Spielbericht Profis

Durchhalteparolen, Kapitel 27

26.10.2014, 19:03 Uhr von:  Redaktion

Viele Chancen - am Ende null PunkteIch habe mich gestern selbst dazu beglückwünscht, dass ich nicht der Spielberichtschreiber vom BVB bin und mir jedes Wochenende aufs neue Synonyme für Worte wie „Powerplay“ und „nicht belohnt“ ausdenken muss. Ich muss nicht vereinskompatible Berichte schreiben, ich kann sagen was ich will. Und eines war mir klar: Wir brauchen keine Durchhalteparolen mehr, keine Schönschreiberei, das nützt nichts mehr. Es muss endlich mal Klartext geredet werden. Ja, Klartext, das habe ich mir vorgenommen. Doch dann kam die nächste Frage: Was ist in diesem Fall Klartext?
Es war eigentlich ein ordentlicher Auftritt des BVB. Nach den ersten 10 Minuten, als Hannover eine große Chance hatte, war das 50 Minuten lang Einbahnfußball mit Chancen ohne Ende. Dann kam das Gegentor aus dem nichts und auf einmal brachte die Mannschaft keinen Fuß mehr vor den anderen. Beim Umsehen und Umhören bei den Fans, aber auch zwischen den Zeilen bei den Spielern und dem Trainer gab es ganz klar ein überwiegendes Wort: Ratlos. Keiner weiß, woran es liegen könnte, keiner weiß so recht, was wir Woche für Woche falsch machen. Keiner kann sagen, wer Schuld hat. Also gehen wir mal die Optionen durch.

Der Trainer

Eine Trainerdiskussion wird es weiterhin nicht gebenDie einfachste Sache in einer Situation wie wir sie gerade haben ist die Trainerdiskussion zu stellen. Ganz klar: der Trainer erreicht die Mannschaft nicht mehr, er wechselt zu spät, er wechselt falsch. Er bringt die falschen Spieler zu Beginn und seine Taktik-Wechsel kann die Mannschaft nicht umsetzen. Selbst durch meine zugegeben rosarote Brille kann ich sehen, dass Klopp nicht alles richtig macht – und auch in der Vergangenheit nie getan hat. Weil ein Mensch nun mal Fehler macht. Der größte Fehler von allen wäre es aber, die Trainerfrage zu stellen. Klopp hat hier in Dortmund in wenigen Jahren etwas aufgebaut, was wir uns niemals hätten erträumen können. Er hat sich selbst ein symbolisches Denkmal gesetzt, das sich kaum mehr einreißen lässt, egal was passiert. Er hat bei den Fans doppelt so viele Sympathiepunkte wie alle seine Vorgänger zusammen. Er ist der beste Trainer den wir je hatten und jemals kriegen werden und dieses Bewusstsein ist bei uns allen vorhanden. Daher gäbe es wohl auch kaum Menschen, mich eingeschlossen, die nicht hier und jetzt einen Rentenvertrag für ihn unterschreiben würden, wenn ihre Unterschrift denn was zählen würde.
An guten(!) Trainern sollte man festhalten, so lange wie es nur geht. Wer das nicht glaubt, darf gerne mal nachfragen bei Werder Bremen, Manchester United oder Auxerre wie glücklich sie geworden sind nach Thomas Schaf, Alex Ferguson oder Guy Roux. Robin Dutt ist seit gestern übrigens nicht mehr Trainer des Tabellenletzten Werder Bremen, dies aber nur am Rande.

Die Spieler

Erik Durm stand gegen Hannover wieder in der StartelfWenn der Trainer nicht in Frage kommt, dann also die Spieler. Der gemeine Fußballfan aus dem Ruhrpott hat sehr schnell eine Erklärung parat für eine Niederlagenserie – gerade wenn es in der hochdekorierten Champions League momentan so gut läuft: die Spieler kämpfen nicht! Die Bundesliga ist ihnen nicht wichtig genug! Und ja, das wäre tatsächlich eine schöne Erklärung mit einer einfachen Lösung. Ein ordentlicher Tritt in den Arsch, eine gellende Ohrfeige (im Fußball normalerweise in Form eines ordentlichen Pfeifkonzerts) und schon sind die Spieler wieder zurück auf dem Boden der Tatsachen und alles läuft von selbst. Dumm nur, wenn es am Kampf nicht mangelt. Selbst ein Spieler wie Reus, der normalerweise in die Kategorie Schönspieler fällt und dem man von Natur aus daher die ein oder andere kampffreie Phase einräumt, hat sich gestern wie ein Wilder in die Zweikämpfe geworfen, hat Bälle erobert und Löcher gestopft. Und er war nicht der Einzige. Der BVB hat in sämtlichen Spielen diese Saison (mit Ausnahme des ersten gegen Leverkusen) mindestens 50% seiner Zweikämpfe gewonnen! Gut, man kann natürlich noch immer argumentieren, dass man keine Zweikämpfe verliert, wenn man sie nicht führt. Aber Hand aufs Herz, diese Situationen gab es gestern nicht. Selbst diese haarsträubenden Verteidigungsfehler aus den vorhergehenden Spielen gab es gestern so gut wie nicht. Das Gegentor fiel aus dem mehr oder weniger einzigen Schuss des Gegners auf unser Tor, wobei die Mauer vielleicht nicht ganz richtig steht. Es passt dann aber auch in unsere jetzige Situation, dass dieser eine Fehler konsequent bestraft wird von einer Mannschaft, die gestern nur zu offensichtlich hat durchschimmern lassen, warum sie auswärts keine Tore schießt.

Die Unparteiischen

Marco Reus vergab die besten ChancenNächster möglicher Verursacher der Niederlage: der Schiedsrichter. Mal abgesehen davon, dass sich der gute Herr sicherlich nicht mit Ruhm bekleckert hat und gefühlte 725 Fehlentscheidungen getroffen hat, war die einzige, die einigermaßen spielentscheidend war, das übersehene Handspiel von Sokratis im Strafraum. Sicher, das Zeitspiel und diese vielen, vielen Fouls hätte man früher und effektiver unterbinden können, aber die fünf Minuten Nachspielzeit haben uns dafür ja eigentlich entschädigt. Dumm nur, wenn man schon in dem Moment wenn sie angezeigt werden weiß, dass sie nichts bringen werden…

Die Fans

Nein, wir geben uns selbst sowieso nicht gerne die Schuld an Niederlagen und ganz objektiv gesehen haben wir die auch nie. Fans können wohl ein Spiel beeinflussen und die eigene Mannschaft pushen, aber Schuld an einer Niederlage sein, das ist doch sehr weit hergeholt. Dazu kommt, dass die Fans gestern – nicht nur auf der Süd – eine ganze Zeit lang wirklich ihr bestes getan haben. Genauer gesagt wurde es erst mit dem Gegentor in der 61. Minute merkbar leiser, weil auf den Rängen wie auf dem Rasen das Vertrauen schwand. Gerade in der ersten Halbzeit war es ein guter Auftritt des Publikums und genau das, was die Mannschaft braucht. Auch Pfiffe gab es selbst nach Abpfiff eigentlich keine.
Bestes Gegenargument für die Theorie sind aber die Hannoveraner, die mit gut 6‘500 Mann angereist waren, aber aufgrund der fehlenden Ultraszene kein einziges Mal, nicht einmal beim Tor oder beim Abpfiff, hörbar wurden. Wir wissen selbst, wie schwierig es für die Fanszenen heutzutage ist, ohne Ultras Stimmung zu machen, aber mit einer solchen Masse so unglaublich leise zu sein, das muss ihnen erst mal einer nachmachen. Und auch optisch war das ein ganz fader Auftritt. Man könnte fast meinen, in Hannover haben nur die Ultras Fahnen und Schals.

Wer sonst?

Aktionstag gegen Rechts auf der SüdtribüneNun, wer hat also Schuld und woher kommen die unterschiedlichen Auftritte in Bundesliga und Champions League? Die erste Frage, soviel sei verraten, kann ich nicht beantworten. Nach dem oben aufgeführten Ausschlussverfahren wäre die Antwort: keiner.
Auf die zweite glaube ich aber eine Antwort gefunden zu haben – oder besser gesagt sogar zwei. Zum ersten haben wir, das unglaubliche Spiel gegen Arsenal mal außen vor, in der Champions League sehr frühe Tore geschossen. Dazu hatten wir Gegner, die selbst gerne offensiv spielen. Das zusammen hat uns in die Karten gespielt, weil es in unserer momentanen Selbstfindungsphase einfacher ist, aus Gegenpressing, respektive Kontersituationen Tore zu schießen, als wenn wir von hinten aufbauen müssen. In der Bundesliga hatten wir genau das Gegenteil: verunsicherte Gegner, für die ein Unentschieden gegen den großen BVB schon ein Erfolg gewesen wäre und die daher einfach mal alles zu gemacht haben, was sie zumachen konnten. Ohne die kreativen Offensivkräfte fehlte uns da schlichtweg die Idee um mal durch zu kommen und jetzt, wo diese größtenteils (aber leider noch nicht 100% fit) zurück sind, ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. (Nein, leider nicht DER…)
Aufgrund der vielen schlechten Ergebnisse denken wir vor dem Tor viel zu viel nach, sind zu verkrampft, wollen so unbedingt, dass diese gewisse Lockerheit, die ein Stürmer einfach braucht, bei keinem mehr vorhanden ist. Und dann geht am Ende eben gar keiner mehr rein.
Vielleicht ist es deswegen ganz gut, dass der nächste Bundesligagegner Bayern ist. Erstens werden wir gegen Bayern normalerweise nicht in die Situation kommen, selbst das Spiel machen zu müssen und zweitens gibt es gegen Bayern ziemlich wenig zu verlieren, wodurch man – ganz ohne Champions League Trikot oder Hymne – ein gewisses CL-Feeling bekommen könnte.
Auch Adrian Ramos verzweifelte an Ron-Robert ZielerUnd so ende ich dann doch wieder in Durchhalteparolen. Offensiv werden wir nach und nach wieder in die Spur kommen, Defensiv sieht das schon wieder ganz ordentlich aus. Die echten Fans akzeptieren eine Saison ohne internationalen Fußball, auch wenn es natürlich schade wäre, daher dürfte der Druck jetzt eigentlich langsam abnehmen. Andererseits bezweifle ich, ob man den internationalen Fußball jetzt schon abschreiben sollte. Es ist erst ein Viertel der Saison gespielt und wir haben einen Kader, der in Normalform mit 16 der 17 Gegner locker mithalten kann. Und letztendlich haben wir in den letzten Jahren schon so manche Aufholjagd gestartet, die niemand mehr für möglich gehalten hätte.
Ich vertraue Klopp, ich vertraue den Spielern und ich weiß, dass wir irgendwie wieder aus dieser Scheiße rauskommen.
Jetzt kommt aber erst mal der Pokal – und der hat ja bekanntlich seine eigenen Gesetze. Das ist für uns im Moment vielleicht auch gar nicht so schlecht.
Und jetzt schlagt mich bitte für all meine Schönschreiberei!

Statistiken

Borussia Dortmund: Weidenfeller – Piszczek, Subotic, Hummels, Durm – Mkhitaryan, Bender, Gündogan – Reus, Ramos, Aubameyang

Hannover 96: Zieler – Stankevicius, Marcelo, Felipe, Schulz – Schmiedebach, Gülselam – Bittencourt, Kiyotake – Briand, Joselu

Einwechslungen: 66. Kagawa für Gündogan, 77. Immobile und Sokratis für Ramos und Durm – 72. Hirsch für Stankevicius, 73. Sobiech für Kiyotake bejubelt das entscheidene TorKiyotake, 90.+4 Schlaudraff für Briand

Tor: 0:1 Kiyotake (61., dir. Freistoß)

Schiedsrichter: Stieler (Hamburg) Hatte die Partie zu keiner Zeit im Griff. Der Freistoss vor dem Tor war fragwürdig, eine Elfmetersituation an Kagawa ebenfalls. Die Handspielsituation von Sokratis im eigenen Strafraum hingegen offensichtlich - außer für ihn. Zeitspiel und Foulspiel der Hannoverander hat er viel zu spät begonnen zu unterbinden. Note 5
Gelbe Karten: Mkhitaryan, Gündogan, Reus – Joselu, Schmiedebach, Marcelo, Zieler
Gelb-rot: Gülselam

Zuschauer: 80.667 (ausverkauft)

Noten

Weidenfeller: Das war einer seiner besseren Auftritte diese Saison, auch wenn er natürlich eine gewisse Mitverantwortung trägt für das Versagen der Mauer beim Gegentor. Note 2
Piszczek: Ein ganz schrecklicher Rückpass, den Weidenfeller gerade noch so retten konnte, ansonsten aber vorne mit vielen gefährlichen Aktionen. In Spielen in denen der Gegner kaum über die Mittellinie kommt, hat er wenige Momente sich auszuzeichnen. Fehlerlos und mit ein paar Aktionen nach vorne. Note 2.5Note 3
Subotic: Hatte wenig zu tun, einmal gut gerettet. Wurde vorne bei allen 14 Ecken immer wieder gesucht, aber nie gefunden. Note 3
Hummels: Hatte eine Ecke gefährlich aufs Tor gebracht, die Zieler an die Latte lenken konnte. Hinten sicher, aber nach vorne mit vielen Fehlentscheidungen. Note 3
Durm: Konnte sich nicht wirklich einbringen, eine gute Flanke zur Chance von Ramos, ansonsten unsichtbar. Note 3.5
Mkhitaryan: Zauberschuss aus der Drehung aufs Tor, auch sonst näher an seiner CL-Form dran. Ein guter Auftritt ohne Belohnung. Note 2
Bender: In Spielen in denen der Gegner kaum über die Mittellinie kommt, hat er wenige Momente sich auszuzeichnen. Fehlerlos und mit ein paar Aktionen nach vorne. Note 2.5
Gündogan: Verursachte den Freistoß zum 0:1 mit einer unglücklichen Aktion, die man vielleicht nicht pfeifen muss. Braucht noch Zeit, um sein Spiel wiederzufinden. Note 3.5
Reus: War der beste Mann auf dem Platz, hatte alleine dreimal so viele Chancen wie Hannover zusammen, warf sich dazu in jeden Ball. Scheiterte aber immer wieder an Zieler Zauberschuss aus der Drehung aufs Tor, auch sonst näher an seiner CL-Form dran. Ein guter Auftritt ohne Belohnung. Note 2oder seinem Zielfernrohr. Note 1.5
Ramos: Kurz vor Schluss eine Riesenchance vergeben, konnte vorne einige Bälle halten. Note 3
Aubameyang: War der unauffälligste Offensive, trotz CL-Boost fürs Selbstvertrauen. Note 3.5
Kagawa: Musste auf der 6 spielen, das bekam ihm nicht so gut. Note 4
Immobile: Konnte kaum noch Akzente setzen. Sein schöner Fallrückzieher ging deutlich über das Tor. Note 3.5
Sokratis: Wieder auf der Außenbahn eingesetzt, in einem Spiel in dem kaum Defensivaktionen gefragt sind, ist er dort allerdings relativ hilflos. Dazu ein Handspiel im Strafraum, das ein normaler Schiri pfeifen würde. Note 3.5

Nadja, 26.10.2014

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