Unsa Senf

Wenn der Kapitän resigniert, rudern die Matrosen nicht weiter

31.03.2015, 09:59 Uhr von:  Redaktion

Hummels im Zweikampf gegen JuveFußball in Dortmund, im Westfalenstadion - das bedeutet für mich idealerweise: Elf Spieler, die 90 Minuten lang den Rasen umpflügen, die rennen bis zum Wadenkrampf und dabei keinem Zweikampf aus dem Weg gehen und zur Not die Grätsche im Rasenschlamm auspacken - und dabei noch vor Freude und Stolz platzen, dass sie das Trikot dieses geilen Vereins überhaupt tragen dürfen, dessen Wurzeln in der Arbeiterschaft verankert sind. Malochen, das ist die Grundtugend, die ich bei meinem BVB sehen möchte. Und welch Freude bereitete uns die von Jürgen Klopp, der bitte niemals nie nicht diesen Verein verlassen möge, geformte Mannschaft in den Jahren nach 2008, als diese Grundtugenden sogar in einen bisweilen überragenden Offensivfußball übergeleitet wurden, dass man auf der Tribüne vor Stolz eigentlich nur noch ständig irgendwelche Luftsprünge vollziehen wollte?

Doch irgendetwas hat sich seither verändert. Die unbedingte Gier auf Siege scheint im Lauf der Zeit abhanden gekommen zu sein. Vielleicht haben zwei Meisterschaften, ein Pokalsieg und eine Final-Teilnahme in der Champions League für ein gewisses Maß an Selbstzufriedenheit gesorgt. Schon in der Saison 2012/13 ließ das Team zahlreiche Punkte fahrlässig liegen, ebenso 2013/14. In dieser Saison folgte nunmehr in der Hinrunde der dramatische, der brutale Absturz ans Tabellenende, zu dem mittlerweile eigentlich auch alles öffentlich gesagt und geschrieben wurde. Die finale Aufarbeitung wird im Sommer stattfinden, nachdem der Verein mittlerweile wieder in ruhiges Fahrwasser überglitt.

Hummels Defensivstärke ist unbestritten

Galligkeit auf drei Punkte verloren?

Doch ein Aspekt muss thematisiert werden, der mich nach wie vor stört. Und damit schlage ich den Bogen zurück zum Einstieg dieses Artikels: Zwar stimmt die Punkteausbeute in der Rückrunde auf dem Papier, doch insbesondere die Liga-Nullnummern in Hamburg und gegen Köln zeigten, dass da nicht mehr die unbedingte Galligkeit auf drei Punkte vorhanden war und ist. Die Krone setzte dem dann jedoch das Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League gegen Juventus Turin auf.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich muss den BVB natürlich nicht in jedem Spiel gewinnen sehen. Ich könnte zur Not auch mit einer 1:2-Heimniederlage gegen Paderborn oder Stuttgart leben, sofern die elf Borussen vorher den Rasen über 90 Minuten umgepflügt haben und alles rausgehauen haben, was die Körper hergeben. Natürlich kann man auch gegen Juventus Turin, den souveränen Tabellenführer der Serie A, ausscheiden - gerade nach unserer katastrophalen Hinrunde. Doch die Art und Weise des Ausscheidens ließ mich fassungslos zurück.

Choreo gegen Juve

Chance auf das Weiterkommen leichtfertig verschenkt

Ja, man hat im Rückspiel früh das 0:1 kassiert, doch wie leichtfertig die Mannschaft danach die weiterhin vorhandene Chance auf ein mögliches Weiterkommen abschenkte, das sorgte bei mir für Entsetzen. Vergegenwärtigen wir uns die Ausgangssituation: Über die Liga würde man sich - Stand Mitte Februar - nicht für den Europapokal qualifizieren, somit bot die aktuelle Saison die vorerst letzte Möglichkeit, sich in der Königsklasse zu präsentieren. Und dann geht man zwar mit einer 1:2-Hypothek aus dem Hinspiel in die Partie, doch die Südtribüne präsentiert, insbesondere auf Initiative The Unitys, eine bombastische Choreografie, das Stadion ist vollbesetzt und du hast 90 Minuten Zeit, das Spiel in deinem Wohnzimmer zu drehen.

Doch auf dem Rasen breitete sich nach dem Gegentreffer völlige Lethargie aus, der Ball flog lange Zeit nicht annähernd in Richtung des Turiner Tores, schon gar nicht gefährlich. Es drängte sich fast schon der Eindruck auf, dass die Mannschaft das Viertelfinale gar nicht zwingend erreichen wollte, sie wirkte wie gelähmt. Ein Aufbäumen, ein bedingungsloses Kämpfen bis zum Umfallen, ein im übertragenen Sinne Festbeißen in der Wade des Gegners war nicht zu erkennen. Und das war der Punkt, der mich in jenem Spiel sehr enttäuschte - nicht die Niederlage und das Ausscheiden als solches.
Als ich heute, keine zwei Wochen nach dem Achtelfinal-K.o., die frische Ausgabe des „kicker“ aufschlug und mir sofort das darin abgedruckte Interview mit unserem Kapitän Mats Hummels durchlas, da blieb mir die Käse-Knifte an einer Passage doch fast im Hals stecken. Durch den kicker-Redakteur Oliver Hartmann darauf angesprochen, ob das Aus gegen Juve das Ende einer Ära bedeute, antwortete Mats Hummels:

„Ich war ehrlich gesagt überrascht, dass es so hoch gehängt wurde. Ob wir nun im Achtelfinale ausscheiden oder eine Runde später, hat für mich nicht die größte Relevanz. Entweder man gewinnt den Wettbewerb oder nicht. Und gewonnen hätten wir die Champions League in dieser Saison vermutlich eh nicht, dafür waren wir nicht stark genug. Ich glaube nicht, dass dieses Aus - so bitter das 0:3 letztlich war - den großen Bruch darstellt.“

Hummels dankt den Fans für Unterstützung in BremenRums! Das war eine Aussage, die es in sich hatte - und mich fassungslos machte. Ich fühlte mich sofort in meinem Eindruck bestätigt, dass die Mannschaft gar nicht bis zum Äußersten darauf erpicht war, das Viertelfinale zu erreichen. Vielleicht weil man sich für den Titelgewinn eh zu schwach wähnte, vielleicht weil das frühe 0:1 schlichtweg mehr lähmte als gedacht. Doch in so einer Situation erwarte ich von den Führungsspielern und allen voran vom Mannschaftskapitän, dass sie Verantwortung übernehmen, dass sie auf dem Rasen vorwegmarschieren und das Team wachrütteln. Das obige Zitat legt aber beim Kapitän eine Gleichgültigkeit, ja, sogar eine Scheißegal-Stimmung an den Tag, die ich als Fan auf der Tribüne so nicht akzeptieren kann!

Jede weitere Runde bringt Millionen - und Ansehen

Natürlich ist der BVB, gerade in dieser Saison, alles andere als ein Titelanwärter in der Champions League. Nun ist es aber auch so, dass jede Runde, die man zusätzlich erreicht, zahlreiche weitere Millionen in die Vereinskassen spült. Vereinskassen, die sich voraussichtlich in der kommenden Saison ohne die Europapokaleinnahmen nicht so leicht wiederfüllen lassen. Alleine aus wirtschaftlichen Motiven sollte man also daran interessiert sein, möglichst weit zu kommen.

Und dann ist da natürlich der sportliche Aspekt. Ich persönlich hätte mich jedenfalls gefreut, wenn man nicht scheinbar gleichgültig im Achtelfinale die Segel gestrichen hätte, sondern vielleicht noch eine, mit etwas Losglück vielleicht sogar zwei Runden weitergekommen wäre. Mit einem Viertel- oder eventuell sogar Halbfinal-Einzug - zwei Jahre nach dem Erreichen des Endspiels in Wembley und ein Jahr nach dem Fast-Weiterkommen gegen den späteren Titelträger Real Madrid im Viertelfinale - wäre ein immenser Renommee-Gewinn verbunden gewesen; und das einerseits im internationalen Ansehen, aber gerade auch im nationalen Vergleich zu Konkurrenten wie den Blauen oder den Pillendrehern vom Rhein und den oben angreifenden Auto-Kickern vom Mittellandkanal.

Diese sportliche Chance wurde jedoch leichtfertig vergeben. Ganz davon abgesehen hätte ich, hätten wir Fans auf jeden Fall Lust auf eine weitere Europapokaltour nach Porto, Monaco oder meinetwegen auch wieder nach Madrid gehabt, auch wenn man dort dann vielleicht irgendwann ausgeschieden wäre. Wie gesagt, natürlich war der Titelgewinn eine Utopie, aber mit der Scheißegal-Einstellung, die der Kapitän Mats Hummels im kicker-Interview an den Tag legte, hätte man auch die Gruppenphase gar nicht erst bestreiten müssen, weil man den Henkelpott ja eh nicht gewinnen würde. Mein Anspruch als Sportler ist es, dass ich jedes Spiel, jeden Wettkampf gewinnen will. Wenn dann einer, drei oder 31 Konkurrenten besser sind, dann akzeptiere ich das - aber ich haue zumindest alles raus, um möglichst weit zu kommen.

Den Ball stets im Visier

Maximaler sportlicher Erfolg auch für Vertragsverlängerung förderlich

Gerade mit Blick auf die womöglich europapokalfreie kommende Spielzeit sollte ein Mats Hummels auch ein persönliches Interesse daran haben, dass der Verein - von dem er seine monatlichen Gehälter bezieht - zumindest in dieser Saison den maximalen sportlichen Erfolg einfährt und idealerweise seine Klubkassen dabei noch etwas auffüllt. Eine mögliche Vertragsverlängerung - und damit sicherlich keine gesenkten Bezüge (die ihm ja auch absolut gegönnt seien!) - finanziert sich nicht durch den Verkauf von Bratwurstbrötchen unter der Südtribüne am Spieltag.

In Kombination mit der Scheißegal-Einstellung zur Champions League irritierte mich übrigens das offene Kokettieren mit einem Vereinswechsel eines unserer Führungsspieler umso mehr. Es mag sein, dass ich hier zu fußballromantisch eingestellt bin, aber gerade von einem der unangefochtenen Führungsspieler hätte ich hier ein ausgeprägteres Treuebekenntnis zum Verein erwartet, auch als Signal für den einen oder anderen Spieler, bei dem die Arbeitspapiere demnächst auslaufen oder auch als Folge des einen oder anderen kürzlich langfristig verlängerten Vertrages von Spitzenspielern.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Mats Hummels ist ein bockstarker Defensivspieler mit einer unfassbaren Gabe zur Spieleröffnung. Sein Abgang wäre ein herber Verlust für den BVB - und dies würde ich gerne auf den spätestmöglichen Zeitpunkt hinauszögern, wohlwissend, dass dieser Tag irgendwann leider kommen wird. Doch gerade mit Blick auf die offenbar zumindest phasenweise verloren gegangene Gier auf den Erfolg erwarte ich von einem Führungsspieler, Weltmeister und Kapitän, dass er mit positivem Beispiel vorangeht und nicht in doppelseitigen Interviews eine Scheißegal-Haltung heraushängen lässt, die sich dann eigentlich zwangsläufig wie ein Phlegma auch auf die Mitspieler übertragen muss. Denn wenn der Kapitän resigniert, dann hören die Matrosen auf zu rudern.

Daniel Mertens, 31.03.2015

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