Spieler im Fokus

Julian Weigl – Entwicklung unter dem Radar

21.02.2019, 09:02 Uhr von:  Sascha
Julian Weigl – Entwicklung unter dem Radar

Auch wenn wir aktuell gerade eine sportliche Delle durchlaufen, gab es bislang einige Spieler, die nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht haben. Marco Reus natürlich, der eine enorme Bedeutung für das Spiel hat und das Kapitänsamt mit einer Souveränität lebt, die ihm wohl nur wenige zugetraut haben. Oder Axel Witsel, der nach einigen Jahren in der sportlichen Diaspora aus dem Stand zu den Besten der Liga auf seiner Position gehört. Natürlich gehört auch Roman Bürki in diese Reihe. Die letzte Saison war so katastrophal, dass man bei manchen Spielen ins Grübeln kam, wie es der Schweizer jemals in den Kader einer Nationalmannschaft schaffen konnte und in diesem Jahr hat er dem BVB schon mit etlichen tollen Paraden den Erfolg gerettet. Bei so viel offensichtlichem „Heldenglanz“ geraten andere Spieler eventuell etwas in den Schatten, aber auch dort gibt es Entwicklungen, die beachtenswert sind. Eine dieser positiven Entwicklungen kann man bei Julian Weigl bestaunen.

Vorweg muss man sich auch bei ihm erst einmal in Erinnerung rufen, dass Weigl vor einem halben Jahr erst 23 Jahre alt geworden ist. Ein Alter, in dem Spieler vor zehn oder fünfzehn Jahren gerade einmal dem Status „muss man langsam an den Profifußball heran führen“ verlassen haben. Das vergisst man oft, weil der ehemalige Spieler der Münchener Löwen bereits seine vierte Saison beim BVB spielt und bald schon allein in der Bundesliga 100 Pflichtspiele für unsere schwarz und gelben Farben absolviert hat. Auch das Auf und Ab im Profifußball ist Weigl mittlerweile wohl bekannt. Unter Thomas Tuchel war er die unverzichtbare Passmaschine im defensiven Mittelfeld und wurde dort zum Nationalspieler. Dann kam am 13.05.2017 im vorletzten Saisonspiel gegen den FC Augsburg die Zäsur. In der 23. Minute musste er verletzt ausgewechselt werden. Bruch im Sprunggelenk und drei Monate Pause. Das Pokalfinale in Berlin hat er auf Krücken erlebt. Im Anschluss verließ Tuchel den Verein und seine Nachfolger installierten jeweils Systeme, in denen Weigls größte Fähigkeit, den Ball in hoher Frequenz in die Breite zu passen, um den Gegner auseinander zu ziehen, nicht mehr gefragt waren. Stattdessen wurden Spielweisen etabliert, die eher seine Schwachpunkte aufzeigten. Aufgrund seines Körperbaus nicht robust genug, um ein stabilisierender Faktor für die Defensivarbeit zu sein und im Passspiel zu sehr auf Sicherheit bedacht, um von hinten heraus das Spiel anzukurbeln. Der ideale „Verbindungsspieler“, der er ist, war immer weniger gefragt.

In der letzten Saison und in dieser Hinrunde reichte es oft nur zu einem Bankplatz
In der letzten Saison und in dieser Hinrunde reichte es oft nur zu einem Bankplatz

Folgerichtig war Julian Weigl einer der absoluten Wechselkandidaten in der letzten Sommer- und Winterpause. Ganze drei Spiele in der Bundesligahinrunde, davon keins über die vollen 90 Minuten, waren für alle Seiten einfach viel zu wenig. Kein Wunder, dass die Gerüchte über ein Interesse von Paris St. Germain, die zwischenzeitlich Thomas Tuchel als Trainer unter Vertrag genommen hatten, mehr als nur lauwarm waren. Für Weigl muss das mit Sicherheit eine sehr verlockende Perspektive gewesen sein. Von der Dortmunder Ersatzbank zu einem Kandidaten auf den Champions-League-Sieg und einem Trainer, der nachweislich auf genau ihn als Spielertyp steht. Finanziell wäre ein Wechsel mit Sicherheit auch nicht zu seinem Schaden gewesen. Deswegen kann man ihm absolut keinen Vorwurf machen, wenn er im Interview mit Eurosport angesprochen auf das Wechselveto des BVB freimütig gesteht: "Natürlich war es am Anfang schwer, wenn man so eine Chance in Aussicht hat." Und auch bei den Fans dürfte mittlerweile die absolute Mehrheit dafür gewesen sein, Weigl für einen „branchenüblichen“ Millionenbetrag an die Seine zu verkaufen.

In dieser Situation zeigte sich aber, dass Weigl auch in jungen Jahren als Spieler und als Person deutlich gereift ist. Als im letzten Spiel der Hinrunde mit Zagadou, Diallo und Akanji gleich drei von vier Innenverteidigern ausfielen, stellte Lucien Favre ihn als Notnagel neben Ömer Toprak auf diese Position. Eine Entscheidung, die erst einmal für Bauchgrummeln sorgte. Weigl hatte in der Vergangenheit genau ein Mal als Verlegenheitsverteidiger gespielt und dort, gegen Eintracht Frankfurt, keinen sicheren Eindruck hinterlassen. Kein Wunder, entspricht er doch mit seinen gerade einmal knapp über 70 Kilogramm bei einer Größe von 1,86 Metern alles andere als der körperlichen Idealvorstellung eines Spielers, der sich dort permanent in direkte Zweikämpfe gegen teils bullige Stürmertypen begeben muss. Erstaunlicherweise schlug Weigl sich dort ziemlich gut. Die fehlende körperliche Komponente kompensierte er durch eine gute Spielantizipation, die er sich mit Sicherheit in seiner eigentlichen Rolle als Mittelfeldspieler erworben hat, andererseits grätsche er auch überraschend oft und genau die Gegenspieler ab. Eine Spielweise, die heutzutage zwar eher verpönt ist, weil eine Grätsche nur totalen Erfolg oder totalen Misserfolg kennt und der Gegner im Falle des Nichtgelingens häufig genug frei vor das Tor kommt – aber für ihn wahrscheinlich deutlich sinnvoller ist, als in den direkten Zweikampf zu gehen, in dem die Spieler ihre Körper reinstellen müssen.

Gegen Gladbach hat er sich aber ein Sonderlob vom Trainer verdient
Gegen Gladbach hat er sich aber ein Sonderlob vom Trainer verdient

Er machte seine Sache so gut, dass er in der Folge dort alle sechs Spiele über die volle Spielzeit aufgestellt wurde. Einzig gegen Tottenham fehlte er wegen eines grippalen Infekts. Selbst als die übrigen Innenverteidiger nach und nach ins Mannschaftstraining zurückkehrten, sah Favre keinen Grund, Weigl von dieser Notposition direkt wieder abzuziehen und zumindest dem etatmäßigen Verteidiger Toprak scheint er komplett den Rang abgelaufen zu haben. Im Anschluss an die Partie in Nürnberg gab es allerdings erste kritische Stimmen, die bemängelten, dass er gegen einen offensivschwachen, aber defensiv diszipliniert stehenden Gegner zu wenig getan habe, um das Spiel unserer Borussen von hinten heraus zu eröffnen und schnell zu machen. Ein Vorwurf, der nicht gänzlich von der Hand zu weisen ist. Querpässe im Mittelfeld zwischen den beiden Innenverteidigern machen das Spiel langsam. Dabei darf man aber nicht unterschlagen, dass der Risikopass in die Tiefe auch vorher einfach nicht seiner Spielweise entsprach. Dass er sich in dieser Disziplin nicht gerade versucht, wenn er immer noch wenig erfahren auf einer Position ist und die Gefahr dort, mit einem Fehler eine Torchance für den Gegner einzuleiten, noch größer ist als im defensiven Mittelfeld, ist sehr nachvollziehbar.

Für Borussia hat es sich bislang jedenfalls als sehr gute Entscheidung erwiesen, Weigl nicht im Winter ziehen zu lassen. Weigls Umgang damit, obwohl er sich in der Situation nicht sicher sein konnte, wie es sportlich mit ihm in der Rückrunde weitergehen würde, war dann allerdings vorbildlich. Ebenfalls im Interview mit Eurosport erklärte er, diese Entscheidung erst einmal nicht verstehen zu können und natürlich enttäuscht gewesen zu sein. Kann ihm niemand verdenken, immerhin wurde ihm eine große Perspektive genommen und durch eine erst einmal ungewisse sportliche Zukunft ersetzt. Der Verein habe ihm aber die Entscheidung erklärt und er hat sie nachvollziehen können. Die weiteren Worte zeigen dann einen gereiften, loyalen und integren Sportsmann: "Ich weiß, was ich an dem Verein habe. Deswegen gab es keinen Grund, Stunk zu machen oder mich wegzustreiken, dafür habe ich die Jungs auch alle viel zu gerne." Ein wohltuender Kontrapunkt zu Personalien wie Dembélé oder Aubameyang, die hier sportlich nahezu unantastbar waren, aber aus Eigeninteresse aggressiv ihre Wechselwünsche forcierten. Dass Weigl das selbst in einer für ihn schwierigen Situation nicht versuchen wollte, spricht nur für ihn.

Das alles kann man auch ohne große Romantik und Pathos und ohne gleich groß die neue Liebe zwischen unserer Borussia und Weigl zu beschwören, feststellen. Was die Zukunft bringt, ist nämlich noch ziemlich unklar. Schwer vorstellbar, dass „Jule“ sich selber langfristig in der Innenverteidigung sieht und nicht lieber wieder weiter vor ins Mittelfeld rücken möchte. Dort haben mit Witsel und Delaney jedoch momentan völlig andere Spielertypen ihren Platz sicher. Er selbst vermeidet dann auch verständlicherweise voreilige Treueschwüre und rettet sich so ein wenig in die übliche Plattitüde, dass man noch nicht absehen könne, was der Sommer bringt. Sollte sich noch einmal eine Tür wie die zu PSG auftun, wäre es allerdings nachvollziehbar, wenn er dann diese Chance nutzen und der Verein ihm den Wechsel gewähren würde. Das hätte er sich dann mit dem professionellen und vor allem fairen Umgang auch wirklich verdient.

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