Spielbericht Profis

DERBYSIEG

09.12.2018, 11:12 Uhr von:  Christoph
DERBYSIEG

16 Tage vor Wei­h­nacht­en beschert der BVB sich und seinen Anhängern mit dem wichtig­sten Geschenk in ein­er Bun­desli­ga­sai­son: dem Derbysieg.

Ohne wirklich gefordert zu werden, sichert der BVB den ersten Tabellenplatz und trägt mit dazu bei, dass die graue Tristesse rund um Gelsenkirchen zu einem schweren Betonklotz wird, der das sinkende Schiff unter dem Leichtmatrosen Tedesco noch schneller in Richtung Abgrund zieht.

Choreografie der Nordkurve
Choreografie der Nordkurve

Nein, Gelsenkirchen ist keine schöne Stadt, aber an einem grauen, verregneten Dezember-Tag könnte die Kurt-Schumacher-Straße (Schalker-Meile) auch als Kulisse für einen Zombiefilm herhalten. Menschen stehen mit weit ins Gesicht gezogenen Kapuzen in Hauseingängen, Polizeiautos parken mit laufendem Dieselmotor an jeder Kreuzung und die überfüllten Straßenbahnen sehen schon von außen wie eine Dampfsauna aus, so beschlagen sind die Scheiben. Selbst das Blau und Weiß wirkt an einem solch grauen Tag einfach nur grau. Die Busse mit den BVB-Fans rasen in regelmäßigen Abständen zur Halle, eskortiert von der Polizei. Schließlich handelt es sich um ein Hochrisikospiel. Am Hauptbahnhof in Gelsenkirchen zünden BVB-Anhänger vor der Partie Pyrotechnik. Vermutlich die gleichen, die nach der 1:0 Führung im Gästeblock eine einzelne Bengalo abbrennen lassen.

Im Gästebock wurde es nur nach den Toren laut
Im Gästebock wurde es nur nach den Toren laut

Ansonsten ein Derby mit wenigen Vorkommnissen aus Polizeisicht. Die Scharmützel am Gästeeingang, zu denen die Polizei aktiv mit beitrug, indem Sie den Eingang abgesperrt hat und alle fünf Minuten immer nur eine Handvoll an Fans den Eintritt gewährte, führte zu Missmut und Ärger unter den Fans, eskalierte allerdings nicht. Nächstes Jahr, wenn die „Szene“ nach ihrem Stadionverbot wieder zum Derby anreisen darf, könnte eine solche Situation anders ausgehen.

Die Stimmung kurz vor Spielbeginn hielt sich in beiden Fanlagern in Grenzen. Daran konnte auch die viel zu laute, dramatische Musik in der Halle nichts ändern. Eine schlichte Choreo der Gastgeber sorgte für einen kurzen Hingucker, die daraus hervorgehenden blau-weißen Mützen verwandelten die Nordkurve in einen Ort namens Schlumpfhausen. Nachdem der Stadionsprecher aufklärte, dass die gezündeten Rauchfackeln nicht gesundheitsschädlich und mehrfach geprüft und getestet worden seien, nahm die Zahl derer, die sich einen Schal vor Nase und Mund hielten, erstaunlicher Weise zu. Ein Zusammenhang mit der VW-Werbebande im Stadion ist allerdings nicht bewiesen.

Lukasz Pizczek gegen Bastian Ocpipka
Lukasz Pizczek gegen Bastian Ocpipka

Derbysiege fühlen sich immer gut an. Daran ändert auch die Tatsache nichts, fußballerische Magerkost serviert bekommen zu haben, welche von einer ordentlichen Portion Pommes Currywurst meilenweit entfernt ist. Gefühlt konnte die in blau und weiß gekleidete Mannschaft es nicht besser, die schwatzgelben hingegen wollten auf dem Platz wohl nicht so richtig. Die „Blauen“, welche in dieser Saison bislang schon genug Probleme mit dem Tore schießen haben, konnten nur noch einen nominellen Stürmer (Burgstaller) auf den Platz stellen, welcher nach knapp 30 Minuten verletzt vom Platz musste, die „Gelben“ schienen getreu dem Motto: Ein gute Biene fliegt nur so hoch wie sie muss, um an den Honig zu kommen. Nach einem Freistoß von Reus kommt Delaney im Strafraum frei zum Kopfball und bringt den BVB 1:0 in Führung - es war sein erstes Tor für den BVB, ein ganz wichtiges. Von nun an passt der BVB sich mehr und mehr dem Niveau der Gastgeber an, welches geprägt durch Passungenauigkeit und Behäbigkeit ist. So dominierte Schwarz-Gelb zwar noch die Partie und ließ wenig zu, wurde aber selbst von Minute zu Minute in der Offensive harmloser. Lediglich die Dribbel-Einlagen von Sancho ließen die Gemüter wohlgemerkt in beiden Fanlagern regelmäßig höher kochen. Kleiner Aufreger in der 11. Minute, als die Gastgeber einen Handelfmeter forderten. Doch der Unparteiische entschied nach Rücksprache mit Köln gegen einen Elfmeter. Am Ende geht der BVB verdient mit 1:0 in die Halbzeitpause.

"Wir haben uns von Schalke in der zweiten Halbzeit einschläfern lassen, weil sie irgendwie komischen Fußball gespielt haben“ M. Reus

Nach der immer peinlicher werdenden Fan-Box, in der komische Leute Lieder singen oder Sprüche klopfen dürfen, einer gefühlt dreistündigen Programmankündigung, was alles in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren in der Halle stattfinden wird, ging es in die zweite Halbzeit, in der die Halle einmal richtig laut werden sollte. Nach einem Foul von Marco Reus an Amine Harit gab es nach Videobeweis Elfmeter (61. Minute). Eine äußerst umstrittene Entscheidung. Caligiuri ließ sich nicht zweimal bitten und stellte auf 1:1. Es sollte der Weckruf für den BVB werden, der von nun an wieder mehr investierte. Guerreiro bedient Sancho (74. Minute) an der Strafraumgrenze, dieser läuft in den Strafraum und zielt ganz abgezockt ins lange Eck – ein neuer Derbyheld ist geboren. Ausgerechnet Sancho, den die meisten am liebsten schon zur Halbzeit aufgrund seiner vielen ins Nichts laufenden Dribblings ausgewechselt hätten. Ausgerechnet Sancho, dessen Großmutter unter der Woche verstorben ist und der erst am Abschlusstraining am Freitag wieder teilgenommen hat. Kurz vor Schluss (85.Minute) hätte Guerreiro den „Sack“ zumachen können, trifft allerdings nur den Pfosten.

Jubel um Jadon Sancho
Jubel um Jadon Sancho

„Ich bin müde, aber es ist schon geil. Es war ein hartes Spiel. Nicht so schön, aber eben ein Derby mit viel Intensität und Zweikämpfen.“ T. Delaney

Am Ende ist der BVB verdienter Sieger in einer schlechten Bundesligapartie. Erschreckend schön, mit welcher spielerischen Armut der Verein aus Gelsenkirchen zurzeit agiert. Ohne Standardsituationen hätte die Mannschaft von Tedesco nicht eine einzige Torchance kreiert. Der ungeliebte 16. Platz ist nur noch drei Zähler entfernt. An Abstiegskampf denkt aber bei unseren Reviernachbarn keiner. Trotz eines knappen Rückstandes verließen die ersten in Blau gekleideten schon 10 Minuten vor Ende die Halle. Zuversicht und Vertrauen in die Mannschaft sieht anders aus. Vermutlich hofften einige auf den gleichen Effekt, als sie nach einem 0:4 Rückstand das Westfalenstadion verließen und am Ende im Radio von dem 4:4 hörten.

Erschreckend brutal, wie der BVB von Spiel zu Spiel immer wieder die drei Punkte einheimst und man inzwischen schon das Gefühl bekommen könnte, unbesiegbar zu sein. Mit 36 Punkten nach 14 Spielen stehen die Dortmunder so gut da wie seit dem Meisterjahr 2010/11 (37) nicht mehr.

DANKE, dass wir jetzt ein halbes Jahr Ruhe im Revier haben!!! Denn die Nr. 1 im Pott sind wir!

Manuel Akanji gegen Weston McKennie
Manuel Akanji gegen Weston McKennie

So haben sie gespielt

Derbysieger: Bürki - Piszczek, Akanji, Diallo, Hakimi - Witsel, Delaney - Sancho, Reus, Bruun Larsen - Paco Alcacer.

Derbyverlierer: Fährmann - Caligiuri, Salif Sane, Nastasic, Oczipka - Rudy - Schöpf, Bentaleb, Harit - Burgstaller, McKennie.

Stimmen zum Spiel

Reus: "Natürlich hat das Derby seine eigenen Gesetze, wir haben lange nicht mehr hier gewonnen. Das war unser Ziel, haben es wirklich verdient gehabt, weil wir 90 Minuten dominiert haben.“

Favre: "Es war ein sehr schweres Spiel für uns, vor allem in der ersten Halbzeit. Schalke war sehr gut organisiert und gut im Pressing und Gegenpressing. Wir hatten da zu wenig Ballbesitz, haben zu wenige Torchancen kreiert. Gehen aber nach einem Freistoß mit 1:0 in Führung. Ich kann den Elfmeter zum 1:1 nicht beurteilen, habe die Szene noch nicht gesehen. Wenn es die Wahrheit ist, akzeptieren wir das total. Die Mannschaft ist aber im Spiel geblieben. Das hat mir gut gefallen. Wir haben weiter Fußball gespielt, noch besser gespielt, hatten mehr Ballbesitz, mehr Torchancen. Es war wichtig, dass wir die Ruhe behalten haben. Wir haben am Ende verdient gewonnen. Wir hatten mehr Ballbesitz, mehr Torchancen, aber es ist immer schwer, gegen solche Mannschaften zu spielen.“

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