Spielbericht Profis

Malaga oder Madrid – Hauptsache ein Wunder

09.04.2014, 14:28 Uhr von:  Redaktion

SüdtribüneWas haben wir geträumt, gehofft, uns ein weiteres Fußballwunder erbeten wie jenes, das sich vor einem Jahr im Westfalenstadion zutrug. Vielleicht ahnte, vielleicht wusste ein kleiner Teil in uns, dass das Wunder in diesem Spiel und unter diesen Voraussetzungen ausbleiben würde. Und doch konnten wir nicht anders, als wiederzukommen. Wieder Dutzende Stufen zu erklimmen, um unseren Platz in diesem magisch erleuchteten Tempel einzunehmen. Wieder 90 Minuten alles zu geben, der zwölfte Mann, die zwölfte Frau für unsere Mannschaft zu sein. Zu spüren, wie sich die Nackenhaare beim Klang der Champions-League-Hymne unweigerlich aufstellen. Ein letztes Mal. Vorerst.

Die Ausgangslage vor dem Spiel war mehr als deutlich: 0:3 in Madrid verloren. Das eine, vielleicht richtungsweisende Auswärtstor wollte einfach nicht fallen. Zuhause mussten also wieder 3+1 Tore gegen die Königlichen her. Ein Wink mit dem Torgehäuse an Robert Lewandowski, dem dieses Kunststück im Halbfinale 2013 gelang – gegen Real Madrid. Doch der erklärte schon vor dem Spiel jeden für „verrückt“, der in diesem Jahr selbiges erwarten sollte. Und er behielt Recht. Vor dem Spiel erweiterte sich die ohnehin kaum noch zu überblickende Verletztenliste auf Dortmunder Seite um Nuri Sahin – el capitán Sebastian Kehl fehlte ohnehin gelbgesperrt. Auf der Gegenseite nahm Cristiano (el bello) Ronaldo wegen Kniebeschwerden auf der Bank Platz. Stattdessen zauberte Klopp für die Aufstellung Manuel Friedrich, Oliver Kirch und Miloš Jojić aus dem Hut. Mit Kirch und Friedrich gegen Madrid, das CL-Startelfdebüt für Jojić – man konnte das ungläubige Aufstöhnen einiger Fans quasi erahnen. Noch konnte niemand ahnen, dass dem Fußballehrer damit ein wahnsinniger Glücksgriff gelungen war.

Zu zwölft gegen die Königlichen

Und noch jemand präsentierte sich zu diesem Spiel in allerbester Verfassung: Selten stand das ganze Stadion von Beginn an so geschlossen hinter der Mannschaft wie an diesem Abend. Wenn das Spiel gegen Wolfsburg stimmungsmäßig das Fünf-Gänge-Menü war, war dies allerhöchste Sterneküche. Auch der Mannschaft war direkt anzumerken, dass das Ding eben noch nicht durch war, in den ersten Minuten lief das Spiel praktisch nur in Richtung Nordtribüne. Allein: Es wollte nichts wirklich Zwingendes dabei herausspringen. Sechzehn Zeigerumdrehungen nach dem Anpfiff gab es zwar eine Großchance, allerdings auf der falschen Seite. Coentrao schoss Piszczek den Ball an der Strafraumgrenze an den Arm, Schiedsrichter Damir Skomina zeigte zum Entsetzen der 60.000 Schwatzgelben sofort auf den Elfmeterpunkt. Wenn eines in diesem Spiel nicht passieren sollte, dann war das ein frühes Gegentor, und genau das wurde den Königlichen nun auf dem Edelmetalltablett präsentiert. Aber selbst der westfälische Regen stand in diesem Spiel auf Seiten der Borussen: Angel di Maria rutschte auf dem nassen Geläuf leicht weg, Weidenfeller parierte seinen ersten Elfmeter in der Champions League. Durchatmen! Wunderstatus: 0 (gefühlt 0,5)/4.

ElfmeterEine Initialzündung brauchte es in diesem Spiel wahrlich nicht und doch entstand in diesem Moment der Eindruck: Es ist wirklich alles möglich. Das dachten sich die Jungs auf dem Platz offenbar auch, denn im direkten Gegenzug setzte Mkhitaryan den Ball nach toller Vorarbeit von Lewandowski und Reus aus wenigen Metern neben den Kasten. In der 24. Minute dann endlich das ersehnte Tor: Friedrich brachte das Spielgerät in bester Hummels-Manier lang in die Spitze, Pepes Kopfball kam zu kurz für Torwart Casillas, Reus ging dazwischen, lenkte den Ball am Keeper vorbei und schob ein. Wunderstatus: 1/4.

Eine Flanke von Jojić in den Strafraum brachte Piszczek anschließend nicht unter Kontrolle, kurze Zeit später holte sich Publikumsliebling Sergio Ramos im Zweikampf mit Lewandowski die fast schon standesgemäße Gelbe Karte ab. Auf der Gegenseite ein ungewohnter Fehlpass von Hummels im Spielaufbau, den Benzema glücklicherweise nicht nutzen konnte, weil er vor dem Strafraum wahlweise ausrutschte oder über die eigenen Beine stolperte. In der 31. Minute holte Xabi Alonso Reus unsanft von den Beinen (und sah dafür ebenfalls den Gelben Karton) – Freistoß Dortmund aus 20 Metern, zu dem der Gefoulte selbst antrat. Und wie. Reus‘ gefühlvoller Heber landete genau auf dem Kopf von Hummels, Casillas lenkte den Ball in letzter Sekunde über die Latte.

Ein Hauch von Angst

Wenige Minuten später wieder eine gelungene Vorarbeit von Reus, Lewandowski schoss den Ball aus zehn Metern an den Pfosten und dann – als mancher sich schon mit über dem Kopf zusammengeschlagenen Händen abwenden wollte – verwandelte dieser Marco Reus den Abpraller selbst noch. Wunderstatus 2/4, noch mehr als 50 Minuten zu spielen. Da geht doch was! Bis zur Halbzeit machten die Borussen mit ihrer Vollgasveranstaltung weiter, immer wieder angetrieben von den bärenstarken Kirch und Jojić im Mittelfeld. Bis auf einen zur Ecke gelenkten Distanzschuss von Reus sprang aber keine nennenswerte Chance mehr heraus.

Die Verabschiedung der Schwatzgelben in die Pause, sie kam dem Siegesjubel in anderen Stadien gleich. „Meine Spieler haben es mit der Angst zu tun bekommen“, sagte Real-Coach Ancelotti nach dem Spiel über die erste Halbzeit – und das war deutlich zu sehen. Madrid wirkte zeitweise wie gelähmt vom Willen und der Geschlossenheit der Hausherren. Ancelotti, dessen damaliges Team AC Milan vor zehn Jahren ein 4:1 im Viertelfinal-Hinspiel gegen La Coruna noch aus der Hand gab, brachte zur zweiten Hälfte Isco für Illaramendi. Es ist nicht überliefert, ob er seine Spieler in der Pause an dieses Ereignis erinnert hat, aber die Königlichen kamen wesentlich präsenter und aggressiver zurück auf den Platz.

Torjubel ReusLeidtragender davon war zunächst Lewandowski, den Alonso gelbwürdig von den Beinen holte. Skomina ließ die zweite Karte (und damit den Platzverweis) aber stecken. Anschließend tauchte 100-Mio-Euro-Mann Gareth Bale – man munkelt, er habe auch in Halbzeit eins schon am Spielgeschehen teilgenommen – gefährlich vor Weidenfellers Kasten auf, verzog aber knapp. Eine Minute später musste Hummels in höchster Not die Grätsche auspacken, als Benzema frei vorm Tor auftauchte. In der Folge fanden die Dortmunder wieder besser ins Spiel. Ein traumhaftes Zuspiel von Reus setzte Mkhitaryan völlig frei nur an den Pfosten, Großkreutz‘ Nachschuss wurde von Pepe abgeblockt. Das musste das 3:0 sein! Tee, Wasser, alkoholfreies Bier - das alles dürfte in diesen Minuten reichlich in der Kapuze des Vordermannes gelandet sein. Und es kam noch etwas dramatischer: Lewandowski legte im Strafraum auf Mkhitaryan ab, der scheiterte mit seinem Schuss dieses Mal aber an Casillas.

Wenn unsere Nummer 10 nach diesem Spiel von einigen als Unglücksrabe verschrien werden sollte – erinnern wir uns einfach mal an ein Europa-League-Spiel 2010 in Paris, als ein gewisser Robert Lewandowski (damals nur Ersatzspieler) das spielentscheidende Tor verpasste und in der Folgezeit zu heutiger Stärke fand. Wenn dieses Spiel Mickys Paris war, müssen wir uns um den Jungen wahrlich keine Sorgen machen.

Kein Wunder – oder doch?

Zurück zum Spiel: 20 Minuten vor Schluss wieder eine Großchance für den BVB, dieses Mal spielte Großkreutz dem spanischen Keeper das Leder in die Hände. Hätte die Süd den Ball selbst ins Tor singen können – sie hätte es längst getan. Es folgten einige Wechsel auf beiden Seiten, die Torchancen wurden rarer. Die letzten wirklich zwingenden Gelegenheit gab es auf Seiten der Gäste: Bale und Benzema scheiterten in den Schlussminuten an Weidenfeller. Ein Hauch von Malaga wehte durchs Stadion und verflüchtigte sich doch wieder. 2:0 nach 90 Minuten, selten lagen Sieg und Niederlage so nahe beieinander wie an diesem Abend. Bemerkenswert der Blick in die Statistik: Real Madrid hat nur vier seiner letzten 23 Spiele in der Champions League verloren, drei davon gegen den BVB. Wie viel Respekt sich die Borussen bei den Madrilenen und ihrem Anhang mittlerweile erarbeitete haben, zeigte sich auch am minutenlangen Applaus der spanischen Fans für die Schwatzgelben.

Enttäuschung nach SchlusspfiffEin weiteres Wunder blieb also aus. Zumindest auf dem Papier. Denn seien wir ehrlich: Was die Mannschaft da gegen Real Madrid (gegen Real! Madrid!) auf dem Platz gezeigt hat, diese Leidenschaft, dieser Einsatzwille – war das selbst nicht das eigentliche Wunder? Unser eigenes Erstaunen angesichts dieses Auftrittes. Der Stolz auf dieses Team. Die hoch erhobenen Köpfe nach dem Ausscheiden, wohin man auch blickte. Das Wunder war an diesem Abend kein Ergebnis, es war das Gefühl als solches.

Der BVB wird also erstmals seit dem Beginn der Champions-League-Saison 2012/13 wieder ein Spiel in der Königsklasse verpassen. Wir könnten nun jammern über das Verletzungspech in dieser Saison, über die Gelbsperre von Robert Lewandowski im Hinspiel oder den Pfostenschuss von Henrikh Mkhitaryan. Wir könnten uns tage- und nächtelang den Kopf zerbrechen über die Gründe dieses Ausscheidens. Wehmut und Demut empfinden angesichts dessen, was wir in diesem Wettbewerb in den letzten Monaten erlebt haben. All das. Und zu dem Schluss kommen: War dat geil!

Europa – wir kommen wieder!

Stimmen zum Spiel

Jürgen KloppJürgen Klopp: Ich bin sehr stolz auf das Bild, das Borussia Dortmund heute Abend abgeliefert hat. Es wäre extrem cool, wenn man dieses Spiel als Ganzes betrachten würde: Als außergewöhnliche Leistung einer großartigen Fußballmannschaft, und es nicht an zwei Torchancen heute fest macht. Wir haben in Madrid fünf, sechs gehabt. Wir haben draußen versucht, den Jungs zu helfen, dass sie auf dieses eine Tor gehen – die Chancen waren da, aber wir haben sie nicht genutzt in Madrid. Mit einem Tor dort und zwei Toren heute wären wir durch gewesen. Unter einer Million Möglichkeiten auszuscheiden, war das die beste.

Kevin Großkreutz: Die Enttäuschung ist schon groß, aber ich kann nur den Hut vor der Mannschaft ziehen, und man kann riesig stolz auf die Mannschaft sein. Ganz Dortmund kann stolz sein. Wer so zurückkommt, nach einer 0:3-Niederlage, und Real Madrid im Stadion beherrscht, der hätte es eigentlich verdient, weiterzukommen. Aber wir haben es leider nicht geschafft und jetzt wird man erstmal nicht schlafen können. Wir haben die Saison bis jetzt schon überragend gespielt und eine sensationelle Leistung gezeigt. Wenn wir so eine Einheit bleiben wie heute, die Fans und die Mannschaft, dann können wir ins Pokalfinale einziehen und dann wird es schwer, uns hier zuhause nochmal zu schlagen.

Erik Durm: Wir haben uns etwas vorgenommen und genauso umgesetzt, wie der Trainer es gesagt hat. Wir können alle sehr stolz sein, keiner kann sich etwas vorwerfen. Roman hält diesen einen Ball – das passt zu dem ganzen Abend. Das einzige, das nicht passt, ist, dass wir nur 2:0 gewinnen.

Oliver Kirch: Es war alles angerichtet für ein zweites Malaga, für ein zweites Wunder. Wir haben alles dafür getan und haben einfach nur ein Tor zu wenig dafür geschossen. Ansonsten kann man und keinen Vorwurf machen. Wir haben alles rausgehauen, haben alles versucht. Das wurde auch von den Fans honoriert. Es war eine wahnsinnige Situation nach dem Spiel. Total niedergeschlagen, aber trotzdem gefeiert worden.

Statistik

BVB: Weidenfeller – Piszczek (81. Aubameyang), Friedrich, Hummels, Durm – Kirch – Mkhitaryan, Jojic, Reus, Großkreutz – Lewandowski

Real Madrid: Casillas – Carvajal, Pepe, Sergio Ramos, Fabio Coentrao – Illarramendi (46. Isco), Xabi Alonso, Modric – di Maria (73. Casemiro), Benzema (90.+2 Varane), Bale

Tore:

1:0 Reus (24.)

2:0 Reus (37.)

Ballbesitz: 51% : 49%

Zweikämpfe: 53% : 47%

Passquote: 83% : 82%

Torschüsse: 12 : 10

Abseits: 1 : 0

Ecken: 4:2

Schiedsrichter: Skomina (Slowenien)

Gelbe Karten: Reus, Aubameyang, Großkreutz - Xabi Alonso, Sergio Ramos, Carvajal, Casemiro, Benzema

Zuschauer: 65.829 (ausverkauft)

goldkind, 09.04.2014

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