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Der BVB in der NS-Zeit - eine Spurensuche

02.12.2019, 10:33 Uhr von:  Nina Schnutz Patrick Bormann
Der BVB in der NS-Zeit - eine Spurensuche
Der Sport vom Sonntag über August Lenz im Länderspiel gegen Spanien.
© Archiv Gerd Kolbe und Verlag Die Werkstatt.

Wie viel Braun steckte in Schwarz-Gelb? Eine Spurensuche zum BVB in der NS-Zeit wirft neue Fragen auf.

In der Erinnerung an den BVB in den Jahren 1933 bis 1945 dominieren zwei Namen: August Lenz und Heinrich Czerkus. Der erste Dortmunder Nationalspieler Lenz steht für den sportlichen Erfolg der Borussia, die 1936 erstmals in die damals höchste deutsche Spielklasse, die Gauliga, aufstieg. Der Platzwart und Kommunist Czerkus wird als Symbol einer vermeintlichen Widerborstigkeit des BVB geehrt. Er wurde, wie auch das BVB-Vereinsmitglied Franz Hippler, kurz vor Kriegsende im Dortmunder Rombergpark von der Gestapo ermordet. Jenseits der beiden bekannten Namen ist nur wenig über die Geschichte der Borussia in den Jahren des nationalsozialistischen Regimes bekannt, weshalb Präsident Reinhard Rauball im Herbst 2018 ankündigte, diese Zeit wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen.

Für eine solche Aufarbeitung gibt es gute Gründe. Wie in den meisten Vereinen wurde auch beim BVB die NS-Zeit in späteren Jahren weitgehend totgeschwiegen, und allenfalls sportliche Erfolge – wie der Aufstieg in die Gauliga 1936 – blieben im Vereinsgedächtnis präsent. Wie wenig Gespür für eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Zeit vorhanden war, zeigt die Festschrift zum Vereinsjubiläum 1969, in der die Passagen zur NS-Zeit teils wörtlich aus derjenigen von 1939 übernommen wurden. Lediglich offenkundige politische Bezüge blieben ausgespart. Mitverfasst wurde die Festschrift von 1969 von Heinrich Karsten, der in den NS-Jahren selbst Vorstandsmitglied war. Als in den 1980er Jahren langsam ein Bedürfnis nach einer Beschäftigung mit der NS-Zeit entstand, waren viele Protagonisten bereits verstorben. Gerd Kolbe ist es zu verdanken, dass überhaupt ein Bewusstsein für das Thema entwickelt wurde, die letzten lebenden, unmittelbaren Zeitzeugen noch rechtzeitig befragt und wichtige Informationen überliefert werden konnten. Aber schon zu diesem Zeitpunkt musste häufig auf jüngere Familienmitglieder zurückgegriffen werden. Wer sich selbst einmal die Frage stellt, was die eigenen Eltern vor 50 Jahren gemacht haben, kann ermessen, wie unzuverlässig solche Berichte sind. Hinzu kommt das Bedürfnis der Zeitgenossen, die Mitwirkung am verbrecherischen Regime – oftmals auch vor sich selbst – gering zu reden.

Unpolitisches Vereinsleben?

August Busse 1939 als „Vereinsführer“.
August Busse 1939 als „Vereinsführer“.
© Archiv Gerd Kolbe und Verlag Die Werkstatt.

Dies hat in der Summe zu einem bislang eher freundlichen Bild von der Borussia in der NS-Zeit geführt. Das Vereinsleben sei unpolitisch und familiär gewesen. Die bekannten nationalsozialistischen Vereinsmitglieder hätten die Borussia nach außen hin vor Einflüssen der Partei gedeckt. Der Wechsel im Vereinsvorsitz von Egon Pentrup zu August Busse 1934 sei daher auch lediglich erfolgt, um den streng katholischen Pentrup vor den Angriffen der Nationalsozialisten zu schützen. Parteimitgliedschaften und Mitgliedschaften in nationalsozialistischen Organisationen wie der SA hätten dazu gedient, sich politischem Druck zu entziehen, und seien ohne politische Überzeugung erfolgt. Diese Deutungen entsprechen ganz dem Muster, wie es sich bei zahllosen Vereinen, Organisationen oder Unternehmen in der Nachkriegszeit entwickelt hat. In vielen Fällen musste das Bild nach wissenschaftlichen Untersuchungen – mal stärker, mal schwächer – revidiert werden. Von wissenschaftlicher Seite ist auch zum BVB in der NS-Zeit schon vor Jahren darauf hingewiesen worden, dass es in den wenigen überlieferten Quellen Hinweise auf eine andere Deutung gibt.

Diesen Spuren soll an dieser Stelle nachgegangen werden, ohne dass damit der Anspruch erhoben wird, ein vollständiges Bild zu zeichnen. Vielmehr bleibt dies der wissenschaftlichen Studie vorbehalten. Ein möglicher Ansatzpunkt für eine kritische Hinterfragung der bisherigen Erzählungen ist die Aussage von Egon Pentrup, der über seinen Vorgänger und Nachfolger August Busse sagte: „Er war ein Nazi. Ein SA Mann.“ Zwar attestiert Pentrup Busse, viel für den Verein geleistet zu haben, dennoch sticht diese Aussage aus den sonstigen Berichten von Zeitzeugen oder Familienmitgliedern der damaligen Protagonisten heraus. Die Umstände, die 1934 zum Wechsel im Vereinsvorsitz führten, sind einigermaßen undurchsichtig. August Busse war bereits 1910 als Spieler zum BVB gestoßen und übernahm 1923 die Betreuung der ersten Mannschaft. Als der BVB 1928 in eine schwere Finanzkrise geriet, trat Busse erstmals an die Vereinsspitze. Das Amt musste er aber schon 1933 an Pentrup abgeben. Pentrup war 16 Jahre jünger als Busse und kurzzeitig Spieler des Vereins gewesen, musste dies jedoch bald aus familiären Gründen aufgeben. Beim BVB blieb er hingegen weiter aktiv und kandidierte 1933 für dessen Vorsitz. Unklar ist, wie es dazu kam. Pentrup berichtete rückblickend, einige Spieler hätten für ihn eine Art Wahlkampf gemacht, was zu damaligen Zeiten eher ungewöhnlich war und vermuten lässt, dass seine Kandidatur umstritten war.

Neuer Vorstand

In der offiziellen Vereinschronik zum 30-jährigen Vereinsjubiläum 1939 heißt es, Busse habe wegen einer Erkrankung kurzfristig das Amt niederlegen müssen und Pentrup habe ihn hervorragend vertreten. Diese Deutung, die wohl der Wahrung des inneren Vereinsfriedens diente, ist wenig glaubwürdig, denn Pentrup gab den Vereinsvorsitz 1934 nur unfreiwillig wieder auf. Er selbst berichtete Anfang der 1980er Jahre: „Hitler kam an die Macht, die Nazis übernahmen das Regiment. Die hätten mich fast eingelocht. Man drängte mich, in die Partei zu gehen. Das kam für mich als gläubigen Katholiken und politisch streng neutralen Menschen aber nicht in die Tüte. Ich bin dann Anfang 1934 als BVB-Vorsitzender zurückgetreten.“ Auch der Sozialdemokrat Peter Paul Elisko attestierte ihm, „politisch das Gegenteil eines Nazis“ gewesen zu sein. Nach der Erzählung Gerhard Busses, der allerdings erst 1930 geboren wurde und hier wohl Berichte seines Vaters wiedergibt, traten bei den monatlichen Vereinssitzungen SA-Leute auf, um den Verein zu übernehmen. „Um diese NS-Übernahme zu verhindern, trat mein Vater, dem von Willi Röhr und Karl Brettin politisch der Rücken freigehalten wurde, wieder an die Vereinsspitze. Das Motto lautete: „Mach du das mal, dann geht die Sache schon in Ordnung.“

In den Schilderungen Gerhard Busses war sein Vater der Retter in der Not, der, unterstützt von vereinstreuen Nationalsozialisten, den Verein vor dem Zugriff der NSDAP bewahrt hat. Ein Argument gegen diese Deutung ist, dass nicht nur Pentrup von Busse abgelöst wurde, sondern auch zwei von drei weiteren Vorstandsämtern neu besetzt wurden. Neben Busse trat auch der Nationalsozialist Willy Wehram in den Vorstand ein, wodurch der politische Charakter der Neugestaltung des Vorstandes unterstrichen wurde. Hinzu kam, dass mit Heinrich Karsten eine Person Vorstandsmitglied wurde, die auch schon bis 1933 an der Seite Busses im Vorstand tätig gewesen war. Die Behauptung der Festschrift von 1939, Pentrup habe Busse lediglich aus gesundheitlichen Gründen vertreten, erscheint angesichts dieser teilweisen Rückabwicklung der Vorstandswahl von 1933 nicht plausibel.

Wilhelm Röhr

Nicht nur die Personalie Willy Wehram, der Schatzmeister wurde, aber über den ansonsten nicht viel bekannt ist, deutet auf die engere Verflechtung von Partei und Verein hin. Vor allem der Einfluss der SA war beim BVB vermutlich größer als bislang angenommen. Eine zentrale Figur war Wilhelm Röhr, der bei der Reichswehr politisch rechtsnational sozialisiert wurde und schon vor 1933 zur SA gehörte. Ein bekanntes Foto von 1934, das bei einem Vereinsausflug entstand, zeigt ihn in seiner SA-Uniform. Der Kragenspiegel identifiziert ihn als SA-Obersturmführer, was vergleichbar mit einem Oberleutnant der Armee war. Als SA-Obersturmführer kommandierte Röhr etwa 50 bis 100 SA-Männer. Angesichts seiner Stellung ist es wahrscheinlich, dass er sich vor 1933 an den in Dortmund besonders heftigen Straßen- oder Saalkämpfen beteiligt hat. Besonders das Viertel um den Borsigplatz war immer wieder Schauplatz von Auseinandersetzungen, da hier die Braunhemden auf starken Widerstand trafen. Von den politischen Spannungen, die sich daraus auch im Verein ergeben haben müssen, ist in der Überlieferung keine Rede mehr.

Die Dortmunder Synagoge, ein „Gotteshaus für die Ewigkeit“, wurde 1938 von den Nazis zerstört – angeblich aus „städtebaulichen Gründen“
Die Dortmunder Synagoge, ein „Gotteshaus für die Ewigkeit“, wurde 1938 von den Nazis zerstört – angeblich aus „städtebaulichen Gründen“
© Archiv Gerd Kolbe und Verlag Die Werkstatt.

Vielmehr dominiert die Vorstellung eines harmonischen Miteinanders im Vereinsleben. Als Beleg wird oftmals das erwähnte Foto herangezogen. Auf ihm ist nicht nur Röhr, sondern in der zweiten Reihe rechts hinter den Frauen hervorschauend auch der KPD-Mann Heinrich Czerkus zu sehen. Die gemeinsame Teilnahme an gesellschaftlichen Veranstaltungen wird dahingehend interpretiert, dass Politik im Verein keine Rolle gespielt habe. Dem lässt sich entgegnen, dass die Politik schon auf den ersten Blick sichtbar wird. Links neben Röhr hockt ein weiterer Nationalsozialist, möglicherweise Karl Brettin. Beide tragen neben ihrer Uniform gut sichtbare und durch die Armhaltung noch betonte Hakenkreuzbinden. Röhr ist zudem prominent platziert: Er hockt direkt neben dem Starspieler August Lenz, den er mit einer vorgebeugten Haltung ein wenig verdeckt. Die gute Sichtbarkeit war ihm offenkundig wichtig, denn obwohl er Sorge um die Sauberkeit seiner Uniform hatte – sein Knie liegt auf einem Buch –, wählte er im Gegensatz zu anderen Männern keinen Stehplatz hinter den Frauen, wo seine Uniform nicht zu sehen gewesen wäre. So ist das Foto eine direkte Demonstration nationalsozialistischer Symbolik und mithin höchst politisch. Etwas Zweites kommt hinzu: das Fehlen jeder anderen Symbolik. Das gilt zunächst einmal für das Wappen des Vereins oder gar einer Fahne. Es könnte sich bei der Gesellschaft genauso gut um eine Belegschaft handeln. Czerkus, der wie die meisten anderen Männer auf dem Bild Anzug und Krawatte trägt, konnte im NS-Reich seine politische Haltung selbstverständlich nicht zum Ausdruck bringen. Allerdings liegt gerade darin eine besondere politische Bedeutung der Aufnahme: Sie symbolisiert die Hierarchien im Verein, in dem Röhr als lokal bedeutender SA-Mann seine politische Haltung, seine Nähe zum Regime und damit einhergehend Macht demonstrierte, während der KPD-Funktionär Czerkus lediglich toleriert und stets der Willkür des Systems unterworfen war.

Auch jüdische Fußballer in Dortmund waren der Verfolgung ausgesetzt. Das Foto zeigt in der Mitte Moshe Bramberger, den jüdischen Torhüter des VfB Alemannia.
Auch jüdische Fußballer in Dortmund waren der Verfolgung ausgesetzt. Das Foto zeigt in der Mitte Moshe Bramberger, den jüdischen Torhüter des VfB Alemannia.
© Archiv Gerd Kolbe und Verlag Die Werkstatt.

Wilhelm Röhr war alles andere als ein Fremdkörper im Verein. Schon sein Vater war als einer der ersten Mäzene im Verein aktiv gewesen und hatte dem Ausschuss angehört, der den Bau des Borussia-Sportplatzes an der Wambeler Straße organisiert hatte. Vor allem in den 1930er Jahren nahm Röhr als Verbindungsmann zu staatlichen Stellen eine Schlüsselfunktion ein, obwohl er erst 1939 formal in den Vorstand eintrat. Sein Wirken diente nicht nur dem Schutz vor Eingriffen des Regimes, vielmehr verschaffte er dem Verein konkrete Vorteile. So soll er vor wichtigen Begegnungen geholfen haben, Spieler vom Arbeitsdienst und von der Wehrmacht zu befreien. Jeder junge Mann hatte seit 1935 zunächst sechs Monate Arbeitsdienst und dann zwei Jahre Wehrdienst zu leisten. Bei der geringen Leistungsdichte im Fußball der Zwischenkriegszeit konnte die Freistellung eines Schlüsselspielers durchaus über Sieg oder Niederlage entscheiden. Zum Aufstieg 1936 könnten Röhrs politische Verbindungen daher einen wichtigen Beitrag geleistet haben.

Eine weitere Anekdote macht hellhörig. August Lenz hatte angeblich 1936/37 mit einem Vereinswechsel geliebäugelt. Röhr soll bei dieser Gelegenheit gemeinsam mit Vorstands- und NSDAP-Mitglied Willy Wehram die Familie Lenz besucht und den Stürmer vom Verbleib überzeugt haben. Ob bei diesem Gespräch Politik im Spiel gewesen ist, lässt sich nicht mehr klären. Dennoch zeigt allein der Umstand, dass mit dieser wichtigen Mission ausgerechnet die beiden Nationalsozialisten beauftragt wurden, welche wichtige Funktion sie innerhalb des Vereinsgefüges einnahmen.

August Lenz

August Lenz auf einem Kicker-Sammelbild.
August Lenz auf einem Kicker-Sammelbild.
© Archiv Gerd Kolbe und Verlag Die Werkstatt.

Die Beziehung zwischen dem BVB und der SA beschränkte sich aber keineswegs auf die Person von Wilhelm Röhr. Besonders deutlich wird dies bei der Jubiläumsfeier von 1939, die im Lokal „Kronenburg“ im Süden der Innenstadt stattfand. Die Gaststätte war bereits vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ein beliebter Tagungsort der örtlichen SA, die bis 1933 im Norden der Stadt nur schwer Fuß fassen konnte. Auf der Feier berichtete Brettin, 80 Prozent der ersten Mannschaft seien Mitglieder der SA und würden den BVB in den SA-Auswahlmannschaften vertreten. Genauer gesagt gehörten sie der SA-Standarte 98 an. Die Zahl ist ungewöhnlich hoch und symbolisiert damit die Nähe zwischen dem BVB und den Braunhemden. Entsprechend dominierten in der SA-Mannschaft Westfalen die Borussen, die teilweise mehr als die Hälfte der Spieler stellten.

Das prominenteste SA-Mitglied des Vereins war Nationalstürmer August Lenz, der auch bei den Reichswettkämpfen der SA 1937 für die SA-Fußballmannschaft gegen die deutsche Nationalmannschaft antrat. Bei dem 2:2, das als großer Erfolg der SA-Mannschaft gefeiert wurde, bot Lenz eine engagierte Leistung. Die Reichswettkämpfe waren ein Propagandafest, das an den Glanz der Olympischen Spiele in Berlin 1936 erinnern sollte. Die Dortmunder Zeitung Tremonia, vormals ein Blatt des politischen Katholizismus, berichtete drei Tage lang in zahllosen Artikeln über die Veranstaltung, die „noch einmal Zeugnis von dem Wollen und Willen der braunen Soldaten des Führers“ ablegen sollte. Für Lenz war es nicht die einzige Teilnahme an einer Propagandaaktion zugunsten des Regimes. Bereits 1936 hatte er sich an einer Wahlwerbung für Hitler beteiligt. Der Stürmer stellte sich solchen Aktionen vermutlich ohne äußeren Zwang zur Verfügung, dafür spricht schon sein Beitritt zur NSDAP 1937. Nach dem Krieg erinnerte sich Lenz gerne an die 1930er Jahre: Sie seien die „schönste Zeit meines Lebens“ gewesen. Dies wird sich sicherlich nicht auf politische Fragen bezogen haben, sondern auf den sportlichen Höhepunkt seiner Karriere. Doch seine Erzählungen von den Olympischen Spielen 1936 zeigen, wie sehr diese Karriere mit Politik verwoben war und wie wenig sich Lenz an der politischen Dimension störte. So zeigte er sich noch 1986 stolz über seine Teilnahme an den Spielen, die mit einem 0:2 gegen Norwegen in der zweiten Runde freilich rasch beendet waren: „Es herrschte in Berlin eine einzigartige Hochstimmung. Alle Menschen schienen gut gelaunt.“ Zwar amüsierte er sich, dass die „Bonzen“ auf der Haupttribüne nach der Niederlage gegen Norwegen die Logen verließen, doch über Hitlers Verhalten berichtete er ganz unbefangen: „Beim anschließenden Bankett sprach er uns Mut zu und nahm die ganze Sache nicht so tragisch.“ Lenz gehörte in den 1930er Jahren offenbar zu den zahlreichen Deutschen, die sich mit dem nationalsozialistischen Deutschland identifizierten und opportunistisch mit dem Regime kooperierten. Dies gilt vermutlich auch für andere Vereinsvertreter. So ist auch die NSDAP-Mitgliedschaft von Torwart Karl Leonhardt gesichert, der wie Lenz 1937 in die Partei eintrat. Auch Otto Hagedorn, der seit 1938 dem Vereinsvorstand angehörte, war seit 1937 NSDAP-Mitglied. Von mehreren weiteren Vereinsmitgliedern sind Parteimitgliedschaften dokumentiert.

Vereinsleben im Nationalsozialismus

Im Vereinsalltag war der Nationalsozialismus alltäglich präsent. Bei Heimspielen wehten die Hakenkreuzfahnen, und die Spieler erhoben den rechten Arm zum Hitlergruß, wie dies bei allen Vereinen geschah. Der Einfluss der Nationalsozialisten auf die Vereinskultur beim BVB ging möglicherweise darüber noch hinaus. Ein überliefertes Beispiel ist die Mitgliederversammlung 1938, bei der die Hitler-Jugend (HJ) unter Leitung von Gefolgschaftsführer Nau, der als überzeugtester Nationalsozialist am Borsigplatz galt, Lieder vortrug. Nau nutzte die Gelegenheit, um das gute Zusammenwirken von Hitler-Jugend und der Jugendabteilung des Vereins zu würdigen. Tatsächlich erlebte die Jugendmannschaft des BVB in dieser Phase einen ersten Höhepunkt und wurde 1939 westfälischer HJ-Gebietsmeister mit Spielern wie Max Michallek, Pat Koschmieder und Heinrich Ruhmhofer, die nach dem Krieg zu tragenden Säulen des BVB wurden und 1949 gemeinsam im Finale um die deutsche Fußballmeisterschaft standen. Die enge Kooperation mit SA und HJ dürfte die Rahmenbedingungen für diese erfolgreiche Jugendarbeit gefördert haben.

Für die weltanschauliche Schulung des Vereins war der Dietwart zuständig. Beim BVB nahm Karl Brettin diese staatlicherseits vorgeschriebene Stellung ein. Es ist nicht anzunehmen, dass er in dieser Funktion eine besondere Wirkung erzielte, auch wenn er bei der Jahreshauptversammlung 1938 Busse für die tatkräftige Unterstützung bei seiner Arbeit dankte. Die BVB-Mitglieder hatten sich zusammengeschlossen, um Fußball zu spielen oder den Fußball zu fördern. Wer sich politisch fortbilden wollte, suchte dafür andere Gesellschaften auf. So blieb das Amt des Dietwarts hier wie bei den meisten Vereinen bedeutungslos. Dies bedeutet freilich nicht, dass der Nationalsozialist Brettin im Vereinsleben isoliert gewesen wäre. So trat er – offenbar regelmäßig – bei den Mitgliederversammlungen auf und war zugleich Pressewart. In dieser Funktion verfasste er auch die kleine Festschrift zum 30-jährigen Vereinsjubiläum.

Wissenschaftliche Untersuchung ist zu begrüßen

Angesichts all dieser Indizien, die eine regimeferne Haltung des Vereins zweifelhaft erscheinen lassen, ist die angekündigte wissenschaftliche Untersuchung nur zu begrüßen. Ein Schlüsselmoment der Geschichte des BVB im Nationalsozialismus war sicherlich der Wechsel in der Vereinsführung von 1934, der von der SA erzwungen wurde. Pentrups Einschätzung, Busse sei „ein Nazi“, sogar „SA-Mann“ gewesen, ist wohl weniger als konkrete Mitgliedschaft zu verstehen, sondern als Zuordnung im vereinsinternen Machtgefüge. Ob Busse den Wechsel an der Vereinsspitze 1934 aktiv vorantrieb und die SA für seine Zwecke nutzte oder ob er lediglich die Gelegenheit ergriff, sein Amt, das er im Jahr zuvor wohl gegen seinen Willen hatte aufgeben müssen, zurückzugewinnen, lässt sich nach derzeitiger Quellenlage nicht entscheiden. Die Kooperation mit der SA prägte dem Anschein nach aber seine zweite Amtszeit. Persönlich dokumentierte Busse seine Zustimmung zum Regime mit dem Beitritt zur NSDAP 1940, als er wenige Tage nach dem Sieg der deutschen Armee über Frankreich seinen Aufnahmeantrag stellte. Der Kriegserfolg des Deutschen Reiches schien unaufhaltsam, und eine Welle nationalistischer Begeisterung schwappte durch das Land, das von den negativen Kriegsfolgen noch weitgehend verschont war. August Busse ließ sich von dieser Begeisterung vermutlich anstecken. Seine Amtszeit endete gleichzeitig mit dem Krieg, als die Alliierten den Machtwechsel von 1934 umkehrten und einen neuen Vorstand einsetzten: Der unbelastete Egon Pentrup wurde neuer Vereinsvorsitzender, August Busse musste gehen. Als dieser 1950 erneut für ein Vorstandsamt kandidierte, fiel er durch: Offenbar war sein Status als Retter des BVB vor dem Zugriff der Nationalsozialisten damals noch nicht unbestritten.

Die SA marschiert in Dortmund vor dem Stadttheater auf, angeführt von SA-Chef Ernst Röhm. Unter dem Hakenkreuz erkennbar: Adolf Hitler.
Die SA marschiert in Dortmund vor dem Stadttheater auf, angeführt von SA-Chef Ernst Röhm. Unter dem Hakenkreuz erkennbar: Adolf Hitler.
© Archiv Gerd Kolbe und Verlag Die Werkstatt.

All dies bedeutete nicht, dass die Beziehungen zwischen dem BVB und den Machthabern ungetrübt waren. 1937 musste der Verein den geliebten Borussia-Sportplatz aufgeben. Das Gelände war lediglich von der Stadt gemietet und wurde nun an Hoesch zum Bau des Hoesch-Parks übergeben. Als neue Spielstätte diente die Rote Erde. Für den Verein führte dies neben dem Verlust der Heimat zunächst vor allem zu dem Problem, dass außer für die erste Mannschaft keine Trainings- und Spielmöglichkeiten mehr zur Verfügung standen. Selbst der Nationalsozialist Karl Brettin klagte 1939: „Wenn uns nicht bald geholfen wird, sehen wir für die Zukunft darin schwarz.“ Es handelte sich hier allerdings weniger um einen Konflikt mit dem Regime als mit der Stadt, die es versäumte, ein alternatives Gelände zur Verfügung zu stellen – ein Thema, das die Beziehungen zwischen Verein und Stadt auch noch in der Nachkriegszeit belastete. Mittelfristig erwies sich der erzwungene Umzug ohnehin als Segen: Die Borussia spielte nun nicht nur im größten und modernsten Stadion der Stadt, sie konnte sich mit ihren Auftritten im Dortmunder Süden auch als führender Verein in der Stadt etablieren, der aus den Grenzen seines Stadtteils hinaustrat. Beim Neubeginn des Dortmunder Sports in der Nachkriegszeit bedeutete dies einen Startvorteil, den andere Dortmunder Vereine nicht mehr einholen konnten.

Ein Thema liegt bislang vollkommen im Dunkeln: das Verhältnis des BVB zur jüdischen Bevölkerung. Einen „Arier-Paragrafen“ gab es in der Vereinssatzung nicht, was jedoch nicht viel zu bedeuten hat. Ein solcher war nicht vorgeschrieben, und eine gegen Juden gerichtete Vereinspolitik ließ sich auch ohne einen solchen umsetzen, was in vielen Fällen geschah. Auffällig ist das völlige Fehlen von Juden in den Erzählungen dieser Zeit, in denen ansonsten immer wieder von größeren und kleineren widerständigen Akten berichtet wird, deren Wahrheitsgehalt kaum zu prüfen ist. Und so steht zu vermuten, dass auch bei der Borussia Juden rasch keinen Platz mehr hatten. Die von Reinhard Rauball angekündigte Untersuchung zur Geschichte des BVB in der NS-Zeit scheint an dieser Stelle besonders dringlich.

Dieser Text ist ein Auszug aus der gerade erschienenen Chronik zum BVB:

Dietrich Schulze-Marmeling/Gregor Schnittker,
BVB 09. Die Chronik, Göttingen 2019.

ISBN 978-3-7307-0468-4

Das Buch ist im Verlag Die Werkstatt für 49,90 Euro erhältlich.

Bildrechte: Archiv Gerd Kolbe und Verlag Die Werkstatt

Beide Autoren sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bonn.

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