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Neven Subotic: Oberkörperfrei und ohne Schuhe wie ein Asi – einfach Weltklasse!

23.01.2015, 22:54 Uhr von:  Redaktion

Neven auf seinem Parkplatz - Foto: Achim MulthauptNeven Subotic erzählt davon, wie er ganz persönlich die Meisterfeier 2011 erlebt hat, bei der er auf Tuchfühlung zu den BVB-Fans gegangen ist und sich seinen Ruf als Partykönig des BVB erarbeitet hat. In der aktuellen Lage ist solch eine Erinnerung an gar nicht so ferne wunderbare Zeiten die perfekte Einstimmung auf die Rückrunde. Denn dieser Text macht Lust darauf, mit unserer Mannschaft durch das tiefe Tal zu gehen und neue Höhen zu erklimmen. Der Text und das Foto rechts stammen aus dem Buch „Dortmunder Jungs“ von Achim Multhaupt und Felix Meininghaus, von dem wir am Ende des Textes auch drei Exemplare unter unseren Lesern verteilen möchten. Aber zunächst hat Neven Subotic das Wort:

Wenn ich über Borussia Dortmund sprechen soll, gibt es jede Menge schöne Momente, über die ich reden könnte. Schließlich bin ich jetzt ja schon sechs Jahre in diesem Verein und fühle mich hier zu Hause. Ich kann das so sagen, auch wenn ich mich als Profi definiere und durchaus eines Tages der Moment kommen kann, an dem ich sage, dass ich zu einem anderen Verein wechseln will.

Der eine Moment, der heraussticht, der alles andere überstrahlt, ist ganz klar die unglaubliche Feier nach der Meisterschaft 2011. Es war der 32. Spieltag, der 30. April, als wir zu Hause gegen Nürnberg spielten und alles klar machten. Das ging schon 20 Minuten vor Spielschluss los, als wir 2:0 vorn lagen und die Nachricht durch war, dass Köln gegen Leverkusen führt. Da war klar, wir holen das Ding heute, wenn wir uns nicht ein paar Eigentore reinhauen. Nur noch runterspielen und halbwegs konzentriert bleiben – das war alles. Ich habe Łukasz Piszczek angegrinst und er mich. Ich habe mit den Schultern gezuckt, er auch. Wir wussten ja überhaupt nicht, was in diesem Stadion gleich abgeht, und wie wir uns dann verhalten sollen. Du bist ja noch im Spiel und kannst es nicht einfach laufen lassen. Und trotzdem hatte ich da schon Gänsehaut, weil klar war, hier passiert gleich was Großes.

An die ersten fünf Minuten nach dem Abpfiff kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern. Du umarmst ständig Leute oder wirst umarmt. Küsschen links und Küsschen rechts, zum Trainer laufen, die Mannschaft zusammen, die ganzen Bierduschen. Wir sind dann zu den Fans, später in die Kabine, da haben wir uns ins Jacuzzi gestellt und gesungen. Danach wieder raus, wir waren außer Rand und Band. Du tobst dich dann einfach aus.

Neven präsentiert die Schale, während das Bier in Strömen fließtSpäter hatten wir dann noch diese Aktion in der Pressekonferenz, als wir unseren Trainer und den Pressesprecher Josef Schneck mit Bier übergossen haben. Wir hatten da einfach Bock drauf, aber eigentlich war das ein bisschen unnötig, schließlich saß da ja auch noch Christoph Daum auf dem Podium, der gerade mit Eintracht Frankfurt abgestiegen war. Der war natürlich leicht angezählt, was ich gut nachvollziehen kann. Aber uns ging es ganz einfach darum, unseren Emotionen freien Lauf zu lassen.

Die Party nach dem Abpfiff dauerte bestimmt eine Stunde, erst danach fuhren wir zum ersten Mal ein kleines bisschen runter. „Ihr geht jetzt nach Hause, zieht Euch um, und dann treffen wir uns zum gemeinsamen Abendessen“, teilte uns das Management mit. Das war allerdings das Letzte, woran ich in diesem Moment gedacht habe. Meine Güte, ich war so aufgekratzt, ich brauchte nun wirklich kein Abendessen. Ich brauchte etwas anderes. Ich wollte feiern, ich wollte abgehen, aber ich wollte nicht still in einem Stuhl sitzen. Das ist doch klar, wann erlebt man so etwas in seinem Leben denn mal?

Ich bin dann hoch in den VIP-Bereich, wo ein paar Kumpels von mir waren. Und die waren genau so heiß wie ich. Wahnsinn! Als ich den Jungs in die Augen geschaut habe, dachte ich, sie hätten da unten auf dem Platz gestanden und seien Deutscher Meister geworden. Ich war gerade so ein kleines bisschen runtergekommen, aber mit diesen Jungs ging es gleich wieder los. Wir haben uns gegenseitig richtig schön hochgeschaukelt. „Wir müssen jetzt irgendwo hinfahren, wo die Post abgeht!“ Uns war klar: Wir können jetzt nicht einfach nach Hause fahren, als sei nichts gewesen. Wir müssen da raus, wir müssen zu den Leuten! Mann, wir sind Meister!

Wir sind also erst einmal in das Auto von meinem Kumpel gestiegen und haben mein Auto am Parkplatz abgeholt. Wir konnten nur Schritttempo fahren, weil alles voller Schwarz-Gelber war, die alle abgefeiert haben. Ich weiß nicht wieso, und ich weiß auch nicht, wer die Idee hatte, aber plötzlich stand ich schon am Stadion zum ersten Mal auf dem Dach. Alle haben gesungen, es gab Neven-Subotic-Sprechchöre, und ich mittendrin. Genau das, was ich in diesem Moment brauchte. In dieser Situation habe ich meine Schuhe eingebüßt. Ich stehe also auf dem Dach, da sehe ich unter mir eine Dame, die mich anlächelt und an meinem Schuh zerrt. „Nein, das geht nicht, ich hab nur diese Schuhe“, hab’ ich gerufen, doch sie hat so lang gezogen, bis sie den Schuh hatte. Sie wollte den offenbar als Souvenir. Als noch ein Typ kam und an meinem zweiten Schuh zog, war’s mir schon egal: „Mit einem Schuh kannst du sowieso nichts anfangen“, habe ich mir gedacht, „und heute ist ohnehin alles anders als sonst.”

Mein Auto erreichte ich also barfuß. Wir sind dann mit zwei Autos Richtung Stadt gefahren, um zu sehen, was da abgeht. Wir wollten einfach irgendetwas mit den Fans veranstalten. In eine Kneipe rein, ein bisschen singen, was auch immer sich ergibt. Eine Stunde mit den Leuten, bevor ich dann nach Hause musste, um mich umzuziehen. Mehr nicht. Bis in die Innenstadt sind wir allerdings nie gekommen. Schon auf dem Weg dorthin bist du kaum durchgekommen, so viele Leute hatten sich versammelt. Irgendwann standen wir dann im Kreuzviertel vor der Kneipe „Bar-Rock”, und da ging es nicht mehr weiter, so viele Leute standen da auf der Straße rum.

Wir hatten unsere Fenster runtergekurbelt, und ein paar Menschen, die ganz in der Nähe standen, haben gecheckt, das ich da im Auto war: „Ey Mann, das ist ja Neven Subotic!“ Aber die meisten Leute hatten uns den Rücken zugedreht, die schauten irgendetwas in der Kneipe. Kann sein, dass da gerade ein Fernseher lief, wo sie die Sportschau übertragen haben. Dann haben mich meine Kumpels motiviert: „Neven, das ist jetzt Dein Moment. Steh auf und sing!“ Ich hab mich erstmal geziert: „Das kann ich nicht bringen. Die gucken doch alle Fernsehen, ich mach mich doch lächerlich.” Aber die Jungs haben nicht lockergelassen. Die wussten, dass mich die Fans erkennen und es funktionieren würde.

Immer noch geflasht - Neven auf dem MeistercorsoIrgendwann habe ich mir einen Ruck gegeben: „Scheißegal. Ich mach’ mich jetzt zum Affen und geh’ da raus.” Ich also ab aufs Dach und angefangen zu singen: „Wer ist Deutscher Meister, BVB Borussia, wer ist Deutscher Meister, Borussia BVB.” Und was dann passierte, das war der reine Wahnsinn. Das kann man sich nicht vorstellen. Da waren eine Handvoll Leute – oder maximal ein Dutzend – die sowieso schon mitgesungen haben. Und innerhalb von einer halben Minute sind es ungefähr tausend geworden. Unglaublich, wie schnell das ging, das breitete sich wie ein Lauffeuer aus. Es war ein überwältigendes Gefühl, wie es in Windeseile mehr und mehr Leute wurden. Als ich hinter mich geschaut habe, standen meine Kumpels auf dem zweiten Auto und gingen richtig ab. Alle, wirklich alle haben gesungen und waren einfach nur glücklich. Diese Szene hatte so viel Kraft, es war einfach toll!

Das war pure Ekstase, mein Puls war auf 400 und ich hätte am liebsten das Dach meines eigenen Autos zerstampft, so ging das da ab. Irre! Ich hab mein T-Shirt zerrissen und über meinem Kopf den Helikopter gemacht, während auf der Straße und den Bürgersteigen die Leute abfeierten. Im Video auf YouTube sieht man, wie meine Jogginghose rutscht und ich sie wieder hochziehe. Alles egal, es war einfach nur geil.

Richtig lang hat die ganze Aktion nicht gedauert, vielleicht fünf Minuten oder so. Dann bin ich wieder ins Auto, und wir sind weitergefahren. Nach einer gefühlten halben Ewigkeit haben die Leute Platz gemacht, und es ging voran. Aber nur bis zur nächsten Ampel. Die war rot, und als ich angehalten habe, fuhr ein Typ an mir vorbei, stellte sich in einem Winkel von 45 Grad vor mein Auto und blockierte uns. Wie in einem amerikanischen Krimi. Der sprang also raus, zückte eine Kamera und wollte Fotos mit mir machen – ich also auf die Straße und schon ging es wieder los mit der Singerei.

Völlig verrückt wurde es dann, als wir zu mir fahren wollten. Plötzlich haben wir diesen Bus gesehen, der am Straßenrand parkte, und bei dem all diese BVB-Schals raushingen. „Neven, Du musst da hin und mit denen abgehen,“ meinten meine Jungs. „Das wird nicht funktionieren,“ antwortete ich, doch im Prinzip hatte ich keine Wahl. Ich also wieder raus und ab in den Bus. Oberkörperfrei und ohne Schuhe – wie ein Asi. Weltklasse!

Die Jungs waren aus Göttingen und hatten angehalten, um Bier zu holen. Die dachten ernsthaft, sie hätten eine Erscheinung. Ich hab’ mir im Bus das Mikro geschnappt und wollte mit denen singen. Aber mittlerweile war ich so durch den Wind, dass ich den Text nicht mehr wusste. Ich also zu meinem Kumpel Bobo, der neben mir stand: „Ey, wie geht das Lied nochmal?” Also fing er an: „Wer ist Deutscher Meister?”, und dann konnte ich wieder loslegen. So kompliziert ist das Lied ja auch nicht. Ich hab’ mich dann noch ein bisschen mit den Fans unterhalten, und dann ging es weiter. Wir hatten dann noch auf dem Heimweg einen letzten, kleinen Pitstop, und wieder haben wir mit den Fans gesungen und damit diese legendäre Aktion beendet. Es ist einfach unvergesslich und war genau das Richtige für diesen Moment. Das Ganze ist spontan über mich gekommen. Ich wusste, dass ich ungefähr zwei Stunden hatte, bis das offizielle Programm losging, und in dieser Zeit musste ich da raus und bei den Menschen sein. Zum Glück habe ich viele der Eindrücke aufnehmen können. Es war einfach toll, die Gesichter der Leute zu sehen. Wie sie feierten, und was mit ihnen passierte, als sie auf einmal erkannten; „Mein Gott, das ist ja Neven Subotic.” Einmalig! Im Stadion geht zwar auch die Post ab, aber da hast du ja immer die Distanz zu den Fans auf der Südtribüne. Das hier war anders, ich bin ganz nah rangekommen. Genau das macht es so besonders und so unvergesslich.

Dortmunder Jungs - Das BuchÜbrigens fand nicht nur ich die ganze Aktion super, auch die Fans haben das geliebt. Irgendwann hat mir jemand auf Facebook den Hinweis geschickt, dass die Stelle, an der ich am Bar-Rock gestanden habe, mit Farbe eingezeichnet worden ist. Da steht nun mitten auf der Straße „Parkplatz nur für Neven Subotic”. Ich bin da sofort hingefahren, hab’ mir das angeschaut und ein Foto davon gemacht. Total cool. Derjenige, der das gemacht hat, der soll sich doch mal bitte über den Verein bei mir melden. Ich finde das so toll, ich würde mich gern persönlich bei ihm bedanken.

Text: Neven Subotic

Aufgeschrieben von: Felix Meininghaus

Über diesen Link könnt ihr das Buch bei Amazon bestellen. Natürlich gibt es das Buch auch im Buchhandel und im BVB-Fanshop.

Wie oben schon angekündigt, haben wir drei Bücher von Achim und Felix erhalten, die wir gerne an die Leser weiterreichen würden, die uns ihre schönste Anekdote von einer BVB-Meisterfeier aufschreiben. Falls wir ausreichend gutes Material von Euch bekommen sollten, werden wir die Geschichten natürlich auch veröffentlichen. Schickt Eure Anekdoten bitte an web@schwatzgelb.de - Einsendeschluss ist der 01.02.2015 19:09 Uhr.

Web 23.01.2015

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