Spielbericht Profis

23. Mai, Tag der schwarzgelben Emotionen

24.05.2015, 12:05 Uhr von:  Redaktion

Minimalziel erreichtMit einem 3:2-Sieg gegen Werder Bremen sichert sich unsere Borussia aus Dortmund im letzten Saisonspiel den so wichtigen siebten Platz. Von diesem versöhnlichem Ende einer turbulenten, kräftezehrenden und emotionalen Spielzeit hatte noch im Februar niemand zu träumen gewagt. Auch nicht Sebastian Kehl und Jürgen Klopp, die an einem durchaus denkwürdigen Tag ihr (vorerst) letztes Heimspiel im Westfalenstadion als BVB-Angestellte angingen und tränenreich verabschiedet wurden.

Von Platz 18 auf Platz 7 – der BVB legte vom 4. Februar bis zum 23. Mai eine wahnsinnige Aufholjagd hin und überholte zehn Teams. Ein Beispiel: Auf die am 19. Spieltag mit dem Sieg im direkten Duell um 17 Punkte enteilten Augsburger holte man an den restlichen 15 Spieltagen ganze 14 Punkte auf. Wären BVB-Fans, Verantwortliche und Mannschaft an diesem tristen 4. Februar auf das internationale Geschäft angesprochen worden, hätten sie ihrem Gegenüber wohl den Vogel gezeigt. Zu groß waren die Abstiegssorgen, zu dramatisch die damalige Situation. Der BVB lag am Boden, es fehlte (scheinbar) an allem: Fitness, Einsatz, Selbstvertrauen, auch das fußballerische Vermögen wurde plötzlich infrage gestellt.

Nochmal alles rausgehauen und zog dann die Kappe vor den Fans: Jürgen KloppMit dem 3:0 bei den nun dramatisch abgestiegenen Freiburgern wenige Tage nach dem Tiefpunkt gegen Augsburg gelang so etwas wie der Turnaround in der Liga, der jetzt mit der Europa League-Qualifikation gekrönt wurde. Mit allerletzter Kraft presste Jürgen Klopp noch ein letztes Mal alles aus der Mannschaft heraus, holte 30 Punkte in 15 Partien und belegt für diesen Zeitabschnitt damit einen mehr als respektablen vierten Platz. „Ich bin froh, dass wir das noch so hinbekommen haben“, erklärte ein erleichterter Übungsleiter daher auch auf der Pressekonferenz, „das sah lange nicht so aus.“ Der 23. Mai ist also so etwas wie ein Tag des Comebacks – und symbolisiert zeitgleich einen ersten Schritt in eine neue Zeitrechnung: Mit Sebastian Kehl und Jürgen Klopp traten zwei tolle Persönlichkeiten, die den Verein in den vergangenen Jahren jeweils auf ihre Art geprägt haben, das letzte Mal für die Borussia im Westfalenstadion an.

Der Kapitän geht von Bord

Eingeläutet wurde dieser 23. Mai, ein Tag der Emotionen, daher natürlich mit Verabschiedungszeremonien. Es begann mit dem Capitano: Für seine 13 Jahre währende Treue und seinen nimmermüden Einsatz für den Verein erhielt Sebastian Kehl, der auf Vorschlag von Mats Hummels ein letztes Mal die Vereinsbinde übernahm, einen obligatorischen, aber herzlichen Kleine aber feine Aktion von der Südtribüne für Sebastian KehlHändedruck samt Blumenstrauß von Aki Watzke. Das deutlich größere Geschenk an Kehl aber dürften die lautstarken Sympathiebekundungen für ihn gewesen sein, die schon vor Spielbeginn immer wieder von den Rängen über den Rasen schwappten. Die Sprechchöre wurden von zahlreichen Abschiedsbannern auf der Süd begleitet, die erahnen ließen, warum der Kapitän von den Fans so geschätzt wird: „Auf Bayerns Handgeld verzichtet – Hinten alles gerichtet“ hieß es auf einem Plakat. Ein anderes Banner bescheinigte Kehl „13 Jahre Maloche auf Teufel komm raus“, während ein drittes titelte: „Treue ist kein Gefühl, Treue ist eine Entscheidung“. All diesen Zeilen möchte ich mich persönlich anschließen: Danke, Sebastian! Es war toll, dich 13 Jahre lang in unserem Verein zu wissen. Hoffentlich kommen viele weitere in anderer Funktion hinzu. Auf die Verabschiedung von Watzke folgte ein Film, der auf allen Leinwänden und Monitoren im Stadion abgespielt wurde, die größten Erfolge des Kapitäns zusammenfasste und mit einigen O-Tönen von ehemaligen Weggefährten wie Florian Kringe und Dedé abgerundet wurde.

Auf den Kapitän folgt der Übungsleiter

Jürgen Klopp bekam eine größere Aktion, die jedoch nicht ganz reibungslos verliefKurz vor Spielbeginn folgte schließlich Teil 1 der Verabschiedung von Coach Jürgen Klopp. Der Übungsleiter wurde, obwohl er auf alles Offizielle vor dem Spiel verzichtet hatte, schon vor Anpfiff zum Thema: Beim Einlaufen der Teams überraschte die Südtribüne mit einer beeindruckenden Choreo mit dem Konterfei von Klopp und einem besonderen Satz, der direkt an den Trainer gerichtet war: „Wir brauchen viele Jahre, um zu verstehen, wie kostbar Augenblicke sein können“. Starke Worte, die die unbeschreibliche Zeit mit Klopp im Rückblick ganz gut beschreiben.

Hälfte eins: Tolles Spiel mit starker Borussia

Nach dem emotionalen Vorgeplänkel, das den ein oder anderen schon sentimental werden ließ, nach dem Spiel aber noch überboten werden sollte, pfiff Schiedsrichter Manuel Gräfe die Partie schließlich an. Während der BVB im gewohnten 4-2-3-1 mit Weidenfeller im Kasten sowie den Rückkehrern Hummels und Reus ins Spiel ging, überraschten die von Viktor Skripnik trainierten Bremer mit einer 4-1-4-1-Grundformation. Auch aufgrund der Ausfälle von Selke, Fritz und Bargfrede hatte der SVW-Coach einen Matchplan entwickelt, der vor allem auf überfallartigen Gegenstößen von quirligen, flinken Spielern wie Öztunali, Bartels Jubel um Aubameyang und Kagawaund Überraschungsmann Busch basierte. Klopp wiederum hatte seinem Team die vorrangige Aufgabe mitgegeben, das Spiel auseinander zu ziehen, die Flügel immer wieder doppelt zu besetzen und die Bremer Außenverteidiger unter Druck zu setzen. Das gelang zunächst: Der BVB startete furios und brach durch Überladungen auf einer Seite immer wieder über außen bis auf die Grundlinie durch – vornehmlich über den starken Mkhitaryan auf rechts, mit dem Werder-Linksverteidiger Sternberg hoffnungslos überfordert war. Die Borussia war ihrem Kontrahenten in allen Belangen überlegen: Nach 22 Minuten zeigte die Anzeigetafel nicht nur 63% Ballbesitz für den BVB an, sondern auch 8:1 Torschüsse und eine deutlich bessere Passquote (78% zu 69%). Aus der Dortmunder Dominanz ergaben sich folgerichtig sehr früh Chancen für Mkhitaryan (1.), Durm (2.) und Aubameyang (9., Pfosten nach Traumkombination). Die beiden Treffer von Kagawa und Aubameyang in der 15. und in der 17. Minute waren zu diesem Zeitpunkt mehr als verdient.

Die Werder-Fans ließen sich davon jedoch nicht beeindrucken: Sie unterstützten ihr Teams beinahe ohne Unterbrechung und verloren die gute Laune selbst nach dem 0:2-Rückstand nicht. Die durchaus lautstarken „Werder Bremen, Olé“-, „Forza SVW“- und „Auf geht’s Werder, kämpfen und siegen“-Gesänge gipfelten in der 25. Minute in einen lärmenden, von BVB-Pfiffen begleiteten Wechselgesang mit weiteren Werder-Fans auf der Tribüne im Nordosten, der unverzüglich durch den Anschlusstreffer von Öztunali belohnt wurde. Dennoch zeigten auch die Borussia-Anhänger, berauscht von den Emotionen um Klopp und Henrikh Mkhitaryan bejubelt das 3-1Kehl sowie den beiden schnellen Toren, eine überdurchschnittliche Leistung, mit der sie die Werder-Fans zumeist übertönten und den Spieltag mit seinen emotionalen Nebenschauplätzen würdig begleiteten. Einen Anteil daran hatten auch die Besucher auf Ost- und Westtribüne, die sich direkt in Minute 1 nach Aufforderungen der Südtribüne geschlossen von ihren Plätzen erhoben und damit sicher auch einen typischen BVB-Fehlstart samt Gegentor verhinderten.

Nach dem Anschlusstreffer wurde Werder etwas stärker und das Spiel etwas offener – auch weil die Borussia nicht mehr so zielstrebig über die Flügel angriff. „Wir hatten zwar eine klasse Spielanlage, haben Bremen nach starkem Beginn aber einen Knochen hingeworfen“, wusste auch Klopp: „Wenn ein Weg zu einfach scheint, machen wir uns in dieser Saison noch einmal Gedanken über einen anderen Weg.“ Chancen gab es auf beiden Seiten zumeist nur noch im Ansatz: Weidenfeller rettete zwei Mal in allerhöchster Not vor Di Santo, während der BVB vor dem Pausenpfiff noch drei Möglichkeiten für sich verbuchen konnte: Während Aubameyang (30.) mit einem Kopfball und Reus (40.) mit einem Fernschuss noch kein Abschlussglück hatten, machte es Mkhitaryan in der 42. Minute besser: Der Armenier nahm den Ball bei einem Konter im eigenen Stadion gekonnt aus der Luft an und ließ dem herausstürmenden Casteels mit einem lässigen Lupfer keine Chance.

Hälfte zwei: Fehlende Zielstrebigkeit und mangelnder Abschluss

Lorenzen gegen GündoganDie Geschichte von Hälfte zwei ist schnell erzählt: Mit einem 3:1 im Rücken spielte die Borussia nicht mehr ganz so zielstrebig und verschenkte aussichtsreiche Situationen viel zu fahrlässig – sowohl beim letzten Pass als auch beim Abschluss. Reus (48., 52.), Aubameyang (61., 67. und 76.) sowie Mkhitaryan (64., Lattenschuss) verpassten daher die Vorentscheidung. Werder hatte sich hingegen mittlerweile zwar zu einem fast gleichwertigen Gegner entwickelt, verpasste es aber ebenso, die nach schnellen Gegenzügen erarbeiteten Möglichkeiten zu verwerten.

Das im Vergleich zu Hälfte eins weniger rasante Spiel wirkte sich auch auf die Ränge aus: BVB- und SVW-Fans sangen zwar munter weiter, sorgten aber nicht mehr ganz für so eine tolle Stimmung wie in den ersten 45 Minuten. Nach Werders etwas glücklichem Anschlusstreffer fünf Minuten vor Schluss – Gebre Selassie hatte nach Junuzovic-Freistoß verkürzt – und Kehls Auswechslung eine Minute danach erreichte die Stimmung aber noch einmal einen weiteren Höhepunkt: Im gesamten Stadion erhoben sich die BVB-Fans, um die letzten Sekunden der schwarzgelben Nummer 5 auf dem Rasen würdig zu begleiten, während die Werder-Fans ihr Team noch einmal zum Ausgleich singen wollten und gleichzeitig den Nordrivalen Hamburg verhöhnten.

Roman Weidenfeller war bein 3-2 chancenlosNachdem Prödl als dritter Stürmer aber keinen Ertrag mehr gebracht hatte und der BVB angetrieben von den noch einmal so richtig auf Betriebstemperatur gelaufenen Fans hinten sicher stand, pfiff Schiri Gräfe die Partie schließlich ab und besiegelte damit nicht nur das Liga-Ende, sondern auch die vor einigen Wochen noch für unmöglich gehaltene Qualifikation fürs internationale Geschäft. Folgerichtig schallten im sechsten Jahr in Folge „Europapokal“-Rufe durch das Westfalenstadion.

Kehl und Klopp, Teil 2

Der emotionale Höhepunkt des Tages sollte jedoch erst noch kommen. Wenige Minuten nach Abpfiff – die Zuschauer waren vor der Partie von Nobby Dickel dazu aufgefordert worden, noch im Stadion zu bleiben – begann die große Klopp-Show. Der scheidende Coach drehte eine viel umjubelte Ehrenrunde durch das gesamte Stadion und wurde dabei nicht nur vom BVB-Anhang frenetisch gefeiert, sondern auch von den Werder-Fans beklatscht – eine große Geste! Klopp erklärte in der Pressekonferenz mit seinem typischen Humor: „Ich habe das vorher mit dem Sicherheitsdienst abgeklärt: Nur wer zehn Minuten klatscht, wird aus dem Stadion gelassen.“ Nach der schon bekannten, aber leider wohl letzten, mit langem Anlauf dreifach ausgeführten Jubelfaust vor der Südtribüne folgte eine Video-Ansprache, die in weiser Voraussicht bereits vor dem Spiel aufgenommen Nach dem Spiel wird der Capitano auf Händen getragenworden war. Ein bisschen schade war es schon, dass der Trainer nicht live im Stadion sprach. Der Vorteil war aber, dass Klopp tolle Worte an die Fans richten konnte, ohne etwas zu vergessen und dabei bereits an die Zukunft des Vereins dachte. Sein Tipp, sicher auch im Hinblick auf Nachfolger Thomas Tuchel gemünzt: „Nicht vergleichen! Der Vergleich schadet der großartigen Erinnerung. Und erschwert die großartige Zukunft.“ Bei diesen Worten sollte dem letzten klar geworden sein: Borussia verliert zuallererst einen großartigen Menschen, dann erst einen großartigen Coach. Nachdem Klopp schließlich durch das von seinen Spielern gebildete Spalier in den Katakomben des Stadions verschwunden war, bekam auch Kehl samt seinen beiden Kindern nochmal seine ganz persönliche Ehrenrunde. Der Abgang des Kapitäns, ebenfalls durch das das Spalier hinein in die Tiefen des Tempels, beendete schließlich nicht nur die Bundesliga-Saison 2014/15, sondern auch eine große BVB-Ära. Statt wie üblich um kurz vor halb sechs, verließ der Großteil der Fans das Stadion dieses Mal erst eine Dreiviertelstunde später – mit feuchten Augen und einer weiteren großartigen, schwarzgelben Erinnerung im Gepäck. Und jetzt: Auf nach Berlin!!

Statistik auf einen Blick

BVB: Weidenfeller - Durm, Subotic, Hummels, Schmelzer - Gündogan, Kehl (86. Bender) - Mkhitaryan, Kagawa (81. Jojic), Reus (74. Immobile) - Klopp verneigt sich vor der SüdtribüneAubameyang

Werder: Casteels - Gebre Selassie, Lukimya, Vestergaard, Sternberg (87. Prödl) - Kroos (75. Makiadi) - Busch (62. Lorenzen), Junuzovic, Öztunali, Bartels - die Santo

Tore: 1:0 Kagawa (15., Gündogan), 2:0 Aubameyang (17., Kagawa), 2:1 Öztunali (26., Junuzovic), 3:1 Mkhitaryan (42., Kagawa), 3:2 Gebre Selassie (85., Junuzovic)

Gelbe Karten: -

80.667 Zuschauer im Westfalenstadion

Torschüsse: 22:7

Ballbesitz: 66% - 34%

Zweikampfquote: 51% : 49%

Passquote: 80% : 66%

Noten

In seinem letzten Bundesliga-Spiel verdient der Kapitän nichts anderes als Note 1. Danke, Sebastian!Weidenfeller: Sicher bei hohen Bällen, rettete zwei Mal stark beim Herauslaufen. Insgesamt ein überzeugendes Comeback. Note 2

Durm: Machte vor allem in Hälfte eins viel Betrieb über seine Seite, ließ in der zweiten Halbzeit jedoch etwas nach. Defensiv solide. Note 3

Hummels: Bärenstarke Leistung. In direkten Duellen kaum zu überwinden, ball- und passsicher. Gut, dass er bleibt. Note 2

Subotic: Zeigte eine ordentliche Leistung, verschätzte sich jedoch ein, zwe Mal mit falschen Stellungsspiel. Note 3

Schmelzer: Lief seine Seite vor allem in Hälfte eins wie ein Duracell-Hase auf und ab, wurde aber zu selten einbezogen. Mit fortgeschrittenem Spielverlauf immer unauffälliger. Note 3

Kehl: In seinem letzten Bundesliga-Spiel verdient der Kapitän nichts anderes als Note 1. Danke, Sebastian!

Gündogan: Offensiv stark, spielte gute Bälle, kombinierte teilweise toll. In drei, vier Momenten aber mit einfachen Ballverlusten, die Werder in gefährliche Situationen brachte - wie zum Beispiel beim ersten Gegentor. Note 3

Reus: Einziger Spieler aus der Offensive, dem ein Tor verwehrt blieb. Zu Beginn unauffällig, wurde dann besser und versuchte, ein Tor zu erzwingen. Offensiv stark, spielte gute Bälle, kombinierte teilweise tollBrauchte das Spiel vor allem im Hinblick auf das Pokalfinale. Note 3

Kagawa: Ein Tor, zwei Vorlagen - eine super Bilanz für den Japaner, der wieder etwas zielstrebiger agierte und relativ ball- wie passsicher war. Dennoch hat Kagawa noch Luft nach oben. Note 2

Mkhitaryan: Bester Mann auf dem Platz: Tolle Dribblings und Pässe, ein lässiges Tor und obendrein bissig. Blüht scheinbar jetzt so richtig auf und ist in dieser Form ein ganz wichtiger Spieler - auch in der neuen Saison. Note 1,5

Aubameyang: Traf abermals sehr gekonnt, lief und arbeitete viel und rochierte ständig. Note 2,5

Daniel R., 24.05.2015

Diskutiert mit dem Autor auch auf Twitter.

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