Stimmungsbericht

La Liga in Andalusien

07.05.2015, 21:05 Uhr von:  Redaktion

Ultras in AlmeriaDie spanische Liga gehört zu einer der stärksten Ligen der Welt und das nicht nur, weil Barcelona die Bayern weggehauen hat, sondern weil in beiden europäischen Wettbewerben seit Jahren die spanischen Teams dominieren. Doch die Aufmerksamkeit in Deutschland (wie auch in den meisten anderen Ländern) konzentriert sich meist nur auf die beiden ganz großen Vereine, auf Real und Barcelona. Grund genug, sich bei einem Urlaub in Andalusien auch mal ein paar andere Vereine aus den unteren Tabellenregionen anzuschauen und sich einen breiteren Eindruck zu verschaffen.

Andalusien ist ein perfektes Urlaubsgebiet: Sonne, Strände, Kultur, beeindruckende Landschaft und natürlich Fußball lässt sich hier wunderbar kombinieren, zumal schon Ende April/Mai beste Temperaturen herrschen. Unsere erste Station war Almeria, auf dessen Flughafen wir mit unserer kleinen Maschine völlig alleine zu sein schienen. Das Örtchen ist bis auf die Altstadt nicht sonderlich ansehnlich, aber der grobkörnige Sandstrand ist sauber, der Ausflug zur zweitgrößten erhaltenen Maurenburg Alcazaba und dem danebenliegenden Castillo de San Cristóbal lohnt sich ebenso wie eine Wanderung in die gleich hinter der Stadt liegenden Berge.

33. Spieltag: UD Almeria - SD Eibar 2:0

Das schöne Stadion von UD Almeria liegt etwas außerhalb, ist aber per Fuß zu erreichen. Das ovale Rund ist großzügig angelegt, fasst aber dennoch nur 15.000 Zuschauer. Hinter den beiden Toren wurden mit Stahlgerüsten neue, kleinere Tribünen errichtet, während die dahinterliegenden Halbrunden unbesetzt blieben. Das auf diese Weise etwas verkleinerte Stadion war gut gefüllt, es herrschte eine lebhafte Familienatmosphäre, die nicht mit den stillen, smartphonefixierten Familienblocks deutscher Stadien verwechselt werden sollte. Einen kleinen Ultrablock hat Almeria auch, er entspricht aber in seinem Umfang, in der Lautstärke oder dem Liedgut eher einem deutschen zweitklassigen Provinzverein. Der Verein wurde erst 1989 gegründet, nachdem der Vorgängerverein AD Almeria 1982 aufgelöst worden war. Dennoch reichte es 2007 erstmals für die erste Liga, nach dem Abstieg 2011 kehrte UD Almeria 2014 wieder in die Primera División zurück. Im letzten Jahr sah es lange nach einem erneuten Abstieg aus, aber eine „epische, spektakuläre und grandiose“ Rückrunde rettete den Verein.

Das Spiel gegen Eibar am 33. Spieltag war ein Abstiegskrimi. Beide Vereine lagen in der Tabelle direkt nebeneinander, unmittelbar oberhalb des Strichs. Würde man angesichts dieser Paarung in Deutschland eher ein Spiel aus der geordneten Defensive mit viel Gras als Hauptspeise erwarten, entwickelte sich in Almeria ein lebhaftes Spiel, bei dem sich keine der beiden Mannschaften auf die Abwehrarbeit konzentrierte – sie scheint ohnehin nicht zu ihren Stärken zu gehören. Der erste Treffer für Almeria fiel schon nach wenigen Minuten durch den jungen Kongolesen Thievy Bifouma, der mit seiner Sprintstärke, seiner Zielstrebigkeit und seiner extravaganten Frisur (Irokesenschnitt) ein wenig an Aubameyang erinnert. Sein Schuss aus knapp 20 Metern wäre allerdings wohl haltbar gewesen. Dass die spanischen Zuschauer auch im Abstiegskampf nicht unbedingt „Krieger“ suchen, zeigte sich auch bei der Einwechslung des von Arsenal ausgeliehenen Brasilianers Wellington, der gerne Übersteiger an Übersteiger anschließt und erkennbar Publikumsliebling ist. Tatsächlich gelang es ihm, den entscheidenden Elfmeter zum 2:0 rauszuholen, als er an der Strafraumgrenze zu Fall gebracht wurde. Mit dem Sieg schloss Almeria auch punktemäßig zu Eibar auf, die fahrlässig die Chance für einen Befreiungsschlag verstreichen ließen.

Nach dem Spiel kam es auf der Pressekonferenz der beiden Trainer noch zu einem Eklat, als Gästetrainer Gaizka Garitano dem baskischen Regionalfernsehen Fragen auf Baskisch beantwortete. Nachdem zwei Journalisten sich lautstark beschwerten, beendete der Coach die Pressekonferenz mit den Worten „Wenn man mich nicht reden lässt, gehe ich eben.“ Mehrere spanische Trainer solidarisierten sich mit Garitano, darunter auch der katalanische Nationalist Pep Guardiola. Die politisch umstrittene Frage nach dem Status der spanischen Regionen spielt auch im spanischen Fußball traditionell eine wichtige Rolle.

34. Spieltag: Granada CF - Espanyol Barcelona 1:2

Die zweite Station unseres Urlaubs war Granada, weltberühmt aufgrund der Alhambra. Die maurische Burganlage mit dem Nasridenpalast als Höhepunkt gehört nicht nur zum Weltkulturerbe, die Palastanlage ist auch ein architektonischer Höhepunkt der europäischen Geschichte. Wer beim Anblick dieser Schönheit noch dem Irrglauben anhängt, der Islam gehöre nicht zu Europa und seiner Geschichte, der wettet auch Jahr für Jahr ein Monatsgehalt auf eine Schalker Meisterschaft. Überhaupt bietet die Stadt zahlreiche historische Sehenswürdigkeiten und selbst hartgesottene Kulturverweigerer sollten hier einmal eine Ausnahme machen.

Eintrittskarte Granada - Espanyol BarcelonaDer örtliche Verein ist Granada CF, der zwar auf eine ansehnliche Historie zurückblicken kann, aber bis 2011 für 35 Jahre in die zweite und dritte Liga abgetaucht war. Erst der Einstieg der italienischen Unternehmerfamilie Pozzo, denen auch Udinese Calcio gehört, ermöglichte den Wiederaufstieg in die Primera División, wo der Verein jedoch stets gegen den erneuten Absturz zu kämpfen hatte.

Für Granada CF war das Spiel gegen Espanyol Barcelona schon fast die letzte Chance auf den Klassenerhalt. Durch den Sieg von Almeria am vorherigen Spieltag trennten den Klub bereits sechs Punkte vom rettenden Ufer, die vorangegangenen sieben Spiele konnten nicht gewonnen werden, darunter ein demütigendes 1:9 bei Real Madrid. Obwohl die Wichtigkeit des Spiels also unverkennbar war, fehlte seitens des Publikums beinahe jede Unterstützung. Bei der vor Spielbeginn angestimmten Hymne beeindruckte das gut besetzte 22.500 Mann fassende Estadio Nuevo Los Cármenes noch durch seine Textsicherheit. Doch nach Anpfiff beschränkte sich der Support auf die in vier Gruppen geteilten Ultras, die allerdings erkennbar selbstbezogen agierten. Weshalb sie sich in vier Blöcke unterteilten, wurde nicht ersichtlich: Der Support war zwar koordiniert, verlor aber durch die räumliche Trennung an Durchschlagskraft. Erst als sich die vier Gruppen Mitte der zweiten Halbzeit zusammenschlossen (die Blöcke waren nicht durch Zäune getrennt), nahm die Lautstärke zu.

Unterdessen bewies der Rest des Stadions, wie sehr die Tribünen Einfluss auf das Geschehen nehmen können, wenn auch im negativen Sinne. Die Mannschaft von Granada war erkennbar bemüht, aber in ihren Möglichkeiten limitiert. Letzteres animierte das Publikum immer häufiger und lauter, die eigene Mannschaft auszupfeifen. Aufrufe der Spieler und Appelle der Stadionregie zur Unterstützung änderten daran nichts. Die Folge war eine immer stärkere Verunsicherung seitens der Spieler, die verzweifelt versuchten, sich gegenseitig aufzubauen. Tatsächlich kämpften sie sich nach einem 0:1 Pausenrückstand nach 73 Minuten noch einmal zurück und erzielten den Ausgleich (auf einmal war auch für einige Minuten die Stimmung klasse), doch schon bald darauf folgte der zweite Rückstand nach einer an die Dortmunder Hinrunde erinnernden Abwehrleistung und das Pfeifkonzert nahm seinen Lauf. Obwohl sich Granada weiter nach Kräften gegen die Niederlage wehrte, musste es sich am Ende mit 1:2 zufrieden geben. Für die Mannschaft konnte es einem leidtun, während man bei einigen Fans fast den Eindruck gewann, sie seien froh, dass ihre Spieler mit einer Niederlage bestraft wurden. Besonders hart traf es Trainer Abel Resino, der Granada noch 2012 vor dem Abstieg gerettet hatte und erst im Winter wieder dort angeheuert hatte: Er wurde noch am folgenden Tag entlassen und durch José Ramón Sandoval ersetzt. Tatsächlich gelang unter ihm Granada am vergangenen Wochenende der erste Sieg seit langem mit einem 2:1 bei Getafe CF.

35. Spieltag: Málaga CF - Elche CF 1:2

Über unsere dritte Station brauche ich nicht viele Worte verlieren, da viele Dortmunder schon einmal in Málaga waren. Strand und Maurenburg zählen wie in Almeria auch hier zu den Höhepunkten, die Stadt ist allerdings etwa dreimal so groß. Die Altstadt ist in jedem Fall sehenswert, allerdings sollte die Stadtverwaltung an ihrem Abwassersystem arbeiten, begleitete uns doch das ganze lange Wochenende über ein fauliger Geruch – und wir sind relativ sicher, dass er nicht von uns kam.

Die Kurve in MálagaNach den beiden vorherigen Partien war unsere dritte Begegnung zwischen dem siebten Málaga CF und dem dreizehnten Elche CF am 35. Spieltag fast schon eine Spitzenpartie, wenn auch das Spiel lange Zeit eher dahin plätscherte. Das Estadio La Rosaleda ist gerade bei frühsommerlichen Temperaturen sehenswert. Von den Spielern, die im CL-Viertelfinale im Westfalenstadion die wohl bitterste Niederlage der Vereinsgeschichte eingefahren hatten, standen am Wochenende nur noch zwei auf dem Platz: Sergio Sánchez und Camacho. Zum Vergleich: beim BVB waren es gegen Hoffenheim zumindest fünf Spieler. Bekannt ist dem deutschen Zuschauer auch Arthur Boka, der zum Saisonbeginn vom VfB Stuttgart kam.

Seit die Scheichgelder nicht mehr fließen, hat es sich Málaga im Mittelfeld bequem gemacht. Die vage Chance auf einen Platz im europäischen Wettbewerb verspielte sich die Elf wohl mit ihrem lange Zeit eher pomadigen Auftritt gegen Elche. Der Außenseiter aus der Provinz Alicante spielt nach 24 Jahren Abstinenz seine zweite Saison in der Primera División und zeigte gegen Málaga vor allem in der ersten Hälfte die engagiertere Leistung. Anders als Almeria, Eibar und mit Abstrichen Granada versuchte Elche, dem möglichen Abstieg eher mit Kampf zu begegnen und konzentrierte sich auf eine allerdings nicht immer stabile Defensive. Offensiv setzte man auf schnelle Konter und erzielte auf diese Weise zwei Tore, eines davon in Unterzahl. Beim 2:0 in der 89. Minute leerte sich das Stadion in einem solchen Tempo, dass sich schon bei Wiederanpfiff nur noch etwa die Hälfte aller Besucher im Stadion befand. Fast hätten sie es wie einst der ein oder andere Borusse bereuen müssen, denn in der sechs Minuten dauernden Nachspielzeit gelang Málaga nicht nur der Anschlusstreffer, sondern das Team hatte auch noch weitere Chancen. Doch am Ende war der Sieg für Elche verdient, die damit vorzeitig den Klassenerhalt sicherten.

Fazit

Alles in allem entsprachen die drei Partien etwa dem deutschen Niveau, wenn auch trotz des Abstiegskampfes deutlich mehr Wert auf das Spielerische denn auf das Kämpferische gelegt wurde. Die andalusischen Stadien sind – wie auch die meisten anderen Stadien in Spanien – deutlich älter als ihre deutschen Gegenstücke, auch sind sie meist kleiner. Gästefans gibt es quasi keine (Eibar brachte vielleicht ein Duzend mit, Elche nicht viel mehr, Fans von Espanyol waren gar nicht zu sehen). Entsprechend wird die Stimmung allein vom Heimpublikum getragen, das stärker als in Deutschland durch Familien geprägt wird. Insgesamt fällt auch der Support daher etwas weniger lautstark, aber doch stimmungsvoll aus. Die Sicherheitsmaßnahmen sind sehr entspannt, so gab es beispielsweise. in keinem der Stadien ein Abtasten und Polizeipräsenz war kaum vorhanden.

Alles in allem bietet Andalusien eine gute Mischung aus Urlaub (Strand + Kultur) und Fußball. Je nach Urlaubslänge und Spielplangestaltung lassen sich auch noch Stationen in Córdoba (das allerdings abgestiegen ist) und Sevilla hinzufügen. Für uns hat das dieses Mal nicht geklappt – aber wir planen das nachzuholen.

PatBorm, 07.05.2015

Unterstütze uns mit steady