Unsa Senf

Nach Lehman Brothers: Immobile-Investment lohnt sich wieder

03.06.2014, 10:03 Uhr von:  Redaktion

Ciro Immobile bei VertragsunterzeichnungWas die Spatzen und andere Journalisten schon länger von den Dächern pfiffen, ist gestern auch vertragstechnisch unter Dach und Fach gebracht worden. In Ciro Immobile hat Borussia Dortmund den vermeintlichen Lewandowski-Ersatz gefunden und für die kommenden fünf Spielzeiten vertraglich an den Verein gebunden. Eine Ablösesumme von rund 19,5 Millionen Euro steht dabei im Raum. Viel Geld, mit dem versucht wird, die wohlmöglich größte Transferlücke dieses Jahrtausends zu schließen oder zumindest ansatzweise zu stopfen.

Die Fußstapfen, in die der italienische Neuzugang zwangsläufig treten muss, könnten größer nicht sein. Jan Derek Sörensen, Matthew Amoah, Cedric van der Gun, Nelson Valdez – es gab so einige Stürmer in den vergangenen Jahren beim BVB, deren Erbe man als Neuerwerbung sehr gern angetreten hätte. Verlässt aber der derzeit beste, weil kompletteste Stürmer der Welt das Team, stellen Fans und Experten gleichermaßen automatisch Vergleiche an.

Die folgenden Zeilen werden versuchen, diese aufkeimenden Vergleichsansätze in die richtigen Bahnen zu lenken und höchst subjektiv – aus eigener, gefährlichem Halbwissen entspringender Meinung resultierend – einen Neuzugang einordnen, den große Aufgaben erwarten werden.
Geschrieben wurde in den letzten Wochen wahrlich genügend über jenen Ciro Immobile, diesen 24-jährigen Blondschopf aus der Provinz Neapel. Über seinen Werdegang, seine Körpermaße und seine Lieblingskinderbücher wissen deshalb fast alle Bescheid. Aber wie passt der Torschützenkönig einer Liga, deren Gesicht sich so drastisch zum Negativen gewandelt hat, eigentlich zum Ballspielverein?

Jürgen Klopp hat dem Transfer zugestimmt und ist damit nicht ganz unzufrieden. Dadurch sollte die Frage eigentlich ja schon zur Genüge beantwortet sein. Ganz so leicht ist es dann aber zum Glück doch nicht. Wie gesagt, über den Werdegang des aufstrebenden Sturmtalents der Italiener wurde schon viel berichtet. Ausleihe hierhin, Ausleihe dahin. Italien wie es leiht und lacht. Der Lauf der Dinge à la Serie A. Daraus kann, wie im Fußballgeschäft auch in anderen Ländern üblich, entweder Großes erwachsen oder aber die Spieler versumpfen ob der großen Konkurrenzsituation in der Bedeutungslosigkeit. Immobile hat es geschafft, sich trotz vieler Stationen und wiederholter Anläufe bis nach ganz oben durchzubeißen. Am vorläufigen Ende des Weges steht somit ein gut dotierter Vertrag bei einem Traditionsklub, dessen Ambitionen bei weitem noch nicht im Erreichen eines Champions League-Viertelfinales enden.

Die Causa Lewandowski hatte ich zu Beginn bereits kurz erwähnt. Dieser (große) Name wird Immobile in der Zukunft natürlich noch des Öfteren begleiten. Und wer will es denjenigen verübeln. Schmerzliche Abgänge gab es bekanntlich in den letzten Jahren im Sommer leider regelmäßig. Meiner Meinung nach wog jedoch kein Abgang so schwer, wie der von Robert Lewandowski in der neuen Saison wiegen wird. Gündogan, Reus und in Ansätzen Mkhitaryan konnten Sahin, Kagawa und Götze gut bis sehr gut ersetzen. Diese Aufgabe kommt nun Ciro Immobile zu. Geschickt vom Verein ist dabei, dass in Adrian Ramos schon seit längerem die Verpflichtung eines weiteren neuen Angreifers feststeht. Die Bürde der 66 Ligatore in den letzten drei Spielzeiten wird so auf mindestens zwei kompetente Schultern verteilt. Der Druck für einen einzigen Spieler wäre wohl zu hoch.

Schaut man auf die Ablöse, die mit 19 Millionen Euro in Bezug auf Borussias Vergangenheit utopisch hoch zu sein scheint, schlägt Immobile seinen neuen Teamkameraden Ramos um Längen. Doch das bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Italiener Klopps Nummer Eins im Sturm werden wird. Beide fangen im neuen Verein bei null an und können gleichzeitig von der Rotationsmöglichkeit profitieren.

Schaut man auf die Statistiken und den Spielertypus, ähnelt Immobile eher Lewandowski. Ramos dagegen kommt als schlaksiger Typ dem klassischen Konterstürmer nahe, der auf die Flügel ausweichend mit Tempo in den gegnerischen Strafraum kommt. Der italienische Torschützenkönig wirkt auf den ersten Blick als Sturmspitze kompletter. Wer sich in einem der gängigen Videoportale schon mal einige Ciro-Tore angesehen hat, der weiß sicherlich, wovon ich rede. Rechts, links, mit dem Kopf, mit Gewalt, mit Gefühl, aus der Distanz im Eins-gegen-Eins. Immobile trifft aus allen Lagen.

Selbstverständlich ist aber auch entscheidend, inwieweit der Neuzugang sich ins Gesamtprofil der Truppe einfügen kann. Von einem nicht nur unserer Redaktion bestens bekannten Italien-Experten bekam ich die Antworten, die ich hören wollte. Immobile passe demnach nicht ins allseits befürchtete Söldner-Schema. Sicherlich wird er seine Karriere nicht in der Bierhauptstadt beenden – das erwartet auch niemand. Es ist aber auch mehr als unwahrscheinlich, dass er dem BVB schon nach einem Jahr wieder den Rücken kehren wird. Italienisch essen kann er schließlich auch hier.

Das war allerdings nicht die einzige Antwort, die mich positiv stimmt. Aufgrund seiner Bodenständigkeit (keinerlei Berichte von privaten Skandalen in einer der Gazetten) und der Bereitschaft zur stetigen Verbesserung seiner Fähigkeiten bringe er alle Voraussetzungen mit, um ein weiterer Musterschüler des Talenteformers Jürgen K. zu werden.

Als Talent, wenn auch für deutlich weniger Geld, wurde einst auch Lewandowski geholt. Immobile hat alle Zeit der Welt verdient, um zu zeigen, was er jetzt schon kann und in absehbarer Zeit noch können wird. Er kommt nicht als Ersatz, der die entstandende Lücke restlos schließen wird. Er kommt als Stürmer-Neuzugang, der die Chance erhält, seine eigene schwarzgelbe Geschichte zu schreiben. Daran sollte er gemessen werden. So wie Gündogan, Reus und Mkhitaryan. Italiener in der Bundesliga sind selten und diesen wird man hoffentlich so schnell nicht wieder vergessen.

Ich für meinen Teil habe an dieser Neuverpflichtung schon jetzt großen Gefallen gefunden – und hoffe, es stört nicht allzu sehr, dass dies auch bei Valdez der Fall war.
Generell denke ich, dass der BVB so auch eine Art Zeichen an die Konkurrenz geschickt haben dürfte. Nicht zuletzt, da Atlético ebenfalls Interesse bekundete. Immobile aber wollte von Beginn an nur zu Borussia Dortmund wechseln und hegte keine Gedanken daran, in Zukunft für den amtierenden Überraschungs-Champions League Finalisten aufzulaufen. Vielleicht ahnt er ja, für welch geilen Klub er so demnächst seine Tore erzielen darf. Im gelben Trikot. Vor der gelben Wand. Für unseren Ballspielverein 09.

Meinen Valdez-Vorahnungen zum Trotz: Ciro packt das und knipst und knipst und knipst.

Tim, 03.06.2014

*Bildquelle: www.bvb.de

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