Spielbericht Profis

Apokalypse: Der BVB verliert 2:2 gegen den FCA

26.01.2014, 12:45 Uhr von:  Christoph
Apokalypse: Der BVB verliert 2:2 gegen den FCA

Mit hohen Erwartungen ging der BVB in die Rückrunde und befindet sich nach den ersten 90 Minuten auf dem kalten Rasen der Tatsachen.

Ratlose Spieler
Ratlose Spieler

Die Spieler in schwatzgelb verlassen vermummt und fluchtartig das Stadion in Richtung ihrer Autos, um möglichst schnell den Ort des Schreckens zu verlassen. Die pure Fassungslosigkeit steht in ihre Gesichter geschrieben. Von der einst so tapferen Mannschaft, die sich vor nicht einmal einem Jahr auf den Weg machte, um den Olymp der großen Fußballgötter zu besteigen, war nur noch ein Häuflein Elend zurückgeblieben. An diesem Samstag spielten sich im Westfalenstadion Dramen ab, im Vergleich zu denen die Verfilmung der „Titanic „oder „Wetten dass“ als Komödie durchgehen würden.

Die Vorzeichen

Bereits auf dem Weg zum Stadion konnte man bei genauem Hinsehen eine Untergangsstimmung beobachten. Zügig, aber eher lustlos wirkend schlich man sich durch die Drehkreuze und verharrte schweigend auf den Plätzen bis zum Anpfiff. Auf der einst so lebendigen und stimmungsvollen Südtribüne bewegten sich lediglich die Fahnen. Auf der Gegenseite, bei den weit aus dem Süden angereisten Augsburgern, trommelte es durchgehend, als würde es keinen Morgen geben - auch während des Spiels- unglaublich. Dazu klatschten und sangen rund 53 von den knapp 3.000 Augsburgern und schwenkten ihre Fahnen, ein freudiger Anblick, in all der Tristesse. Auch wenn Norbert Dickel, wie bei jedem Spiel, bei „You`ll never walk alone“ wie ein kleiner Junge an der Seitenlinie steht und gebannt auf die Südtribüne blickt, zuvor hatte er die Zuschauer noch herzlich im Jahre 2014 Willkommen geheißen.

Augsburg Fans
Augsburg Fans

Sebastian Kehl beim Einlaufen zum Aufwärmen schnurrstracks auf die Süd zurennt, ihr zu applaudiert und den Blick kaum von ihr lassen kann, spürte der normale Besucher, dass heute einiges im Argen liegen sollte. Die Zeichen verdichteten sich, als zahlreiche Besucher auf der Südtribüne, die wohlmöglich ihren ersten Stadionbesuch- vielleicht auch ihren letzten- im Westfalenstadion hatten, die ersten Lieder anstimmten, während der Großteil der Südtribüne ihr „Durchhalte-Lied“ „You’ll never walk alone“ zelebrieren wollte. Auch wichtige Durchsagen, wie die Erklärung zum 10. Erinnerungstag im Deutschen Fußball: "NIE WIEDER", 23 Minuten vor Spielbeginn, gingen in dem Sumpf aus Werbung und eingespielter Musik unter. Passend dazu zückte eine Gruppe auf der Süd einen Banner zum Thema Stadionverbote, als über die Stärkung der demokratischen Strukturen im Fußball gesprochen wurde.

Der Untergang

Verletzung von Kuba
Verletzung von Kuba

Auch wenn die Zeichen schon vor dem Spiel auf Apokalypse standen, hatte so manch ein Optimist noch die Hoffnung, der BVB könnte sich dem Untergangssog noch entziehen und nach einer gefühlten Ewigkeit drei Punkte im heimischen Stadion einfahren. Die Aufstellung vielversprechend und die Ersatzbank mit namenhaften Spielern gefüllt. Doch die heile - scheinbar heile - Welt bröckelte bereits in der 3. Minute, als Kuba sich vor Schmerzen an der Seitenlinie wälzte und sich ans rechte Knie fasste. Das Spiel war für Kuba beendet, da halfen auch die lauten „Kuba-Sprechchöre“ nichts. Diagnose: Kreuzbandriss. Wenige Minuten später steht Aubameyang für Kuba auf dem Platz, jener, der im Hinspiel den FCA mit drei Toren im Alleingang zerlegte. Heute bekamen viele Zuschauer gar nicht mit, dass er auf dem Platz stand, und behaupteten felsenfest, dass der BVB 87. Minuten in Unterzahl gespielt hat. Dies liegt selbstverständlich nicht an seiner Leistung, sondern vielmehr daran, dass die Verkündung seiner Einwechslung von dem Torjubel zum 1:0 überschattet wurde. Nach einem Freistoß von Reus köpft Bender zum 1:0 ein. Es war die 6. Minute und so manch einer im Stadion schöpfte Hoffnung, dass die letzten Spiele der Hinrunde heute zurückgelassen werden könnten. Doch die Ernüchterung ließ nicht lange auf sich warten. In der 25. Minute scheiterte Lewandowski frei vor Augsburgs Torwart Hitz. Wie auch in der Hinrunde wurden beste Chancen vergeben. In die gleiche Reihe durfte sich 15. Minuten später Marco Reus einreihen, der nach einem groben Schnitzer der Augsburger Abwehr frei zum Schuss kommt. Doch auch er ballert den Ball knapp am Tor vorbei. Mit einer 1:0 Führung ging man nicht ganz unzufrieden in die Pause.

Roman Weidenfeller - Ratlos
Roman Weidenfeller - Ratlos

Nach der Halbzeit gibt der BVB den Ton. Das Spiel scheint gegenüber der 1. Halbzeit an Fahrt aufzunehmen. Sollte der Untergang tatsächlich abgewendet werden können? Als „Manni“ Bender eiskalt zum zweiten Mal am heutigen Tag den Ball einnetzt, freuen sich nur die Augsburger, die bis zu diesem Zeitpunkt den BVB nicht wirklich in Verlegenheit brachten. Es war der erste gute Angriff und die erste gute Flanke von rechts, die Bender bei seinem Rettungsversuch sicher verwandelte. Es wurde Winter im Westfalenstadion. Die Stimmung auf dem Tiefpunkt, selbst die Buschtrommeln aus dem Gästeblock vermochten keine „südländische Atmosphäre“ mehr zu verbreiten, vielmehr klangen diese nach den Trommeln des Untergangs. Auch das herrliche Freistoß-Tor von Sahin in den rechten Winkel, nur ein letztes Aufglühen, ein letztes Zucken. Als der zukünftige BVB-Neuzugang Dong-Won Ji das Spielfeld betritt, läuteten endgültig die Endzeitglocken. Jedem im Stadion war klar: Der trifft gegen uns, schließlich hat nicht jeder so viel Anstand wie Lewandowski! Keine zwei Minuten nach seiner Einwechslung war es dann endlich soweit. Vermutlich waren Schmelzer und Bender genau wie alle anderen im Stadion davon überzeugt, das Ji zum Einstand gegen seinen zukünftigen Arbeitgeber treffen würde, dass sie der Flanke von Hahn, der auch schon das erste Tor bzw. zweite von Bender vorbereitet hatte, und dem Kopfball von Ji, ihre Bewunderung schenkten. Am Ende steht es 2:2 für Augsburg, die das Ergebnis wie einen Sieg feierten.

Nach dem Untergang

Kritik an Watzke
Kritik an Watzke

Während die Dortmund Spieler zornig in der Kabine verschwinden, angefressen die Journalisten hinter sich lassen, geben die Augsburger lächelnd fleißig Interviews, wohlwissend, dass der Punkt nicht ganz unverdient gewonnen wurde. Lange Zeit hatte man mehr Ballbesitz als der BVB und verstand es der gesamten Offensivabteilung des BVB den Zahn zu ziehen, auch wenn das bei dem ein oder anderen heute nicht allzu schwer gewesen ist. Obwohl die Statistik 18 zu 6 Torschüsse für den BVB zählt, ließ man aus Augsburgersicht nur wenig wirklich gefährliche Chancen zu.

Jürgen Klopp analysierte das Spiel im Anschluss mit folgenden Worten: „Je länger das Spiel dauerte, desto mehr hat meine Mannschaft verkrampft. (…) In den letzten drei Wochen habe ich richtig viele guteTrainingseinheiten gesehen. So verkrampft wie heute habe ich die Mannschaft dabei nie gesehen. Bei beiden Gegentoren müssen wir andersstehen, auch, um Schmelzer zu helfen, der zweimal überlaufen wird.“

Südtribünen-Intro
Südtribünen-Intro

Während die ersten in Dortmund den Untergang kommen sehen, weil es ihnen schwer fällt von „Himmel hoch jauchzend“ in den normalen Bundesliga-Modus umzustellen, suchen die anderen nach Gründen für einen nüchternen Start in Fußballjahr 2014. Spielerisch läuft nicht viel bei den Jungs in schwatzgelb. Ein Mkhitaryan, der dabei verkrampft, der Fußballwelt zu zeigen, weshalb man 25 Millionen für ihn ausgegeben hat.

Ein Marcel Schmelzer, der nach langer Verletzungspause erst einmal wieder seinen Rhythmus finden muss und den Druck verspürt, von Anfang an Top-Leistungen zu zeigen, damit der Traum von der WM in Brasilien in Erfüllung geht. Ein Nuri Sahin, der in zwei Vereinen mehr oder minder gescheitert ist und sich selbst unter Druck setzt, dem Rest der Welt zu zeigen, dass er doch noch Fußball spielen kann. Ein Robert Lewandowski, dem man bei jeder vergebenen Torchance nachsagt, er sei mit dem Kopf schon in München. Hinzu kommt die Verletzenliste. Als Hummels, Subotic, Pisczek und Schmelzer und Gündogan in der Hinrunde ausfielen, war jedem klar, dass es eine ganz schwierige Saison werden würde. Neben dem Verletzungspech kam auch noch das übliche „Fußballpech“ hinzu. Hier ein Schiedsrichter, der einen schwachen Tag hat, dort eine gegnerische Mannschaft, die über sich hinauswächst. Trotz nur einem Sieg aus 7 Spielen steht der BVB auf Platz 3 der Tabelle. Wer sich über die aktuelle Art des BVB, Fußball zu spielen, beschwert, sollte sich besser einmal die Saisonrückblicke 2003- 2006 angucken. Schön, dass der Humor bei Klopp noch nicht ganz verloren gegangen ist: „ Wir werden jetzt aber nicht in Braunschweig mit bunten Kappen auflaufen. Es gibt viele Dinge, mit denen wir arbeiten können.“

Stimmen zum Spiel:

Sebastian Kehl stellte sich den Fragen der Presse nach Spielende:

...auf die Frage nach einer Erklärung für die Niederlage:

„Ehrlich gesagt habe ich auch noch keine richtige Erklärung. Wir hatten uns sehr viel vorgenommen und haben einige Dinge auch sehr gut gemacht. Auf der anderen Seite sind wir auf einen Gegner getroffen, der fußballerisch immer wieder eine sehr ruhige und ballsichere Lösung gefunden hat. Augsburg hat uns gezwungen, die Räume sehr groß zu machen. Am Ende konnten wir von dem, was wir uns vorgenommen haben, nicht alles umsetzen - etwa, wahnsinnig aggressiv und sehr eng zu verteidigen. Dazu haben wir einige Tormöglichkeiten nicht richtig nutzen können. Es war insgesamt keine Idealvorstellung.“

Liegt es an der Leidenschaft und am Biss?

Sebastian Kehl
Sebastian Kehl

„Ich glaube nicht, dass man der Mannschaft irgendeinen Vorwurf machen kann, dass sie das Spiel nicht leidenschaftlich genug angegangen ist. Wir sind wahnsinnig viel gelaufen und jeder hat versucht, sein Bestes rauszuholen. Es hat vieles nicht gepasst, aber dass es an Leidenschaft, Biss oder Einstellung gefehlt hat, kann man der Mannschaft absolut nicht vorwerfen. Dagegen würde ich mich als Kapitän vehement wehren.“

Wie ist die Stimmung innerhalb der Mannschaft nach dem Ernüchternden 2:2?

„Die Enttäuschung ist natürlich sehr groß, das konnte man bei den Spielern sehen und das hat man auch auf den Rängen gespürt. Aber es geht weiter. Wir werden uns jetzt nicht gegenseitig zerreißen und an die Wand nageln. Wir werden jetzt sicherlich nicht die weiße Fahne hissen und aufgeben. Wir werden das analysieren und dabei auch ein paar harte Worte finden. Und dann versuchen wir das, was wir uns in der Vorbereitung hart erarbeitet haben, am Freitag in Braunschweig deutlich besser umzusetzen und endlich mal wieder einen Dreier einzufahren.“

Wurden nicht schon nach dem Testspiel gegen Bochum harte Worte gefunden?

„Wenn man einmal harte Worte anwendet und sie würden sofort wirken, wäre es toll. Aber, dass sehe ich bei der Erziehung meines Sohnes, harte Worte wirken nicht immer sofort.“

Ist die Verletzung Kubas ein weiterer Tiefschlag?

„Mir tut es unheimlich leid für Kuba, wenn sich diese Diagnose bestätigt. Dann ist die Rückserie für ihn gelaufen. Das ist ein bitterer Schlag für ihn und auch für die Mannschaft. Er ist wahnsinnig wichtig für uns. Aber wir müssen auch damit umzugehen lernen. Verletzungen gehören leider zum Fußball dazu. Für uns ist es in dieser Saison sicher nicht ganz einfach. Aber wir werden uns nicht verstecken und wir werden keine Ausreden suchen. Wir nehmen die Situation so an, wie sie ist!“

Zahlen, Daten und Fakten:

Der BVB hatte: 51,5% Ballbestz, 79% seine Pässe landeten beim Mitspieler, die Spieler liefen 124km, davon 1mal ins Abseits und holten 5 Ecken heraus. Ganze 17 Foulspiele wurden begangen und durften 23 Fouls kassieren.

Noten zum Spiel:

Weidenfeller: Kaum geprüft. Kleine Unsicherheiten beim Herauslaufen nach Eckbällen, bei denen er die Bälle in Rocky-Manier wegfaustete. (3)

Bender: Doppelter-Torschütze. Für einen ungelernten Abwehrspieler machte er seine Sache solide. (3)

Großkreutz: Hielt seine Abwehrseite sauber, zeigte sich sehr selten in der Offensive. (3)

Sokratis: „Räumte alles ab, was bei drei nicht auf dem Boden lag. Sehr Zweikampfstark. (2-)

Mkhitaryan in Aktion
Mkhitaryan in Aktion

Schmelzer: Sah bei beiden Toren nicht wirklich glücklich aus, zumal auch von seinen Vorderleuten im Stich gelassen. (4-)


Kehl: Versuchte, das Spiel schnell zu machen. Stand in der Defensive sehr sicher und zeigte Präsenz im Mittelfeld. (2-)

Mkhitaryan: Lief sich häufig in der Gegnerischen Abwehr/ Mittelfeld fest. Wirkte wie ein Fremdkörper in der Mannschaft. (4-)

Reus: Vergibt zwei gute Torchancen kläglich und spielte äußerst unauffällig. (4+)

Kuba: Gute Besserung (1*)

Sahin: Traumtor, solide in der Defensive, brachte aber dem BVB nach Vorne auch nicht die nötige Durchschlagskraft. (3+)

Lewandowski: Engagiert und stets bemüht, mehr aber auch nicht. (4+)

Aubameyang: Klasse Pass mit der Hacke zum Gegenspieler und tauchte einmal „gefährlich“ vor dem gegnerischen Tor auf. (4-)

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