Im Gespräch mit...

Mory Konaté: "Ich liebe Zweikämpfe"

22.05.2019, 18:00 Uhr von:  Seb Larissa Nicky

Zur abgelaufenen Saison kam Mory Konaté aus Erndtebrück zur U23 des BVB. Nach sporadischen Einsätzen in der Hinrunde entwickelte sich der 1,91m große, defensive Mittelfeldspieler in der Rückrunde zur Stammkraft, wo er öfters auch in der Innenverteidigung zum Einsatz kam. Im Interview spricht er über seine fußballerische Ausbildung in Guinea, den Umzug nach Deutschland, seinen Wechsel zum BVB und die Saison der U23. Auch zum VAR hat er eine klare Meinung.

schwatzgelb.de: Du kamst am Anfang der Saison vom eher beschaulichen Erndtebrück nach Dortmund. Was ist für dich der größte Unterschied?

Mory Konaté: Die Trainingsbedingungen in Erndtebrück waren auf jeden Fall anders als hier in Dortmund. In Erndtebrück haben wir nur vier oder fünf Mal in der Woche trainiert, weil die Spieler zusätzlich im normalen Berufsleben stehen. In Dortmund wird jeden Tag trainiert. Auch an Tagen nach Spielen ist Training angesetzt. Das gab es in Erndtebrück nicht.

schwatzgelb.de: Mittlerweile kann man dich durchaus als Leistungsträger sehen. Vor allem in den letzten Wochen konntest du überzeugen. Was war der entscheidende Faktor?

Mory Konaté: Schwierige Frage. Ich bin nach Dortmund gekommen, um mich nochmal weiterzuentwickeln. Seitdem Ingo (Preuß, Anm. d. Red.) mich kontaktiert hat, war mein Ziel jedes Spiel beim BVB zu machen und von Anfang an Gas zu geben. In der Hinrunde hat das leider nicht so gut geklappt. Ich habe ein paar Mal auf der Tribüne gesessen und nicht so viel gespielt. Das war natürlich nicht zufriedenstellend für mich. Ich wollte auf keinen Fall auf der Bank sitzen, also habe ich weiter an mir gearbeitet und Gas gegeben, damit ich nach der Winterpause auf dem Platz stehe – egal auf welcher Position. Der Trainerwechsel hat in der Hinsicht natürlich geholfen, weil der neue Coach mich als Innenverteidiger gesehen hat.

schwatzgelb.de: Was macht dir mehr Spaß: Innenverteidigung oder defensives Mittelfeld?

Mory Konaté: Am meisten Spaß macht es mir im defensiven Mittelfeld zu spielen. Da fühle ich mich am wohlsten.

schwatzgelb.de: Wo möchtest du dich verbessern beziehungsweise weiterentwickeln?

Mory Konaté: Ich bin der Typ, der gerne zuhört und immer lernen möchte. Jeder Trainer hat eine andere Sichtweise und gibt andere Verbesserungsvorschläge. Ich arbeite hart, um so fit wie möglich zu sein und versuche alles aufzusaugen und umzusetzen, was die Trainer mir mitgeben. Ich glaube, vor allem taktisch möchte ich mich noch verbessern.

schwatzgelb.de: Schon beim Wechsel warst du älter als 23. Warum hast du dich trotzdem für die U23 entschieden?

Mory Konaté: In Guinea kann jeder Fußball spielen, aber taktisch haben wir viele Defizite. Von Erndtebrück in die zweite oder in die dritte Liga zu wechseln, wäre schwierig für mich gewesen. Das ist dann schon ein Niveau, wo du sofort funktionieren musst und weniger Zeit ist, dich zu entwickeln. Das geht alles sehr schnell. Wenn du noch verschiedene Defizite hast, zum Beispiel in kleinen Details, dann bist du sofort raus. Deswegen habe ich mich entschieden erstmal zum BVB, zur U23, zu gehen, weil dort die Entwicklung im Vordergrund steht - obwohl ich da sozusagen der Opa bin. (lacht)

schwatzgelb.de: Siehst du dich aufgrund deines Alters auch als Vorbild für die jüngeren Kollegen?

Mory Konaté: Ja, für einige schon. Ich rede viel, sage auch mal was zu tun ist. Wir haben sehr viele junge Spieler im Kader, sogar noch 19-Jährige. Da versuchen wir Älteren schon, Erfahrungen weiterzugeben. Wenn die Jüngeren es von vornherein schon können, umso besser, aber wir geben auch gerne Ratschläge.

schwatzgelb.de: Wie hast du dich in Dortmund und im Team eingelebt?

Mory Konaté: Das ging alles sehr schnell. Wir sind ja alte Gegner, kannten uns zum Teil also schon aus dem letzten Jahr als die U23 gegen Erndtebrück gespielt hat. Da haben wir nach den Spielen geredet, Kontakte getauscht und uns auch mal so getroffen. Und auf einmal sind wir alle zusammen in Dortmund. Das war super.

schwatzgelb.de: Dein Vertrag läuft noch bis 2020. Wie sieht dein Plan für die Zukunft aus?

Mory Konaté: Ich habe noch ein Jahr hier in Dortmund. Ich möchte meinen Vertrag erst bis zum Ende erfüllen und dann schauen, was alles möglich ist. Ich bin 25, da liegen ja noch ein paar Fußballerjahre vor mir. Im Fußball kann alles passieren. Mein Ziel ist es, so hoch wie möglich zu spielen.

schwatzgelb.de: Also ist das auch dein Ziel für nächste Saison? Nochmal alles zu geben und noch besser zu werden?

Mory Konaté: Genau, ich möchte hier noch viel lernen und natürlich auch noch viele Spiele gewinnen.

schwatzgelb.de: Im Gegensatz zu vielen deiner Teamkollegen hast du deine Jugend nicht in der Nachwuchsabteilung eines großen Bundesliga-Clubs verbracht. Erzähl doch mal von deinen Anfängen im Fußball.

Mory Konaté: Das verwundert immer viele Leute. In Guinea habe ich in einer Fußballakademie gespielt. Das kann man von den Bedingungen her zwar nicht mit Deutschland vergleichen, aber wir haben fußballerisch und vor allem technisch viel gelernt. In Guinea haben wir jedoch keine U-Mannschaften. Entweder du kommst von der Straße oder von kleinen Vereinen aus direkt in die erste Liga oder es wird nichts. So war das. In dem Jahr, als ich in der ersten Liga hätte spielen dürfen, bin ich nach Deutschland gegangen. Da habe ich dann gedacht: „Okay. Fußball ist universal. Die Sprache spricht jeder auf dem Platz. Warum also nicht meine Chance ergreifen und schauen, wie es wird?“ Als ich aus Guinea kam habe ich direkt eine Mannschaft in der Oberliga gefunden, habe jedes Spiel Gas gegeben und dann auch alle Spiele gemacht. Mit viel Einsatz und Glück bin ich jetzt in Dortmund.

schwatzgelb.de: Was ist der größte Unterschied zwischen einem Leistungszentrum und einem “normalen” Club? Hat man es schwerer, wenn man nicht in einem Leistungszentrum anfängt?

Mory Konaté: Es kommt darauf an. Ich sehe auch manchmal bei Dortmund, dass die Jungs sehr viel Druck haben und dass der Trainer ihnen immer hinterherläuft. Immer heißt es, du musst, du musst. Und sie wissen schon, dass sie, wenn sie gut sind, vielleicht in ein oder zwei Jahren zum Profi werden können. Und bei uns in Guinea liegt die Wahrscheinlichkeit vielleicht bei 2%. Du hast einen Kader von vielleicht 50 Spielern und nur zwei oder drei werden zu Profis. Das heißt, es ist ein richtiger Kampf bis zum Ende. Da gibt es kein „Vielleicht werde ich später in ein oder zwei Jahren Profi“. Ich glaube, das ist einfach der Unterschied. In einem Leistungszentrum weiß man, dass man über die U-19 einen besseren Zugang zum Profifußball hat, aber in Guinea weiß man es nie.

schwatzgelb.de: Wie kam es zum Wechsel nach Deutschland? Hat dich jemand kontaktiert, oder hast du gesagt, dass du es mal in Deutschland probieren möchtest?

Mory Konaté: Ich bin als Student nach Deutschland gekommen, nicht für Fußball. Als ich mein Abi bestanden habe, wollte ich unbedingt nach Europa, aber das hat erst nicht geklappt. Ich habe dann noch ein Jahr an der Uni studiert, bis mein Vater gesagt hat, dass er einen guten Freund in Deutschland hat und der mir vielleicht helfen könnte, nach Deutschland zu kommen. Und so bin ich auf die Idee gekommen, hierhin zu gehen. Ich hatte keine Ahnung von der Sprache, das war ein bisschen schwer. Aber ich bin als Student nach Deutschland gekommen.

schwatzgelb.de: Studierst du jetzt noch weiter?

Mory Konaté: Naja, ich habe letztes Jahr noch studiert (in Koblenz, Anm. d. Red.) und jetzt ein Urlaubssemester gehabt. Jetzt will ich noch weiter studieren, weil ich ja als Student nach Deutschland gekommen bin.

schwatzgelb.de: Was studierst du denn?

Mory Konaté: Business Administration.

Ich kannte ja nicht einmal den Unterschied zwischen Kreisliga und Oberliga.

schwatzgelb.de: Was war am schwierigsten in Deutschland? Die Sprache oder gab es noch andere Sachen die schwierig waren?

Mory Konaté: Ich glaube die Sprache. Ich kannte keinen, als ich nach Deutschland gekommen bin. Ich war alleine. Ich habe noch ein paar Leute aus meinem Land, aus Guinea, getroffen, die etwas länger als ich hier in Deutschland waren und die haben mir gesagt, wo ich spielen kann und wo nicht. Ich kannte ja nicht einmal den Unterschied zwischen Kreisliga und Oberliga. So ist das alles entstanden.

schwatzgelb.de: Vermisst du Guinea?

Mory Konaté: Ja, ab und zu. Aber ich fliege fast immer, wenn ich Zeit habe, runter. Mindestens zweimal im Jahr. Mein Vater kommt mich ab und zu auch besuchen und mein Bruder lebt inzwischen bei mir.

schwatzgelb.de: Was vermisst du besonders an Guinea?

Mory Konaté: Das Essen - am meisten das Essen. Ich kann nicht so gut kochen, mein Bruder schon. Aber noch besser ist es natürlich, wenn meine Mutter oder meine Tante für mich kochen.

schwatzgelb.de: Was isst du am liebsten?

Mory Konaté: Am liebsten esse ich Reis mit verschiedenen Saucen. Den Namen kann ich auf Deutsch nicht aussprechen, den kenne ich nur in meiner Muttersprache.

schwatzgelb.de: Was ist deine schönste Fußballerinnerung?

Mory Konaté: In Deutschland?

schwatzgelb.de: Generell. Ein schönes Tor oder ein besonderer Moment?

Mory Konaté: Ich glaube, das war bei einem Turnier in Guinea. In meinem Viertel, wo ich gewohnt habe und aufgewachsen bin, fand ein kleines Turnier statt. Wenn die Viertel nicht so weit auseinander sind, ist das wie ein Derby, also kommen viele Fans und es ist sehr emotional. Ich glaube, im Viertel- oder Halbfinale habe ich da zwei Tore geschossen und eins vorbereitet. Das war richtig gut, weil die Fans beim Jubel einfach auf den Platz gerannt sind.

schwatzgelb.de: Hast du ein Vorbild? Einen Fußballer aus Guinea oder eher einen internationalen Superstar wie Lionel Messi?

Mory Konaté: Nein, aus Guinea nicht. Mein Lieblingsfußballer und Vorbild ist Ronaldinho. Ich habe sehr spät angefangen, Fußball zu spielen. Als ich Ronaldinho gesehen habe, hat mir das nochmal Mut gegeben, das Ziel zu verfolgen, Profi zu werden. Ich hatte immer Spaß daran, ihn Fußball spielen zu sehen. Früher habe ich fast nie Fußball geguckt, aber wegen ihm war ich dann immer dabei.

schwatzgelb.de: Zurzeit scheint bei euch etwas die Luft raus zu sein (Das Interview wurde vor dem Spiel gegen Straelen geführt, Anm. d. Red.). Wie schwer fällt es, alles zu geben, wenn es im Grunde um nichts mehr geht?

Mory Konaté: Wenn du bei Borussia Dortmund spielst, hast du immer Druck, das habe ich schon bemerkt. Es ist nicht so wie in Erndtebrück. Selbst wenn es um gar nichts geht, musst du jedes Spiel gewinnen. Das ist einfach die Mentalität - Spiele gewinnen, Spiele gewinnen, Spiele gewinnen. Wenn es um gar nichts geht und man dann noch lustlos spielt, dann bemerken das auch unsere Fans und so wollen wir uns denen nicht präsentieren. Wir wollen immer die Spiele gewinnen. Da interessiert es keinen mehr, wo wir stehen. Auch wenn wir nicht mehr aufsteigen können, muss die Mentalität sein, jedes Spiel gewinnen zu wollen.

schwatzgelb.de: Wo siehst du eure größten Schwächen?

Mory Konaté: Wir sind eine sehr junge Truppe mit viele 19- und 20-Jährigen. In so einer Phase ist es immer schwer, wenn du in Rückstand gerätst. Da gehst du sofort „kaputt“. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Immer wenn wir in Rückstand geraten sind, war es eigentlich vorbei. Entweder haben wir unentschieden gespielt oder verloren, aber wir haben in der Rückrunde keinen Rückstand mehr gedreht. Jetzt zu sagen, dass es am Abwehrverhalten liegt, wäre zu einfach. Es ist immer ein Zusammenspiel in der ganzen Mannschaft und da eher eine Kopfsache.

schwatzgelb.de: Was habt ihr für Lösungsansätze?

Mory Konaté: Die Lösung dafür ist eigentlich ganz einfach: Spiele gewinnen. Wenn wir Spiele gewinnen, dann wollen wir immer noch mehr gewinnen und dann bekommst du Rückenwind. Aber sobald wir ein Spiel verlieren, fangen wir an zu reden, reden, reden und das ist nicht gut, weil du dann die negativen Gedanken nicht los wirst.

schwatzgelb.de: Wie war der Trainerwechsel mitten in der Saison für euch? Das kam ja sehr plötzlich...

Mory Konaté: Wir waren alle überrascht. Wir dachten, dass der Trainer bis zum Ende der Saison bleibt. Er hat gesagt, dass er seinen Vertrag erfüllt, aber wenn etwas Großes kommt, dass er dann vielleicht geht. Wir wussten nicht, dass es ein Angebot von Huddersfield gab. Das hat alle überrascht. Wenn du ein Regionalliga-Trainer bist und Huddersfield anklopft, dann kannst du nicht absagen. Das ist die Premier League. Da musst du deine Chance als Trainer nutzen, um dich zu zeigen. Jeder Spieler würde es wahrscheinlich genauso machen.

schwatzgelb.de: Habt ihr noch Kontakt zu Jan Siewert?

Mory Konaté: Nicht so wirklich.

schwatzgelb.de: Einerseits liebäugelt man immer mit dem Aufstieg, andererseits dient die U23 ja in erster Linie als Sprungbrett und Möglichkeit, Spielpraxis zu sammeln und sich weiterzuentwickeln. Wie kriegt ihr das unter einen Hut?

Mory Konaté: Ich glaube, das ist eine Konzentrationssache. Du weißt, dass du nicht mehr weit von den Profis weg bist und dann musst du konzentriert bleiben, sonst verlierst du alles. Irgendwann spielst du dann nicht mehr, weil du zu weit denkst - An die zweite Liga oder an die Profis. Ich glaube, du musst dich erstmal auf deine Liga und einen möglichen Aufstieg konzentrieren und im Training Gas geben. Dann lernst du genug und entwickelst dich weiter, dass es vielleicht irgendwann eine höhere Liga wird.

schwatzgelb.de: Mal noch ein bisschen Fußball im Allgemeinen: VAR. Gutes Hilfsmittel oder kann weg?

Mory Konaté: Für mich: weg damit. Für mich schadet er dem Fußball, weil du erstmal Minuten verlierst, bis eine Entscheidung getroffen wurde. Natürlich kannst du die eine oder andere Fehlentscheidung korrigieren, aber es ist für die Mannschaft, gegen die entschieden wird, ein Nachteil. Nicht nur die Entscheidung, sondern auch weil der Rhythmus komplett verloren geht. Wenn dann noch zwei oder mehr knappe Entscheidungen gegen dich fallen, fühlt es sich noch ungerechter an. Für mich wäre es da besser, gar nichts zu haben.

schwatzgelb.de: Was sagst du zur Saison der Profis?

Mory Konaté: Das macht immer Spaß, denen beim Spielen zuzusehen. Da steht schon eine enorme Qualität auf dem Platz.

schwatzgelb.de: Schaust du selbst auch Fußball? Welche Liga und welchen Verein verfolgst du am liebsten?

Mory Konaté: Barcelona schaue ich am liebsten. Die Jungs sind einfach Wahnsinn, wie die Fußball spielen. Jeder Fußballer versucht, genau wie die zu spielen. Die spanische Liga macht mir sehr viel Spaß. Aber auch die Premier League: jedes Spiel ist immer ein Kampf und ich liebe Zweikämpfe ...

schwatzgelb.de: Hast du einen Karrieretraum?

Mory Konaté: Einmal im Afrika-Cup für Guinea zu spielen. Das wünsche ich mir.

Dann wünschen wir dir viel Erfolg bei der Verwirklichung deines Traums und bedanken uns für dieses Interview.

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