Spielbericht Profis

Fußball auf dem Dorfe: Wenn Rammstein auf Klatschpappen trifft

03.05.2015, 18:44 Uhr von:  Redaktion

Die Heimkurve steigert sich durchaus von Jahr zu JahrNach dem epischen Elfmeterschießen in München (schwatzgelb.de berichtete) hatte uns der biedere Alltag wieder – Sky berichtete live aus Wolfsburg und Borussia musste nach 15 glücklichen Monaten Pause in Hoffenheim ran. Obwohl das Stadion an der Autobahntankstelle noch immer nicht mehr Esprit versprüht als ein übergewichtiger Landwirt mit Presswehen im Dixi-Häuschen, wollen wir diesmal mit einer kleinen Tradition brechen und keine mittelmäßigen Witze über Kraichgauromantik oder das einsame Dorfleben zwischen Fuchs und Hase reißen. Das erledigen die Hausherren nämlich mittlerweile selbst.

Angekommen an einem der Top 350 Stadien Deutschlands, standen die BVB-Fans erst einmal am Busparkplatz. Auch nach sieben Jahren war dort noch niemand auf die Idee gekommen zwischen Zäunen und Beton einen Verkaufsstand für Essen oder Getränke zu eröffnen, denn hart ist das Leben und zu viel Luxus nicht angemessen. Wissend, dass nun selbst Hoffenheim Hooligans aufzubieten hatte und überall potentiell Gefahr lauerte, wollte man den Dortmunder Brötchenschlägern die Wurfgeschosse vom Grill wahrscheinlich gar nicht erst bereitstellen.

Der Gästeblock überzeugte in Sinsheim durch LaustärkeDie Pressemappe der Hausherren weckte dafür beinahe Erinnerungen an die Champions League. Seitenlang wiesen hilfreiche Statistiken aus, dass der HSV in beinahe jeder Kategorie der schlechteste Verein der Liga war, nur der HSV und Paderborn ähnlich viele Torchancen versemmelten wie Borussia Dortmund und die Gegner in der Bundesliga nur gegen Eintracht Frankfurt weniger Torschüsse pro Tor benötigten als gegen unseren BVB.

Kaum angekommen am Platz, ging es schon los mit einem Vorprogramm à la bonne heure. Wie jeder coole Verein verfügt nun auch die örtliche Opel-Gang über einen fiesen Fanrap, der wohl jedem Gegner sofort zeigen soll, wo der Frosch die Locken hat. Als nächste Eskalationsstufe folgten der Gassenhauer „Unsere Hoffnung, unsere Heimat, unsere Liebe“ von Die Chefs feat. Mike Diehl („Lästerei und Neiderei gehen uns am Arsch vorbei, 18hundert 99 TSG! Ein Leben lang im Niemandsland, nur Hoffis Ruf erschallt, und dann ganz schnell weltbekannt, unser kleines Dorf am Wald“) und eine Fahnenparade der Extraklasse. Etwa 50 Schwenkfahnen wurden zum Badnerlied auf den Rasen getragen, davon etwa 45 mit doppeltem Sponsorenaufdruck, und die Vielseitigkeit der örtlichen Fankultur demonstriert – von den altbekannten Kraichgau-Brasilianern über den Audi Fanclub 1899 Hoffenheim, die Brigade 1899 Baden, die Hoffema Jungs und die Neckar-Löwen bis hin zum Akademikerfanclub (für Hartgesottene geht’s hier zum Spielbericht „Bombus. Ein Team. Ein Weh. Einstellung.“) war alles vertreten, was nicht bei drei auf den Bäumen war.

Sebastian Kehl stand mal wieder in der StartelfDoch wer nun dachte er hätte wirklich alles gesehen, hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Elch Hoffi, der als Maskottchen perfekt zum Hoffenheimer Narrativ der regionalen Talentförderung passt, hatte „bereits bei der Hoffi-Club Weihnachtsfeier (…) seinen neuen Freund Wickie vorgestellt“, der nun als zweites Maskottchen über den Platz schlendern und den Holiday Park Pfalz bewerben durfte. Heftiger Klatschpappeneinsatz zu Rammsteins Klängen begrüßte die Mannschaften auf dem Feld, während der Gästeblock in sattgelbem Rauch versank und sich Stadionsprecher Mike Diehl einen Witz auf dörfliche Gefilde und den Einsatz von Feuerwerkskörpern nicht verkneifen konnte.

Borussia musste nach dem harten Spiel in München gleich dreimal wechseln: Neu in der Startelf waren Siegtorschütze Sebastian Kehl (für Sven Bender), der zuletzt starke Henrikh Mkhitaryan (für den angeschlagenen Marco Reus) sowie Neven Subotic (für Sokratis). Die Hoffenheimer brachten Kevin Volland und Andres Beck für Sebastian Rudy und Tobias Strobl.

Gleich blieb zunächst das lahmarschige Spiel, das auch in München über weite Strecken für wenig Begeisterung gesorgt hatte. Borussia fiel schlichtweg nichts gegen die hochstehenden Hoffenheimer ein, die sich zudem mit ihrer typischen Zweikampfhärte immer wieder Respekt verschaffen konnten. Leiden hatte darunter zumeist Kuba, der in der ersten 30 Spielminuten gleich fünfmal am Boden lag und bis zu seiner Auswechslung in der 38. Minute Jubel um Kevin Vollandzunehmend länger benötigte, um wieder ins Spielgeschehen einzugreifen. Markus Gisdol fand das nicht ganz so witzig und regte sich in der 21. Minute tierisch über einen Pfiff gegen Pirmin Schwegler auf – nach einer Ermahnung des vierten Offiziellen, wieder in die Coaching Zone zurückzukehren, endete ein privater Schlagabtausch der beiden Streithähne mit einem hämischen Klatschen Gisdols und einer Androhung zur Verbannung auf die Tribüne.

Warum man sich mit solcherlei Dingen beschäftigen konnte? Das Spiel war nicht schön anzusehen und einfach arm an Höhepunkten, wenn man nicht gerade ein Video von Ilkay Gündogans schönsten Fehlpässen zusammenstellen wollte. Erst nach einer halben Stunde wagte sich Borussia in die Nähe des gegnerischen Tors, doch stand Mkhitaryan leider recht deutlich im Abseits. Weil auch auf der Gegenseite nicht mehr allzu viel ging, versuchte sich Volland mit einem Distanzschuss aus etwa 30 Metern – das Netz zappelte, das sonst eher stille Stadion feierte bereits den Führungstreffer und doch war der Ball glücklicherweise knapp rechts vorbei gegangen (31.).

Freude bei Mats Hummels über den AusgleichDieser Schuss schien jedoch ein Weckruf gewesen zu sein, denn beide Mannschaften agierten nun zielstrebiger. Schwegler spielte Volland mit einem simplen Schuss in die Tiefe frei, Marcel Schmelzer ließ sich mit einem Bauerntrick in die Irre führen und Volland jagte den Ball astrein in die Maschen (33.). Dass Mats Hummels zu träge reagiert und das Abseits aufgehoben hatte, passte leider ins Bild dieser Saison. Doch bereits zwei Minuten später antwortete Borussia mit dem Ausgleich: Shinji Kagawa, zuletzt ein Ausbund an Ängstlichkeit und fehlendem Selbstvertrauen, hatte Mkhitaryan in Szene gesetzt, der gegen David Abraham zunächst nur eine Ecke herausholen konnte. Diese Ecke jedoch brachte Mkhitaryan so punktgenau zu Hummels, dass dieser sich gegen drei Hoffenheimer durchsetzen und den Ball per Kopf ins Tor wuchten konnte.

Auch in der 42. Minute stand Hummels wieder im Mittelpunkt: Einen Angriff der Hoffenheimer hatte er beinahe gestoppt, aber keine Kontrolle über den Ball gewonnen. So landete der Ball – wieder einmal – genau vor den Füßen des Gegners. Anthony Modeste startete durch in die rechte Strafraumhälfte und Mitch Langerak stürmte entgegen, doch der Schuss landete aus spitzem Winkel ebenso glücklich wie überraschend am Außennetz.

Nicht fehlen durften beim Auswärtsspiel in der Provinz natürlich die Schmähungen gegen Dietmar Hopp, dessen Konterfei mehrere Minuten lang im Fadenkreuz durch den Gästeblock wanderte. Die gewohnten Gesänge wurden von empörten Einheimischen mit Pfui- und Buhrufen quittiert, die drei lautesten (und beinahe einzigen) Hoffenheimer Fangesänge des Tages wechselten sich nun eifrig ab: „Scheiße BVB“, „BVB Hurensöhne“ und "Hoffe Mitch Langerak stand mehrmal im Mittelpunkt wie hier gegen Modesteschenk mir nen Titel". Auf dem Rasen wurde die zweite Halbzeit dafür so spannend, wie die erste langweilig war. Zwar wurde auch weiterhin kein guter Fußball geboten, aber immerhin Torraumszenen und Nickligkeiten zuhauf. Alles begann mit Schüssen Vollands und Kagawas, die jedoch beide knapp am Tor vorbeiflogen (46., 47.), sowie dem harten Einsteigen von Jeremy Toljan (von hinten gegen Mkhitaryan, 53.) und Kevin Kampl (gegen Schwegler, 54.).

Mit zunehmender Spieldauer kam Borussia nun besser ins Spiel und erarbeitete sich immer bessere Torchancen. Einmal spielte Kagawa toll in die Gasse, marschierte Aubameyang durch aufs freie Tor und versuchte sich im Umkurven des Torwarts, statt einfach zu schießen. Immerhin konnte der den Ball gerade noch zu Mkhitaryan spitzen, der in der Mitte aber nichts mehr ausrichten konnte (57.). Ein anderes Mal war Aubameyang im Sprint nicht zu halten, bis er an Oliver Baumann und auch knapp am Tor vorbeigezielt hatte (64.).

Doch leider zeigte sich ebenso, dass Gündogan und Kehl arge Probleme hatten, das Mittelfeld unter Kontrolle zu halten. Immer wieder konterten die Hoffenheimer und erhöhten die schwarzgelben Abwehrspieler die Gefahr: Erik Durm spielte einen katastrophalen Fehlpass in Richtung des eigenen Tors, wo Modeste frei durchgebrochen war und abermals knapp am freistehenden Tor vorbeischoss (57.) Nur kurz darauf hatte sich Hummels von Am Ende reichte es nur zu einem PunktModeste im eigenen Strafraum im Luftzweikampf vernaschen lassen, um zuzusehen, wie dieser zunächst Langerak überwinden und dann doch noch an diesem scheitern sollte (61.). Auch als Roberto Firmino einen Kopfball nach einer Ecke an die Latte gewemmst hatte, sahen nicht alle Schwarzgelben besonders glücklich aus (62.).

Die Schlussphase ging dafür wieder vollständig an den BVB. Baumann vereitelte Ciro Immobiles Torschuss nach schöner Vorarbeit von Kampl und Aubameyang (77.) ebenso wie Aubameyangs Großchance wenig später (84.). Die größte Chance des Spiels hatte dann wieder Immobile auf dem Fuß, der großartig freigespielt von Aubameyang den Ball zehn Meter vor dem Tor nur noch versenken musste – und abermals an Baumann scheiterte. Dass sich Immobile in der letzten Aktion des Spiels dann ausgerechnet beim Torschuss auf den Hintern setzte, passte ins Bild – es hatte einfach nicht sollen sein.


Statistik

TSG: Baumann - Toljan, Abraham, Bicakcic, Beck - Schwegler, Polanski - Volland, Firmino - Modeste, Szalai
Wechsel: Schipplock für Modeste (75.), Kim für Abraham (81.), Salihovic für Schwegler (90.)

BVB: Langerak - Durm, Subotic, Hummels, Schmelzer - Gündogan, Kehl - Kuba, Kagawa, Mkhitaryan - Aubameyang
Wechsel: Kampl für Kuba (40.), Immobile für Kagawa (74.)

Tore: 1:0 Volland (33.), 1:1 Hummels (35.)
Gelbe Karten:
Firmino - Kehl, Kampl, Durm


Noten

Sah beim Gegentreffer furchtbar schlecht aus, hatte auch sonst einen schwarzen Tag. Note 4,5.Langerak: Solide im Spiel, zeigte einige gute Paraden und musste immer wieder für seine Kollegen mitdenken. Unglücklich im Luftzweikampf gegen Modeste. Ging nach dem Spiel zu den Fans und verschenkte sein Trikot. Note 3.

Durm: Katastrophaler Bock in der zweiten Halbzeit, wenige gute Szenen. Note 4,5.

Subotic: Weit entfernt von seinem Leistungsniveau, sah wie alle Defensivkollegen nicht immer gut aus. Note 4.

Hummels: Ein Schnitzer, ein unglücklicher Luftzweikampf, beim Gegentor das Abseits aufgehoben, ungestüme Pässe ins offensive Nirgendwo – aber gute Zweikampfwerte und auf Dortmunder Seite das Tor des Tages erzielt. Nach dem Spiel unterwegs zu den Fans, als die Kollegen bereits in Richtung Kabine gingen. Note 3,5.

Schmelzer: Sah beim Gegentreffer furchtbar schlecht aus, hatte auch sonst einen schwarzen Tag. Note 4,5.

Gündogan: In der ersten Halbzeit reihenweise Fehlpässe, bekam das Mittelfeld über weite Strecken des Spiels einfach nicht unter Kontrolle. Die letzten zehn Minuten immerhin ein wenig sichtbar, ansonsten ein Auftritt zum Vergessen. Note 4,5.

Kehl: Stellte sich in der Defensive etwas besser an als Gündogan, zeigte aber vor allem eine angemessene Körpersprache. Note 3,5.

Bekam furchtbar viel auf die Knochen, war allerdings auch einer der Aktivposten der ersten Halbzeit. Note 3.Kuba: Bekam furchtbar viel auf die Knochen, war allerdings auch einer der Aktivposten der ersten Halbzeit. Note 3.

Kagawa: Zeigte kaum Selbstvertrauen, obwohl er viele Szenen hatte und einige hervorragende Pässe zu Aubameyang spielen konnte. Hoffen wir, dass er in der Vorbereitung Kraft tanken und wieder voll in Dortmund ankommen kann. Note 2,5.

Mkhitaryan: Nicht ganz so stark wie bei seinem Einsatz in München, aber über die letzten Spiele deutlich formverbessert. Gab die Vorlage zum 1:1 per Ecke, wirkte auch sonst wieder quirlig in der Offensive – es wird in kleinen Schritten. Note 3.

Aubameyang: Keine Mannschaft in der Bundesliga ist so abhängig von ihrem Topscorer wie Borussia Dortmund – und die Statistik behielt Recht. Mit seiner „unfairen Geschwindigkeit“ (Gisdol) glitt er durch die Hoffenheimer Reihen wie ein Messer durch warme Butter, diverse Angriffe konnte er jedoch nicht im Tor unterbringen. Mindestens einen hätte er machen müssen! Note: 2,5.

Kampl: Brachte sich in die Offensive ein, stand hinter seinen Kollegen aber weiterhin zurück. Da muss in der kommenden Saison mehr kommen. Note 3,5.

Immobile: Vergab die beste Chance des Spiels, hatte auch sonst kein Glück im Abschluss. Am Willen hat es nicht gelegen, doch war auch das Signal, dass es selbst nach den 120 Minuten von München nicht für einen Einsatz in der Startelf gereicht hatte, nicht zu übersehen. Note 3,5.

SSC, 03.05.2015

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