Unsa Senf

Immer noch Meisterrennen

08.04.2019, 10:04 Uhr von:  Sascha
Immer noch Meisterrennen

Uff, das hat gesessen. Mit der Hoff­nung, dies­mal in München bedeu­tend bess­er auszuse­hen als in den let­zten Jahren und ide­al­er­weise Platz 1 in der Allianz Are­na zu vertei­di­gen, gab es eine sat­te Ansage des Serienmeisters.

Null zu fünf aus Dortmunder Sicht und das Ergebnis geht so auch vollauf in Ordnung. Schon nach der ersten Halbzeit war glasklar, wer Kuchen und wer Krümel im Kampf um die Schale ist. Der optische Unterschied schien nicht in zwei Punkten, sondern einer ganzen Ligaklasse zu bestehen. Absolut keine Frage, der Abend hat Spieler, Funktionäre, aber auch die Fans hart angeknockt.

Nicht nur wegen des Ergebnisses, sondern vor allem wegen der Art und Weise, wie komplett mut- und hilflos die eigentlich als Anwärter auf die Meisterschale dort angetretene Borussia agierte, war das Spiel völlig konsternierend und desillusionierend. Ganz realistisch betrachtet, besteht der Rückstand auf die Bayern in nur einem Punkt. Der Spielverlauf jedoch lässt den Abstand fast unüberbrückbar erscheinen. Hier zaghafte Meistermimosen in schwatzgelb, dort rot-weiße Bayern, die am Ende doch jeden Angriff auf Platz 1 kalt lächelnd abschmettern und jetzt auch souverän bis Saisonende verteidigen werden.

Auch mit einigen Stunden Abstand zu dieser Demütigung par exellence fällt es schwer, sich an diesen einen Punkt zu klammern und die Hoffnung am Leben zu halten. Natürlich, Düsseldorf kann einen Überraschungscoup wie in der Hinrunde gegen die Bayern erzielen und Leipzig sowie Frankfurt gehören auch zu den schwersten Aufgaben, die die Liga zu bieten hat. Aber man kann sich das so oft wie nur möglich vorsagen, es klingt irgendwie hohl und schal und mehr nach dem Pfeiffen im Walde als nach ernsthafter Überzeugung. Die 90 Minuten am Samstag haben keine Mannschaft von Borussia Dortmund gezeigt, die so etwas einfach abschüttelt und jetzt alle übrigen Aufgaben bis Saisonende erfolgreich beenden wird.

Nicht nur für die Spieler ist es schwer, mit dieser Situation umzugehen, auch als Fan steht man irgendwie hilflos vor den letzten sechs Partien bis Saisonende. Um alle Hoffnungen fahren zu lassen, ist es eigentlich zu früh, aber so richtig mit letzter Entschlossenheit kann man an den Titel auch nur schwer glauben. Vielleicht muss man das auch gar nicht. Vielleicht ist der Gedanke an die Schale momentan fehl am Platze und es geht einzig und allein darum, einen Meisterschaftskampf so lange zu genießen, wie es nur geht.

Seit der Saison 2011/2012 waren wir nicht mehr in der Situation, auf der Zielgeraden der Spielzeit noch im Titelrennen zu sein und wenn der kostspielige Umbruch der Bayern halbwegs funktioniert, werden wir auch in den nächsten Jahren aus relativer Entfernung zuschauen, wie man an der Säbener Straße nur noch gegen eigene Punkterekorde anspielt. Also das Hier und Jetzt so lange mitnehmen, wie wir dabei sind. Der Kampf um die Schale ist etwas Besonderes und viele Fans anderer Vereine hatten noch nie die Gelegenheit, so etwas mit dem eigenen Verein zu erfahren. Es ist etwas anderes, als einfach nur ein Saisonziel zu erreichen und am Ende darum zu kicken, ob man nun als Zweiter, Dritter oder Vierter in die Champions-League einzieht. Man zittert zwar mit und jede Saison hat ihre eigenen Highlights und erinnerungswürdigen Momente, aber es ist eben nicht so elektrisierend wie der Kampf um ein wirklich großes Ziel.

Hand aufs Herz: Wer hat in der Winterpause nicht den Saisonverlauf im Geiste durchgespielt und errechnet, wie man den Vorsprung bis ins Ziel rettet? Wer war nicht gespannt wie ein Flitzebogen auf den Rückrundenstart gegen Leipzig und wollte nicht unbedingt wissen, ob wir die Form der Hinrunde auch in die zweite Hälfte der Spielzeit rüber retten konnte? Wer hat nicht getobt, als wir in Berlin fast mit dem Abpfiff noch den Siegtreffer erzielt haben und an den Münchnern drangeblieben sind? Und bei wem haben Samstag den ganzen Tag über nicht die Finger gekribbelt vor lauter Nervosität und Aufregung?

So fühlt sich Titelkampf an und auch wenn es richtig heftig an die Nieren geht und Momente bis zur Unerträglichkeit dehnt, es ist einfach geil. Die Aussicht, am Ende der Saison das große Ziel erreichen zu können, fixt an wie nichts anderes und stürzt einen in genau dieses Gefühlschaos, das den Fußball so liebenswert macht. Es sorgt für eine Spannung, die einerseits kaum zu ertragen ist, einen aber andererseits wieder richtig für diesen Sport begeistern kann. Machen wir das Beste draus und halten dieses Gefühl so lange am Leben, wie es nur geht.

Es werden noch genug Saisons kommen, an die man sich später nur noch schemenhaft erinnern wird, weil sie nur wenige Höhen und Tiefen bieten. Selbst wenn die Bayern am Ende wieder Meister werden, noch ist die Chance da, dass am 34. Spieltag die Spannung auf die Spitze getrieben wird, wir in Gladbach unsere Mannschaft auf dem Rasen sehen und mit einem Ohr darauf hören, was in München passiert. Vielleicht kommt es nicht so. Ja, eventuell ist sogar nächstes Wochenende schon Schluss damit, dass man sich noch realistisch als Rivale der Münchner um den Titel betrachten kann, aber so lange sollten wir uns im Meisterrennen fühlen. So viel Emotionalität aus der Saison 2018/2019 ziehen, wie nur geht. Samstag Mainz schlaaschlagen und dabei bleiben. Was sonst noch passiert, wird man sehen.

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