Unsa Senf

Schuften für die Meisterschaft

17.01.2019, 00:01 Uhr von:  Neusser Jens Seb Nicky
Schuften für die Meisterschaft
Marbella – 16° Celsius über dem Gefrierpunkt, in der Sonne gefühlt wie 25°C.
Marbella – 16° Celsius über dem Gefrierpunkt, in der Sonne gefühlt wie 25°C.

Marbella – 16° Celsius über dem Gefrierpunkt, in der Sonne gefühlt wie 25°C. Immer wieder betonen Spieler und Offizielle, wie gut die Trainingsbedingungen im Süden von Spanien sind. Die Fokussierung ist zu spüren am „Dama de Noche“, dem diesjährigen Trainingsgelände. Was sich eher wie ein Edel-Saunaclub anhört, ist ein sehr neues Trainingszentrum, das sowohl dem BVB als auch Fortuna Düsseldorf mehrere Plätze und Funktionsräumlichkeiten bietet. Wie neu das Trainingsgelände ist, erleben wir bei der Anreise: Am Rande des Parkplatzes wird noch gebaut und es stehen haufenweise nagelneue, ja sogar noch eingepackte Fitnessgeräte herum.

Es staubt, als wir mit dem Auto auf dem Parkplatz fahren, was vor allem an der Sonne und der fehlenden Asphaltdecke liegt. Auf dem Fußballplatz wird der fehlende Regen durch eine Sprinkleranlage ersetzt – sehr zu unserem Leidwesen: Immer kurz vor Beginn des Trainings wird der Rasen gesprengt und beschert auch den Presseplätzen eine ungewollte Dusche. Ein Sprinkler ist wohl etwas zu hoch eingestellt. Glücklicherweise trocknet in der Sonne alles schnell.

Bereits am Anreisetag steht die Mannschaft zu einer ersten Einheit auf dem Rasen. Diese verpassen wir leider noch, ebenso wie die geheime Einheit am Abreisetag. An den restlichen Tagen konnten wir sechs von neun Trainingssitzungen sowie drei Testspiele mitansehen und schildern hier einige Eindrücke:

Verletzungen

Nur selten stehen Lucien Favre wirklich alle Spieler des üppigen BVB-Kaders auf dem Platz zur Verfügung. Manuel Akanji flog gar nicht erst mit, andere steigen erst langsam wieder ins Training ein. Delaney, Diallo, Zagadou, Bruun Larsen, Alcacer, Dahoud schuften zunächst nur individuell im Fitnesszelt, alle steigen aber im Laufe des Trainingslagers wieder ins Mannschaftstraining ein – der Eine mehr, der Andere weniger. Außer Zagadou und Alcacer spielen auch alle genannten mindestens eine Halbzeit in den Testspielen. Dann war da noch unser Kapitän: Marco Reus präsentierte sich gut in den ersten drei Trainingseinheiten, musste dann aber auf Grund von Magenproblemen bis zum Abreisetag aussetzen. Immerhin hat es in diesem Jahr nur einen Spieler getroffen und nicht wie im letzten Jahr die halbe Mannschaft. Mittlerweile ist der gebürtige Dortmunder aber wieder genesen.

Training

Die Trainingseinheiten gestalten sich sehr abwechslungsreich.
Die Trainingseinheiten gestalten sich sehr abwechslungsreich.

Die Trainingseinheiten gestalten sich sehr abwechslungsreich. Das gilt sowohl für die Inhalte als auch für die Intensität. Auf teilweise sehr intensiv geführte Einheiten folgte meistens eine etwas ruhigere, wobei „ruhig“ da auch durchaus relativ gesehen werden kann.Inhaltlich dreht sich im Training alles um das runde Leder, reine Fitnesseinheiten bekommen wir nicht zu Gesicht. Außer ein bisschen Sprinttraining mit Gewichten und Gummizug holen sich unsere Jungs die notwendige Fitness entweder bei Übungen im Fitnesszelt zu Beginn oder Ende der Einheit – oder eben bei der Arbeit mit und gegen den Ball. Abwechslungsreich geht es auf dem Platz zu: In allen öffentlichen Trainings sehen wir eine hohe Variabilität an Übungen. In der Zeit des Trainingslagers doppelt sich nur eine Übung, da die Mannschaft in zwei größere Gruppen eingeteilt ist – vormittags dribbelt Gruppe A, nachmittags Gruppe B. Ansonsten sind immer wieder Abwandlungen und neue Herausforderungen erkennbar. Einen solchen Variantenreichtum suchte man unter Peter Bosz und Vornamensvetter Stöger vergeblich. Auffällig ist außerdem, dass nahezu jede Übung mit irgendeiner Form von Wettbewerb verbunden ist. So muss die Verlierergruppe des oben angesprochenen Dribbling-Parcours die Gewinnergruppe im Anschluss Huckepack tragen oder die langsamste Gruppe einer Passübung im Nachgang gesammelt Liegestütze machen. Dies sorgt bei allen Übungen neben gesteigertem Fokus für größere Intensität, einen andauernden Wettkampfgedanken und auch für eine Menge Spaß.

Inhalte

In nahezu allen Trainingsszenarien steht den Feldspielern nur ein verengter Raum zur Verfügung. Das Schaffen und Auflösen von Pressingsituationen wird eingehend geübt – ob in Abwandlungen des Rondos oder beim zehn gegen zehn auf stark verkleinertem Feld. Immer wieder geht es darum, den Ball sicher in den eigenen Reihen zu halten, während die Anderen versuchen, den Ball zu erobern. Mal bekommt die ballführende Mannschaft Hilfe von neutralen Spielern in der Mitte und am Rand, die allerdings mit weniger Kontakten spielen müssen, mal geht es in größerer Runde gegeneinander. Mal wird mit Torwart, mal auf drei winzige Tore gespielt, zu denen man sich entsprechend länger vorkombinieren muss. Wirkliche Spielzüge oder einstudierte Angriffe sind nicht im öffentlichen Umfang des Trainings zu sehen, dafür großer Fokus auf Pressing und Passstafetten mit wenigen Ballkontakten.

Diese Spieler fallen auf

Marbella
Marbella

Grundsätzlich lässt sich attestieren, dass es keinen Totalausfall gibt. Alle Spieler ziehen im Training mit und niemand fällt negativ aus der Reihe, nicht mal jene Spieler, die in der Hinrunde keine ernstzunehmende Chance auf einen Platz im 18er-Kader hatten. Wie oben bereits erwähnt, unterscheiden sich nur die Umfänge je nach Trainingseinstieg. Positiv sticht Shinji Kagawa ins Auge. Immer wieder zeigt der wuselige Japaner sich motiviert und scheint noch ein paar Körner drauflegen zu wollen. Aber auch Dahoud hinterlässt einen prägenden Eindruck: Auf der einen Seite knallt er jeden Distanzschuss im Training platziert und wuchtig ins Netz, auf der anderen Seite sorgt er unfreiwillig für Lacher, weil er beim Kopfballtraining nach jedem (!) Kopfball laut aufstöhnt. Scheinbar hat der gute Mahmoud Vorfahren auf dem Tennisplatz. Im Trainingsspiel gegen Feyenoord zeigt Dahoud sich besonders motiviert. Er spricht enorm viel auf dem Platz, fordert viele Bälle, wenn auch manchmal in wenig aussichtsreicher Position: „Schmelle, ich bin da!“, vernimmt man und muss unweigerlich lachen, wenn man auf die fünf die Gegenspieler blickt, die zwischen Marcel Schmelzer und Dahoud stehen. Positionstechnisch fallen Marius Wolf (durchgängig als rechter Außenverteidiger eingesetzt), Jeremy Toljan (Innenverteidiger) und Julian Weigl (ebenfalls Innenverteidiger) auf. Alle drei haben das gar nicht schlecht gemacht. Auch die mitgereisten Jugendspieler, besonders Tobias Raschl und Amos Pieper, hinterlassen einen soliden Eindruck und fallen nicht negativ auf.

Sinnbildlich für die Stimmung im Trainingslager steht übrigens Achraf Hakimi. Immer wieder geht er bei leichtesten Kontakten zu Boden, wälzt sich und bricht dabei in Gelächter aus. Ein kleiner Spaßvogel, der mit viel Freude bei den Einheiten dabei ist. Auf der anderen Seite aber zeigt er auch das andere Bild der Mannschaft. Jeder Ballverlust, jede nicht gelungene Aktion ärgert die Leihgabe von Real Madrid. So laut wie er lacht, so laut schimpft er auch über sich selbst, wenn ihm der Ball verspringt.

Fokus

Die Stimmung wird insgesamt als fokussierter beschrieben als noch im Sommer. In Bad Ragaz wusste noch niemand so richtig, wo die Reise hingeht, in Marbella hat man etwas vor Augen. Die Herbstmeisterschaft und sechs Punkte Vorsprung wecken natürlich einen Antrieb, eine Gier auf eben jenem Platz an der Sonne auch nach Ablauf der Rückrunde zu stehen. Von Spiel zu Spiel denken, jedes Spiel gewinnen wollen und den Fokus auf die perfekte Vorbereitung, diese Stimmungen sind greifbar. Trotzdem ist es keine gehemmte Stimmung. Wie Sinnbild Hakimi ist die Mannschaft mit Elan und Spaß bei der Sache, sie ist gleichzeitig gelöst und fokussiert.

Und dann waren da noch die Fans

Wie immer sind auch diesmal wieder Fans mit dem BVB ins Trainingslager gereist, manche zum ersten Mal, manche schon öfter als andere alt sind.
Wie immer sind auch diesmal wieder Fans mit dem BVB ins Trainingslager gereist, manche zum ersten Mal, manche schon öfter als andere alt sind.

Wie immer sind auch diesmal wieder Fans mit dem BVB ins Trainingslager gereist, manche zum ersten Mal, manche schon öfter als andere alt sind. Warum auch nicht? Die Sonne lacht, in Deutschland ist es grau. Was gibt es schöneres als seiner Mannschaft bei Bier, Wein, Serrano-Schinken und gefühlten 25 Grad beim Training zuzusehen? Der BVB hat zwei Fanbeauftragte dabei, die sich um die relativ kleine Gruppe (ca. 30 Fans) kümmern und ihren Job in der Woche überragend machen. Immer ansprechbar, immer mit einem offenen Ohr, immer mit schnellen und präzisen Antworten, einem Lächeln und lockeren Spruch auf den Lippen. Trotzdem sind auch ihnen manchmal die Hände gebunden: Das Aufhängen von Zaunfahnen wird zunächst untersagt. Weder am Türmchen, von dem aus gefilmt wird, noch an der Bande (an einer Stelle, wo keine Werbung ist) dürfen die wenigen Fahnen der weit mitgereisten Fanclubs angebracht werden. Aus dem Funktionsteam kommt dann der Vorschlag, dass man zwei Slalomstangen zur Verfügung stellen könnte, woran die Fahnen befestigt werden – was von den betroffenen Fans bestenfalls mit einem müden Lächeln quittiert wird. Auf das Rumgeeier hat keiner Bock, sodass es dann noch ein paar Tage dauert, bis Carsten Cramer im Trainingslager ankommt und ein Machtwort spricht. Natürlich dürfen die Fahnen an der Bande aufgehangen werden.

Die Mannschaft zeigt sich insgesamt eher distanziert. Woran das liegt, darüber lässt sich nur mutmaßen. Dass es rein von den Spielern ausgeht, ist angesichts der Videos von Axel Witsel beim Derbysiegerempfang eher nicht zu erwarten. Gerade in einem Trainingslager mit einer überschaubaren Menge an Fans müsste es doch ein Leichtes sein, morgens zu grüßen, zwischenzeitlich zu winken, ein paar Hände zu schütteln und so mal das Singal zu geben: „Wir finden es cool, dass ihr da seid“. Niemand erwartet ausgedehnte Autogrammstunden und Fotosessions, zumal ein großer Teil der mitgereisten Fans sicher nicht aus den klassischen Autogrammjägern bestand, aber dass quasi gar nichts kommt, ist hinsichtlich der Ankündigungen zu Saisonbeginn und der Erfahrungen der bisherigen Saison wirklich bitter. Immerhin gibt es das traditionelle Foto mit Mannschaft und Fans – und vier bis fünf Spieler bleiben auch noch für Autogramme. Dass diese, leider einmalige Aktion, dann jedoch auf den Social Media Kanälen des BVB als besondere Fannähe beworben wird, verpasst dem Ganzen dann schon einen gewissen Slapstick-Anstrich. Schade, dass man die Verbesserung des Verhältnisses zu den Fans zumindest für die Zeit des Trainingslagers als erledigt gesehen hat.

Fazit

Die Mannschaft ist bereit, so scheint es jedenfalls. Alle sind fokussiert, alle haben gut trainiert und konnten in der Sonne Spaniens noch ein bisschen Vitamin D vor dem Rückrundenstart tanken. Einzig die Ausfälle und angeschlagenen Spieler bereiten ein bisschen Bauchschmerzen, aber wie bei Marco Reus sind diese hoffentlich nur temporär.

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