Warmlaufen

Zu Gast im Land der Trostlosigkeit

20.03.2015, 17:03 Uhr von:  Redaktion

Im Hinspiel hatte der HSV noch die OberhandEs gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man damit umgeht, dass es einem scheiße geht. Man kann sich einigeln und mit möglichst wenigen Menschen Kontakt haben, man kann professionelle Hilfe holen und vielleicht ein paar Dinge im Leben verändern, man kann so tun, als sei alles ganz toll und man selbst super drauf, und wenn man besonders gehässig ist, kann man dorthin fahren, wo es den Leuten gerade noch viel dreckiger geht als einem selbst. Auf zum Spiel bei 96 also!

Früher wurden an dieser Stelle gern Witze über Hannover gemacht. Zum einen über die Stadt selbst, die genauso langweilig ist wie das öde Bundesland drumherum, und zum anderen natürlich über ihren Verein, der in den letzten Jahren den VfL Bochum als klassische graue Maus abgelöst hat: Sportlich abseits weniger Lichtblicke Mittelmaß, stimmungsmäßig meist eher durchschnittlich, dabei natürlich netter als all die Werksvereine in der Liga, aber mit dicken Minuspunkten durch Martin Kind. Aber selbst der polarisiert auf eine eher langweilige niedersächsische Weise. Und heute? Tja, heute tut 96 einem fast irgendwie leid. Auf dem Platz spielen sie eine Rückrunde, die frappierend an unsere Hinrunde erinnert (nach acht Spielen drei Punkte und Rückrundenplatz 17), und noch dazu ist es auf den Tribünen ein einziges Trauerspiel. Im Niedersachsenstadion war stimmungsmäßig an guten Tagen durchaus was los, heute dürfte es in Leverkusen sicher lauter sein. Und den Gästeblock letzte Woche in Mönchengladbach kriegt selbst der VfL Wolfsburg weniger leer hin.

Bild aus alten Zeiten: Ultras Hannover unterstützen ihr Team im OberrangUm sinnvoll was über die Gründe des sportlichen Abstiegs zu sagen, bin ich zu weit weg. Fakt ist, dass es nach den beiden saustarken Jahren unter Mirko Slomka nebst Teilnahme am Europapokal bereits in den letzten beiden Spielzeiten stetig abwärts ging. Insofern setzt sich da aktuell vielleicht auch nur ein Niedergang fort, der in der Hinrunde ein wenig gestoppt werden konnte. Interessanter, und für uns vielleicht auch lehrreicher, ist der Niedergang der Stimmung im Stadion, der eine Folge eines Machtkampfs zwischen Präsident Martin Kind und den Hannoveraner Ultras ist. Ergebnis: Seit Saisonbeginn bleibt ein Großteil der Ultras in der Bundesliga weg und supportet konsequent die Amateure in der Regionalliga. Und das sieht und hört man auch.

Was ich daran besonders lehrreich finde, ist die Entstehungsgeschichte dieses offenen Bruchs. Von den Vorfällen im Stadion her war Hannover (nun ja) halt Hannover und nicht Köln, Dresden oder Frankfurt. Man erinnert sich an Stadionverbote wegen der Fritz-Haarmann-Fahne, an Diskussionen um Stehplätze und Eintrittspreise und zuletzt an eine schicke Pyro-Show im Derby gegen Braunschweig, aber der große inhaltliche Aufreger war nicht so richtig dabei. Die Gründe sind eher persönlicher Natur, denn in kaum einen Verein wurden und werden so häufig Giftpfeile zwischen Fans und Präsidium hin- und hergeschossen wie in Hannover. Im Zentrum Martin Kind, der den Verein augenscheinlich so führt wie sein Hörgeräteunternehmen. Für ein vitales Martin Kind ist Mittelpunkt der Fanproblematik in HannoverVereinsleben kann das auf Dauer nicht gut sein. Man braucht offene Gesprächskanäle, und man braucht auch ein Mindestmaß an Verständnis für die Positionen der Gegenseite. Ein derartiger Bruch hilft niemandem, dem Verein schon gar nicht, und auch nach über einem halben Jahr sieht es nicht so aus, als würde sich in Hannover daran fundamental was ändern.

Wer Aki Watzke einmal bei der Jahreshauptversammlung des BVB erlebt hat, weiß, dass Martin Kind diese Attitüde nicht exklusiv hat. Ich bin nicht gerade als großer Fan der Dortmunder UItras verschrien, schon gar nicht nach den letzten paar Jahren, aber so eine Zuspitzung wie in Hannover (oder wie zuletzt in Köln) macht mir Angst. Bei aller Kritik an der Gegenseite, ob berechtigt oder nicht, muss immer das Wohl des Vereins im Vordergrund stehen. Sich selbst dabei mal etwas weniger wichtig zu nehmen, und damit meine ich sowohl Aki Watzke als auch die Armee in Jogginghosen, um gemeinsam an der Zukunft unseres wunderbaren Clubs zu arbeiten, das wäre eine schöne Lehre aus dem Drama in Hannover. Morgen könnte man damit anfangen: Laut sein, drei Punkte mitnehmen, Klassenerhalt (mehr oder weniger) eintüten!

Aufstellungen:

Hannover 96: Zieler - Joao Pereira, Marcelo, Schulz, Albornoz - Schmiedebach, Sané - Briand, Stindl, Kiyotake - Joselu

Borussia Dortmund: Weidenfeller - Kirch, Subotic, Hummels, Sokratis - Bender, Gündogan - Mkhitaryan, Kagawa, Reus - Aubameyang

Schiedsrichter: Brych

Scherben, 20.03.2015

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