Eua Senf

Bei jedem Auswärtsspiel wird die Welt so bunt ...

05.05.2015, 21:39 Uhr von:  Gastautor

Ok, jetzt wird es etwas konfus: Gastautorin Michelle ist BVB-Fan und fährt auswärts. Und schreibt über die Leiden des Partners aus dessen Sicht. Oder eher deren Sicht. Herausgekommen ist ein richtig guter Text, den wir gerne veröffentlichen.

"Olééééééé, jetzt kommt der BeeeeeeeVaaaauBeeee!" Kerzengerade sitze ich mit 'nem Puls von 259 im Bett und schiele verstohlen zum Wecker. 5. FÜÜÜÜÜÜÜÜÜNF Uhr? Ich schlage schlaftrunken auf die Bettdecke neben mir - einmal, zweimal. Leer. Der Bewohner dieser Betthälfte, der sonst 5 Mal die "dann-penn-halt-weiter-ich-klingel-in-2-Minuten-nochmal"-Taste des Weckers betätigt, bevor sich auch nur ein einziges Haar bewegt, ist VOR dem Klingeln des Weckers nicht mehr in seinem Bett. Ich werde nervös und lausche. Da! In der Ferne höre ich das Prasseln einer Dusche. Das macht mir Angst. Vielleicht ist das gar nicht mein Freund, sondern Ma - ach, lassen wir das.

5 Uhr... SAMSTAG... WOCHENENDE... Wenn ich ihn sonst unter der Woche wecke, empfängt mich und seinen Wecker ein wütendes Gemurmel an Schimpfwörtern. Auch mein Wecker - übrigens 8 Oktaven leiser und einfühlsamer weckend - ist normalerweise Hassobjekt Nummer 1. Mein geliebter Freund, der im nächsten Leben definitiv Faultier wird und als Student in der Woche nie vor halb 10 aufsteht, steht an einem Samstagmorgen um 5 Uhr singend unter der Dusche. Er singt nie!

"Es waaaar Lieeeeebe auf den ersten Blick..." Oh. Ich werde hellhörig. Ist etwa heute Valentinstag und er bastelt an einem Lied für mich? Neugierig hebe ich eine Augenbraue. "... nuuur für dich Borussia verpass' ich keinen Kick!" Uff. Ich verdrehe die Augen und lasse mich zurück ins Bett fallen. Dass ich da nicht früher drauf gekommen bin. Valentinstag hat er jedes Wochenende. Mit Borussia. Die Schlampe. Wie viele Männer der zu Füßen liegen. "Ich geh' mit dir wohin du willst, auch bis ans Ende dieser Welt..." - sowas singen die. Und wenn's der Borussia mal nicht so gut geht, sitzen sie heulend mit ihren Kumpels in 'ner Kneipe. Echte Liebe. Träum' ich seit 3 Jahren von, dass ich nur 'nen Hauch von dieser abbekomme. Kann ich wahrscheinlich warten, bis ich im Altersheim sitze.

Aufgrund meines großartigen Kombinationstalentes weiß ich jetzt also, was der Grund für diese Emotionsausbrüche unter der Dusche ist. Da es bei Männern ja häufig an der Kommunikationsfähigkeit scheitert, versuche ich jetzt, herauszufinden, wohin die Reise denn geht. Ich weiß nämlich, dass vor 15.30 Uhr kein Spiel ist und er bis zu seinem "geliebten Westfalenstadion" keine 10 Stunden benötigt.

Ich schlage also die Bettdecke auf - um FÜNF Uhr an einem SAMSTAGMORGEN, verdammte Scheiße! - und das erste, über das ich in der galantesten Manier, die um diese Uhrzeit möglich ist, fliege, ist ein Rucksack. Ein versiffter, stinkender Rucksack, zugeschmiert mit Aufklebern, den ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Vorsichtig ziehe und reiße ich am klemmenden Reißverschluss. Der Inhalt des Rucksacks erinnert mich stark an meine Wandertage in der 8. Klasse: Müsliriegel, Schal und der Rest voll mit Dosenbier. Mir fällt ein kleines, gelbes Kärtchen in die Hand: „Jubiläums-Sonderzug -> Dortmund - Berlin - Dortmund."

Im selben Moment öffnet sich die Badezimmertür. "Warum hast du mir nicht erzählt, dass du nach Berlin fährst?", frage ich. "Hätte dich das interessiert? Du bist doch eh komisch. Freundinnen meiner Kumpels fahren selbst mit und dir kann ich 10 Mal erzählen, wie grandios Marcos Tor war und du hast keinen Plan." Ich - komisch. Er seit 5 Uhr singend im Bad - nicht komisch. Alles klar.

Obwohl ich komisch bin, wuschelt er mir durch die Haare und zerrt mich an sich. "Morgen früh um diese Zeit bin ich zurück! Holst du mich am Bahnhof ab?" Meine Augen werden groß. SONNTAGMORGEN... FÜNF UHR... Noch bevor ich antworten kann, stopft er seine restlichen Sachen in den Rucksack und... singt. Ich bin immer mehr im falschen Film. "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" statt "Dornröschen".

"Alle 14 Tage steige ich in unser'n Bus, meine Freundin kriegt von mir einen dicken Abschiedskuss..." Aha. Der letzte, an den ich mich erinnern kann, ist schon länger her. Und auch jetzt stehe ich allein da, das Vibrieren der knallenden Haustür und das "bis morgen, Schatz!" hallen mir immer noch im Ohr. Schatz. Das hat er noch nie gesagt. Und wenn doch, dann nie so euphorisch. Aber ich soll ihn ja morgen früh auch abholen. Da ist ein "Schatz" schon angebracht, samstags um 5 Uhr.

Ich sehe mein Spiegelbild in der Backofentür und schreie es an: " Hilfe, mein Freund ist BORUSSSE!!!" Es schreit zurück : "Sei froh!!!!!!!"

geschrieben von Michelle

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