Unsa Senf

Scheiß Arbeitsauffassung statt Mentalitätsscheiß

06.10.2019, 16:32 Uhr von:  Sascha
Scheiß Arbeitsauffassung statt Mentalitätsscheiß

Man solle mit dieser Mentalitätsscheiße aufhören, meinte jüngst Kapitän Reus. Recht hat er. Das Problem ist nämlich bereits, dass es einige Spieler gibt, die schon die Mindestanforderungen an das Berufsbild des Profifußballers nur sehr unzureichend erfüllen und es eklatant an den Grundlagen mangeln lassen. Dass man vielleicht lieber einen anderen Fußball spielen möchte, als es der Übungsleiter vorgibt, ist keine gültige Ausrede.

Auf der Arbeit gibt es eine goldene Regel: Wenn man sich über jemanden ärgert, nie sofort antworten. Eine Nacht drüber schlafen und am nächsten Morgen noch einmal über die vorformulierte Antwort lesen. In der Regel wird sie dann noch einmal überarbeitet und deutlich entschärft, weil man ja notwendigerweise mit seinen Kollegen noch eine längere Zeit zusammenarbeiten muss und es wenig hilfreich ist, ihnen vor den sprichwörtlichen Koffer zu scheißen.

Zum Glück ist Borussia aber Freizeit, keine Arbeit. Als Fan kann ich „therapeutisch“ schreiben und mich aufregen. Es kann mir dabei herzlich egal sein, ob sich ein Spieler, der Trainer, oder einer der Verantwortlichen dadurch angegriffen fühlt. Die Anzahl unserer Berührungspunkte außerhalb dieses Spielbetriebs liegt eh bei null.

Also, sprechen wir doch einfach mal über das, was man zum Beispiel in Freiburg gesehen hat. Keine Angst, hier geht’s nicht schon wieder um eine „Mentalitätsscheiße“. Es geht um etwas anderes, nämlich um Arbeitsauffassung und die ist in Teilen einfach ziemlich besch... eiden. Es gibt vermutlich einige Kicker im Kader, die mit der taktischen Vorgabe des Trainers nicht einverstanden sind, lieber nach vorne spielen und Tore machen wollen, statt sich nach einer Führung erst mal wieder enger zu staffeln und den Gegner kommen zu lassen. Das ist verständlich, Offensivfußball macht auch uns auf der Tribüne mehr Spaß als zuzugucken, was die andere Mannschaft mit dem Ball so anstellt. Und trotzdem heißt das nicht, dass man diese taktischen Vorgaben nicht nach besten Kräften umzusetzen hat und sich stattdessen mit Larifarischeiße über die 90Minuten retten darf. Was vor allem die Offensivspieler in gegnerischen Ballbesitzphasen als Arbeitsnachweis anbieten, ist oft genug unterirdisch. Von der Tribüne aus hat man einen guten Überblick über teilweise faszinierende Joggingwege, die weder in Geschwindigkeit noch Richtung irgendeine negative Auswirkung für die andere Mannschaft haben. Aber wenigstens kann man ihnen nicht vorwerfen, gar nichts gemacht zu haben, schließlich zählt jeder gemachte Meter für die Statistik, die man hinterher für sich anführen kann.

Wobei man allerdings auch stark bezweifel muss, ob körperliche Nähe zum Gegenspieler die Situation so grundlegend ändern würde. Wir haben augenscheinlich etliche Verfechter des gewaltlosen Widerstandes im Kader, deren Körpereinsatz den Spielern der anderen Mannschaft maximal ein müdes Lächeln abringt. So lässt man sich dann ziemlich problemlos zur Seite wegschieben, fällt hin und schaut mit Dackelblick zum Schiedsrichter, der wiederum eher genervt abwinkt und zum Weiterspielen anhält. Stattdessen sitzt man dann mit weit ausgebreiteten Armen und offenem Mund auf dem Hosenboden und beklagt die Ungerechtigkeit der Welt, während sich der Gegner mit dem Ball auf und davon macht. Eine adäquate Arbeitsauffassung würde sich in einem Aufspringen und einer Verfolgung des Balles darstellen, weil der Schiri seine Meinung in der Regel eh nicht ändert, wenn man nur kräftig genug um einen Freistoß bettelt, und es das eigene Team durchaus vor Probleme stellen kann, wenn ein Raum nicht besetzt ist.

Dann kommen wir noch zu einem Aspekt, der für die Ausübung einer Aufgabe wesentlich ist: Konzentration. Um so mehr, wenn das Arbeitstempo so hoch ist wie im Profifußball und das Gelingen von einer genauen und sauberen Ausführung der Arbeitsgänge abhängig ist. Hier findet man dann allerdings Defizite in allen Mannschaftsteilen. In Prag spielt Slavia einen langen Ball auf einen deutlich im Abseits stehenden Mitspieler. Der bemerkt das sofort und joggt locker weg. Grund genug für unsere Defensive, die Situation als erledigt abzuhaken und überhaupt nicht mehr auf den anderen Gegner zu achten, der seine Chance wittert und dem freien Ball aufmerksam hinterher hetzt. In Freiburg kullert der Ball gemütlich Richtung Seitenaus und bevor die Situation endgültig geklärt ist, wird schon fröhlich mit dem Arm gewunken und dem Schiri angezeigt, dass man den Einwurf gerne hätte. Der Freiburger Gegenspieler stochert dagegen konzentriert den Ball, noch bevor er komplett die Auslinie überquert hat, wieder ins Feld zurück und leitet eine Torchance ein. Man kann nur erahnen, wo sich die Spieler gedanklich gerade in diesen Momenten befinden. Checkt man gerade, ob man alles in den Koffer für den nächsten Kurztrip ans Mittelmeer gepackt hat? Oder fragt man sich, wie viele Likes man für das später veröffentlichte Jubelbild aus der Kabine wohl kassieren wird? Auf jeden Fall ist man mit seinen Gedanken nicht dort, wo man gerade sein sollte: auf dem Platz.

Um alle Szenen unser offensiven „Kreativspieler“ detailliert aufzuführen, in denen man nicht die notwendige Konzentration auf den Platz gebracht hat, reicht leider die maximal mögliche Länge einer Internetseite nicht aus. Es ist schon eine reife Leistung, mit dieser Anzahl technisch hoch veranlagter Spieler einen Fußball zu spielen, der schwach ist und immer schlechter wird. Immer wieder werden gute Möglichkeiten durch ein Passspiel vernichtet, das oft schlicht und ergreifend schlampig ist. Die Bälle werden in Umschaltsituationen weder genau, noch in der richtigen Geschwindigkeit weitergeleitet und machen es dem Gegner verhältnismäßig leicht, sie zu verteidigen. Nun, wenn EA die Passwertung bei der neuen FIFA-Ausgabe nicht der eigenen Wahrnehmung anpassen will, dann passt man anscheinend die Realität eben der Einschätzung im Spiel an.

Dabei ist eins völlig klar: Egal wie es mit der Besetzung der Trainerbank in Zukunft aussieht, wenn einige Spieler nicht ihr „Gezocke“einstellen und ihre Arbeitsweise den tatsächlichen Erfordernissen anpassen, wird es mit jeder Taktik schwer. Reißt Euch zusammen und erledigt Euren Job anständig.

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