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Spiel nicht bei den Schmuddelkindern

23.06.2019, 11:54 Uhr von:  Malte S.
Spiel nicht bei den Schmuddelkindern

Die Mitteilung kam überraschend: Niemand Geringeres als Borussia werde den FC Energie Cottbus im September durch ein Freundschaftsspiel unterstützen. Das verkündeten die Lausitzer vergangene Woche zu Beginn ihrer Mitgliederversammlung – und viele BVB-Fans schüttelten heftig mit dem Kopf. Schließlich geben Rechtsextreme in der Energie-Fanszene seit Jahren den Ton, der Verein unternimmt wenig.

Als hätte es einer Verdeutlichung der Zustände in Cottbus bedurft, schlossen die Vereinsmitglieder wenige Minuten nach dieser frohen Kunde den RBB von ihrer Versammlung aus. Der öffentlich-rechtliche Sender hatte in der Vergangenheit regelmäßig über rechte Umtriebe unter den Anhängerinnen und Anhängern berichtet.

Verstrickungen unter Anderem in die rechte Szene

In der Fanszene des FC Energie soll die rechtsextreme Gruppe “Inferno Cottbus 1999” weiterhin das Sagen haben, obwohl sie sich im Mai 2017 offiziell aufgelöst hat. Dessen sind sich Behörden und Beobachter sicher. Viele vermuten lediglich ein taktisches Manöver, um einer Strafverfolgung zu entgehen. Im Stadion und in der Stadt würden dieselben Leute weiterhin aktiv und in unterschiedlichen Milieus vernetzt sein: Neonazis, Kampfsport, Ordnungsdienste und organisierte Rockerkriminalität. In der Saison 2017/18 stellte eine Firma mit Verbindungen in die rechtsextreme Hool-Szene, "Boxing Security", Ordner beim FC Energie.

Anonyme Fans berichten von Gewaltandrohungen und Hausbesuchen. Unmittelbar nach der offiziellen Auflösung hätten “Inferno”-Leute laut einer ausführlichen Reportage des RBB versucht, eine Art Fan-Dachverband zu gründen, um sich in der Masse der Anhängerinnen und Anhänger zu verstecken, nach Außen Einheit zu demonstrieren und gleichzeitig das Gewaltmonopol auszuüben – mit Erfolg. So hätten die “Inferno”-Leute im Oktober 2018 eine große Einheits-Zaunfahne vor der Nordtribüne durchgesetzt, wo vorher die Banner unterschiedlicher Gruppen und Fanclubs hingen. Was harmlos klingt ("Betriebssportgemeinschaft Energie Cottbus seit 1966"), darf in Fußballfanszenen, in denen Zaunfahnen einen sehr hohen symbolischen Wert haben, als Machtdemonstration verstanden werden. Im März gedachte eine Gruppe Cottbus-Fans auch des verstorbenen Chemnitzer Neonazis Thomas H. mit einem Spruchband. Vor zwei Monaten führten die Behörden eine Razzia gegen Personen, die zu "Inferno Cottbus 1999" gehören sollen, wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung durch.

Währenddessen wird dem FC Energie Cottbus von vielen Seiten vorgeworfen, das Problem jahrelang unterschätzt und ignoriert zu haben. Zwar gab es nach Vorfällen durchaus deutliche Statements des Vereins, symbolhafte Einzelaktionen oder Kooperationen mit Antidiskriminierungs-Bündnissen. Doch eine langfristige Strategie, um die Probleme bei den Wurzeln zu packen und nachhaltig zu lösen, wurde nie präsentiert. Offensichtlich mangelt es an Konzepten für Opferschutz und Prävention.

Finanzspritze und Image-Upgrade?

Nachdem es im Mai 2017 zu Ausschreitungen gekommen war, als Cottbus-Fans während des Spiels gegen Babelsberg “Arbeit macht frei – Babelsberg 03” oder “Zecken, Zigeuner und Juden – Babelsberg 03” sangen und einzelne Hitler-Grüße zeigten, löste sich “Inferno Cottbus 1999” offiziell auf. Der Verein präsentierte ein paar Monate später einen Maßnahmenplan. Doch die Wirkung scheint angesichts der Entwicklungen der vergangenen zwei Jahre verpufft. Energie Cottbus muss sich den Vorwurf gefallen lassen, das rechte Gewaltmonopol in der eigenen Fanszene weiterhin zu dulden. Wer weiß, ob die Verantwortlichen überhaupt aktiv würden, wenn der Imageschaden nicht so groß wäre?

Dass mit dem BVB nun ein Bundesliga-Schwergewicht nach Cottbus reist, wird Energie gleich doppelt freuen. Einmal natürlich finanziell, denn der frisch in die Regionalliga abgestiegene Klub kann die Einnahmen gut gebrauchen. Und vielleicht lässt sich mit Borussia Dortmund, der in Ostdeutschland viele Fans hat, auch das eigene Image aufpolieren, das durch die regelmäßigen Berichte über das eigene Umfeld stark angekratzt ist. Nicht zuletzt, weil der BVB ebenfalls seit vielen Jahren mit rechten (Hooligan-)Strukturen zu kämpfen hat, durch seine Gegenmaßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen mittlerweile aber viel Anerkennung erhält.

Tatsächlich mutet es auf den ersten Blick merkwürdig an, ausgerechnet aus Dortmunder Perspektive mit dem Finger auf Energie Cottbus und seine Probleme zu zeigen. Dass es zwischen Rechten und BVB-Fanszene personelle und ideelle Überschneidungen gibt, ist spätestens seit 2012 bundesweit bekannt. Damals wurde ein Solidaritätsbanner für die kurz zuvor verbotene rechtsradikale Kameradschaft “Nationaler Widerstand Dortmund” auf der Südtribüne entrollt. In der Folge standen der BVB und sein Problem mit Nazis lange im Fokus der Öffentlichkeit. Der Ordnungsdienst geriet ebenso ins Visier wie einzelne Fangruppen. Schon länger war bekannt, dass beispielsweise Teile der Ultras Verbindungen zu Autonomen Nationalisten und Hooligans hatten. Die BVB-Verantwortlichen blieben lange zurückhaltend, auch aus Angst vor einem Imageverlust. Konkrete Maßnahmen ließen auf sich warten, die taz titelte damals: “Meister im Wegschauen”. Die Parallelen zum FC Energie Cottbus heute sind nicht von der Hand zu weisen.

Doch der BVB hat irgendwann die Kurve gekriegt. Auch wenn es dazu einen traurigen Anlass brauchte: Im Frühjahr 2013 wurden ein Fanbeauftragter und ein Mitarbeiter des Dortmunder Fanprojektes von Rechtsextremen angegriffen. Im selben Jahr startete die Zusammenarbeit mit der KoFas (Kompetenzgruppe für Fankulturen & Sport bezogene Soziale Arbeit), die bis heute anhält. Gemeinsam wurde ein wissenschaftliches Konzept zur Bekämpfung rechter Strukturen und weiterer Diskriminierungsformen geschrieben. Ordnerinnen und Ordner wurden geschult, das Team der Fanbeauftragten wurde auf aktuell neun Personen vergrößert, die Erinnerungs- und Gedenkstättenarbeit wurde ausgebaut und mit Merchandise-Artikeln, Social-Media-Aktionen und Ähnlichem gibt es regelmäßig auch symbolische Aktionen.

"Spieler, ihr Zigeuner!"

Für Nazis wurde der BVB unattraktiver, im Sommer 2017 löste sich zudem die rechtsoffene, als sehr gewaltbereit geltende und rund zwei Jahre zuvor gegründete Gruppe “Riot 0231” auf, zumindest offiziell. Ein Etappenerfolg. Aber man darf auch nichts verklären. In Dortmund ist mit der “Northside” weiterhin eine teilweise rechtsoffene und gewaltbereite Gruppe aktiv, “Riot 0231” soll nach einer Auszeit seit Kurzem wieder bei Spielen von Borussia Dortmund auftreten und es gibt, ebenso wie bei Energie Cottbus, weiterhin Anknüpfungen eines, wenn auch kleinen, Teils der BVB-Fanszene an kriminelle Milieus, an die Neonazi- und Kampfsportszene. Und dann sind da noch die Zustände in Dortmund-Dorstfeld. Hier leben einige Personen aus dem Umfeld der Partei “Die Rechte” und proklamieren den Stadtteil unter Anderem mit Graffitis und Gewaltandrohungen für sich. Auch bei Borussia Dortmund und in der Stadt ist also noch viel zu tun, ähnlich wie Energie hat der BVB Fehler gemacht. Doch in den vergangenen Jahren hat er mit unterschiedlichen Maßnahmen gezeigt, dass er den Kampf gegen Rechts und Diskriminierung nun ernst nimmt.

Energie Cottbus bleibt einen solchen Beweis noch schuldig. Außerdem fallen die Brandenburger immer wieder unangenehm auf. Der bereits erwähnte, ausdrückliche Ausschluss der Journalistinnen und Journalisten des RBB zum Beispiel. Oder rund um den Aufstieg 2017/18: Während der Feierlichkeiten bedachten die Spieler ihren Trainer Claus-Dieter Wollitz mit “Trainer, du Zigeuner”-Rufen. Der ließ es sich wiederum nicht nehmen, “Spieler, ihr Zigeuner” anzustimmen, sichtlich schamlos am Rande einer offiziellen Pressekonferenz und trotz Wissens um die Kameras und Mikrofone. Später entschuldigte Wollitz sich, man habe niemanden diskriminieren wollen: “Wir haben uns damit gegenseitig auf den Arm genommen. Aber in der Öffentlichkeit hat so ein Gesang nichts zu suchen.” In der Kabine, in einer kleineren Gruppe, wenn man unter sich ist, ist es aber in Ordnung? Auch mit Relativierungen der Probleme in der Cottbusser Fanszene machte Wollitz schon auf sich aufmerksam.

Es geht nicht darum, sich über einen Verein wie den FC Energie Cottbus zu erheben oder sich plakativ von ihm abzugrenzen. Bei alldem darf man nicht vergessen, dass der BVB das große Glück hat, über ganz andere finanzielle Mittel und eine viel größere Öffentlichkeit als der Verein aus Brandenburg zu verfügen. Letztere bietet den Verantwortlichen, die sich offen gegen Rechts aussprechen, einen größeren Schutz vor persönlicher Bedrohung als ihn die handelnden Personen in Cottbus wohl haben. Angesichts des Abstiegs in die Viertklassigkeit dürfte es auch niemanden verwundern, wenn das nun noch knappere Geld dafür verwendet würde, möglichst schnell wieder aufzusteigen, statt es in Fanarbeit zu stecken.

Hinfahren und Sinnvolles tun

Trotzdem hat es viele überrascht, dass nun ausgerechnet ein Verein mit der Geschichte und dem Hintergrund des BVB offenbar mirnichts dirnichts für ein Benefizspiel nach Cottbus reist. Die Ankündigung des Freundschaftsspiels sah über alles Bedenkliche hinweg, als wäre es ein Spiel gegen einen Verein wie jeden anderen. Über den finanziellen Aspekt, der sicherlich gut gemeint ist, riskiert Borussia Dortmund, den zurecht in der Kritik stehenden Cottbussern durch einen kritiklosen Besuch eine Imagepolitur zu verpassen. Nicht zu unterschätzen auch das Szenario, dass Dortmuner und Cottbusser Gewalttäter sich zu diesem Anlass für eine öffentlichkeitswirksame Aktion zusammentun.

Der BVB hat jetzt mehrere Optionen: Die schlechteste wäre, hinzufahren, Fußball zu spielen, in die Menge zu winken und dann wieder nach Dortmund aufzubrechen. Und mit einer Absage würde man vielleicht ein Zeichen setzen, sich sich selber aber auch die Unfähigkeit attestieren, mit der Situation umzugehen und die Fehler bei der Planung und Kommunikation des Spiels auszubügeln.

Stattdessen kann Borussia Dortmund das Spiel nutzen, um auf die Probleme vor Ort aufmerksam zu machen und verschiedene Akteurinnen und Akteure, die sich gegen die Vereinnahmung der Kurve durch Rechte wehren, zu stärken. Zum Beispiel das Bündnis "Energiefans gegen Nazis", dessen Mitglieder bereits wegen ihres Engagements attackiert worden sind. Außerdem ist der FC Energie gerade offenbar dabei, eine Antidiskriminierungsstelle aufzubauen. Bei einem Austausch auf Arbeitsebene könnte man mit Sicherheit von den in Dortmund gemachten Erfahrungen profitieren. Auf Nachfrage hat der BVB uns mitgeteilt, dass man um die Brisanz des Spiels wisse, "aber wir sind uns auch der Tatsache bewusst, dass es durchaus positive Kräfte in der Fanszene und Bemühungen von Energie-Fans gibt, die Dinge in der Kurve zu verändern. Dieses Spiel ist daher auch eine Chance für die Energie-Fans und kann gerade im Bereich Antidiskriminierungsarbeit von Nutzen sein."

Was Borussia nun auf keinen Fall machen darf: Vor Ort ausschließlich gemeinsame symbolische Aktionen mit Energie Cottbus zu starten, zum Beispiel eine gemeinsame Erklärung gegen rechte Gewalt im Stadion. Das würde zwar nett aussehen, hätte aber null Auswirkung auf die bestehenden Probleme – doch Energie Cottbus könnte mit den Bildern und dem BVB für sich werben. Das wäre unfassbar nervig.

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