Unsa Senf

Ich VAR mal dafür

24.06.2019, 16:22 Uhr von:  Michael
Ich VAR mal dafür

Man stelle sich folgende Situation vor: 2 Minuten vor dem regulären Ende führt deine Mannschaft mit 3:2. Ein Ergebnis, dass euch höchstwahrscheinlich eine Runde weiter bringt. Und dann gibt es Elfmeter. Für die Gegner. Und du weißt, jetzt hängt alles an dir. Dem Torwart.

Der Elfmeter kommt und du? Ahnst die richtige Ecke und wehrst den Ball ab. Und auch beim Nachschuss kriegst du ein Körperteil dazwischen. Jubel brandet auf. Du bist der Held. Du bringst deine Mannschaft eine Runde weiter.

Doch plötzlich fasst der Schiedsrichter sich ans Ohr. Der VAR meldet sich: Beim Elfmeter bist du zu früh nach vorne gegangen. Nicht viel. 20 Zentimeter vielleicht. Auf jeden Fall sicher nicht so weit, dass du dadurch einen Vorteil erlangt hast. Aber der Elfmeter wird trotzdem wiederholt. Und diesmal hast du kein Glück. Der Ausgleich. Du bist raus.

Weit hergeholt? Von wegen. Erst vor kurzem passiert. Bei der Fußball-WM der Frauen. Zwischen Schottland und Argentinien.

Nun muss ich fairerweise gestehen, dass die Regelauslegung explizit so gefordert ist, es also falsch ist, an dieser Stelle die Schuld nur auf den VAR zu schieben. Aber das Beispiel zeigt, wie technische Hilfsmittel plötzlich minimale Regelverstöße mit maximalen Folgen aufdecken.

Vorab: Wie der Titel es schon zeigt, ich war ein Befürworter des VAR. Ich hasse Ungerechtigkeit. Ein Pokalfinale zu verlieren, weil ein klares Tor nicht gegeben wird, verhagelt mir die Laune für Tage. Es ist okay zu verlieren, weil man schlechter war. Das gehört beim Fußball dazu. Ja okay, es verhagelt mir auch die Laune, aber nicht so nachhaltig. Aber es ist nicht okay, zu verlieren, weil der Schiedsrichter einen schlechten Tag hatte (auch wenn ich den Damen und Herren in Schwarz durchaus auch schlechte Tage nachsehe). Doch die Nachteile des VAR wiegen diese größere Gerechtigkeit nicht auf.

Mit der Einführung des VAR tendiert der Fußball immer mehr in eine schwarz-weiße Richtung. Es gibt in einer Situation nur noch richtig oder falsch. Der VAR kann jede Situation in Zeitlupe zerlegen und stellt dann fest, dass sich der Fuß der schottischen Torhüterin beim Schuss Millisekunden früh bewegt hat. Für die Schiedsrichterin auf dem Feld kaum zu erkennen, von der Torhüterin mit Sicherheit keine Absicht, für den VAR innerhalb von Sekunden zweifelsfrei belegbar. Ein minimales Vergehen, das zudem bei diesem schwach geschossenen Elfmeter keinerlei Auswirkungen auf das Ergebnis des Elfmeters hatte. Oder will mir jemand ernsthaft erzählen, dass die Torhüterin den Ball nicht gehalten hätte, wenn sie 10 Millisekunden später die Linie verlassen hätte?

„Jaha“, mag jetzt jeder Regelkundler sagen, „Regel ist nun mal Regel“. Das mag sein, aber, erlaubt mir diese Arroganz, dann habt ihr noch nie Fußball gespielt. Alleine die Vorstellung, ich könnte auf diese Weise scheitern, treibt mich die Wände hoch. Ich will, dass die Schiedsrichter ihre Energie darauf verwenden, Fouls und Schwalben zu ahnden, aber ich will nicht, dass sie bei Abseitspositionen irgendwelche unsinnigen Linien ziehen oder die Grashalme zwischen Schuh und Torlinie zählen. Hat der VAR eigentlich gecheckt, ob die Argentinierinnen auch alle beim Schuss brav außerhalb des Strafraums standen?

Ähnlich sieht es bei den viel diskutierten Handspielen aus. Wenn ich jedes Handspiel drehe und wende, finde ich immer eine Einstellung, in der die Körperhaltung unnatürlich wirkt. Und zack: Elfmeter. Weil jemand aus 40 Zentimetern angepölt wird. Euer f*cking Ernst? Das hat doch mit Fußball nichts zu tun.

Und noch eine Auswirkung des VAR macht mir zu schaffen: ich jubel seltener. Beim 3:2 von Paco gegen Bayern war ich mir sicher, dass das Tor wegen Abseits zurückgenommen wird. Das Stadion explodierte und ich starrte gebannt auf Manuel Gräfe und den Griff ans Ohr. Mein Jubel beim Anstoß fiel dann deutlich weniger euphorisch aus. Nun mögen unverbesserliche Optimisten sagen, dass ich ja theoretisch sogar doppelt jubeln könnte, beim Tor und beim Anstoß, aber ich bin kein Optimist.

Ich will mein früheren Jubel zurück. Die Eskalation nach einem kurzen Blick zum Linienrichter und das grinsende „War doch Abseits, oder?“ wenn ich meinem Nebenmann in den Armen liege. Es war sinnvoll, den VAR zu testen. Aber jetzt ist auch mal gut.

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