworten, ist schwierig, daher ein paar Mutmaßungen, die auf Aussagen der Spieler und Beobachtungen fußen:

Ungewohnte Position in Bremen: Manuel Akanji
Ungewohnte Position in Bremen: Manuel Akanji

Punkt 1: körperliche Fitness und Verletzungen

In der Hinrunde wirkte die Mannschaft konditionell stärker und leichtfüßiger. Es folgten einige Verletzungen, vor allem in der Defensive, die uns zu Umstellungen zwangen und einigen Spielern keine Pause mehr ermöglichten. Auch die Wintervorbereitung war in dieser Hinsicht schon schwierig, weil man phasenweise nur Pieper, Toprak, Weigl und Toljan(!) als Innenverteidiger im Training zur Verfügung hatte. Man hätte sicherlich Witsel mal eine Pause gönnen können, wenn Weigl für das Mittelfeld einsatzbereit gewesen wäre und nicht Innenverteidiger hätte spielen müssen. Dazu kam, dass Paco nach mehreren kleineren Verletzungen nicht mehr so im Tritt war, wie noch in der Hinrunde. Und die verletzungsbedingte Auswechslung von Marco Reus gegen Werder Bremen im Pokal läutete unsere Schwächeperiode ein. Nimmt man dazu noch die Aussage von Axel Witsel nach dem Mainz-Spiel, dass man „im Laufe der Woche sehr hart gearbeitet“ habe, könnte es daraufhin deuten, dass nicht nur Pech, sondern auch zu wenig Prävention und eine nicht optimale Belastungssteuerung dazu geführt haben, dass die Mannschaft körperlich nicht bei 100% war. Dies wurde zum Ende der Saison bei den Frankfurtern dann übrigens als Grund genehmigt: „Die sind platt“. Mentalität gleicht das eben nur zu einem Teil aus. Dagegenhalten kann man die Laufleistung der Mannschaft, die nicht unbedingt für körperliche Probleme spricht. Allerdings empfand ich die Phase ab der 65. Minute in Bremen als weniger intensiv. Die Laufleistung war sicherlich normal, aber es gab weniger Sprints. Dazu kommt, dass mit Akanji einem Spieler ein Bock unterlief, der zuvor stärker körperlich gefordert war als sonst: er spielte Außenverteidiger und machte in der ersten Halbzeit einiges an Metern.

Wechselwilliger Torjäger: Auba
Wechselwilliger Torjäger: Auba

Punkt 2: Vertrauen und Störfeuer

Mannschaften müssen zusammenwachsen. Mentalität zeigt sich immer dann am stärksten, wenn eine Mannschaft einen „Teamspirit“ hat. Das konnte man gut in der Nationalmannschaft beobachten: 2012 schwieriges Verhältnis = es fehlt der letzte Punch. 2014 gute Stimmung in der Mannschaft = Titelgewinn. 2018 es fehlt an allem = Aus in der Vorrunde. Auch Eintracht Frankfurt kann hier als Beispiel dienen. Die Mannschaft ist gewachsen, ein gewisser Stamm an Spielern ist nach dem Pokalgewinn geblieben. Gemeinsamer Erfolg hilft an diesen Stellen natürlich. Beim BVB hingegen kam man aus einer sehr schwierigen Saison, wo es in vielerlei Hinsicht auch im Kader nicht passte. Abgänge, Zugänge und die Analyse der letzten Saison haben dort für eine Verbesserung gesorgt, wie Sebastian Kehl bei uns im Interview berichtete. Allerdings darf man da keine Wunderdinge erwarten. Teamspirit ist kein Schalter, den man einfach umlegt, sondern dem man Zeit geben muss, sich zu entwickeln. Nach der Katastrophensaison 2017/2018 ein wichtiger Schritt. Wie sich diese Punkte auf die Mentalität auswirken, beschreibt Sportpsychologe Michele Ufer hier: Link

Punkt 3: Highlights

Die Frankfurter Eintracht war in der abgelaufenen Saison besonders dann mentalitätsstark, wenn es Highlights gab. Diese Situation wurde dann meistens durch eine Choreographie eingeleitet und das Stadion brannte – so dann auch die Mannschaft. Die Mannschaft bekam einen Vertrauens- und Stimmungsvorschuss, der sich deutlich in der Spielweise bemerkbar machte. Wir hingegen hatten auf dem Weg zum Ziel viele maue Auftritte im Stadion, wo sich jeder an die eigene Nase fassen muss. Haben wir als Stadion deutlich gemacht, dass diese Situation für uns ein Highlight ist?

Wenig Erfahrung im Titelkampf: Diallo
Wenig Erfahrung im Titelkampf: Diallo

Punkt 4: Erfahrung

Letztendlich hatte man auf neuralgischen Positionen auch wenig Erfahrung im Meisterkampf, was sich in individuellen Fehlern widerspiegelte. Zagadou, Hakimi, Diallo – junge Kicker mit viel Potential, denen man auch Fehler zugestehen muss. An diesen Erfahrungen werden sie wachsen und beim nächsten Mal einen Schritt weiter sein. Das beschreibt natürlich nicht mangelnde Mentalität, brachte uns aber häufiger ins Hintertreffen oder sorgte für einen negativen Einfluss im Spiel, dem wir dann mit einem erhöhten Aufwand auch an psychischer Investition hinterherlaufen mussten. Die mangelnde Erfahrung hat also die vorhandene Mentalität nicht optimal gesteuert, sondern eher „verbrannt“.

All das sind Punkte, an denen man arbeiten kann und wird. Dann wird man auch die Mentalität der Hinrunde über die ganze Saison ziehen können und nicht beim ersten Gegentor oder einer etwas härteren Gangart umkippen. Dafür braucht es aber nicht zwingend einen neuen Mentalitätsspieler, sondern vor allem eine Entwicklung und ein Nutzen des vorhandenen Potentials. Wenn sich die sportliche Leitung dann trotzdem dazu entscheidet, noch einen fußballerisch beschlagenen Mentalitätsspieler zu verpflichten, wird sich trotzdem niemand wehren. Diesen aber von vornherein zu fordern, ist aus meiner Sicht zu kurz gesprungen und wird der Mannschaft der letzten Saison nicht gerecht.

(Für alle, die den Pro-Text lesen wollen und zu faul sind, bis an den Anfang zu scrollen, hier nochmal der Link.)

Unterstütze uns mit steady