Im Gespräch mit...

Dr. Hockenjos: "Es ist das authentischste Stadion, das ich kenne."

03.07.2019, 16:04 Uhr von:  Seb NeusserJens CHS
Dr. Hockenjos: "Es ist das authentischste Stadion, das ich kenne."

Dr. Christian Hockenjos ist bereits seit über 20 Jahren beim BVB und hat als Direktor Organisation einen vielfältigen Aufgabenbereich. Im großen schwatzgelb.de-Interview spricht er darüber, wie sich sein Aufgabenbereich im Laufe der Zeit verändert hat, zieht einen Vergleich zwischen Champions-League-Finale 1997 und 2013 und die Zukunft des Westfalenstadions. Außerdem erzählt er, wie der Weltpokalsieg in Tokio gefeiert wurde.

schwatzgelb.de: Herr Dr. Hockenjos, vielen Dank dass Sie sich heute Zeit für uns genommen haben. Sie arbeiten als Direktor Organisation beim BVB eher im Hintergrund. Wie genau muss man sich Ihren Aufgabenbereich vorstellen?

Dr. Hockenjos: Kurz und knapp geantwortet, sind meine Hauptthemenschwerpunkte der Betrieb des Stadions und natürlich die Veranstaltungsdurchführung. Ich bin bei Spielen Veranstaltungsleiter, also u.a. auch zuständig für die Sicherheit der Besucher. Insofern bin ich immer froh, wenn alle Zuschauer sicher im Stadion ankommen und abends auch sicher und glücklich wieder nach Hause kommen.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Dr. Hockenjos aus?

Das ist sehr unterschiedlich, je nach Phase der Saison. Momentan finden keine Veranstaltungen statt, deshalb ist die Arbeit sehr „stadionlastig“, weil die meisten Baumaßnahmen in dieser Pause stattfinden. Während der Saison ist ein Arbeitstag natürlich vorrangig mit Spielvorbereitungen gefüllt – wobei ich mich meist schon mit Spiel Y beschäftige, während Spiel X noch gar nicht gespielt ist. Wir sind da zwangsläufig immer ein bisschen voraus.

Wie hat sich Ihr Aufgabenbereich „Organisation & Sicherheit“ in den letzten 20 bis 25 Jahren verändert?

Zuerst hat sich mein persönlicher Aufgabenbereich verändert: Am Anfang gehörte das Stadion noch nicht zu meinen Aufgabenfeldern, da war ich derjenige, der die Stammtischebene-Plätze an den Mann bringen durfte. Das war zu der Zeit relativ einfach, weil wir gerade zweimal Deutscher Meister geworden waren. Dann kam irgendwann das Thema Spielbetrieb hinzu und im Jahr 2005 auch das Thema Stadion.

Aber jedes Thema für sich hat sich über die Jahre verändert, so wie sich auch die Klientel im Stadion verändert hat.

Seit 2005 Zuständigkeitsbereich: Westfalenstadion
Seit 2005 Zuständigkeitsbereich: Westfalenstadion

Vielleicht können Sie die Veränderungen mal am konkreten Beispiel des Champions-League-Finales beschreiben. Wie sieht Ihr Aufgabenbereich im Vergleich zwischen München 1997 und London 2013 aus?

Dazwischen liegen Welten... (lacht)

Ich habe kürzlich noch in den Ordner von 1997 geschaut, die Unterlagen von München und Tokio haben wir hier alle archiviert. Da gab es zum Beispiel keine einzige E-Mail. Sämtliche Kommunikation lief damals per Fax sowie über handschriftliche Notizen, die man beim Telefonieren mitgeschrieben hat. Sämtliche Korrespondenz mit DFB, UEFA oder Juventus Turin lief per Fax. Ich bin vor dem Finale einmal nach München geflogen. Das war die einzige Vorbesprechung. Im Vergleich dazu hatten wir 2013 schon vor dem Halbfinale mehrere Besprechungen im Hinblick auf Wembley. Nach dem Halbfinale ist zum Beispiel Sebastian Walleit (Fanbeauftragter, d. Red.) auch in den Flieger, da sind wir zu acht (!) nach London geflogen. Das war für mich schon der vierte Termin auf dem Weg zum Finale. Es war also keine One-Man-Show wie 1997, das ist jetzt eine komplett andere Welt. In den Wochen vor dem Champions-League-Finale in London waren es 250 bis 300 E-Mails am Tag. Im Vergleich dazu kam 1997 vielleicht ein Fax pro Tag. Es mussten auch ganz andere Themen geklärt werden: Terrorismus ist ein Beispiel, aber auch ganz banale Dinge. Die UEFA wollte, dass beide Vereine ihre Mannschaftsbusse werblich neutralisieren, damit diese nicht mit den eigenen Sponsoren kollidieren. Auch dazu fand dann wieder ein zweistündiger Termin statt, der zum Ergebnis hatte, dass die Busse nicht neutralisiert werden müssen.

Zwei Tage vor dem Endspiel in Wembley war mein 50ster Geburtstag. Da hatten wir eine umfassende Sicherheitsbesprechung in Wembley, die dauerte 3,5 Stunden – plus zwei Stunden Hinfahrt und zwei Stunden Rückfahrt. Da hatte sich mein Geburtstag erledigt. Am Spieltag fand dann das offizielle Organisations-Meeting statt, in dem es auch einen Sicherheitspart gibt. Da war derselbe Verantwortliche wieder dabei und war erneut auf dem Weg, drei Stunden zum gleichen Sicherheitspart zu reden. Glücklicherweise hat er dann ein Zeichen bekommen und sich kurz gefasst...

Oder denken wir an den Tag nach dem Finale. 1997 haben wir uns kurzfristig dazu entschieden, einen Korso zu machen. Klar, der Bus dafür stand vorbereitet in der Garage. Aber der restliche Plan war nur: Wir fahren auf den Friedensplatz, da steht dann eine Bühne und wie viele Leute kommen, sehen wir dann.

Heutzutage machst du über Wochen Vorbesprechungen mit den beteiligten Behörden und der Stadt, musst die Route festlegen, die Größe der Menschenmengen prognostizieren – die Welt ist seit der Loveparade in Duisburg 2010 eine andere geworden, ganz klar. Diese Spontaneität 1997 wäre heute undenkbar.

Zusammengefasst lässt sich sagen: Die Mitarbeiterzahl in meiner Abteilung hat sich massiv erhöht. Die Themen, die ganze Branche, sind einfach explodiert. Es gibt mittlerweile Themen, um die man sich damals nicht kümmern musste.

Und dann war 1997 ja auch noch der Weltpokalsieg...

Dazu vielleicht eine kleine Anekdote: In Tokio 1997 wollten wir nach dem Spiel noch ein wenig feiern, aber das Hotel hat recht schnell klar gemacht, dass wir nur bis Mitternacht dürfen, weil die Mitarbeiter schlafen wollten. Ich habe dann entgegnet: „Die Mannschaft ist gerade Weltpokalsieger geworden, die wollen noch nicht schlafen, die wollen feiern!“ Daraufhin haben die Menschen im Hotel gesagt: „Alles klar, ihr könnt euch an der Bar mit Getränken eindecken, wir besorgen euch auch einen Einkaufswagen, in dem ihr das alles transportieren könnt.“ Also haben wir den Einkaufswagen mit Bier und anderen Getränken vollgemacht und sind damit auf ein privates Zimmer. Das war keine Suite oder so, sondern ein stinknormales Zimmer mit Doppelbett auf ein paar Quadratmetern. Da haben wir dann mit 20 Personen weitergefeiert.

Da ich kein Spieler bin, sondern der „Orga-Mann“, musste ich natürlich klar im Kopf bleiben und mitbekommen, was passiert. Morgens um halb 5 hat es an der Tür geklopft, und ich fühlte mich verantwortlich und bemüßigt, die Tür zu öffnen und wollte gucken, was da los ist. Da standen dann drei japanische Polizisten mit Gewehr im Anschlag vor mir und guckten grimmig, weil wir zu laut waren. Das war ein sehr besonderer Moment, und das waren keine freundlichen Gesichter.

Sie sind jetzt schon seit über 20 Jahren beim BVB. Wie kam damals der Kontakt zu Stande?

Ich habe Volkswirtschaftslehre studiert und mich am Ende des Studiums entschieden, über ein finanzwissenschaftliches ,aber auch sportrelevantes Thema zu promovieren: öffentliche Sportförderung. Im Zuge der Doktorarbeit habe ich für mich den Plan entwickelt, auch im Sport tätig werden zu wollen, weil das mein allergrößtes Hobby war. Da gab es die Wahl zwischen Verbänden, Agenturen und natürlich auch Vereinen, aber du kannst dich natürlich nicht bei allen bewerben. 30 Kilometer weiter nordwestlich von hier, das sage ich auch als Südbadener, habe ich mich nicht beworben (lacht). Borussia Dortmund war einer der wenigen Vereine, die in Frage kamen und bei denen ich mich beworben habe. Da war ich sicherlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Wir finden dieses Stadion, glaube ich, alle richtig geil, wenn ich das so sagen darf.

Was hat Sie an der Aufgabe BVB besonders fasziniert?

Erstmal hat mich das Gebilde Borussia Dortmund sehr fasziniert, das war natürlich eine riesige Nummer, hier anfangen zu dürfen. Damals war es so, dass das Stadion gerade erstmals ausgebaut wurde. Ich schimpfte mich „Trainee der Geschäftsleitung“ und hatte zunächst gar kein festes Aufgabenfeld. Die damalige Vereinsführung hatte schon erkannt, dass der Mitarbeiterstab nicht ausreichend war, weil das Umfeld des Vereins damals wegen der Meisterschaften und des Champions League Sieges schon die erste Stufe des Explodierens nahm. Also hat die Klubführung erkannt, dass sie das Personal aufstocken müssen, ohne dass damals festgestanden hätte, was ich genau zu tun hätte. Da hat sich dann ergeben, dass ich die Stammtischebene vermarkte. Außerdem war Walter Maahs (ehem. Trainer der Amateure und Geschäftsführer des BVB, d. Red.) zurückgetreten, da lag es einfach nahe, in dessen Fußstapfen der Organisation zu treten.

Wir haben mal ein bisschen in den alten Medienberichten gekramt: Sagt Ihnen der Name Jonny Ecker noch etwas?

(überlegt) Fußballer, oder?

Damals war dazu im Kicker vom 02.07.1998 zu lesen: „BVB-Organisationschef Dr. Hockenjos wurde sogar mit Ecker in der Fortuna-Geschäftsstelle vorstellig, um dessen Gehalt abzuklären.“ Waren Sie in Ihrer Zeit beim BVB generell in Transfervorhaben involviert?

Nein, überhaupt nicht. Das war der Tatsache geschuldet, dass die Kollegen, die eigentlich dafür zuständig waren, verhindert waren und auch dem Fakt, dass ich Französisch spreche... Der Spieler war ja, auch wenn sich der Name nicht so anhört, Franzose. Es ging um einen möglichen Transfer zu Fortuna Köln und erst im zweiten Schritt zu Borussia Dortmund. Jean Löring saß noch mit am Tisch. Aber der Transfer kam letztlich nicht zustande.

Gab es noch weitere kuriose Geschichten in Ihrer Zeit bei Borussia Dortmund?

Nein. Überhaupt nicht (lacht).

Im Ernst: Selbst in dieser Woche sind noch kuriose Geschichten passiert, ich wüsste ehrlich gesagt nicht, wo ich anfangen sollte. Damit kann man sicherlich Bücher füllen.

Kommen wir mal zu unserem Westfalenstadion. Für uns Heimat, aber langsam auch “altes Haus” – Es besteht die Befürchtung, dass der BVB irgendwann ein neues Stadion benötigt. Wie lange werden wir noch im Westfalenstadion spielen?

Ich glaube, der BVB tut sehr, sehr viel dafür, in diesem Stadion zu bleiben. Wir finden dieses Stadion, glaube ich, alle richtig geil, wenn ich das so sagen darf. Es ist authentisch. Es ist das authentischste Stadion, das ich kenne. Es ist ehrlich, es hat Patina. Das sind Attribute, die dazu beitragen, dass nicht nur ich, sondern auch viele andere sagen, „Das ist unser Stadion, da wollen wir bleiben und dafür tun wir auch viel.“ Dafür investieren wir in die Bausubstanz. Jetzt in diesen Tagen wieder, die Pylonen an der Nord- und der Ostseite werden überholt, letztes Jahr waren schon West- und Südtribüne dran. Dann machen wir regelmäßig Betonsanierungen, weil der Zahn der Zeit nun einmal an der Bausubstanz nagt. Das sind die klassischen Arbeiten für den Substanzerhalt.

Wir haben in den letzten 10 Jahren eminent viel Geld in das Stadion investiert, um es wettbewerbsfähig zu halten. Wir haben im Fußball das Glück, dass ein junger Mensch, wenn er sich für einen Verein entschieden hat, diesen nicht wechselt, weil das Stadion irgendwann marode ist. Das ist bei Konzertstandorten anders, die Veranstalter achten schon auf Komfort und wählen dementsprechend. Das ist bei uns nicht der Fall. Trotzdem haben wir uns auf die Fahne geschrieben, das Stadion sicher und komfortabel zu halten. Wir möchten möglichst lange da drüben bleiben (zeigt auf das Stadion hinter sich).

Seit über 20 Jahren dabei: Dr. Christian Hockenjos
Seit über 20 Jahren dabei: Dr. Christian Hockenjos

Irgendwann ist es doch eine wirtschaftliche Frage, wenn man jedes Jahr 15-20 Millionen in den Substanzerhalt stecken müsste, weil der Zahn der Zeit dran genagt hat, dann müsste man doch über einen Neubau nachdenken?

(überlegt) Die Instandhaltungskosten haben wir, ja. Das Stadion ist, offen gesprochen, im Betrieb auch schwierig, weil es ein Patchwork-Gebäude ist. Das sieht zwar nicht so sehr nach Patchwork aus, ist aber im Betrieb kompliziert, was beispielsweise logistische Themen anbelangt. Die Frage der Instandsetzung und die Frage des Substanzerhalts müssen Sie in Hamburg, München oder sonstwo vielleicht nicht heute, aber morgen definitiv auch beantworten. Und nicht erst übermorgen! Die Frage der Wirtschaftlichkeit, also ob es irgendwann wirtschaftlicher wäre, ein neues Stadion zu bauen, würde ich heute mit nein beantworten. Wenn man sich in München 2002/2003 oder 30 Kilometer weiter nordwestlich damit auseinandergesetzt hat, ein neues Stadion zu bauen, dann muss man sagen, dass das jeweilige alte Stadion kein gutes war. Aber wir haben ein tolles Stadion – manchmal schwierig, aber toll! Es ist wahrscheinlich nirgendwo so gut gelungen, das Alte zu bewahren und trotzdem mit der Zeit zu gehen. Das macht unser Stadion schon ein bisschen aus.

Sie sprachen eben schon von akuten baulichen Veränderungen, von den Pylonen. Wenn wir zum Supercup ins Stadion kommen, wird sich wahrscheinlich noch mehr verändert haben, geplant sind u. a. digitale Banden im Oberrang. Woran wird noch gearbeitet?

Es ändert sich in diesem Sommer gar nicht so viel, was für den Besucher sichtbar ist, selbst bei den Pylonen musst du es fast wissen, um es zu erkennen. Die sehen jetzt natürlich ein bisschen gelber aus, weil sie vorher verwittert waren.

Die digitalen Banden im Oberrang wird es zum Supercup noch nicht geben. Die kommen wahrscheinlich erst zum Ligastart auf West- und Osttribüne und wohl in einer der Länderspielpausen dann auch an der „Nord“.

Es wird eine neue LED-Flutlichtanlage geben, die soll zum Supercup startbereit sein. Hier ist es schlicht und einfach so, dass wir mit der bisherigen Flutlichtanlage den Medienanforderungen der DFL nicht mehr entsprechen, was die Lux-Werte angeht. Wir mussten tätig werden. Die DFL verlangt keine LED-Flutlichtanlage, aber es wäre in diesen Zeiten ja komisch, wenn wir noch auf die analoge Technik setzen würden.

Außerdem wird es auf der Südtribüne einige zusätzliche Wellenbrecher geben, was auch gut ist. Wellenbrecher haben einen wichtigen Sinn bei der Stabilisierung der Besucher und wir hatten an einigen Stelle auf der „Süd“ über dreizehn, vierzehn Reihen keine Wellenbrecher. Die Versammlungsstättenverordnung sagt, dass in jeder fünften Reihe ein Wellenbrecher sein muss. Das ergibt Sinn, damit ich, bei einem Torjubel zum Beispiel, nur den Druck von maximal fünf Reihen auf mir lasten habe und nicht den von 20 Reihen. Da ist die Bauordnungsbehörde mit einem Anpassungsverlangen auf Borussia Dortmund zugekommen, also können wir uns auch nicht auf Bestandsschutz berufen. Ergo kommen jetzt 58 Wellenbrecher hinzu, 16 werden entfernt, so dass wir am Ende 42 zusätzliche haben werden. Das ist im Sinne aller.

Der Rasen ist wie jeden Sommer frisch eingesät worden. Wir hatten eine größere Leckage der Rasenheizung vor der Osttribüne. Da ist ein Rohr gebrochen, weshalb wir einen 100 m langen und 3,50 m tiefen Graben vor der Tribüne hatten. Der ist aber inzwischen wieder zugeschüttet.

An den Toiletten arbeiten wir permanent. Wir investieren jedes Jahr 400.000 Euro in Toiletten, das ist ein permanentes Budget. Da können wir keine weitere Kapazität schaffen, weil wir keinen Platz mehr haben, aber wir investieren in die Qualität der Anlagen. Wir sollten vielleicht aus der einen oder anderen Toilette die Patina von 1974 entfernen.

Bei der LED-Flutlichtanlage besteht ein bisschen die Befürchtung, dass das wie in Wolfsburg oder München für eine Lichtshow bei der Mannschaftsaufstellung genutzt wird. Was ist da geplant und was sind die Vorteile der neuen Anlage?

Die Vorteile der LED-Technologie sind, dass man das Flutlicht abschalten und sofort wieder anschalten kann. Es dauert bei der analogen Anlage eine Minute, bis das wieder bei 100% ist. Es wird übrigens in jeder Sitzung der UEFA abgefragt, wie lange es dauert, wenn das Licht abgeschaltet wird oder ausfällt, bis es wieder eingeschaltet ist!

Wir haben in einem sehr frühen Stadium, noch bevor wir uns für einen Anbieter entschieden haben, mit mehreren Abteilungen zusammengesessen, unter anderem mit der Fanbetreuung, und über die Anforderungen gesprochen. Ganz ergebnisoffen haben wir da überlegt, was wir haben wollen. Da wurde relativ schnell klar, dass wir keine Lichtshow um 15:22 Uhr haben wollen. Das passt nicht zu Borussia Dortmund. Aktuell haben wir auch noch nicht in Eventtechnologie investiert, sondern nur in das reine Flutlicht. Ein weißes Licht, das man schnell ab- und wieder einschalten kann. Da werden wir gegenwärtig keine Show wie in München oder Wolfsburg machen. Ich weiß nicht, ob ihr beim Spiel bei Atletico Madrid dabei wart? Die haben auch seit zwei Jahren LED-Licht, und zwar eine sehr moderate Form. Es kann sein, dass wir irgendwann übernehmen, mit Licht zu spielen, aber ich glaube, dass wir in Dortmund auch immer den Geschmack der Südtribüne und der Zuschauer im Blick haben und damit ordentlich umgehen.

Es gibt aber auch andere Veranstaltungen im Stadion, zum Beispiel das Abschiedsspiel von Roman Weidenfeller, das Weihnachtssingen oder auch private Veranstaltungen, wo wir wiederholt für viel Geld separate Anlagen angemietet haben. So eine Technologie bereits installiert zu haben, ist auf lange Sicht erstrebenswert, aber wir wissen schon, wo wir herkommen und gehen sensibel mit solchen Aktionen um.

Welche Arbeiten sind gerade im Hinblick auf die EM 2024 noch gefordert?

Für die EM 2024 müssen wir gar nicht so viel machen. Ich vergleiche es mal mit der WM 2006: Da war ich auch sogenannter WM-OK-Außenstellen-Geschäftsführer. Die Strukturen werden jetzt bei der EM etwas anders sein, aber eigentlich müssen wir nichts Bleibendes baulicher Natur ändern, zumindest Stand jetzt. 2006 mussten wir u.a. die Umkleidekabinen vergrößern, wir haben die Tribünen, die vorher bis zum Rasen gingen, um zwei Reihen gekürzt, die elektronische Zutrittskontrolle und Sitze mit Rückenlehnen installiert – und das 2005, als wir kein Geld hatten! Diesmal müssen wir wenig machen. Unser Medienbereich für die Ü-Wagen ist viel zu klein, dementsprechend müssen wir mit dem TV-Compound wieder auf die Rote Erde ausweichen. Das tolle Medienzentrum im Signal Iduna Park ist für so ein Event zu klein. Das heißt, dass wir auch da auf die Tribüne der Roten Erde ausweichen, die dann mit einer Bühne überbaut wird: rechte Hälfte PK-Raum, linke Hälfte Mixed Zone. Die VIP-Kapazitäten sind kleiner als das Pflichtenheft der UEFA es verlangt. Rein theoretisch müssen wir Fläche bei den Westfalenhallen anmieten, da haben wir uns bereits mit der Stadt geeinigt. Es könnte aber auch so kommen, dass die Kapazitäten, die zurzeit vorhanden sind, ausreichen werden. Dann wird es wieder einen äußeren Sicherheitsring geben müssen. Außerdem werden auf der Südtribüne temporäre, mobile TV-Studios gebaut.

Der DFB ließ ein Konzept erarbeiten, nach dem alle EM-Stadien komplett barrierefrei werden sollen. Geht das überhaupt? Wie wird der BVB das realisieren?

Diese Anforderung kenne ich so nicht. Unter derlei Umständen dürfte keines der deutschen Stadien bei der EM mitmachen. Ob es ausländische Stadien dürfen, weiß ich nicht. Ich glaube nicht, dass es ein Stadion gibt, in dem die Menschen, die im Oberrang untergebracht sind, per Aufzug – was auch nicht wirklich barrierefrei ist, weil man die im Brandfall nicht benutzen darf – oder mit Rampen mit maximal 6% Steigung zu jedem Platz gebracht werden können. Das ist mir so nicht bekannt.

Welche Änderungen werden in Zukunft noch wichtig im Hinblick auf technischen Fortschritt wie z.B. e-tickets?

Das Thema Zutrittskontrolle ist inzwischen 14 Jahre alt, das wollen wir möglicherweise im nächsten Sommer angreifen, und dann soll diese neue Anlage natürlich auch e-Tickets verarbeiten können. Da gibt es aber noch diversen Klärungsbedarf, beispielweise mit dem Verkehrsdienstleister. Wenn jemand ein e-Ticket kauft, das an seine 500 Freunde schickt und die fahren am Samstag damit alle im VRR Bahn, findet der VRR das nachvollziehbar nicht gut. Hier gibt es also noch Klärungsbedarf. Aber klar, wenn wir eine neue Anlage installieren, sollte sie e-Ticket-fähig sein.

LED-Flutlicht, digital payment, W-Lan, e-Ticket – hätten wir vor sieben, acht oder auch zehn Jahren zusammengesessen, hätte es vermutlich noch keines dieser Stichworte gegeben. Ich denke, dass es bei der EM 2024 und ein paar Jahre später erst Recht, Dinge geben wird, die heute für uns noch gar nicht greifbar sind. Das Thema technischer Fortschritt ist ein stetiger Prozess, und wir müssen für uns immer hinterfragen, ob eine Technologie im Hinblick auf unsere Besucher und auf wirtschaftliche Fragestellungen Sinn ergibt. Aber das Ende des technischen Fortschritts im Stadion ist sicher noch nicht erreicht.

Der BVB hat im Westfalenstadion zwei Einlassbereiche mit der Nordtribüne und im Südosten. Gibt es Bestrebungen, einen weiteren Bereich zu erschließen, zum Beispiel im Südwesten?

Wir haben bereits über einen Eingang „Südwest“ nachgedacht und das im Fanrat auch vorgeschlagen und diskutiert. Wir mussten es aber letzten Endes verwerfen, da die Feuerwehrumfahrten an dieser Stelle logistisch schwer abzubilden sind. Hinzu kommt, dass es Überlegungen auf Seiten der Stadt gibt, eine „Eventmeile Strobelallee“ zu schaffen und die Brücke über die B1 neu zu bauen. Solange wir noch nicht wissen, wie die äußeren Verkehrsrahmenbedingungen zukünftig die Zuschauerströme zum Stadion leiten, wollen wir uns ungerne festlegen und einen Eingang bauen, der nachher nicht mehr genutzt wird, weil der Besucherstrom anders geleitet wird.

Grundsätzlich fände ich es gut, wenn wir den Nordwesten entlasten könnten und von den 25.000 Besuchern, die an der Nordwest-Ecke ins Stadion gehen, jene 10.000 umleiten, die über den Weg zur Südtribüne gehen. Aber dazu müssen wir erst einmal die grundsätzliche Verkehrsführung kennen, die langfristig geplant ist.

Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

In der Münchner Allianz Arena sollen nächstes Jahr testweise automatisierte, technikbasierte Personenkontrollen genutzt werden. Ist etwas ähnliches auch in Dortmund geplant?

Bei allen Einbauten muss man immer wissen, was durch das Thema Entfluchtung überhaupt zugelassen wird. Wir haben diese „Kuchenscheiben“ zwischen den Eingängen, die haben wir nicht grundlos installiert. Wir sind das einzige Fußballstadion, in dem von einem Korpus Dreharme sowohl nach links und nach rechts weggehen. Daneben kommt die „Kuchenscheibe“ und dann wieder ein Korpus mit den nächsten Drehkreuzen. Die „Kuchenscheibe“ ist deshalb installiert, damit wir an manchen Stellen nicht nur 60 cm breite Fluchtwege haben, sondern Fluchtwege mit 1,20 m bieten können. Wir sind also, was bauliche Themen an der äußeren Hülle anbelangt, relativ eingeschränkt.

Da ich auch für die Sicherheit im Signal Iduna Park verantwortlich bin, sage ich aber auch offen und ehrlich: Wenn es eine Technologie gäbe, mit der man, ohne dass sich ein Besucher ausziehen oder entblößen müsste, Pyrotechnik finden könnte, dann würde ich mich dafür einsetzen, dass wir diese anschaffen!

Es gibt immer wieder Beschwerden bzgl. der Einlasssituation, besonders auch was die Eingänge für Frauen betrifft. Wie wird man darauf zur nächsten Saison reagieren?

Das Thema Fraueneingänge ist wichtig, da geben wir aktuell noch keine gute Figur ab. Wir glaubten, die Situation zu verbessern, indem wir Fraueneingänge schaffen. Wir haben die Situation aber verschlimmbessert.

Ein Grund ist, dass wir mehr Frauen als Ordner bräuchten, um das so realisieren zu können, wie wir es gerne hätten. Es ist aber, offen gesprochen, nicht ganz so einfach, weibliche Ordner zu bekommen. Das ist keine Frage von 10, 12 oder 14 Euro pro Stunde, sondern eher die Frage, was den Frauen da am Einlass begegnet, insbesondere am Gästeblock. Ich habe mir die Szenerie beim Derby angeguckt. Wenn man da am Einlassbereich steht und 600 bis 700 gleich gekleidete im Stakkato auf dich zu stürmen, ist das wirklich nicht angenehm. Einen Mann kann man dafür vielleicht noch bekommen, Frauen sagen da eher ab.

Beim Länderspiel in Wolfsburg gab es kürzlich Unisex-Toiletten. Wäre das auch ein Konzept für das Westfalenstadion?

Wir werden das beim Länderspiel im Oktober gegen Argentinien ebenfalls testen. Danach werden wir überprüfen, ob das gut oder schlecht angenommen wurde und unsere Schlüsse daraus ziehen.

Ein großes Ärgernis für Fans ist bei Europapokalspielen, dass die Südtribüne auf Sitzplätze umgerüstet werden muss. Können wir da in Zukunft mit einer Änderung seitens der UEFA rechnen?

Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben und habe auch an diversen Stellen schon artikuliert, dass wir uns freuen würden, wenn zumindest wieder die Regelung eingeführt würde, die wir in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre hatten: Damals musste die Kapazität der „Süd“ von 16.000 um 20% reduziert werden. Dadurch konnten immerhin noch knapp 13.000 Fans kommen und stehen. Diese Regelung ist dann nochmal verschärft worden, und irgendwann sind die Stehplätze ganz weggefallen. Mir erschließt sich nach wie vor der Sinn nicht. Ich werde auch nicht müde, das an den Stellen, an denen ich bei der UEFA aktiv bin, anzubringen. Es gibt Bewegungen im Ausland für die jeweilige nationale Liga, zum Beispiel in England, über die Legalisierung von Stehplätzen nachzudenken. Vielleicht bedarf es einer Initialzündung irgendwo in Europa, damit das Thema nochmal richtig groß wird. Bis jetzt sind wir in Deutschland ja die einzigen. Das würde sich natürlich ändern, wenn wir Mitstreiter hätten. Aber ich sehe es doch bei jedem Champions League Spiel: Die Südtribüne ist bestuhlt, es dürfen nur 12.000 statt 25.000 kommen und letztlich sitzt davon keiner. Wir geben 40.000 Euro pro Spiel für den Auf- und Abbau der Sitzplätze aus. Nehmen wir ein Viertelfinale mal als Ziel an, geben wir bis dahin also 200.000 Euro nur dafür aus, das Geld ist für die Katz‘. Dazu kommen dann noch die unsäglichen Strafen, weil Menschen auch auf den Treppenbereichen stehen...

Können wir Fans etwas dazu beitragen?

Ich glaube, wenn sich Fans dazu zusammenschließen und das Ganze forcieren – wohlgemerkt nicht mit Beleidigungen – wenn Fanverbände und Initiativen ebenfalls einsteigen, glaube ich schon, dass man etwas erreichen kann.

"Europe wants to stand"
"Europe wants to stand"

Nicht nur das Westfalenstadion ist eine Baustelle. Das Trainingsgelände soll für einen achtstelligen Betrag modernisiert werden. Wie steht es mit den Baumaßnahmen, was genau ist dabei geplant?

Wir bauen weitere Fußballplätze, ein Verwaltungsgebäude für die Abteilung Sport und eine Sporthalle.

Die Abteilung Sport wird nach Brackel ziehen, um Synergieeffekte zu schaffen. Es wird dort auch ein neues Medienzentrum geben, der aktuelle Pressekonferenz-Raum ist ja nur ein Provisorium. „BVB TV und Social Media“ werden vor Ort eigene Räumlichkeiten erhalten, unter anderem ein TV-Studio.

Neben der Verwaltung werden außergewöhnlich gute Möglichkeiten für den Nachwuchs geschaffen, weil uns da einige Vereine überholt haben und wir natürlich den Anschluss nicht verlieren wollen. Wir sind in den letzten Jahren mit Abstand die erfolgreichste Jugendabteilung in Deutschland und das wollen wir natürlich beibehalten. Für diese Maßnahmen geben wir aller Voraussicht nach 15 bis 20 Millionen Euro aus.

Was ist da so der Zeithorizont? Wie weit ist man im Bauvorhaben?

Das wäre eine Frage an Marcus Knipping, der das Projekt leitet. Wir werden in den nächsten Monaten anfangen zu bauen und das alles in den nächsten Jahren schrittweise fertigstellen.

Sind weitere Baumaßnahmen geplant? Wie sieht es bei der Geschäftsstelle aus?

Aktuell nicht.

Die U23 leidet ja immer darunter, dass im Winter oft mehrere Monate am Stück keine Spiele ausgetragen werden können. Gibt es Bestrebungen, z.B. ein eigenes Amateurstadion zu bauen, oder Baumaßnahmen die Rote Erde umzubauen?

Es gibt heute keine Bestrebungen, ein eigenes Stadion zu bauen. Es gibt Bestrebungen, die Rote Erde rasentechnisch so zu verbessern, dass dort idealerweise auch im Winter gespielt werden kann. Das ist aber auch nicht ganz leicht. Fraglich ist, inwieweit der reine Naturrasen, der in der Roten Erde liegt, eine Belastung vertragen kann, wie wir sie beim Fußball haben. Es gibt Rasenexperten, die sagen, dass der Naturrasen, wenn er so intensiv genutzt wird – unter der Woche von den Leichtathleten und am Wochenende von der U23 – einfach eine andere Regenerationsqualität hat, als der Rasen, den wir im Signal Iduna Park haben und brauchen. Da gibt es inhaltlichen Austausch, aber es ist nicht so ganz einfach, den Rasen aufgrund seiner vielfachen Nutzung nur den Wünschen des Fußballs anzupassen. Dazu ist die Nutzungsintensität zu hoch.

Das ist Punkt eins. Punkt zwei ist das Thema Winter und das Thema Rasenheizung: Verträgt eine Rasenheizung den Hammerwurf der Leichtathleten?

Also ist ein Kauf der Roten Erde wahrscheinlich nicht realistisch?

Das war vor zwei oder drei Jahren mal zu lesen. Damals ist Borussia Dortmund aber quasi sofort als annektierendes Element beschrieben worden. Das war mit Sicherheit nie die Absicht von Borussia Dortmund, und deshalb haben wir dann auch Abstand davon genommen, weil es den komplett falschen Zungenschlag bekam. Aber wir möchten dazu beitragen, den Rasen der Rote Erde auf ein höheres Niveau zu bringen.

Vielen Dank für das Interview.

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