Spielbericht Profis

Das perfekte Geburtstagsgeschenk

06.04.2014, 12:11 Uhr von:  Redaktion

Für immer Westfalenstadion seit 1974Drei Tage nach dem enttäuschenden 0:3 in Madrid und mit einem bärenstarken Westfalenstadion im Rücken hat der BVB einen Riesenschritt Richtung direkte CL-Qualifikation gemacht. Gegen den VfL Wolfsburg gelang trotz missratener erster Hälfte ein 2:1.

Zugegeben, zwischen zwei Viertelfinal-Partien in der Champions League den Fokus auf den VfL Wolfsburg zu legen, fällt nicht leicht. Ausgerechnet auf einen in puncto Fanszene und Sponsoring völlig überflüssigen Fußballverein. Wer auch beim Anblick der gelben Streben nicht automatisch Bock auf einen Fußballabend in unserem 40 Jahre alten Tempel bekommt, dem dürften spätestens die Ergebnisse der Bundesliga-Konkurrenz die nötige Motivation verschafft haben: Dank der Patzer der Blauen und der Leverkusener sollte es mit einem Sieg gegen die Wölfe möglich sein, den Vorsprung auf Platz vier auf ganze zehn Punkte auszubauen. Bei fünf ausstehenden Spielen ein Polster, auf dem die schwatzgelbe Anhängerschaft guten Gewissens von weiteren aufregenden Reisen in die europäischen Metropolen 2014/15 träumen dürfte. Dazwischen lagen jedoch 90 Minuten gegen einen Gegner, der den Borussen zuletzt immer wieder mächtig Puls beschert hat. In den letzten drei Spielen gegen die Niedersachsen konnten wir schließlich nur ein Pünktchen erringen.

Schwache Dortmunder, erbärmlicher Gästeblock

Spruchband für alfred Niepieklo von TU'01Der Abend beginnt mit einer Schweigeminute für den am Mittwoch im Alter von 86 Jahren verstorbenen Alfred Niepieklo. Gemeinsam mit Alfred Kelbassa und Adi Preißler bildete er das Trio der "drei Alfredos" und gewann die Meisterschaften 1956 und 1957. Darüber hinaus gehörte er bis zu seinem Tod dem BVB-Ältestenrat an. Mit einer stillen Gedenkminuten und einem scheppernden "Wir sind alle Dortmunder Jungs" nimmt das Westfalenstadion einen würdigen Abschied von einem verdienten Borussen.

Jürgen Klopp muss die Madrid-Elf notgedrungen umbauen. Der angeschlagene Weidenfeller findet trotz harmloser Prellung nicht den Weg in den Kader, soll sich fürs Viertelfinal-Rückspiel schonen. Ihn ersetzt Mitch Langerak. Erik Durm, von einer Erkältung geplagt, kann immerhin auf der Bank Platz nehmen und lässt sich von Großkreutz vertreten. Der nicht nur von Jochen Breyer sehnsüchtig erwartete Lewandowski nimmt selbstverständlich wieder seinen Stammplaz im Sturm ein. Bei den Gästen fehlen derweil Torhüter Benaglio, Klose, Medojevic, Dost und Vierinha.

Während die Südtribüne ihrem Westfalenstadion mit einem großen Banner ("Seit 1974 und für immer Westfalenstadion") und einem Spruchband nachträglich zum Geburtstag gratuliert, kann einem beim Anblick des Gästeblocks übel werden. Dorthin haben sich höchstens 2.000 Wolfsburger verirrt, von denen man während der gesamten Partie keinen einzigen auch nur annähernd lauten Schlachtruf vernehmen wird. Die merkwürdige Aufteilung des Gästeblocks, der angesichts des Champions-League-Spiels am kommenden Dienstag bereits zu einem Drittel bestuhlt worden war, tut ihr Übriges. Traurig, dass eine Bundesligamannschaft, zumal mit internationalen Ambitionen, nicht mehr als dieses kleine und leise Häufchen von Niedersachsen nach NRW bewegen kann. Braucht kein Mensch!

KdB gegen Nuri SahinAuf dem Platz scheint es zuerst, als wolle der BVB die Leistung in Madrid schnellstmöglich vergessen machen. Die erste Chance gehört Marco Reus nach feiner Balleroberung Mkhitaryans. Doch der Ex-Gladbacher verzieht aus halblinker Position und setzt die Kugel am Kasten vorbei. Das soll vorläufig auch schon die letze gute Chance der Borussen gewesen sein. Ähnlich wie am Mittwoch prägen Abstimmungsprobleme, falsche Laufwege und überflüssige Fehlpässe das Spiel unserer Mannschaft. Hinzu kommt, dass manche Umschaltsituationen vollkommen verpennt und die Möglichkeiten zu schnellen Gegenangriffen vergeben werden. Auch Lewandowski kann zu diesem Zeitpunkt höchstens andeuten, dass er heute für die Momente sorgen könnte, die gegen die Königlichen noch gefehlt hatten.

Kein Wunder also, dass die großen Chancen der ersten Hälfte allesamt auf Wolfsburger Seite liegen. Nach zehn Minuten verliert Hummels den Ball relativ unbedrängt im Mittelfeld, die Wolfsburger schicken Perisic auf die Reise, doch dessen Hereingabe setzt Olic zum Glück am Kasten vorbei. Danach ist es de Bruyne, der – völlig freistehend – das Leder aus aussichtsreicher Position nicht richtig trifft und ins Toraus schießt, bevor Knoche einen Kopfball nach einer Ecke über die Latte setzt. Zu diesem Zeitpunkt des Spiels will ich mich auch nicht trauen, meinem Sitznachbarn zu widersprechen, der den Vormittag an der Castroper Straße verbracht hat und behauptet, der Regionalliga-Schmankerl Bochum II gegen Wattenscheid sei doch weitaus ansehnlicher gewesen als die Geschehnisse im Westfalenstadion. Und es soll sogar noch schlimmer kommen: Nach 34 Minuten gewinnt Wolfsburgs Malanda ein Kopfballduell gegen den zögerlichen Kehl. Langerak kann den Ball mit einem starken Reflex nur nach vorne abwehren, wo Olic sich gegen Hummels durchsetzt und zum verdienten 0:1 einnetzt. Ziemlich nachlässig von unseren beiden Innenverteidigern. Und dass es wenige Minuten später nicht erneut klingelt, hat der BVB allein Fortuna zu verdanken, die dafür sorgt, dass eine scharfe Hereingabe von Olics Fuß an die Unterkante der Latte klatscht, von dort auf eben jenes Körperteil zurück springt und dann erneut vom Gebälk abprallt – puh!

Das Westfalenstadion dreht auf

Ivica Olic gegen Sebastian KehlAlles in allem erwecken die Schwatzgelben beim Gang in die Kabine nicht gerade den Eindruck, als hätten sie großen Bock, dieses Spiel für sich zu entscheiden. Dennoch ertönt zur Pause kein einziger Pfiff im Tempel. Überhaupt zeigt sich das Westfalenstadion heute von seiner besten Seite: Kaum Dauergesänge, stattdessen ein stark spielbezogener Support, der oft die Sitzplätze mitreißt und so für viele laute Momente sorgt.

In der Halbzeit reagiert Klopp auf die schwache Leistung, stellt auf 4-1-4-1 um, bringt Jojic für Sahin und Durm für Aubameyang. Großkreutz rückt dafür in die Offensive. Und tatsächlich spielt die Mannschaft jetzt wie ausgewechselt. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten. Keine sechs Minuten sind in Durchgang eins gespielt, da lenkt Lewandowski eine Reus-Ecke mit dem Rücken zum 1:1 ins Tor. Die Strobelalle jubelt und Jochen Breyer wischt sich eine Freudenträne aus dem Gesicht. Noch einmal drehen die 78.000 Borussen jetzt am Lautstärkeregler, peitschen die Mannschaft bei jeder Aktion nach vorne und sorgen damit für Momente, die man bei Heimspielen zuletzt schmerzlich vermisst hat. Alle, die nicht ohnehin schon stehen, erheben sich regelmäßig von ihren Sitzschalen.

Fraglich, ob die folgenden Geschehnisse sich auch ohne das Zutun der Tribünen ereignet hätten. Immer wieder treibt nun Lewandowski den BVB nach vorne. So auch in der 71. Minute, als er mit Ball vom Mittelkreis Richtung gegnerisches Tor sprintet und schulbuchmäßig Mkhitaryan bedient. Doch der Armenier schiebt den Ball völlig unbedrängt am Pfosten vorbei und erinnert damit stark ans jüngste Derby. Egal, weiter gehts. Sechs Zeigerumdrehungen später flankt Durm in den Strafraum und VfL-Keeper Grün scheint den Ball schon sicher zu haben. Beim Fangen wird er jedoch von seinem eigenen Mitspieler behindert und lässt das Spielgerät fallen. Der lauernde Reus bedankt sich und schiebt mühelos zum 2:1 ein. Marco Reus erzielte den Treffer des TagesWestfalenstadion-Roar at it's best! Die Wolfsburger reklamieren noch wahlweise Foul- oder Handspiel des Torschützen, werden aber spätestens durch die TV-Bilder widerlegt. Während der Flanke ist es vielmehr Knoche, der seinen Keeper stört und weder ist eine aktive Bewegung Reus' Richtung Ball noch eine Vergrößerung der Körperfläche auszumachen. In der Schlussphase entwickelt sich noch einmal ein offenes Spiel, doch so richtig gefährlich können die Niedersachsen Langerak nicht mehr werden. Einzig ein Freistoß von Kevin de Bruyne rauscht über seinen Kasten. Dann ist der Sieg für die Nummer eins im Pott perfekt.

Was bleibt, sind die Vorentscheidung in Sachen Champions-League-Quali, wieder drei Punkte Abstand auf die Blauen und – mindestens ebenso wichtig – die Erkenntnis, dass das Westfalenstadion nach der zuletzt durchwachsenen Stimmung nicht nur richtig laut sein, sondern auch Spiele mitentscheiden kann. Ein schöneres Geschenk hätten die Borussen ihrem Stadion zum 40. Geburtstag wohl kaum machen können.

Aufstellungen

BVB: Langerak – Piszczek, Sokratis, Hummels, Großkreutz – Kehl, Sahin (46. Jojic) – Aubameyang (46. Durm), Mkhitaryan (76. Kirch), Reus – Lewandowski.

VfL Wolfsburg: Grün – Träsch (69. Ochs), Naldo, Knoche, Rodriguez – Luiz Gustavo, Malanda Adje (79. Caligiuri) – De Bruyne, Arnold, Perisic – Olic.

Schiedsrichter: Knut Kircher (Robert Kempter, Thorsten Schiffner – Christian Dingert)

Tore: 0:1 Olic (34., Vorarbeit Malanda), 1:1 Lewandowski (51., Vorarbeit Reus), 2:1 Reus (77.)

Noten

Langerak bekam doch einiges zu tunLangerak: Wir zählen eine Unsicherheit, beim Gegentor aber zeigte er einen starken Reflex und hatte keine Möglichkeit, den Nachschuss zu verhindern. Note 3,5

Piszczek: Solides Ding, hinten wie vorne ziemlich unauffällig und ohne Fehler. Note 3

Sokratis: Hatte in Durchgang eins viele Bälle, konnte den Spielaufbau damit aber nicht vorantreiben. Wirkte beim 0:1 etwas desorientert. Später sicherer. Note 3,5

Hummels: Konnte Olic nicht am 0:1 hindern und ließ sich bei manchen Szenen recht einfach von de Bruyne überlaufen. In der zweiten Halbzeit dann stärker. Note 4

Großkreutz: Spielte während der ersten 45 Minuten mal wieder Linksverteidiger. Leider klafften während dieser Zeit manche Lücken auf seiner Seite, über die die Wölfe immer wieder gefährlich wurden. Nach dem Wechsel rückte er in die Offensive und ackerte dort in bekannter Manier. Note 3,5

Sahin: Konnte leider kaum Akzente setzen und musste zur Pause mit Gelb verwarnt Milos Jojic weichen. Note 4

Kehl: Auch der Kapitän konnte die Unruhe im ersten Durchgang nicht beseitigen, ließ sich selbst davon aber nicht anstecken - bis auf eine Ausnahme: Konnte Malanda vor dem 0:1 nicht am Kopfball hindern. Steigerte sich ebenfalls nach dem Seitenwechsel. Note 3,5

Agierte immer noch nicht wie ein souveräner Spielmacher, aber immerhin besser als unter der Woche in Madrid. Muss unbedingt mehr Zielwasser trinken. Note 4Aubameyang: Bis er in der Pause in der Kabine blieb, konnte er ein paar Balleroberungen, aber keine nennenswerten Offensiv-Aktionen verzeichnen. Beim Gegentor, das über seine Seite eingeleitet wurde, hätte er beherzter eingreifen müssen. Note 4,5

Mkhitaryan: Agierte immer noch nicht wie ein souveräner Spielmacher, aber immerhin besser als unter der Woche in Madrid. Muss unbedingt mehr Zielwasser trinken. Note 4

Reus: Wenn es in Durchgang eins gefährlich für Max Grün wurde, war er dabei. Lauerte beim entscheidenden 2:1 außerdem geschickt auf den gegnerischen Fehler und belohnte sich selbst mit dem Tor. Note 2,5

Lewandowski: In der ersten Halbzeit noch etwas unglücklich, wurde er danach zum Motor für die Spielwende. Erzielte den Ausgleich selbst und trieb die Kollegen immer wieder an. Note 2

Jojic: Kam nach der Pause für den Sechser Sahin und machte aus dem bisherigen 4-2-3-1 ein 4-1-4-1. Solide Leistung des Neuzugangs. Note 3

Durm: Sollte in der zweiten Halbzeit mehr Sicherheit in die Abwehrreihen bringen und schaffte das auch. Hinten fehlerlos und leitete mit seiner Flanke das 2:1 ein. Note 3

Kirch: Kam erst in der 76. Minute für Mkhitaryan und half, das Ergebnis über die Zeit zu bringen. Trotzdem zu kurz für eine Bewertung.

Stimmen

Klopp und Hecking sehen sich bald schon wiederDieter Hecking: "Wir haben das Spiel in der ersten Halbzeit verloren. Die war von uns überragend und wir müssen das zweite, vielleicht noch das dritte Tor machen. Doch wir lassen unsere Chancen liegen. Im zweiten Durchgang haben wir dann einen unnötigen Eckball verursacht und mit dem 1:1 geben wir Dortmund dann die zweite Luft. Wenn ich sehe, dass wir 19 Torabschlüsse haben, ist ein Tor einfach zu wenig. So gewinnst du nicht in Dortmund."

Jürgen Klopp: "Wir haben in der ersten Halbzeit viele Fehler gemacht und keinen Druck aufgebaut. Nach der Pause haben wir dann das System umgestellt. Das hat sehr gut funktioniert, so konnten wir uns besser aufstellen und in der Diagonale besser verteidigen. Mit dem Sieg haben wir einen Abstand zu den Verfolgern geschaffen, der uns nicht bei jedem unserer Fehler unter maximalen Druck setzt."

Mitch Langerak: "In der ersten Halbzeit waren wir unter Druck und haben viele Fehler gemacht. Zum Glück hat Wolfsburg nur ein Tor erzielt, in der zweiten Halbzeit sind wir dann ganz anders Ivan Perisic gegen Milos Jojicaufgetreten. Das war ein wichtiger Sieg mit Blick auf die Tabelle."

Milos Jojic: "Das war ein schweres Spiel, Wolfsburg ist eine gute Mannschaft. In der ersten Halbzeit waren wir nicht gut, doch dann haben wir alles versucht und das Spiel glücklich und verdient gewonnen. Als ich zum ersten Mal nach Dortmund kam, konnte ich nicht fassen, was für eine Stimmung in diesem Stadion herrscht. Das ist unglaublich und ich freue mich jedes Mal, hier zu sein."

Malte S., 06.04.2014

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