Unsa Senf

Der Klopp-Faktor

10.04.2019, 15:04 Uhr von:  Caroline
Der Klopp-Faktor

Die 5:0-Pleite aus München sitzt auch Tage danach tief. Es wird immer deut­lich­er: Dem BVB fehlt der Klopp-Faktor.

Da war sie wieder, diese naive Hoffnung, die dank der vermeintlich realistischen Chance auf die Meisterschaft aufkeimte, nur um anschließend mit einer ja fast schon zur Gewohnheit gewordenen jährlichen Klatsche in Bayerns Landeshauptstadt nieder zu krachen.

Doch es ist nicht unbedingt die Niederlage an sich, die so schmerzt. Faktisch hat der BVB nur einen Punkt Rückstand auf die Bayern und das Meisterschaftsrennen aufgrund des Duells nicht mehr in der eigenen Hand, aber ein Punkt zu diesem Zeitpunkt der Saison sollte den Titelkampf noch nicht „für beendet“ erklären. Was die Hoffnung jedoch trübt und am Samstagabend wirklich schmerzte, war die Art und Weise wie die Mannschaft in München auftrat: Katastrophal. Angsthasenfußball vom Feinsten.

Eine Machtdemonstration im Spitzenspiel
Eine Machtdemonstration im Spitzenspiel

Man kann es Menschen schlecht zum Vorwurf machen, dass sie ängstlich sind. Nur wenn du Angst hast, brauchst du beim Rekordmeister erst gar nicht anzutreten. Und gerade da fällt auf: Der Borussia fehlt etwas, dass sie vor einigen Jahren noch tief verinnerlicht hatte – der Klopp-Faktor.

Vorfreude statt Angst

Ich bin kein Mensch, der sich an die Klopp-Jahre klammert und dem, was war, hinterhertrauert. Die 7 Jahre mit 3 Titeln und dem Champions-League-Finale waren überragend und vermutlich werden wir unseren Enkelkindern noch davon erzählen. So klischeehaft und kitschig das auch klingen mag, es scheint einiges an Wahrheit dahinter zu stecken, wenn man bedenkt, wie jedes Jahr aufs Neue an legendäre Spiele wie Malága erinnert wird. Jürgen Klopp passte perfekt zum BVB, dennoch war der Abschied 2015 richtig und unumgänglich: er machte den Weg frei für etwas Neues. Doch Neues heißt auch, dass man vom Alten loslassen muss – das wurde bspw. in personeller Hinsicht lange vernachlässigt. Daher tue ich mich schwer damit, nun einen Punkt aus der Klopp-Ära aufzugreifen, der uns tatsächlich abhandengekommen ist, doch er wird mit jeder Klatsche in einem Topspiel umso deutlicher: Jürgen Klopp hat keine Angst vor großen Spielen, er hat eine unbändige Vorfreude, die er auch auf seine Mannschaft überträgt. Da ist kein Platz für unnötige Sorgen und Verunsicherung.

Doch auch hier muss man der Vollständigkeit halber festhalten, dass auch Klopp diesen Faktor in seiner letzten Saison beim BVB 2014/15 nicht halten konnte. Als der sportliche Erfolg ausblieb und der BVB in der Tabelle immer weiter nach unten rutschte, konnte man auch die Verunsicherung innerhalb der Mannschaft förmlich greifen. Doch im April 2019 sind wir nicht Tabellenletzter. Vor dem Aufeinandertreffen mit Bayern München waren wir gar Tabellenerster mit zwei Punkten Vorsprung. Sollte das nicht mehr für Selbstbewusstsein denn für Angst sprechen?

Bundesliga: Bayern vs. Dortmund

  • unter Jürgen Klopp:
    2008/09: 3:1 (1:1)
    2009/10: 3:1 (1:1)
    2010/11: 1:3 (1:2)
    2011/12: 0:1 (0:0)
    2012/13: 1:1 (0:0)
    2013/14: 0:3 (0:1)
    2014/15: 2:1 (0:1)

  • unter Tuchel, Stöger und Favre:
    2015/16: 5:1 (2:1)
    2016/17: 4:1 (2:1)
    2017/18: 6:0 (5:0)
    2018/19: 5:0 (4:0)
"Wir brauchen viele Jahre, bis wir verstehen, wie kostbar Augenblicke sein können."
"Wir brauchen viele Jahre, bis wir verstehen, wie kostbar Augenblicke sein können."

Mit Jürgen Klopp lag man in keiner Bundesliga-Halbzeit in München hinten, seit 2015 geht man hingegen immer mit einem Rückstand (allein in den letzten beiden Spielen mit insgesamt 9 Toren) in die Pause. Ganze 20 Tore kassierte man in den Bundesliga-Auswärtsspielen beim Rekordmeister in den letzten vier Jahren und schoss dabei nur 2 Ehrentreffer. Unter Klopp trafen die Bayern in 7 Partien zuhause 10 Mal gegen uns, allerdings schoss der BVB im Gegenzug auch 11 Tore. Übrigens ging auch das letzte Bundesliga-Duell vor der Klopp-Ära mit 5:0 verloren. Das Team fuhr unter Klopp mit dem Ehrgeiz nach München, etwas mitnehmen zu können, nicht mit der Angst etwas zu verlieren. Klopp wusste es, die Mannschaft aber auch die Fans für große Spiele zu begeistern. Selbst vor dem Heimspiel gegen Real Madrid, in das man als Underdog ging und das im Vorfeld maßgeblich von der Personalie Mario Götze geprägt wurde, dessen Wechsel zum größten nationalen Konkurrent bekannt wurde, schaffte Klopp die richtige Stimmung, die im Stadion ihre Umsetzung fand und auf dem Platz in einem überragenden 4:1-Sieg im Halbfinale der Champions League mündete.

Im Titelrennen zu oft gestolpert

In der Hinrunde 2018/19 wurde klar, dass wir wieder etwas Großes erreichen könnten. Der 4:0-Sieg gegen Atlético hatte 2012/13er Züge – wenn auch „nur“ in der Gruppenphase. Souverän überwinterte man mit nur einer Niederlage auf Platz 1 der Bundesliga-Tabelle. Und doch griff ab Februar mit dem Ausscheiden im Pokal die Verunsicherung wieder um sich, die in der 5:0-Machtdemonstration der Bayern ihren Höhepunkt fand. Eine Niederlage, die man ahnen konnte, wenn man sich nicht der naiven Hoffnung hingegeben hätte, dass es diesmal doch anders werden könnte, als in den 3 Jahren zuvor… Schnell wurde klar: Die Mannschaft hat die Buchsen voll und wird wohl kaum den Bayern ihre Ledernen ausziehen. Favre konnte das Team nicht für das Spiel begeistern und hatte stattdessen mit seinen personellen Fehlentscheidungen einen erheblichen Anteil am Ergebnis. Auch in Halbzeit 2 zeigte sich kein Aufbäumen und die Wechsel sollten wohl eher Schlimmeres verhindern als den Rückstand verkürzen. Eine Einstellung, die in München tödlich ist.

Der BVB muss den Spaß am Fußball zurückgewinnen, die Vorfreude auf große Spiele entwickeln, die jegliche Angst übertrumpft. Es gibt viele harte Faktoren, die der Verein gezielt mit Transfers, Personalentscheidungen, Trainingsbedingungen, etc. beeinflussen klar. Hierbei geht es jedoch um einen weichen Faktor, den Klopp-Faktor. Es muss etwas in den Köpfen geschehen, und das ist schwieriger als jeder Millionen-Transfer. Der BVB muss langfristig wieder ein Umfeld erschaffen, in dem die Freude am Spiel wieder größer wird als die Angst zu verlieren. Denn wer mit Angst spielt, hat im Grunde schon verloren. Ich wünsche mir eine Mannschaft, die mit Mut in wichtige Spiele geht. Und selbst wenn sie verliert, ist es okay, solange der Auftritt stimmt.

Zumindest den 2. Derbysieg hat man noch in der eigenen Hand und die Meisterschaft ist noch nicht verloren.
Zumindest den 2. Derbysieg hat man noch in der eigenen Hand und die Meisterschaft ist noch nicht verloren.

Kurzfristig gilt: Die Hoffnung ist zwar nicht gerade groß, dass die Bayern noch ernsthaft Punkte liegen lassen und wir sämtliche Spiele gewinnen, aber wer weiß das schon? Man muss mit der Einstellung in die Spiele gehen, dass wir hier immer noch etwas Großes gewinnen können, denn vorbei ist diese Saison noch lange nicht.

Alles für Borussia!

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