Unsa Senf

Weniger Jäger, mehr Rettigs für den Fußball

07.02.2014, 14:17 Uhr von:  DM
Weniger Jäger, mehr Rettigs für den Fußball

Der Hype um die Sicherheit rund um deutsche Fußballstadien nimmt wieder einmal abstruse Ausmaße an. Alle Beteiligten, darunter selbstverständlich wieder einmal profilierungssüchtige Polizeifunktionäre, überbieten sich in Forderungen, wie man die angeblich mangelhafte Sicherheit rund um das runde Leder verbessern kann.

Rückblende

Am 18. Januar empfing der 1. FC Köln unseren blau-weißen Nachbarn aus GE zu einem Testspiel im Müngersdorfer Stadion. Schon im Vorfeld war es mir unverständlich, wie man ein solches Spiel völlig ohne Not an einem ansonsten langweiligen Samstagnachmittag im Januar vereinbaren muss. Die Rivalität zwischen den beiden Fanlagern lag auf der Hand. Bedenkt man nun, dass es zwischen dem FC und dem BVB zumindest auf Seiten zweier Ultra-Gruppierungen (Boyz Köln, Desperados Dortmund) enge Verbindungen gibt, so war die Brisanz dieses Kicks eigentlich offensichtlich. Und so kam es, wie es wohl kommen musste: Mehrere hundert Hooligans trafen am Rudolfplatz aufeinander, die dem Vernehmen nach aus den Lagern der Borussia, des FC Köln und der Blauen stammen sollen. Es entwickelten sich unschöne Szenen, die man weder in Zusammenhang mit einem Fußballspiel, noch ganz grundsätzlich sehen möchte.

Von Wasserwerfern mit Tränengas und Augenscannern

Die logische Konsequenz: Wieder einmal fühlten sich Politiker und profilierungssüchtige Polizeigewerkschafter dazu bemüßigt, ihre Ideen zum Besten zu geben, wie man die anscheinend abhanden gekommene Sicherheit rund um deutsche Fußballstadien wiederherstellen könne.

Da wäre beispielsweise Erich Rettinghaus. Der Landesvorsitzende der Deutschen Polizei-Gewerkschaft (DPolG) forderte in einem Interview den verstärkten Einsatz von Wasserwerfern, in die man zuvor Tränengas mischen solle. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Blauen, Clemens Tönnies, bediente die auf Stammtischparolen stehende Leserschaft einer mittwochs erscheinenden Sport-Postille, indem er laut über den Einsatz eines Augenscanners am Stadioneingang nachdachte. George Orwell lässt grüßen.

Ein wenig zurückhaltender ließ es der ansonsten als Hardliner und bedingungslose Polizeifreund bekannte NRW-Innenminister Ralf Jäger angehen. In einem Interview mit dem Radiosender WDR 2 teilte er mit, dass er personalisierte Eintrittskarten zumindest für „überprüfenswert“ hält. Doch dann zeichnete auch er noch ein dramatisches Bild: Wenn es nicht gelänge, an die „Rädelsführer“ der gewalttätigen Szene heranzukommen, dann gehe „der deutsche Fußball vor die Hunde“. Nun denn.

Was diese Herren allesamt nicht zu begreifen scheinen: Krawalle wie die am 18. Januar finden nicht in und nur selten rund um Fußballstadien statt. Der Besuch eines deutschen Fußballstadions ist sicher wie selten zuvor, man denke zurück an die 1980er- und 1990er-Jahre. Wenn sich zwei, drei oder mehr Hooligan-Gruppierungen jedoch irgendwo zu einem Match verabreden, dann nutzt das beste Sicherheitskonzept an den Stadien nichts. Gegen einen Hooligan-Treff in einem Waldstück oder - wie nun geschehen - an einem belebten Platz in einer Millionenstadt, helfen Augenscanner und Wasserwerfer an den Stadien nichts.

So stammte denn auch der schlaueste Satz in dieser Debatte von Andreas Rettig, dem Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Während des Fankongresses Mitte Januar in Berlin prognostizierte er mit Blick auf die Hooligans: „Diese Vögel werden wir mit keinem Konzept der Welt einfangen.“

Dient der Hype anderen Zwecken?

Das ware Gesicht der Polizei NRW-Banner auf der Süd
Das ware Gesicht der Polizei NRW-Banner auf der Süd

Alles, was seither diskutiert wurde, dient anderen Interessen: Die Polizeigewerkschafter wollen für sich mehr Rechte einfordern und die Fußballfans damit weiter zu Freiwild vor den Stadien degradieren. Politiker versuchen sich mit platten Parolen als Hardliner zu positionieren und damit auf Wählerfang zu gehen. Und die Vereinsfunktionäre schließlich befinden sich in einer Zwickmühle zwischen Polizei und Politik, was nicht zuletzt das Einknicken der Erst- und Zweitligisten bei der Verabschiedung des absolut unnötigen Konzeptes „Sicheres Stadionerlebnis“ auf Druck der Politik im Dezember 2012 verdeutlichte.

Wie sehr die Politik den Fußball für eigene Interessen instrumentalisiert, zeigte die gestrige Thematisierung der Auseinandersetzungen vom Rudolfplatz im Innenausschuss des NRW-Landtages. Unter der reißerischen Überschrift „Prügeleien statt Fußball, fast ein Toter - wann greift der Innenminister durch?“ forderte die FDP-Fraktion den Innenminister am 20. Januar auf, einen Rechenschaftsbericht vorzulegen. Innenminister Ralf Jäger ließ daraufhin einen fünfseitigen Bericht erstellen und an die Mitglieder des Innenausschusses verschicken, deren Inhalt zahlreiche Medien als exklusive Informationen in ihren Berichten zu verkauften versuchten, obwohl jedermann den Bericht mit einigen Klicks im Internet aufrufen kann. Interessant wird es gleich zu Beginn des fünfseitigen Berichts, heißt es doch dort:

„Die gezielt gesuchten Auseinandersetzungen von Gewalttätern am Rande der Fußballbegegnung zwischen dem 1. FC Köln und dem FC Schalke 04 belegen, dass Gewalttäter den Sport als Deckmantel für ihre Zwecke missbrauchen. Während sich etwa eine halbe Stunde vor Spielbeginn ca. 19.000 Anhänger der beiden Mannschaften auf die Testspielbegegnung freuten und diese später auch friedlich im Stadion verfolgten, hatten sich abgesetzt vom Stadion [sic!, d. Aut.] Straftäter verabredet, um sich inmitten der Innenstadt zu prügeln. Der Fußball und das Spiel haben bei diesen Störern nachweislich nicht im Mittelpunkt gestanden.“

Im Landtag
Im Landtag

Die Sitzung des Innenausschusses selbst nutzten die Abgeordneten gestern schließlich zu einer Fragestunde an den Innenminister Ralf Jäger und den anwesenden Inspekteur der Polizei NRW, Dieter Wehe. So erkundigte sich Marc Lürbke (FDP) unter anderem, welche Maßnahmen ergriffen werden können, insbesondere hinsichtlich einer Ausdehnung von Stadion- und Bereichsvertretungsverboten. Hans-Willi Körfges (SPD) mahnte, ebendiese Verbote seien „kein Allheilmittel“. Die Hooligans seien für ihn „verrückte, gewaltbereite Menschen“, die jedoch weniger ein spezielles Problem des Fußballs seien, sondern ein „gesamtgesellschaftliches Gewaltproblem“ widerspiegeln würden.

Aus den Reihen der CDU-Fraktion stand unter anderem die Frage möglicher Verbindungen zwischen den Hooligans und der rechtsextremistischen Szene im Mittelpunkt und inwieweit der Polizei Erkenntnisse vorlagen, dass Rechtsextremisten und Hooligans sich vorbereiten und gemeinsam nach Köln fahren würden. Die mögliche Verknüpfung zwischen Hooligans und rechtsextremistischer Szene interessierte auch Frank Herrmann von den Piraten, der jedoch zugleich feststellte: „So eine Schlägerei kann man nicht verhindern.“ Herrmann warf die Frage auf, inwieweit die Hooligan-Szene durch Rechtsextremisten unterwandert sein könnte, um dort Unruhe hereinzubringen. Selbstkritisch merkte er jedoch mit Blick auf die gerade laufende öffentliche Debatte zum Thema auch an: „Eine Bühne für die Hooligans bieten wir hier auch.“ Lothar Hegemann (CDU) fasste die Diskussion so zusammen: „Wenn die Hooligans hier anwesend wären und hören würden, wie wir über sie reden, dann würden die sich kaputtlachen.“

"Erfolg der Polizei" und Jägers "Doppelstrategie"

Dieter Wehe, Inspekteur der Polizei NRW, stand schließlich für die aufgeworfenen Fragen der Abgeordneten parat. Er stufte die Arbeit der insgesamt 469 Polizeikräfte in Köln als Erfolg ein. Immerhin habe man 55 Personen festgenommen. Weitere Ermittlungen hätten zu zwei weiteren Beschuldigten geführt, sodass insgesamt nun 57 „ausschließlich Männer“, wie Wehe betonte, im Visier der Ermittlungen stünden. Die Altersspanne der Verdächtigen liege zwischen 19 und 55 Jahren, das Durchschnittsalter bei 27 Jahren. 49 Verdächtige seien bereits zuvor mit Straftaten in Erscheinung getreten, 24 bereits zuvor als Gewalttäter Sport bekannt gewesen. Wehe berichtete weiter: „Erst kurz vor dem Einsatz war eine Dortmunder Beteiligung klar, eine mögliche Beteiligung von Rechtsextremisten war einsatztaktisch unerheblich. Nichtsdestotrotz befinden sich diese Rechtsextremisten im Fokus der Behörden.“ Die Verhängung etwaiger Bereichsvertretungsverbote sei in der Kürze der Zeit gar nicht mehr möglich gewesen. Insgesamt seien in der ersten Hälfte der Saison 2013/14 bereits 618 Bereichsbetretungsverbote ausgesprochen worden.

Der Innenminister Jäger mahnte, die Vorfälle seien „weder für eine Skandalisierung, noch für eine Verniedlichung“ geeignet. Der Fußball habe jedoch ein Problem mit wenigen Gewalttätern. „Wir müssen jetzt den nächsten Schritt gehen: Die Konzentration auf einzelne, wenige Gewalttäter. Wir müssen die Straftäter identifizieren und isolieren.“ Hierzu könnte auch eine Zentralisierung der Ermittlungs- und Strafverfahren beitragen. Zugleich kündigte Jäger eine Doppelstrategie an: „Konsequente Strafverfolgung und Dialog mit der heterogenen Szene der Ultras.“ Als Problem habe er die Rückkehr der Althooligans erkannt, die auch für eine größere Schnittmenge mit der rechtsextremistischen Szene sorgen würden.

In den Gremien scheint sich Innenminister Jäger also durch einen hohen Grad an Realismus auszuzeichnen. Doch wenn eine Kamera oder ein Diktiergerät eingeschaltet wird, ist es damit offenbar vorbei. Wie wäre es, wenn man sich so auch mal öffentlich in Interviews positioniert und nicht etwaige Maßnahmen für denkbar erklärt, die objektiv gar nicht erforderlich sind?

Die Konsequenzen der Sicherheitskonzepte

Viel Rauch um nichts?
Viel Rauch um nichts?
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Natürlich gibt es gewalttätige Auseinandersetzungen rund um Fußballspiele, doch diese finden nur in den allerseltensten Fällen in oder unmittelbar an den Fußballstadien statt. Vielmehr verlagern diese sich auf die An- und Abreisewege oder sonstige sogenannte Drittort-Treffs. Was nutzen also ein mit Tränengas angereicherter Wasserwerfer, ein Augenscanner an den Fußballstadien oder personalisierte Eintrittskarten, wenn die Straftäter entweder gar nicht erst in diesem Umfeld auftauchen oder zumindest ebendort gar keine Randale suchen, sondern zunächst einmal nur das Spiel verfolgen wollen - und sich möglicherweise vorher oder hinterher noch auf einem abgelegenen Platz fernab des Stadions gegenseitig die Kauleisten malträtieren? Wenn Hooligans derartige Aufeinandertreffen planen, dann nutzt das beste Sicherheitskonzept nichts, insofern - so bitter es vielleicht auch klingen mag - lassen sich Vorfälle wie die am Rudolfplatz grundsätzlich schlichtweg nicht verhindern.


Eine Konsequenz hat der populistische Hype jedoch: Nach der Drohkulisse an die Fans, die von Seiten der Vereinsvertreter aus Dortmund und GE aufgebaut wurde, dürfte die zu erwartende Pyro-Show beim Derby am 25. März den Funktionären ein willkommenes Alibi verschaffen, die Revierderbys demnächst ohne Gästezuschauer auszutragen. Was man damit erreichen möchte, erschließt sich mir nicht. Immerhin schafft man damit im Vergleich zu den bisher eingespielten Verhaltensweisen wahlweise bei den schwatzgelben oder blauweißen Supportern unnötiges Konfliktpotenzial, bei dem sich niemand sicher sein kann, ob und wie es sich entlädt. Der Ausschluss von Gästefans sorgt also weder in den Stadien für mehr Ruhe - denn dort ist es in aller Regel friedlich -, befeuert dafür jedoch die Konfliktherde im öffentlichen Raum, die man mit dem Ausschluss von Gästefans ja gerade zu verhindern versucht.

Alles in allem ist es an der Zeit, den Fußball aus den Fesseln der kontraproduktiven Lobby von Politik und Polizei herauszuholen. Was wir brauchen sind weniger Jäger, Wendts und Rettinghaus‘, dafür mehr Rettigs - denn sonst, um die Jägersprache unseres Innenministers zu gebrauchen, geht der Fußball wirklich vor die Hunde.

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