Spielbericht Profis

Gruselig gute Reifeprüfung

25.10.2018, 00:00 Uhr von:  Boris Malte D.
Gruselig gute Reifeprüfung

Eine Woche vor Halloween lehrt Borussia Dortmund die Gäste von Atletico Madrid mit der höchsten Niederlage seit langem das Fürchten. Die Mannschaft zeigt einen bemerkenswerten Entwicklungsprozess, trotzt Widerständen und überzeugt auch auf der ganz großen Bühne.

„Ich kann das doch sagen: Er ist einer der besten Trainer der Welt?“ Fast ungläubig und etwas peinlich berührt fragte Lucien Favre bei Pressechef Sascha Fligge vor Beginn der PK nach. Kurz zuvor hatte der BVB in einem Spiel Atletico Madrid vier Treffer eingeschenkt, keinen kassiert. Einer Mannschaft, die in Europa als wahrscheinlich die mit Abstand ekelhafteste, bissigste und defensiv stabilste gilt. Einer Mannschaft, die in den letzten vier Jahren zwei Mal im Finale der Champions League stand. Einer Mannschaft, aus der es an allen Ecken und Enden an Qualität, Erfahrung, Abgezocktheit und Reife quillt. Einer Mannschaft, der jener Lucien Favre nun gestern Abend die höchste Niederlage jemals unter Coach Diego Simeone beigebracht hat.

„Ich kann das doch sagen: Er ist einer der besten Trainer der Welt?“

Ganze zwei von zwölf Partien konnte die Borussia vor dieser Partie in der CL-Gruppenphase gegen spanische Teams gewinnen - das 2:1 gegen Real Madrid zuhause gilt dabei als eins der Highlights der jüngeren europäischen Dortmunder Historie. Das gestrige 4:0 gegen die Rojiblancos, die seit mehreren Jahren die Definition von Konstanz, Qualität und konstanter spielerischer Weiterentwicklung unter Diego Simeone im Duo mit Co-Vulkan Germán Burgos verkörpern, wird sich auf lange Sicht im Rückblick auf diese Spielzeit als ein weiterer und wichtiger Schritt hin zum ausgerufenen Umbruch erweisen.

Fahnenintro auf der Südtribüne

Eine knappe halbe Stunde akklimatisierte sich Schwarzgelb gegen die in selten hässlichen VfL Bochum - Gedächtnistrikots angetretenen Gäste, mit seinem Führungstreffer brachte Ruhepol Axel Witsel den Tempel das erste Mal zum Beben (Note to self: Susi und Aki für diesen Transfer neben dem eigentlichen Tempel noch einen eigenen Tempel errichten). Zur Halbzeit mit einer 1:0 - Führung im Rücken, durfte man sich durchaus die Frage stellen: Ist das wirklich die Mannschaft, die noch vor kurzem nicht gegen APOEL Nikosia gewinnen konnte? Ist das wirklich das Team, das vor nicht allzu langer Zeit einen eher biederen Fußball unter Peter Stöger anbot?

Das Timing und die Präzision im Passspiel, die Entschlossenheit und Aggressivität in den Zweikämpfen, der Glaube an sich selbst und die eigentlich nicht zu erklärende Ruhe und Abgeklärtheit - all das befindet sich noch in einem Entwicklungsprozess, der sich aber jetzt schon äußerst ertragreich gestaltet. Bemerkenswert, wie die Abwehrreihe um Diallo (22), Zagadou (19) und Hakimi (19) diesen Prozess mit riesigen Schritten vorantreibt, sich darauf einlässt und Weltklassespieler wie Griezmann und Costa in solch einem Spiel keinerlei Entfaltung erlauben. All das ohne den eigentlichen Abwehrchef Akanji, den Fixpunkt und Defensivanker der aktuellen Saison. Dass es aber immer noch ein Prozess ist, zeigte vor allem die Phase nach dem Wiederanpfiff.

Jubel um Axel Witsel

Mit viel Glück überstand man die wütenden Angriffe der Madrilenen ohne Gegentreffer - die Latte, Bürki und gemeinschaftliche Geschlossenheit verwehrten Atleti an diesem Abend einen nicht unverdienten Treffer. Was die Mannschaft anschließend in den letzten 20 Minuten zeigte, steht sinnbildlich für den momentanen Gemütszustand im gesamten Klub. Ein Fußball der Spaß macht, der einen klaren Plan verfolgt (Grüße an Jens Lehmann), der jungen Spielern Selbstbewusstsein bis in die Haarspitzen einimpft und die optimale Mischung zwischen Jung und Alt, erfahren und unbekümmert repräsentiert. Ein Raphael Guerreiro, von vielen schon abgeschrieben und fast vergessen, „weiß genau was er zu tun hat.“ Ein Mario Götze, von Anfang an aufgeboten und mit Raum zur kompletten kreativen Entfaltung als falsche Neun, die anschließend sogar in kämpferischer Überleistung mündet. Wenn jeder weiß was er zu tun hat, resultiert dies im optimalen Fall in hoher Effektivität.

Jadon Sancho bejubelt das 3:0

Genau das war auch gestern der Fall, und scheint bei Favre ein generelles Merkmal seiner erfolgreichen Arbeit zu sein. Erneute Treffer durch Joker und eine Abgeklärtheit vor dem Tor als Stärke, die im Normalfall die Männer aus dem Wanda Metropolitano für sich beanspruchen, führten nach 90 Minuten erneut zu einem goldenen Abend auf großer europäischen Bühne. Erinnert man sich heute an den Oktober vor genau einem Jahr, ist die Entwicklung fast schon beängstigend. Perfekt ist nichts - dieses Team hat der schwarzgelben Fanseele jedoch das beste Gefühl im Fußball wiedergegeben: Die unheimliche Vorfreude auf die nächste Partie und das nächste Erlebnis schwarzgelben Ballspiels. Chapeau, Monsieur Favre!

Raphael Guerreiro setze den Schlusspunkt

Statistik

BVB: Bürki – Piszczek, Diallo, Zagadou, Hakimi – Witsel, Delaney (35. Dahoud) – Pulisic, Reus, Bruun Larsen (63. Guerreiro) – Götze

Atleti: Oblak – Juanfran, Godin, Hernandez, Filipe Luis – Lemar, Thomas (46. Rodrigo), Saul Niguez, Koke – Diego Costa, Griezmann

Tore: 1:0 Witsel (38., Hakimi), 2:0 Guerreiro (73., Hakimi), 3:0 Sancho (83., Hakimi), 4:0 Guerreiro (89.)

Eckstöße: 4:5 (Halbzeit 2:2), Chancenverhältnis: 7:4 (3:0)

Schiedsrichter: Taylor (England)

Gelbe Karten: Diallo, Zagadou – Thomas, Lemar, Filipe Luis, Diego Costa, Correa

Zuschauer: 66.099 (ausverkauft)

Stimmen zum Spiel

Lucien Favre: "Wir haben eine große Mannschaft geschlagen. Das ist schon etwas. Alle haben sehr gut gespielt. Aber wir hatten auch Glück, dass es zur Halbzeit noch 1:0 stand. Die ersten 15 bis 20 Minuten der zweiten Halbzeit waren sehr, sehr schwer für uns. Atlético hat hier dominiert, weil wir viele unnötige Ballverluste hatten nach eigener Balleroberung. Das hätte sehr gefährlich werden können. Es war sehr schwer für uns den Ball zu erobern, weil sie sehr gut gespielt haben.“

Diego Simeone: "Dortmund hat ein großartiges Spiel gezeigt, sie waren überlegen. Wir müssen ihnen gratulieren. Sie hatten einen tollen Einsatz, Dynamik und ein gutes Umschaltspiel. Sie haben im Ballbesitz schnell und vertikal gespielt und nicht nur das Spiel verwaltet. Wenn ein Team eine solche Leistung zeigt, muss man ihnen einfach gratulieren. Sie sind auf einem guten Weg. Hoffentlich spielt Dortmund weiterhin so einen tollen Fußball, weil man ihnen einfach gerne zusieht."

Marco Reus: „Wir mussten heute extrem leiden. Atlético hat in der zweiten Halbzeit das Tempo angezogen. Die Phase haben wir überstanden. Es war ein brutaler Abend für uns. Ich denke, die Art und Weise war spitze. Jeder war in der Defensive gefordert, wir sind ruhig geblieben und haben dann die Tore gemacht. Da hatten wir im Rückraum viel Platz. Atlético hatte Respekt. Wir sind jetzt hochzufrieden.“

Mario Götze gegen Diego Godin

Mario Götze: „Wir können heute sehr zufrieden und glücklich sein. Besser hätten wir uns das nicht vorstellen können. Wir haben zusammen angegriffen und verteidigt. Die Arbeit im Verbund hat uns ausgezeichnet. Wir waren extrem variabel vorne, haben uns gut in den Räumen bewegt und die Tore zu wichtigen Zeitpunkten gemacht. Den Schwung wollen wir nun weiter mitnehmen.“

Abseits

Bereits am Nachmittag gab es in der Youth League in Brackel ein spektakuläres Spiel zu beobachten: Vor 440 Zuschauern musste sich unsere U19 um Trainer Benjamin Hoffmann am Ende nach hartem Kampf den überhart spielenden Madrilenen mit 3:4 beugen. Bereits nach zwei Minuten netzte der spanische Kapitän Punal ein, ehe der ansonsten blasse Pherai nach einer guten halben Stunde durch einen herrlichen Distanzschuss zum Ausgleich einnetzen konnte. Nur zwei Zeigerumdrehungen später war es erneut Punal, der wieder nach einer Ecke per Kopf erhöhen konnte.

Zur Halbzeit reagierte Hoffmann und brachte mit Aydinel sowie Kehr zwei Jungs, die diese Saison wissen, wo die Bude steht. Raus ging unter anderem der Halb-Spanier Pena-Zauner, der ebenso wenig überzeugen konnte wie Sergio Gomez, der im Vergleich zu den anderen Akteuren seinen Profi-Status nicht zementieren konnte. Nach einem Doppelschlag des eingewechselten Schweizers del Campo zum 4:1 sahen die Gäste bereits wie der sichere Sieger aus, zumal BVB-Torwart Unbehaun nach einem Zweikampf schwer verletzt liegen blieb und vom sichtbar unsicheren Hawryluk ersetzt werden musste. Am Ende sahen die Mini-Colchoneros fünfmal den gelben Karton vom österreichischen Schiedsrichter und hätten sich nach ihren vielen Nickligkeiten auch über weitere Sanktionen nicht beschweren dürfen. Unsere U19 zeigte aber einmal mehr ihre tolle Moral und kam durch Kehr noch einmal heran: Zunächst verwertete er einen herrlichen Pass Gomez' (dessen beste Aktion im Spiel), ehe er nur kurze Zeit später nach einer herrlichen Einzelaktion sogar zum 3:4 „stellen konnte“ (Idioten- Fußballsprech).

Die Siegerwelle nach Abpfiff vor der Südtribüne

Der Rest des Spiels war dann auf BVB-Seite von falschen Entscheidungen ob des richtigen Moments zum Passspiel bzw. Schuss geprägt, während die „Matratzenmacher“ aus der spanischen Hauptstadt nur noch mit Zeitspiel und Einwechslungen aufwarten konnten. Somit blieb es beim 3:4 und nach nur einem Punkt aus drei Spielen wird es dieses Jahr sehr schwer für Schwatzgelb, diese Gruppenphase doch noch erfolgreich überstehen zu können. Schade zudem, dass dieses tolle Spiel zu dieser Uhrzeit ausgetragen wurde. Diese Partie hätte mehr Zuschauer verdient als nur Schüler, Studenten, Lehrer und Rentner...

Weit nach Spielschluss bot sich auf der Strobelallee dann ein amüsantes Bild: Die komplette U19 von Atleti inkl. Trainerstab stand etwas verloren auf der Straße rum, als ob sie den Weg nach Hause nicht finden würden. Paralellen zu einer ähnlichen Orientierungslosigkeit wie bei den Profis in der letzten Viertelstunde ließen sich unschwer erkennen, konnten die Jungspunde dagegen ihre Partie jedoch deutlich erfolgreicher gestalten als die A-Mannschaft.

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