Unsa Senf

180 Millionen Transferminus? Mit VW im Rücken kein Problem!

26.05.2015, 11:05 Uhr von:  Redaktion

Der VfL Wolfsburg scheint der wohl spannendste Verein der Bundesliga zu sein. Jeder Neuzugang lobt stets das spannende Projekt und nennt dies mit als ausschlaggebenden Grund für seine Entscheidung, sich den Wölfen anzuschließen. So zum Beispiel Kevin de Bruyne bei seiner Vorstellung im Januar 2014 („Das ist ein tolles Projekt“) oder Luiz Gustavo, der seine Begeisterung für sein Gehalt, ähm, seinen Arbeitgeber auch heute – knapp zwei Jahre nach seinem Wechsel – noch immer zu schätzen weiß („Der VfL hat ein super Projekt“). Dabei ist es durchaus interessant, dass ausgerechnet diese beiden Protagonisten das „Projekt“ so sehr betonen. Schließlich sind sie derzeit zusammen mit Andre Schürrle sicherlich das Sinnbild des VfL. Einem Verein, dem es heute so sehr wie noch nie in seiner Vereinsgeschichte schnurzpiepegal sein kann, wie viel Geld eingenommen wird - die Volkswagen AG kümmert sich schon darum, dass nahezu alle Transferwünsche in Erfüllung gehen können.

Ausgaben von weit über 300 Millionen Euro – in nur acht Jahren

Tatsächlich hat nämlich außer dem FC Bayern kein anderer Bundesligist in den vergangenen Jahren so viel Geld für neue Spieler in die Hand genommen wie der VfL Wolfsburg. Der kleine, aber feine Unterschied ist der, dass die Bayern aufgrund ihrer unzähligen nationalen (und zuletzt auch verstärkt internationalen) Erfolge auch extrem viele Einnahmen generieren. Wolfsburg dagegen tut dies nicht: Im letzten Jahrzehnt qualifizierten sich die Wölfe nur dreimal für den internationalen Wettbewerb, zweimal davon für die finanziell alles andere als lukrativ geltende Europa League. Stattdessen dümpelte das Team häufig im Mittelfeld der Tabelle rum oder kämpfte gar gegen den Abstieg in die Zweitklassigkeit. Während andere Vereine in der gleichen Situation noch viel mehr der Maxime „nicht mehr ausgeben als einnehmen“ folgen müssen, wird beim VfL Wolfsburg aber das Geld in jedem Sommer aufs Neue locker gemacht. Der schnelle Aufstieg nach oben sollte schließlich her. Seit 2007 hat der Club in jeder Spielzeit immer mindestens 25 Millionen in neue Beine investiert. Insgesamt bedeutet dies Ausgaben von weit über 300 Millionen Euro – in nur acht Jahren! Selbst Bayer Leverkusen oder die Blauen können hier nicht einmal annähernd mithalten, ganz zu schweigen vom SC Freiburg oder FSV Mainz, die viel eher die Wolfsburger Kragenweite darstellen sollten. Um einmal zu verdeutlichen, von was für Zahlen wir hier reden: Die beiden letztgenannten Clubs würden zusammen derzeit zwei Jahre benötigen, um überhaupt einen Umsatz von 300 Millionen Euro zu erzielen.

Gleichzeitig konnte in den acht Jahren nur zweimal der Verlust bei Zu- und Abgängen bei unter 15 Millionen Euro gehalten werden, einmal davon begünstigt durch den „Ausreißer“ Edin Dzeko, der für kolportierte 37 Millionen Euro zu Manchester City transferiert wurde. Den gesamten Zeitraum betrachtet ergibt sich ein Transferminus der VW-Konzerntochter von über 180 Millionen Euro. Lässt man den FC Bayern wieder außen vor, spielen auch in dieser Statistik die Wolfsburger in einer eigenen Liga. Der BVB gab seit 2007 „nur“ knapp über 70 Millionen Euro mehr für neue Spieler aus, als er eingenommen hat, Leverkusen etwa 40 und die Blauen sogar nicht einmal mehr 18 Millionen. Demgegenüber konnten Mainz (ca. 6 Mio. Euro) und Freiburg (ca. 18 Mio. Euro) leichte bzw. deutliche Gewinne erwirtschaften. Genutzt hat den Freiburgern das gute Wirtschaften nichts. Sie müssen nun den Gang in die Zweitklassigkeit antreten.

Diskrepanz zwischen finanziellen Möglichkeiten und sportlichen Erfolg

Zurück nach Wolfsburg: Es ist erstaunlich, wie groß in den vergangenen Jahren die Diskrepanz zwischen den finanziellen Möglichkeiten und dem sportlichen Erfolg war, beziehungsweise wie wenig besser man sich sportlich im Vergleich zu den ärmeren Clubs präsentieren konnte. Mit Ausnahme der kurzen Magath-Ära von 2007 bis 2009 sowie der aktuellen Spielzeit lief der VfL stets den eigenen Ansprüchen hinterher – teilweise sogar meilenweit. Folge war eine branchenunüblich hohe Fluktuation im Kader. In der heutigen Mannschaft finden sich mit Diego Benaglio und Marcel Schäfer nur noch zwei Spieler, die bereits in der Saison 2010/2011 für Wolfsburg auf dem Platz standen. Zwei Spieler! In nicht einmal vier Jahren! Zum Vergleich: Bei Borussia Dortmund sind es derweil zehn (ohne die Rückkehrer Sahin und Kagawa) und beim FC Bayern immer noch sieben Spieler. Nachhaltigkeit in der Transferpolitik scheint in Wolfsburg also ein absolutes Fremdwort zu sein. Und schenkt man den unzähligen Gerüchten Glaube, erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass auch im kommenden Sommer wieder fleißig investiert wird. Ein Champions League-Vorrundenaus wie 2009, als der VfL in einer Gruppe mit ZSKA Moskau und Besiktas Istanbul lediglich sieben Zähler holte, werden sowohl der VW-Konzern als auch die sportliche Führung um Klaus Allofs mit Sicherheit verhindern wollen und dafür neues hochkarätiges Personal verpflichten wollen.

Zumindest in der derzeitigen Spielzeit haben sich aber die zig Millionen, die der VfL Wolfsburg in den letzten Jahren für Transfers verschlissen hat, ausgezahlt. Neben der Qualifikation für die Champions League schaffte man es im Pokal ins Endspiel. Trotz teilweise ansehnlichem Fußball bleibt der Verein aber unsympathisch wie nur wenige andere Clubs hierzulande. Es ist dennoch zu befürchten, dass wir uns an einen VfL Wolfsburg in den oberen Tabellenregionen gewöhnen müssen. Genauso wie an ganz ähnliche Vereine, die mit ihren unendlichen finanziellen Mitteln langfristig den Erfolg kaufen werden und so den kleinen, finanzschwachen Konkurrenten das Leben sehr, sehr schwer machen. Denn viele weitere spannende Projekte wie die Dosen aus Leipzig drängen mit aller Macht in die Fußball-Bundesliga – oder haben es wie im Fall des FC Ingolstadt und der freundlichen Mithilfe der VW-Tochter Audi in diesem Sommer sogar schon geschafft…


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cka, 26.05.2015

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