Spielbericht Profis

Advent, Advent, das Bäumchen brennt – lichterloh

01.12.2014, 10:12 Uhr von:  Redaktion

Guter Auftritt des GästeblocksWo andere sich auf eine besinnliche Weihnachtszeit freuen, wird in Dortmund Trübsal geblasen. 11 Punkte und 14:21 Tore sind nach 13 Spieltagen nicht nur peinlich, sondern Ausweis einer völlig verkorksten Hinrunde. In Frankfurt zeigten die Schwatzgelben über weite Strecken eine immerhin bemühte Partie, um sich nach individuellen Dummheiten abermals um den Erfolg zu bringen. Nach dem Schlusspfiff entluden sich im Gästeblock einige der über Wochen hinweg angestauten Emotionen – verhalten und keineswegs übertrieben, doch ein klares Signal, dass es so nicht mehr weitergehen kann.

Die Ausgangslage war bescheiden: Nach guten Spielen gegen Hannover 96, den FC Bayern und Mönchengladbach hatte Borussia dem eigenen Aufwärtstrend mit dem 2:2 in Paderborn ein jähes Ende bereitet. Nach Siegen der Konkurrenz war der BVB auf Platz 18 abgerutscht und gezwungen, drei Punkte aus dem Waldstadion mitzunehmen. Zu allem Überfluss hatte sich Ciro Immobile neu krank gemeldet, war Sokratis Wadenbeinbruch wohl doch nicht ganz so belastungsstabil wie erhofft und musste mit Sebastian Kehl für Ilkay Gündogan und Erik Durm für Marcel Schmelzer eine abermals neue Aufstellung getestet werden.

Die Nordwestkurve drehte erst zum Schluss aufDas Spiel begann munter und Borussia ging mit einer sichtbar anderen Körperspannung ins Spiel, als man es aus den letzten Partien gewohnt war. Die beiden Viererketten waren in der Rückwärtsbewegung deutlicher zu erkennen und auch das Umschaltspiel schien wieder etwas mehr Fahrt aufzunehmen, als zuletzt. Doch wie schon in London gab es auch dieses Mal einen frühen Nackenschlag: Kevin Großkreutz spielte einen Fehlpass weit in der Hälfte des Gegners, dessen Befreiungsschlag 50 Meter über den Platz vor die Füße Alex Meiers flog. Neven Subotic und Matthias Ginter waren viel zu weit aufgerückt und spekulierten auf Abseits, Meier marschierte ohne Gegenwehr in Richtung Kasten und schob den Ball durch Roman Weidenfellers Beine ins Tor.

Während die Frankfurter Kurve den unerwarteten Treffer mit „Absteiger, Absteiger“-Rufen feierte, bemühte sich der BVB um Stabilität. Diese war auch bitter nötig, kamen nach einem guten Angriff (6. Minute, von Felix Wiedwald gut pariert) doch vor allem die Hausherren zu Offensivaktionen. Zwei Kopfbälle segelten nach Freistößen aus dem Halbfeld nur knapp am Dortmunder Kasten vorbei (8., 18. Minute), in der 22. Minute konnte ein Frankfurter Diagonalpass über 30 Meter nach einem Ballverlust Lukasz Piszczeks von Ginter nur in höchster Not geklärt werden. Eigene Angriffe blieben nach einer guten Offensivaktion Shinji Kagawas und Henrikh Mkhitaryans (6.) bis zur 24. Minute Mangelware, als Großkreutz zunächst eine Hereingabe Mkhitaryans auf Pierre-Emerick Aubemeyang verlängerte und nach dessen erfolglosem Abschluss den Abpraller an den linken Pfosten setzte.

Kagawa im Zweikampf gegen Marco RussDoch eben dieser Pfostentreffer schien Wunder zu wirken: Die Eintracht zog sich einige Meter zurück und überließ dem BVB mehr Räume, der erstmals seit langem wieder richtige Gelegenheiten zum einst so gefürchteten Konterspiel bekam. Tatsächlich ergaben sich nun auch gute Chancen: Aubameyang sah Wiedwald im Fünf-Meter-Raum gefährlich mit dem Ball spielen und rauschte nur knapp an der Balleroberung vorbei (30.). Vier Minuten später erreichte ein langer Ball Durm, der zunächst klug kreuzte und dann aus spitzem Winkel links am Tor vorbeischoss. Kurz vor der Pause zappelte der Ball zur Abwechslung sogar im richtigen Tor, doch war die Fahne bei Kagawas Schuss schon lange oben und das Abseits deutlich zu erkennen gewesen.

Angetrieben wurden die Schwatzgelben in der ersten Halbzeit stets von ihrem Alterspräsidenten: Kehl, seit Wochen in Toppform, rannte wie ein Derwisch über den Platz und war so gut wie überall zu finden – beinahe jede gelungene Defensivaktion lief über ihn, beinahe jeder gute Angriff berührte zumindest einmal seinen Schlappen. So traurig es war, dass ausgerechnet der alte Mann für alles gerade stehen musste, so erfreulich war es doch, ihn in der Mannschaft zu wissen.

Adrian Ramos kam für Piszczek ins SpielBeide Teams kamen unverändert aus der Kabine und wie so oft versuchte der Gegner die Dortmunder Unordnung möglichst früh zu nutzen. Diesmal wurschtelte sich Haris Seferovic gegen Sven Bender durch und setzte Marc Stendera in Szene, der aus kurzer Distanz aufs Tor feuerte und Ginters Unterschenkel traf (46.). Ähnlich wenig Glück hatte Meier, der plötzlich vor Weidenfeller aufgetaucht war und den Ball unbedrängt auf den Oberrang der Heimkurve gebolzt hatte (48.).

Doch Borussia hatte nun etwas gutzumachen und marschierte mit Dampf in Richtung des gegnerischen Tors: Mkhitaryan schickte Aubameyang aus der eigenen Hälfte steil, der Gabuner schaufelte sich den Weg mit einem Kunststück frei und hatte das Auge für den gestarteten Adrian Ramos, der bei seinem guten Torschuss aber nur Wiedwalds Schulter traf (51.). Zwei Minuten später brachte Durm eine Flanke an den rechten Pfosten, doch ergab sich aus guter Position keine Chance, da Ramos und Bamba Anderson mit den Köpfen ineinander gerauscht waren. Eine ganze Reihe guter Angriffe rollten nun in Richtung des gegnerischen Tors und immer öfter war es Kehl, der die Konter forderte und organisierte. In der 69. Minute hätte er sich beinahe selbst in die Torschützenliste eintragen können, doch statt Durms lange Flanke vom rechten Pfosten direkt ins Tor zu köpfen, entschied er sich für die Ablage auf Ramos und damit für die falsche Option.

Blöd: Missverständnis zwischen Ginter und WeidenfellerDer Gästeblock, der in der ersten Halbzeit bis auf wenige Momente kaum zu hören gewesen war, drehte nun auf und übertönte zwischen der 55. und 70. Minute sogar die Heimkurve, die bis auf kurze starke Phasen eine insgesamt eher mittelmäßige Lautstärke erreicht hatte. Doch leider blieben Pech und Unvermögen wieder einmal unsere treuesten Wegbegleiter: Timothy Chandler räumte Aubameyang wenige Meter vor dem Frankfurter Strafraum ab, statt eines Schiedsrichterpfiffs folgte ein langer hoher Ball in Richtung des Dortmunder Kastens. Ginter rannte zurück und schien das Laufduell mit Seferovic zu gewinnen, dennoch eilte Weidenfeller im Stile Manuel Neuers aus dem Kasten und verließ sogar seinen Strafraum, ohne Ginter ein Kommando zu geben. Ginter wiederum hatte nur Augen für den Ball und köpfte ihn vorbei an Weidenfeller in die Mitte des Spielfelds, wo Seferovic mühelos vorbei spurten und den Ball ins verwaiste Tor einschieben konnte (78.). Der Gästeblock schäumte vor Wut angesichts dieser riesengroßen Dummheit – sämtliche Gesänge wurden eingestellt, die Fahnen und Banner (mit Ausnahme der Jubos-Zaunfahne) verschwanden innerhalb weniger Augenblicke.

Ratlosigkeit nach dem AbfiffWährend die Frankfurter ihre Mannschaft feierten und mit einem extrem lauten „Schwarz-Weiß wie Schnee“ in den Abend verabschiedeten, ernteten die Borussen Pfiffe und so manchen ausgestreckten Mittelfinger. Obwohl sich die Kritik sehr im Rahmen hielt und nach all den Wochen der aufgestauten Wut noch immer verhalten wirkte, hatten die Spieler nicht mit dieser Reaktion gerechnet. Schon lange hatte sie keine direkte Kritik mehr erreicht, weil entweder die Leistung gestimmt und/oder der Trainer sich diese mit dem Verweis auf frühere Leistungen verbeten hatte.


So wirkte die plötzliche Konfrontation mit Pfiffen und abschätzigen Gesten wie ein großer Schock und wurde die Entfernung zwischen Mannschaft und Fans, die in den letzten Jahren schrittweise zugenommen hatte, sichtbar. Nicht nur, dass kaum ein Spieler das Seelenleben der Fans verstehen und die versteinerten Mienen beim Abklatschen in London deuten konnte (die Fans hatten ihren eigenen Frust runtergeschluckt, um die Mannschaft zu trösten und ihr Mut zuzusprechen), vergaß die Mannschaft sich in Frankfurt zu revanchieren (kein Spieler sah die Notwendigkeit die eigene Enttäuschung zu überwinden und persönlich auf die Fans zuzugehen). Stunden nach Spielende Zweizeiler bei Facebook rauszujagen und Unterstützung einzufordern passt da zwar ins Bild, hat mit gelebter Fannähe aber wenig zu tun - erst recht, wenn Trainingseinheiten konsequent abgeschirmt werden und sich die Kontakte auf eine Hand voll Autogrammstunden und eine Fanclubweihnachtsfeier beschränken.

Klopp schaut ungläubig gen FankurveDoch wer weiß, vielleicht hat es den Herren des kickenden Personals nach all den Wochen der Harmonie ja einmal gut getan zu spüren, dass den Fans das Geschehen auf dem Platz noch immer nahegeht und Unterstützung von den Rängen keine selbstverständliche Folklore darstellt, die man egal bei welcher Spielweise einfach so geschenkt bekommt. An die Mikrofone wollte jedenfalls lange Zeit niemand treten und über etwas anderes als Abstiegskampf auch keiner reden – ein Anfang wäre gemacht.

Statistik

SGE: Wiedwald - Chandler, Russ, Anderson, Oczipka - Hasebe - Aigner, Inui - Stendera - Seferovic, Meier
Wechsel: Lanig für Stendera (63.), Ignjovski für Inui (90.), Kittel für Aigner (92.)

BVB 09: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Ginter, Durm - Bender, Kehl - Mkhitaryan, Kagawa, Großkreutz - Aubameyang
Wechsel: Ramos für Piszczek (38.), Gündogan für Kehl, Jojic für Kagawa (beide 74.)

Tore: 1:0 Meier (5.), 2:0 Seferovic (78.)
Gelbe Karten: Aigner, Lanig – Ginter, Großkreutz

Noten

Riesenbock vor dem 1:0, auch bei späteren Frankfurter Offensivszenen nicht im Bilde. Note 5.Weidenfeller: Darf beim 2:0 niemals in dieser Form aus dem Tor stürmen, erst recht nicht ohne deutliches Kommando an Ginter. Note 5.

Piszczek: Eine Partie mit Licht und Schatten, musste dann verletzt raus. Note 4.

Subotic: Riesenbock vor dem 1:0, auch bei späteren Frankfurter Offensivszenen nicht im Bilde. Note 5.

Ginter: An beiden Gegentreffern beteiligt. Darf den Ball beim 2:0 niemals in die Mitte spielen, wenn Weidenfeller aus dem Tor kommt. Note 5,5.

Durm: Defensiv mit massiven Problemen, offensiv vor allem mit guten Flanken aufgefallen. Note 4.

Bender: Unauffällige Partie, ging neben dem bärenstarken Kehl unter. Note 3,5.

Unauffällige Partie, ging neben dem bärenstarken Kehl unter. Note 3,5.Kehl: War als Feuerwehrmann in der ersten Halbzeit überall zu finden, leitete den Sturmdrang in der zweiten Halbzeit beinahe alleine an. Immense Laufleistung und ein Vorbild an Einsatz und Kampfgeist - hätte aber einmal selbst den Abschluss suchen können, statt auf den eng gedeckten Ramos abzulegen. Note 1,5.

Mkhitaryan: Defensivzweikämpfe sind nicht seine Sache, in der Offensive aber ein belebendes Element. Note 3.

Kagawa: Besser als zuletzt, brachte Schwung nach vorne und harmonierte gut mit seinen Mitspielern. Allerdings noch deutlich Luft nach oben. Note 3.

Großkreutz: Engagiert, aber nicht immer glücklich. Pech mit seinem Fehlpass vor dem 1:0 und beim Pfostenschuss. Note 3,5.

Aubameyang: Zeigte Leidenschaft und tolle Szenen, vergaß aber selbst aufs Tor zu schießen. Note 3,5.

Ramos: Kam für den verletzten Piszczek, konnte aber nicht überzeugen und war nur selten zu sehen. Note 4.

SSC, 01.12.2014

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