Spielbericht Profis

Meisterstück ohne Krönung

18.09.2019, 19:02 Uhr von:  Boris
Meisterstück ohne Krönung

Borussia Dortmund spielt den großen FC Barcelona im ersten Champions-League-Duell teilweise an die Wand. Die Latte, Ter Stegen und die eigenen Nerven verhindern letztlich die Veredlung eines überragenden Fußballabends.

Marco Reus rückte immer wieder in den Mittelpunkt
Marco Reus rückte immer wieder in den Mittelpunkt

„Ehrlich gesagt, scheiße.“ Nein, der BVB hatte bei der Rückkehr der europäischen Königsklasse in den schwarzgelben Fußballtempel gerade nicht eine 0:4-Klatsche gegen den großen FC Barcelona kassiert. Der BVB lieferte gegen die Katalanen stattdessen einen bärenstarken Auftakt in die neue Champions-League-Saison - und der Dortmunder Kapitän Marco Reus war an diesem Abend einer der Hauptprotagonisten des Dortmunder Meisterstücks, das am Ende leider unvollendet bleiben sollte.

Ein Tempel, der fraglos auch vier Mal hätte ausverkauft werden können und ab Minute 1 unter Strom stand. Eine Choreo auf der Süd, die ästhetisch der anschließenden Leistung auf dem Platz in nichts nachstand und ein Gegner, der so viel europäischen Fußballglanz versprüht wie kaum ein anderer auf diesem Niveau: Selten spürte man in Dortmund und Umgebung so viel Buzz wie vor diesem Duell gegen die Blaugrana. Sowohl auf dem Platz als auch kadertechnisch fuhren beide Teams die Bestbesetzung auf. Die Antwort auf die meist gestellte Frage lieferte der FC Barcelona ca. 30 Stunden vor dem Aufeinandertreffen selbst: Der seit 115 Tagen verletzte Lionel Messi bekam einen Tag vor der Partie grünes Licht von seinen Teamärzten und zog, überraschenderweise, auch auf seinem vorerst gemütlichen Bankplatz im Westfalenstadion alle Augen auf sich.

Kreative Konfettichoreografie zu Spielbeginn auf der Südtribüne
Kreative Konfettichoreografie zu Spielbeginn auf der Südtribüne

Zum ersten Mal in seiner Profikarriere betrat der beste Spieler der Welt den heiligen Rasen dann erst in Minute 59. Bis zu diesem Zeitpunkt schrieb die Partie allerdings schon zuvor auch ohne La Pulga ihre ganz eigene Geschichte. Hatte die erste Hälfte dem ausverkauften Haus noch wenige spektakuläre Torraumszenen zu bieten, nahm Hälfte zwei direkt nach Wiederanpfiff mächtig Fahrt auf. Borussia kreierte aus seiner 4-2-3-1-Grundordnung immer wieder Umschaltmomente, nachdem Barca schon in Hälfte eins mit einem Ballbesitzwert von 63 % nicht viel anzufangen wusste und selten in die richtig gefährlichen Zonen kommen konnte. Dem BVB gelang dies allerdings wiederholt. Über die gesamte Partie gesehen ergaben sich durch Hazard, Reus, Sancho und Paco immer wieder gute bis sehr gute Gelegenheiten, Marc-Andre Ter Stegen schlussendlich doch noch zu überwinden. Die eigentliche Nummer eins der Nationalmannschaft verhinderte jedoch mit einer überragenden Gesamtleistung nicht nur in diesen Situationen eine katalanische Niederlage: Nach 53 Minuten parierte der ehemalige Gladbacher aus elf Metern den Schuss eines anderen ehemaligen Gladbachers und setzte seiner Leistung an diesem Abend schon nach einer guten Stunde endgültig die Krone auf.

An Marc-André ter Stegen kam niemand vorbei
An Marc-André ter Stegen kam niemand vorbei

Die Phase zwischen der 46. und 80. Minute zeigte besonders gut auf, was der BVB mit vollster Konzentration und Bereitschaft im Stande ist zu leisten – und das egal gegen welches Team auf diesem Planeten. „Hervorragend“ war laut Favre dementsprechend nicht nur die zweite Hälfte der Borussia, sondern insbesondere auch der Auftritt von Mats Hummels. Weltklasse, überragend, eindrucksvoll, im Zweikampf fast unüberwindbar: Der Innenverteidiger zeigte an diesem Abend auf beeindruckende Art und Weise, warum es aus Vereinssicht kein Fehler war sich auf diesen gewagten Transferschritt einzulassen.

Alle wussten: da war mehr drin
Alle wussten: da war mehr drin

Laufstärke, Konzentration und eine ausgesprochen geschlossene Mannschaftsleistung waren am Ende vor allem dafür verantwortlich, dass eine der spielstärksten Mannschaften der Welt sich keine klaren Torchancen herausspielen konnte. Zwar standen mit Suarez und Messi am Ende zwei Akteure auf dem Platz die eine langwierige Verletzung hinter sich haben und zudem ein erst 16-jähriger aus La Masia von Beginn an ran durfte, der ohne die Einverständnis seiner Eltern gar nicht hätte spielen dürfen. Doch der schwarzgelben Leistung sollte dies nichtsdestotrotz keinen Abbruch tun, und am Ende überwog nach 90 Minuten und noch weit nach dem Schlusspfiff doch deutlich die Enttäuschung über eine verpasste einmalige Chance, die neue Spielzeit der Königsklasse mit einem Paukenschlag zu eröffnen. Vor allem bei Marco Reus.

Lucien Favre war trotzdem zufrieden
Lucien Favre war trotzdem zufrieden

Stimmen zum Spiel:

Marco Reus:

"Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es im Leben schlimmere Dinge gibt als einen verschossenen Elfmeter, trotzdem tut es verdammt weh. Auch heute Nacht wird mich diese Szene noch beschäftigen und wehtun. Spätestens in zwei Tagen ist der Kopf aber wieder oben. Ich muss an Elfmetern und solchen Abschlusssituationen arbeiten. Es sind Dinge, die eigentlich so einfach aussehen.

Den Willen, den wir gegen Barcelona an den Tag gelegt haben, müssen wir in jedem Spiel zeigen. Gerade als ein frischer Leo Messi in der Schlussphase reinkam und wir schon etwas müde waren, haben wir uns gegenseitig extrem gepusht. Darauf muss man aufbauen, denn diese Aufopferung über 95 Minuten wollen wir immer zeigen."

Lucien Favre:

"Wir hatten viele Torchancen. Am Ende ist es ein 0:0, aber ein positives. Wir wollen uns qualifizieren, aber wir wissen: Das ist eine sehr gute Gruppe. Die zweite Halbzeit war hervorragend. Es war ein sehr attraktives Spiel für alle. Jetzt vergessen wir aber die Champions League, denn die Meisterschaft kommt wieder. Es gibt viel mitzunehmen aus dieser zweiten Halbzeit.“

Borussia Dortmund: Bürki – Hakimi, Akanji, Hummels, Guerreiro – Witsel, Delaney – Sancho, Reus, Hazard (73. Brandt) – Alcácer (87. Bruun Larsen)

FC Barcelona: ter Stegen – Semedo, Piqué, Lenglet, Jordi Alba (40. Roberto) – Busquets (60. Rakitic) – de Jong, Arthur – Fati (59. Messi), Suarez, Griezmann

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