Spielbericht Profis

Nach Strich und Faden vermöbelt

19.03.2015, 01:03 Uhr von:  Redaktion

Champions-League-Sieger 1997 Choreografie von TU'01Mit einem blamablen 0:3 gegen Juventus Turin verabschiedete sich Borussia Dortmund aus dem internationalen Fußball. Juventus Turin, im Hinspiel noch mehr oder minder ein Gegner auf Augenhöhe, erwies sich an diesem Abend in allen Belangen als zu stark für den BVB. Über 90 Minuten wurde Dortmund im eigenen Wohnzimmer dominiert, wie man es lange nicht mehr gesehen hat. Die triste Saison 14/15 ist damit um einen weiteren Tiefpunkt reicher.

Vor dem Spiel haben Dortmunds Ultras sich mal wieder selbst übertroffen. Jedes Mal denkt man sich nach den Choreos, dass die Süd jetzt mal langsam ausgereizt ist und jedes Mal schaffen sie es erneut, einen neuen und überraschenden Weg zu finden, die gelbe Wand zu bespielen. Diesmal gab es Ponchos in Schwarz und Gelb für die Fans, die so ein Streifenmuster auf die gelbe Wand zeichneten. Zum Einlauf der Mannschaften wurde eine glänzende, schwarz umrandete 97 mit Pappen gebildet und dazu per Zaunfahne mit „Ricken…Lupfen jetzt…..JAAAAA“ ausgerechnet ein Zitat von Spaßbremse Marcel Reif ausgegraben, der zuletzt ja eher nicht so gut auf die BVB-Fans zu sprechen war. Als krönender Höhepunkt wurde noch eine große Zeichnung der Helden des Finalsiegs Riedle und Ricken zusammen mit dem feiernden Pickelhauben-Ottmar und dem Pokal vor der Tribüne hochgezogen. Der Rahmen für einen legendären Champions-League-Abend war also bereitet. Leider konnten die Schwarzgelben auf dem Rasen mal wieder nicht mit der Leistung ihres Anhangs mithalten.

Morata gegen Ilkay GündoganAuf dem Platz zeigte Juventus gleich, wo es nach ihrem Plan langgehen sollte. Erst wurden die Seiten gewechselt, so dass der BVB in der ersten Halbzeit Richtung Süden stürmen musste, dann gab es schon nach anderthalb Minuten eine erste Chance für die Gäste und als nicht mal drei Minuten gespielt waren, lag der BVB auch schon hinten. Nach einem unzulänglichen Befreiungsversuch vor dem Dortmunder Strafraum zog Tevez ab und platzierte den Ball so exakt im kurzen Winkel, dass Weidenfeller keine Abwehrmöglichkeit hatte, obwohl sich ihm freie Sicht auf den heranfliegenden Schuss bot. Damit war der Plan der vecchia Signora schon aufgegangen und so agierte sie dann auch in der Folgezeit. Bei Dortmunder Ballbesitz zogen die Gäste ihre Abwehrkette bis weit in den eigenen Strafraum zurück und vom Start weg wurde bei jeder Gelegenheit versucht, ein paar Sekunden zu schinden. Eine halbe Minute ist in der ersten Halbheit genauso lang wie in der Zweiten und jede Sekunde ohne Gegentor war nun für die Italiener eine Gute.

Aber auch so blieben sie nach vorne gefährlich. Lichtsteiner zwang Weidenfeller nach einer Viertelstunde mit einem weiteren Fernschuss zur Glanzparade und auch der anschließende Eckball war gefährlich. Das allein war schon mehr, als die Borussen bis zu diesem Zeitpunkt offensiv zeigen konnten. Immer wieder liefen sie sich in der eng gestaffelten Defensive der Italiener fest und im offensiven Mittelfeld fehlte wie schon in den letzten Bundesligaspielen komplett die Abstimmung. Wenn sich trotzdem mal die Chance zum Steilpass oder Flankenball bot, waren diese viel zu unpräzise und landeten nicht einmal in der Nähe eines Mitspielers.

Marco Reus gegen Claudio MarchisioArturo Vidal brachte dann die Massen in Wallung, weil er erst Schmelzer und dann auch noch Reus fällte, aber trotzdem von Schiri Mazic nur ermahnt wurde. Schon im Hinspiel hatte der Chilene unverständlicherweise den Schiedsrichter auf seiner Seite gehabt. Die beiden Freistoßgelegenheiten vergab Marco Reus einigermaßen kläglich. Aber wenigstens war jetzt Stimmung in der Bude und jede Schiedsrichterentscheidung zugunsten der Gäste wurde mit einem gellenden Pfeifkonzert bedacht. Nach einer knappen halben Stunde stand dann auch erstmals das ganze Stadion und stimmte den BVB-Wechselgesang an. Paul Pogba ging dann ohne erkennbare Einwirkung des Gegners zu Boden und musste ausgewechselt werden. Mit Barzagli kam natürlich ein noch defensiverer Mann für ihn auf den Platz.

Dortmund erhöhte immer mehr den Druck, aber Juve igelte sich hinten ein und schaffte es so, den Borussen echte Tormöglichkeiten zu verwehren. In der gesamten ersten Halbzeit musste Buffon nicht einen Torschuss oder –kopfball der Borussen abwehren. Dortmunds Offensivspiel wirkte statisch, ideenlos und unpräzise. Offenbar war es der Mannschaft nicht gelungen, nach den zuletzt schwachen Leistungen in der Liga den Schalter wieder auf Vollgas umzulegen. Juve blieb demgegenüber bei den spärlichen Angriffsbemühungen stets gefährlich und sorgte für einige Konfusion in der Dortmunder Hintermannschaft. Insgesamt entsprach das Ergebnis zur Halbzeit dem Spielverlauf. Was sollte einem als Borussen jetzt noch Hoffnung auf die Wende geben? Mir fiel da nicht mehr viel ein außer dem Umstand, dass noch Umstellungen möglich waren. Mkhitaryan war beispielsweise in der ersten Halbzeit überhaupt nichts gelungen und Aubameyang konnte auch keinerlei Gefahr verspüren. War es vielleicht Zeit für Immobile oder Kagawa?

Zweite Halbzeit

Mats Hummels und Co. hatte mit den Turiner Angriffen eine Menge zu tunMeine Ideen wurden von Jürgen Klopp natürlich nicht aufgegriffen. Stattdessen musste Schmelzer in der Kabine bleiben, was aber keine Leistungsgründe hatte, sondern eine Vorsichtsmaßnahme wegen muskulärer Probleme war. So sah sich Klopp zu einigermaßen wilden Umstellungen gezwungen. Kirch kam ins Spiel und Sokratis musste als Linksverteidiger aushelfen. Das Stadion präsentierte sich weiter gut aufgelegt. Schon zum Wiederanpfiff standen die Tribünen und der Wechselgesang erschallte. Der BVB kam aber leider nicht mit mehr Esprit in der Offensive aus der Kabine. Die natürlich fortbestehende Feldüberlegenheit konnte weiter nicht in Torchancen umgemünzt werden.

Juve hingegen blieb bei jedem Vorstoß gefährlich. Tevez beschäftigte die gesamte Dortmunder Hintermannschaft und konnte zwischen allen Abwehrbeinen hindurch Sturmkollege Morata steil schicken, aber der scheiterte an Roman Weidenfeller, der sich ihm wie ein Fels in der Brandung entgegenstellte. Im Gegenzug wurde der Unterschied zwischen den Mannschaften schmerzhaft deutlich, als Mkhitaryan allein in Richtung Buffon lief und es nicht einmal schaffte, aus dieser guten Kontergelegenheit den ersten Dortmunder Torschuss zu machen. Juve hingegen setzte den nächsten Nadelstich. Diesmal war es Pereyra, der weitgehend unbehelligt durch die Dortmunder Hälfte laufen durfte. Erneut wurde Morata in Szene gesetzt, doch der scheiterte erneut an Weidenfeller.

Betretene Mienen bei Weidenfeller und SuboticJetzt schienen auch die Dortmunder Fans den Glauben an die eigene Mannschaft zu verlieren. Während Juve nun Ballbesitzfußball in der Dortmunder Hälfte spielte, übernahm der Gästeblock die Stimmungshoheit im Westfalenstadion. Außerhalb des engsten Dortmunder Stimmungsblocks kam überhaupt kein Support mehr und so waren die Gesänge der Italiener auf der Nord deutlich lauter zu hören. Auch Jürgen Klopp hatte nach einer Stunde Spielzeit jegliche Körperspannung verloren und verfolgte das dilettantische Spiel seiner Mannschaft weitgehend regungslos. Dann kam doch noch etwas Leben in den Dortmunder Coach und er rief Ramos und Blaszczykowski zur Einwechslung heran. Doch bevor der Wechsel vollzogen werden konnte, kam es noch zu einem Großereignis: Nach 62 Minuten schoss Kampl einfach drauf und traf tatsächlich den Ball derart präzise, dass Gigi Buffon sich sein Trikot beschmutzen musste. Höhnischer Applaus von den Rängen begleitete dieses Großereignis.

Dann wurde es interessant für Taktikfetischisten: Kuba spielte fortan Rechtsverteidiger, während Kirch für den ausgewechselten Bender ins defensive Mittelfeld rückte. Mkhitaryan wurde bei seiner Auswechslung mit schrillen Pfiffen der eigenen Fans bedacht. Mit einer erneuten Minusleistung scheint der Armenier endgültig den Kredit bei den BVB-Fans verspielt zu haben. Falls Mino Raiola noch mal versuchen sollte, ein Interesse von Juventus an seinem Klienten herbei zu reden, dürfte er schallend ausgelacht werden. Dass nun Ramos in die Sturmspitze rückte, muss Ciro Immobile wohl körperliche Schmerzen verursacht haben. Allerdings machte es wohl Sinn, auf den robusteren, kopfballstarken Kolumbianer zu setzen. Seine Kopfballstärke spielte der allerdings auch erst aus, als schon alles verloren war.

Mats Hummels und Ilkay Gündogan gegen Carlos TevezJuve dominierte die Partie trotz der Umstellungen weiter nach Belieben und so war der nächste Gegentreffer keine große Überraschung. Erneut war Tevez der entscheidende Mann. Er lief geschickt an der Abseitslinie entlang, ohne sie zu überschreiten und hatte dann auch noch den Blick für seinen Sturmkollegen. Morata musste den Ball nur noch ins leere Tor schieben, diesmal hatte auch Weidenfeller ihm nichts mehr entgegenzusetzen. Juventus spielte gnadenlos weiter und der beste Mann auf dem Platz durfte dann auch noch sein Doppelpack schnüren. Einen weiteren Konter schloss Tevez mit dem 0:3 ab. Die Turiner Fans dokumentierten dann noch ihre Deutschkenntnisse „Auf Wiedersehen!“ schallte es laut vernehmbar aus dem Gästeblock, während Block Drölf trotzig das Steigerlied anstimmte. Das Ergebnis war hochverdient, denn Juventus hatte diese Partie zu jeder Zeit kontrolliert. Heute wurde ein Klassenunterschied zwischen dem Tabellenführer der Serie A und den taumelnden Borussen deutlich. Die BVB-Fans hatten auch früh schon genug gesehen. Auf allen Tribünen gab es schon weit vor dem Schlusspfiff riesige Lücken.

Gegen Juventus Turin kann man sicher ausscheiden, aber vor eigenem Publikum im Achtelfinale der Champions League eine derart uninspirierte Leistung abzuliefern, ist eigentlich unentschuldbar. Dass der BVB sich auf so schwache Art und Weise aus dem europäischen Wettbewerb verabschiedete, passt zur BVB-Saison 14/15. Der Mannschaft fehlt jede Konstanz. Auf starke Leistungen wie im Derby folgt stets der unerklärliche Formeinbruch. Das lässt Trauer nach Abpfiffsich auch nicht mehr mit Verletzungen oder konditionellen Schwächen begründen. Auch der Rasen im Westfalenstadion taugt nicht als Ausrede und überhart hatte Juve auch nicht agieren müssen. Ein Schuss Abgeklärtheit war genug, um die Schwarzgelben über 90 Minuten vom Tor fernzuhalten. Es ist Jürgen Klopp und seinem Team in dieser Saison einfach nicht gelungen, auch nur über ein paar Wochen das Leistungsvermögen der Mannschaft ansatzweise auf den Platz zu bringen. Egal wie die restliche Spielzeit noch verläuft und selbst wenn sie am Ende unbegreiflicherweise doch noch in Berlin enden sollte, eine schonungslose Bestandsaufnahme im Sommer ist unausweichlich. Durchalteparolen und Ausreden helfen nicht mehr weiter, Änderungen müssen her. Entweder muss man trotz knapperem Budget am Kader schnippeln und dabei auch mal den Blick weg von vergangenen Meriten oder gezahlten, aber ungerechtfertigten Ablösesummen hin zum aktuellen Leistungsvermögen richten. Oder aber Klopp muss irgendwie den Schlüssel finden, um diesen Kader dahin zurückzuführen, wo er leistungsmäßig schon einmal war. Nach einem Abend wie diesem fällt es allerdings schwer, sich vorzustellen, wie er das hinbekommen sollte.

BVB: Weidenfeller – Sokratis, Subotic, Hummels, Schmelzer (46. Kirch) – Bender (63. Ramos), Gündogan – Kampl, Mkhitaryan (63. Blaszczykowski), Marco Reus bedankt sich bei der Süd für die UnterstützungReus – Aubameyang

Juve Merda: Buffon – Lichtsteiner, Bonucci, Chiellini, Evra – Vidal, Marchisio, Pogba (27. Barzagli) – Pereyra – Tévez (81. Pepe), Morata (78. Matri)

Gegentore: 0:1 Tévez (3.), 0:2 Morata (70.), 0:3 Tévez (79.)

Gelbe Karte: Reus

Ballbesitz: 55% - 45%

Torschüsse: 2-6

Ecken: 5-4

66.851 Zuschauer im Westfalenstadion

Web, 18.03.2015

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