Spielbericht Profis

Bosz sieht in Dortmund weiterhin kein Land

15.09.2019, 16:58 Uhr von:  Vanni
Bosz sieht in Dortmund weiterhin kein Land
Klare Ansage auch im Stadion
Klare Ansage auch im Stadion

Es war eine Menge los in Dortmund an diesem sonnigen Samstagnachmittag: Die Rückkehr aus der Länderspielpause, die erhoffte Reaktion auf die Niederlage bei Union Berlin, das Wiedersehen mit alten Bekannten und am Ende ein mehr als versöhnliches Resultat mit dem 4:0-Sieg des Ballspielvereins über Bayer Leverkusen – und das sind nur die sportlichen Erscheinungen eines ereignisreichen Tages in der Fußball- und Bierhauptstadt Dortmund. Beginnen wir aber vorne und zunächst mit einem Thema, das nicht direkt mit Fußball zu tun hat.

Denn nachdem sich eine Nazi-Demo im Vorfeld der Partie ankündigte und diese auch noch ausgerechnet im Kreuzviertel und damit auf dem unmittelbaren Anreiseweg vieler BVB-Fans stattfinden sollte, regte sich schnell Widerstand, sodass der BVB gegen Ende der Woche zusammen mit Ballspielvereint, der Fan-Abteilung, dem Heinrich Czerkus-Fanclub und schwatzgelb.de zur Gegenversammlung aufrief. Am Ende demonstrierten rund 40 Rechtsextreme am Sonnenplatz, auf der anderen Seite standen mehrere hundert BVB-Fans, die damit einmal mehr unter Beweis stellten, dass Dortmund bunt und nicht braun ist. Den teilnehmenden Fans wurde schließlich auf den Leinwänden im Stadion für ihre Teilnahme gedankt, womit der BVB ein weiteres Zeichen gegen Rassismus und Fremdenhass setzte. Vielen Dank dafür!

Fahnenintro auf der Südtribüne
Fahnenintro auf der Südtribüne

Als sich dann jedoch alle Fans im Westfalenstadion eingefunden hatten, steigerte sich die Aufregung und Anspannung dann aber vermutlich minütlich. Beim Blick auf den Aufstellungsbogen zeigte sich, dass sich Axel Witsel rechtzeitig wieder fit melden konnte, während Schulz und Piszczek passen mussten. Die Ausfälle auf den defensiven Außenbahnen ließen Favre fast keine andere Wahl, als recht offensiv zu reagieren und mit Hakimi über rechts und Guerreiro über links zwei Spieler aufzubieten, die vor allem für ihren Offensivdrang bekannt sind. Neben Witsel erhielt dieses Mal Thomas Delaney den Vorzug vor Julian Weigl, was anlässlich der Tatsache, dass man mit Leverkusen einen offensivstarken Gegner erwarten konnte, aber durchaus sinnvoll wirkte und sich auch rückblickend als richtige Entscheidung herausstellte. Akanji schaffte es schließlich auch in die Startelf und im Mittelfeld sollten hinter Alcacer Reus, Sancho und auch Julian Brandt wirbeln. Dieser trat damit schließlich ja auch gegen seinen alten Verein an, genau wie es Peter Bosz auf der Gegenseite tat.

Zunächst hatte der BVB aber durchaus Schwierigkeiten, in die Partie zu finden. Die Gäste zeigten sich sehr präsent in den Zweikämpfen und auf Dortmunder Seite wartete man in den ersten 15 bis 20 Minuten auf Lebenszeichen und ein echtes Dagegenhalten. Am Ende der 90 Minuten zählten die Statistiker ungewöhnlich wenige 37 Prozent Ballbesitz für schwatzgelb, was in der Anfangsphase auch für Sorgenfalten auf der Stirn dieses Redakteurs. Da Leverkusen aber zu dieser Phase keine konkreten Gelegenheiten entwickelte und die Hausherren über die Zeit immer besser in die Partie fanden, verschwanden diese schließlich. Nach 24 Minuten deutete eine erste Kombination über die rechte Seite an, dass der BVB nun auch mitspielen wollte. Reus wurde freigespielte, konnte seinen Abschluss aus halbrechter Position aber nicht genau genug platzieren, sodass Hradecky ihn genauso stark abwehren konnte wie den Nachschuss von Julian Brandt – es sollte die beste Szene des ehemaligen Leverkuseners bleiben, der bei seiner Auswechslung nach einer Stunde dann von den mitgereisten Leverkusenern zunächst ausgepfiffen und dann als „Judas“ beschimpft wurde. Dass Brandt dabei nach dem Verlassen des Platzes ausgerechnet vor dem Gästeblock her marschieren musste, war vielleicht nicht die glücklichste Entscheidung. Interessant war hier aber die Reaktion des Dortmunder Publikums, das die Gesänge der Leverkusener mitbekam und mit Applaus für den Neuzugang der Borussen reagierte.

Paco feiert den Führungstreffer vor der Südtribüne
Paco feiert den Führungstreffer vor der Südtribüne

Zurück zum Spiel: die erste Doppelchance der Gastgeber blieb also ungenutzt, im unmittelbaren Gegenzug klärte ein an diesem Tag besser als zuletzt aufgelegter Manuel Akanji in höchster Not vor Karim Bellarabi. Schließlich dauerte es nur 240 weitere Sekunden, bis der BVB zum ersten Mal jubeln durfte. Hakimis gutes Offensivpressing sorgte für den Ballgewinn, den der Marrokaner dann auch selbst direkt nutzen konnte, indem er Paco Alcacer bediente, der mit links per volley Hradecky keine Chance mehr ließ. 1:0 für Borussia, die Führung war zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal unverdient, weil sich der BVB stark in die Partie eingefunden hatte und dann auch nicht direkt aufsteckte, sondern am Ball blieb. Weitere vier Minuten später hätten Delaney und Hakimi dann erhöhen können, scheiterten aber an Tahs (eher unabsichtlichem und daher nicht strafbarem Handspiel) und dann auch am Aluminium. Dies sollte es dann aber für die erste Halbzeit zunächst gewesen sein.

Bemerkenswert an den 90 Minuten gegen eine offensiv so stark besetzte Mannschaft wie Bayer Leverkusen war aber vor allem die defensive Arbeit der Borussia, die sehr konzentriert und genau arbeitete und somit die meisten Gelegenheiten schon im Keim erstickte. Szenen wie Bellarabis Chance zu Beginn der zweiten Halbzeit waren da noch die Ausnahme, Bayer gelang wenig, was zu großen Teilen tatsächlich auf die Dortmunder Defensive zurückzuführen war, die in den letzten Wochen zunehmend und berechtigterweise in der Kritik stand. Das machte Hoffnung, auch für die am Dienstag anreisende katalanische Offensive des FC Barcelona rund um Superstar Lionel Messi.

Marco Reus und Co. feiern das wichtige 2:0 nach Wiederanpfiff
Marco Reus und Co. feiern das wichtige 2:0 nach Wiederanpfiff

Und wenn dann konzentrierte Defensivarbeit auf effektive Offensive trifft, klingelt es eben auch schnell zum 2:0. So geschehen in der 51 Minute, als Sanchos Hereingabe von der rechten Seite Marco Reus fand, der die Führung ausbauen konnte. Großen Anteil an diesem Treffer hatte aber erneut Paco Alcacer, der den Ball für Reus nicht nur passieren ließ, sondern auch noch vorher einen Schuss antäuschte und damit einen Leverkusener Verteidiger aus der Szene nahm. An Szenen wie diesen sieht man, was für ein herausragender Instinktfußballer Alcacer ist, der zudem endlich mit der notwendigen Fitness aufwarten kann. Kann er dieses Niveau halten, werden wir weiterhin viel Freude an ihm haben.

Und so nahm das Spiel seinen weiteren Verlauf, der BVB arbeitete konzentriert weiter daran, möglichst wenig zuzulassen und nach vorne Nadelstiche zu setzen, während Leverkusen keine Wege fand, gefährlich vor das Tor von Roman Bürki zu kommen. Ein wenig konsterniert stand Peter Bosz zwischenzeitlich aufgrund des Rückstandes an der Seitenlinie des Westfalenstadions und man konnte das Gefühl bekommen, sowas doch schon mal irgendwo gesehen zu haben… Interessant aus Trainersicht auf der anderen Seite war dann vielleicht noch die Tatsache, dass Favre sich nach 78 Minuten dazu entschied, den Arbeitstag von Paco Alcacer zu beenden und für ihn nicht Mario Götze in die Partie zu bringen, sondern Jacob Bruun Larsen, der am Ende noch das 4:0 von Reus vorbereitete. Aber an Spekulationen und Kaffeesatz- bzw. Auswechsel-Lesereien wie diesen möchte ich mich nicht unbedingt beteiligen. Deswegen erfülle ich die Chronistenpflicht noch mit der Erwähnung des Torschützen zum 3:0, denn Rafael Guerreiro, der eigentlich einen unauffälligen Auftritt hinlegte, sorgte in der 83. Minute, erneut nach Vorarbeit von Sancho, für die Entscheidung.

Die Siegerwelle nach Abpfiff vor der Südtribüne
Die Siegerwelle nach Abpfiff vor der Südtribüne

Der BVB findet also zurück in die Erfolgsspur und schiebt sich aufgrund des Unentschiedens im Samstagabendspiel auf Rang 2. Viele positive Ansätze warten nun darauf, in den kommenden Tagen bestätigt zu werden. Ganz viel Zeit bleibt für die Nachbereitung ja schließlich auch nicht übrig, denn am Dienstag wartet wie schon erwähnt der FC Barcelona auf die schwarzgelben Jungs, was ein echter Gradmesser für die Leistungskapazität werden dürfte. Bestätigt der BVB den Eindruck von Samstag, kann man aber durchaus optimistischer in diese Partie blicken als dies vielleicht noch in der letzten Woche der Fall gewesen sein dürfte.

Statistik

BVB: Bürki - Hakimi, Akanji, Hummels, Guerreiro - Witsel (78. Weigl), Delaney - Sancho, Reus, Brandt (61. Hazard) - Alcacer (78. Bruun Larsen)

Bayer Leverkusen: Hradecky - Tah, S. Bender, Wendell - Baumgartlinger, Aranguiz (79. Alario), L. Bender, Havertz, Amiri (46. Bailey), Bellarabi (73. Diaby) - Volland

Tore: 1:0 Alcacer (28.), 2:0 Reus (51.), 3:0 Guerreiro (83.), 4:0 Reus (90.)

Gelbe Karten: Wendell, Havertz, Amiri

Schiedsrichter: Daniel Siebert

Zuschauerzahl: 81.365 (ausverkauft)

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