Unsa Senf

Hochzeit der Populisten

25.04.2017, 16:53 Uhr von:  Sascha
Hochzeit der Populisten

Trainer, Journalisten, aber auch wir Fans schwingen uns immer öfter zu ziemlich unterdurchschnittlichen Leistungen auf. Dieses Wochenende entzündete sich besonders an zwei Bannern in Köln und Frankfurt eine Debatte, die in einigen Punkten die Grenze zum Widerlichen schon deutlich überschritten hat.


Am Freitag Abend zeigte Köln während des Spiels gegen die TSG Hoffenheim hinter dem Tor ein Banner, auf dem im Comicstil eine Dame des horizontalen Gewerbes gezeigt wurde, die eine Geburtsurkunde von Dietmar Hopp in der Hand hielt. Die darauf angegebene Abstammung des Hoffenheimer Mäzens lautete: „Mutter: Hure – Vater:Nazi“

Verständlich, dass das nicht jeder gut oder gar lustig findet. Und sein wir ehrlich, auch wenn auch aus unserem Block regelmäßig der Gesang von einer „herzensguten Frau“ schallt, die Beleidigung ist im besten Fall unwahr und nicht besonders originell. Und die Angabe zur geistigen Gesinnung von Hopps Vater ist mutmaßlich sogar richtig. Nur kann man ihm selber kaum die Mitgliedschaft seines Vaters in der SA zum Vorwurf machen. Zumal Dietmar Hopp selber auch stark zur Aufklärung beigetragen hat. Unterm Strich bleibt also ein Banner mit zweifelhaftem Inhalt, gegen deren Verursacher Dietmar Hopp zivilrechtlich vorgehen kann, so er denn gewillt ist. Dabei ist es schade, dass sich der anfänglich zum Teil sogar kreative Protest gegen das Projekt Hoffenheim komplett zum dumpfen pöbeln gewendet hat. Was sonst soll ein derartiges Banner denn bewirken? Hopp selber demonstriert ja bereits seit einigen Jahren, dass er auch die Angriffe unterhalb der Gürtellinie locker aussitzt. Und selbst wenn er mal keine Lust mehr darauf haben sollte, die Wahrscheinlichkeit, dass das dann auch das Ende des angeblich 118-jährigen Dauerprojektes bedeutet, ist mittlerweile sehr gering. Letztendlich geht es bei all der Show doch nur noch um Provokation.

Viel bedenklicher ist dagegen das Spruchband in der Frankfurter Kurve gewesen: „Für jedes Stadionverbot…. Bulle Tod“ Brauchen wir gar nicht groß diskutieren, dass das völlig inakzeptabel ist. Natürlich setzt Frankfurt sich gerne als die ganz harten Jungs in Szene, aber ein Menschenleben als Gegenwert für ein Stadion anzusehen, ist schlicht und ergreifend menschenfeindlich. Selbst mit der Lupe lassen sich maximal Restspuren von Ironie dabei finden und unter dem Strich bleibt nur der Aufruf, Polizisten zu töten als Vergeltung für erteilte Stadionverbote. Da gibt es dann auch kein Mitleid, wenn folgerichtig die Verursacher ermittelt und bestraft werden.

Beide Aktionen können und werden vermutlich sanktioniert. Aber auch hier muss man ebenso gebetsmühlenartig wie wahrscheinlich erfolglos anführen, dass sich die Strafen bitte auf die einzelnen Verursacher beschränken mögen und nicht erneut ganze Kurven geschlossen werden. Wer regelmäßig ins Stadion geht, der weiß, dass die häufig angeführte Argumentationslinie, dass „die Leute auf der Tribüne“ einzelne Personen oder Gruppen decken und man sie mit Druck zu Widerstand zwingen muss, einfach realitätsferner Unsinn ist. Wer abseits solcher Vorfälle dort steht, das Spiel ansieht und seine Mannschaft unterstützt, kann die Situation kaum überblicken und erst recht nicht beeinflussen.

Komplett verworren wird die Situation dann, wenn man sich letztendlich selbst als kritischer Beobachter solcher Fanaktionen in einer Position wiederfindet, aus der heraus man die Verursacher auch noch mit verteidigt, weil man die gegensätzliche Darstellung mindestens ebenso abstoßend findet. Im Kicker-Kommentar von Frank Lußem, Redaktionsleiter West, wird „die Gier des Täters von Dortmund“ in eine Reihe mit dem Banner der Kölner und Pyrotechnik gestellt. In der Süddeutschen Zeitung fordert Freddie Röckenhaus, dass „menschliche Empathie in diesen Tagen“ doch dafür sorgen solle, dass man um gegnerische Teambusse einen großen Bogen mache und auch Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann zieht eine Argumentationslinie vom Sprengstoffattentat gegen die Mannschaft des BVB bis hin zu gereckten Mittelfingern bei der Ankunft.

Es ist einfach ekelhaft, wie hier von „Opion Leadern“ die Explosionen in Dortmund für eigene Zwecke instrumentalisiert werden. Der mutmaßliche Täter wollte kalkuliert Menschen verletzten oder töten, um Geld zu verdienen. Der einzige Fußballbezug bei der Tat besteht in der Wahl der Opfer. Es war eine Tat aus Habgier und nicht, wie suggeriert, eine Folge von Hass und üblichen Stadionpöbeleien. Und erst Recht lassen sich konstruierte Bomben nicht mit brennenden Bengalos und Rauchtöpfen vergleichen.

Diese Umdeutung zur Unterstützung der eigenen Meinung ist genau so ekelhaft und kein Deut besser als das Verhalten, dass man in den Kurven kritisiert.

Sie führt dazu, dass man als immer wieder angesprochener angeblich „echter“ und „friedlicher“ Fußballfan dem „das war scheiße“ immer ein dickes „aber“ nachschiebt. Es ist geradezu widersinnig wie hier in einem Atemzug Solidarisierungseffekte angeprangert und gleichzeitig befeuert werden. Und das von Leuten, deren eigentliche Aufgabe eine sachliche Einordnung wäre.

Dabei wird uns diese ganze Thematik noch lange verfolgen und maßgeblich die Zukunft der Tribünen beeinflussen. Im Nachgang an unser Spiel gegen Leipzig wurde erstmal eine Kollektivstrafe für beleidigende Inhalte ausgesprochen. Als Instrumentarium ist das schon lange in den Stadionordnungen Vereine und im 2012er Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ verankert. Zusammen mit der juristisch bestätigten Möglichkeit der Vereine, durch Verbandsstrafen entstandene finanzielle Schäden an den Verursachern weiter zu geben, entsteht hier ein mächtiges Instrument, die Meinungsäußerungen auf der Tribüne zu beeinflussen.

Die Entscheidung, was jetzt genau ein „grob beleidigender“ Inhalt ist, obliegt nämlich einzig dem richtenden Verband. Nicht nur das, sie erfolgt völlig intransparent. So wurde zur Begründung des Urteils zur Südsperrung durch den DFB ebenfalls ein beleidigendes Banner beim Hinspiel in Leipzig angeführt, von auch heute niemand weiß, welches Banner jetzt gemeint sein soll. Auch auf Rückfrage wollte man dazu keine Informationen geben.

Hier prallen eine über viele Jahre gewachsene Stadionkultur, in der es immer schon rauer, deftiger und pöbelnder zuging, der Wunsch der Vereine nach einem möglichst allgemeinkompatiblen Sportevent und auch eine bewusst die Konfrontation suchende Klientel aufeinander und ergeben ein ziemlich explosives Gemisch. Aktuell sieht man nur ziemlich viele Feuerzeuge an der Lunte.

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