Unsa Senf

Nüchtern werden!

20.10.2014, 11:10 Uhr von:  Redaktion

Frust nach dem Abpfiff im Müngersdorfer StadionBorussia legt gerade den schlechtesten Saisonstart seit 1987 hin. Da sind wir mal alle ganz schön beunruhigt. Mit Recht übrigens. Aber warum eigentlich?

Vorweg: Ich halte das, was wir momentan Krise nennen, nicht für wirklich dramatisch. Gefährlich, wenn es sich verselbständigt, ja! Wir kommen da aber raus, zumal ich davon überzeugt bin, dass viele Faktoren zu der Krise geführt haben, die nicht von uns zu beeinflussen waren. Verletzungen natürlich an erster Stelle. Aber auch der Abgang des wichtigsten Spielers der vergangenen Jahre. Und der Gewinn der WM, der in manchen Spielerköpfen für totales Durcheinander gesorgt haben dürfte.

Was haben wir eigentlich zu verlieren?

Aber eine Krise - ob verschuldet oder nicht - muss Anlass zur Analyse und offenen Fragestellungen sein.

Was haben wir - also der BVB, die Fans, der Fußball, die Stadt - eigentlich zu verlieren? Auf den ersten Blick nicht viel. Es liegen noch etliche Spiele vor uns und nüchtern betrachtet haben wir einen Kader, der irgendwann zwangsläufig aus der Krise finden muss. Dumm nur, dass Nüchternheit und Fußball oft recht wenig miteinander zu tun haben. Der ganze Verein, die Mannschaft und das gesamte Universum sind immer noch besoffen von Erfolgen, die inzwischen relativ lange zurück liegen. Die letzten beiden "Erfolge" waren zwei erreichte, aber verlorene Finals. Da würde einem ein Bayern-Fan aber ganz schön verdattert ins Gesicht blicken, wenn man ihm auf Dauer verlorene Spiele als Erfolge verkaufen will. Das geht nämlich nur, wenn man ab und zu auch eins gewinnt. Dann kann man ganz überheblich behaupten, das verlorene Finale 2008 sei viel geiler gewesen als Titelgewinn x. Auf Dauer sind verlorene Finals aber bloß eins: Niederlagen und somit doof.

Jürgen Klopp wirkte Samstag ein wenig ratlosNiederlagen mag niemand. Wir haben uns in den vergangenen Jahren an vielen Dingen berauscht: an Siegen, Titeln, rauschendem Fußball, einer märchenhaften Mannschaft, an uns selbst und auch an einigen Niederlagen. Da wurde so etwas wie die BVB-typische Todessehnsucht wach. "Und wenn du, das spiel verlierst, ganz unten stehst, dann stehen wir hier und singen Borussia" - da schwingt auch ein bisschen die Lust am Sichscheißefühlen mit.

Das haben wir jetzt und müssen sehen, wie wir damit klarkommen. Denn eines ist sicher: Wir Fans können uns ganz gut scheiße fühlen und auch einen gewissen Lustgewinn daraus ziehen, so lange am Ende nicht gerade der Abstieg dabei herausspringt. Spieler und Verantwortliche haben diesen Luxus nicht. Die müssen immer weiter und weiter und immer gierig sein.

Aber machen wir Fans diese Gier nicht auch kaputt, indem wir der Mannschaft gerade nach Niederlagen das Gefühl geben, es sei doch alles gar nicht schlimm? Da kommt ein bisschen auch der Trainer ins Spiel.

Wir lebten zwei, drei Jahre lang im Dauerrausch

Jürgen Klopp hat uns seit 2008 erst langsam angefixt und dann allmählich voll auf Droge gebracht. Wir lebten zwei, drei Jahre lang im Dauerrausch, Katerstimmung nach verlorenen Finals haben wir mit uns selbst weggesoffen. Doch irgendwann muss ein Dauerrausch zum Overkill führen. Sucht heißt schließlich auch, immer mehr Stoff zu brauchen - aber das Zeug, das wir seit 2013 kriegen, ist nicht mehr so sauber wie wir es eigentlich brauchen.

Marco Reus stand erstmals wieder in der StartelfEs ist nicht Klopps Schuld, dass wir süchtig nach geilem Fußball und geilen Erlebnissen sind. Wir haben uns bereitwillig in Abhängigkeit begeben. Und es klappte ja irgendwie auch immer. Der einzige - wenn man es so nennen will - Fehler von Klopp war der, dass er uns nie gezeigt hat, dass Fußball auch langweilig und trotzdem erfolgreich sein kann.

"Nie so wie ihr", haben wir den Bayern nach dem Pokalfinale 2014 in ihre trist dreinschauenden Gesichter gesagt. Aber ein bisschen wäre es wohl klug gewesen, etwas wie die Bayern zu sein. Es ist zweischneidig. Klopp hat der Mannschaft und uns nur eine Art Fußball beigebracht: seinen hammergeilen Vollgasfußball. Wir waren der Bleifuß der Liga, ja sogar Europas. Die Fähigkeit, mit einschläfernder Dominanz und Arschloch-Abgezocktheit Spiele in furchtbarster Bayern-Manier unmerklich einfach zu gewinnen, fehlt uns. Sie fehlt nicht nur der Mannschaft, sondern dem ganzen Verein. Wir sind da sehr stolz drauf, wahrscheinlich mit Recht. Doch jetzt wird der Bleifuß zum Problem. Diese Mannschaft hat nie gelernt, langweilig und trotzdem erfolgreich zu sein.

Aber die Spieler brauchen nach 2011, 2012, 2013, 2014 und der WM eine Adrenalinpause. Fuß vom Gas und mit kluger Spielweise ans Ziel. Jetzt werden viele sagen: "Das ist aber nicht der BVB!" Stimmt! Aber dann darf man auch nicht meckern, wenn den Spielern (und sind wir mal ehrlich: auch uns) irgendwann die mentale Puste ausgeht. Darunter leiden auch die Neuzugänge, denen ein BVB vorgegaukelt wird, den es momentan gar nicht gibt. Das zieht einen neuen Spieler erst einmal runter.

Ich habe keine Ahnung, ob sich dieses Problem in einer laufenden Saison beheben lässt. Vielleicht in der Winterpause. Zum Trainieren ist bis dahin kaum Zeit.

Die wilden Zeiten sind vorbei

An der Unterstützung dürfte es nicht gelegen habenGleichzeitig muss der BVB an seinem Selbstbild arbeiten. In einer Zeit, als der Verein nackt und unbekümmert durchs Paradies hüpfte, wurde die "Echte Liebe." geboren. Mit Punkt, weil sie unumstößlich sein soll. Doch dann kam die Schlange in Form eines pausbäckigen Schnösels und brachte uns Erkenntnis über die garstige Welt da draußen. Seitdem klafft zwischen dem gefühlten und dem echten BVB eine Lücke. Der BVB ist stinkreich, die Fans hätten aber gerne noch diesen knuddeligen und wilden Ausbildungsverein, der Meisterschaft und Double holte.

Aber die wilden Zeiten sind vorbei. Das müssen wir bloß noch begreifen. Wir sind ein Verein mit hohen Ansprüchen geworden, die mit Unbekümmertheit nicht zu erfüllen sind. Ob das auf Dauer mit dem wahnsinnig intensiven BVB-Stil geht, weiß ich nicht. Ich denke aber schon. Zumindest dann, wenn alle Spieler gesund sind. Das ist momentan nicht der Fall. Die Gesunden sind nicht fit, sei es körperlich oder im Kopf. Das Körperliche gibt sich. Für den Kopf sind mitunter wir zuständig, zum Beispiel mit der viel beschworenen "Hölle Westfalenstadion".

Wie am Anfang erwähnt, halte ich die Krise für noch nicht bedrohlich, weil es noch sachliche Gründe gibt, die für die Wende sprechen, allen voran die Fitness. In der Winterpause werden die Spieler mental das nachholen können, was zwischen WM und Ligastart nicht möglich war. Bis dahin müssen aber zumindest die Ergebnisse stimmen.

Aber so langsam könnte dann auch mal Schluss sein mit Krise.

Desperado09, 20.10.2014

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