Unsa Senf

Vor 25 Jahren

13.08.2019, 20:19 Uhr von:  Seb

Eigentlich hätte ich nie Fußball-Fan werden dürfen. Mein Vater findet Fußball langweilig und ist sehr Motorsport-interessiert. Meine Mutter interessiert sich im Prinzip überhaupt nicht für Sport und mein Bruder eifert eher meinem Vater nach. Folglich waren die Namen meiner kindlichen Sportprägung Senna, Mansell und Prost. Dazu komme ich aus Lemgo, einer kleinen „Stadt“ in Ostwestfalen, wo Bundesliga-Handball gespielt wird, sodass Fußball in der öffentlichen Wahrnehmung eher Randsportart ist (bis Arminia Bielefeld dann in die 1. Bundesliga aufstieg). Dass ich letztendlich trotzdem beim Fußball gelandet bin, lag vermutlich daran, dass ich nicht in einen Formel 1 Wagen steigen und losfahren konnte und Handball mich bis auf das „erzwungene“ Maß überhaupt nicht interessierte. Zwei meiner Cousins waren ähnlich fußballinteressiert, aber der größte Fußballfan in unserer Familie war zu der Zeit mein kürzlich verstorbener Onkel. Er war der einzige, der mal etwas länger über Fußball erzählte und in seiner Kindheit auch im Dorfverein verwurzelt war. Es gab da nur zwei Probleme: Als ich Kind war, wohnte er in Berlin und er war Bayern-Fan. Zu seiner Verteidigung muss man allerdings sagen, dass er den Aufstieg der Bayern erlebt hat und nicht erst Bayern-Fan wurde, als man bereits Seriensieger war. Er machte später keinen Hehl daraus, dass er Bayern-Fan war, aber erst als ich mir schon einen Verein ausgesucht hatte. Er wollte, dass ich selbst überlege und mir „meinen“ Verein aussuche. Und das kam so:

Als ich anfing, mich für Fußball zu interessieren, war ich vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Ich entwickelte Sympathien für den einen oder anderen Verein, darunter Borussia Dortmund. Als ich dann eingeschult wurde, hatten einige Mitschüler schon ihren Verein gefunden. Ein guter Freund ist beispielsweise Bremer. Es gab auch ein paar Bayern-Fans. Die Bayern fand ich aber blöd, was vermutlich an meinem Vater lag, der zwar keine Ahnung von Fußball hat, aber immer über die Bayern meckerte. Und dann war da noch ein Leverkusen-Fan. Aber Bayer hielt ich damals für einen billigen Abklatsch der Bayern („Können die sich keinen eigenen Namen ausdenken?“). Arminia Bielefeld lag regional nahe und ganz unsympathisch finde ich den Verein tatsächlich nicht, aber die sind auch irgendwie grauer als jede Maus und konnten mich nicht so recht in ihren Bann ziehen. Einen Blauen gab es in meiner Klasse übrigens nicht. Die Blauen mochte niemand, darin waren sich alle einig. Ich erinnere mich noch gut daran, dass alle Fußballfans in der Klasse häufig gemeinsam sangen „Gehste aufs Klo und haste kein Papier, nimm die Fahne von Schalke 04.“ Abneigungen waren also schon klar verteilt, aber einen eigenen Verein hatte ich noch nicht gefunden. Mein Fußballherz dümpelte also ein wenig dahin, bis ich dann schließlich mein erstes Panini-Album zur Saison 94/95 bekam. Ich weiß noch, wie ich das erste Päckchen Sammelbilder aufriss: Oben auf lag Kalle Riedle. „Guck mal, Mama. Der ist von Borussia Dortmund, von meiner Lieblingsmannschaft.“ Ich hatte nun also eine Lieblingsmannschaft. Und nicht nur das, ich hatte auch einen Lieblingsspieler. Ich liebte sein Kopfballspiel, ich fand es unverständlich, dass er nicht mehr in der Nationalmannschaft spielte und war den Tränen nahe, als sein Kreuzband riss. Ein paar Jahre später wurde er zu meinem Helden. Kleine Randnotiz: Michael Zorc fand ich anfangs blöd. Der hatte in seiner Vita nur einen Verein neben dem BVB. Für mich waren viele andere Vereine damals ein Qualitätsmerkmal. Heute denke ich darüber anders.

Und dann legte mein Onkel los: Unmissverständlich machte er klar, dass wir auf dem Platz jetzt Konkurrenten sind, aber er befeuerte auch meine Leidenschaft durch Fanartikel. T-Shirts (teilweise in absurden Größen), Schals, Tassen, Frühstücksbrettchen. Ich hatte irgendwann gefühlt das gesamte Sortiment. Er war auch derjenige, der mir meinen ersten Stadionbesuch ermöglichte – wenn auch nicht in Dortmund. Es waren die Osterferien 1997. Die erste Woche verbrachte ich mit meinen Eltern im Bayerischen Wald. Wir hatten die Reise gewonnen und es war vermutlich der schlimmste Familienurlaub, an den ich mich erinnern kann. Es regnete den ganzen Tag, das Apartment war scheiße und meine Gedanken kreisten sowieso nur um zwei Dinge: Das Halbfinal-Hinspiel gegen Manchester United und zwei Tage zuvor das Spitzenspiel der zweiten Liga, Hertha gegen Kaiserslautern. Ich durfte die zweite Ferienwoche bei meinem Onkel in Berlin verbringen. Meine Eltern würden mich also am Samstag nach Berlin fahren und von da aus nach Hause, da beide wieder arbeiten mussten. Problematisch war allerdings, dass mein Onkel Satellitenfernsehen hatte und darüber kein DSF bekam, wo die Montagsspiele gezeigt wurden. Damals waren mir Montagsspiele noch egal, was Auswärtsfans im Jahr so auf sich nahmen, konnte ich mir als Kind noch nicht vorstellen. Viel schlimmer war, dass ich das Spiel vermutlich nicht sehen konnte, weil es keinen Zugang zum Kabelfernsehen gab. Wir kamen irgendwann samstagmittags in Berlin an und als erstes ging es zum Einkaufen. Nur widerwillig ließ ich mir eine lange Unterhose kaufen. Unter anderem weil die Aussage fiel, dass wir Montag ins Stadion gehen und ich warm angezogen sein soll. Von da an gab es erstmal nur ein beherrschendes Thema: Stadion. Ich zählte meiner Mutter direkt mal die Fakten zum Berliner Olympiastadion auf, die ich zuvor im kicker-Sonderheft gelesen hatte. Es bewahrheitete sich übrigens, dass die lange Unterhose bitter nötig war. Der April war extrem kalt in meiner Erinnerung und ich bin mir ziemlich sicher, dass es damals auch an einem Tag in der Ferienwoche ziemlich heftig geschneit hat.

Wir fuhren am Montag also mit der U-Bahn zum Stadion. Es war brechend voll. Überall vorfreudiges Treiben zum Stadion hin. Erster gegen Zweiter, Hertha auf dem Weg in die erste Liga, ausverkauft – so die Fakten vor dem Spiel. Dass in einem Stadion nahezu doppelt so viele Menschen sein werden wie in meiner Heimatstadt wohnen, machte mich ein wenig ehrfürchtig. Wir saßen Oberrang Osttribüne auf einer Holzbank, gedrängt mit völlig fremden Menschen, die alle über ihre Vorfreude und vor allem Fußball sprachen. Menschen, die mich verstehen und meine Leidenschaft teilen. Es fühlte sich gut an im Stadion. Um mich herum aßen die Fans Stadionwurst. Obwohl wir vorher noch gegessen hatten (mein erster Döner), wollte ich auch eine Wurst. Die Zeit vor dem Spiel war irgendwann doch relativ langweilig und Langeweile macht hungrig. „Zu teuer und schmeckt nicht“, meinte mein Onkel. Ein paar Dinge sind über die Jahre halt in Stadien gleichgeblieben. Er hatte aber vorgesorgt und zog zwei Tafeln Schokolade aus seiner Jackentasche. „Eine für dich, eine für mich. Such dir eine aus.“ Ich entschied mich für Vollmilch und meine Augen leuchteten, zu Hause durfte ich nie so viele Süßigkeiten auf einmal essen. „Aber nicht Mama erzählen“, sagte mein Onkel. Ich hielt natürlich dicht. Die Hertha gewann das Spiel dann verdient mit 2:0. Axel Kruse, der später verletzt ausgewechselt werden musste, und ein Eigentor von Axel Roos stellten die Weichen auf Sieg.

Zwei Tage später saßen mein Onkel und ich dann bei ihm auf dem Sofa und fieberten der Champions League entgegen. Auch wenn er mich oft mit meinem Verein aufzog und mir erzählte, wie viel besser der FC Bayern doch sei, international hielt er immer für die deutschen Vereine. Er erklärte mir den Ansatz mit der 5-Jahres-Wertung, die ich nun endlich verstand, aber damit bin ich nie richtig warm geworden. Dafür ist die Abneigung zu einigen Vereinen einfach zu groß. Die anderen sind mir meistens schlicht egal. An jenem Abend erklärte ich meinem Onkel mal eben die Mannschaft von Manchester United, zumindest die Namen, die ich auswendig gelernt hatte. Er erklärte mir im Gegenzug, dass Borussia Dortmund kaum eine Chance haben wird, weil Manchester United eine der besten Mannschaften der Welt habe. Ein Fakt, der mich ein wenig zittern und die Siege noch besser schmecken ließ. An diesem Abend gab es übrigens keine Schokolade, sondern Eis. Mein Onkel kam mit einer Packung „Waldfrucht“, einem größeren Teller und zwei Löffeln ins Wohnzimmer. „Nimm dir so viel du willst.“ Gierig schaufelte ich mir ein Viertel der Packung auf den Teller. „Mehr willst du nicht? Sonst nimm dir noch was, ich esse dann den Rest“, sagte mein Onkel. Ich lehnte dankend ob meiner riesigen Portion ab. Mit großen Augen beobachtete ich dann, wie mein Onkel tatsächlich gefühlte fünf Liter Eis an dem Abend aß. Dann erfolgte endlich der Anpfiff. An die Einzelheiten des Spiels erinnere ich mich nicht mehr komplett, aber die doppelte Freude beim Tor von René Tretschock ist noch sehr präsent: Ich beging in der Halbzeit einen strategischen Fehler und ging nicht zur Toilette. Die zweite Halbzeit wurde von Minute zu Minute quälender. Die Spannung und meine Blase zerfraßen mich. Gleichzeitig hatte ich aber auch Angst, die entscheidende Szene zu verpassen. Als Tretschock dann das Leder in die Maschen hämmerte, rannte ich jubelnd zur Toilette.

Die Jahre und Erfolge zwischen dem Panini-Album und dem Champions-League-Sieg legten den Grundstein für mein Fansein. Ein Fußballstadion als Heimat kennenzulernen, wo Menschen meine Leidenschaft teilen, und die schönen Erinnerungen mit meinem Onkel, der daran großen Anteil hatte, nehme ich zu jedem Spiel mit.

Gute Reise, Onkel Klaus.

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