Spielbericht Amateure

Wasserfilter sind wie Tigerhodenbrause

06.08.2014, 13:56 Uhr von:  Redaktion

Sommerwetter in WiesbadenBei einem Kommerzverein im Kleinformat mit einer hingerotzten Wellblechhütte als Spielstätte verlor unsere zweite Mannschaft am gestrigen Dienstagabend durch ein Tor in letzter Minute. Dieses Spiel in Wiesbaden brachte erneut die Erkenntnis, dass die Welt manche Vereine einfach nicht braucht.

Es fängt ja schon mit dem Stadion an. Wie schlecht muss es eigentlich einer Landeshauptstadt gehen, wenn sie zur Attraktivitätssteigerung einen Dorfverein aus Taunusstein in ihr Zentrum, nur wenige Fußminuten vom Hauptbahnhof entfernt, lässt? Aber wahrscheinlich hat ein Bundesland, das Leute wie Roland Koch oder Volker Bouffier zum Ministerpräsidenten wählt, auch nichts anderes als Fußball-Repräsentanten verdient. Das internationale Flair war zumindest schon da: Erinnerte der Wellblechpalast doch nicht nur an eine Miniaturausgabe des Mainzer Möbelhauses, sondern nahm er offensichtlich deutliche Anleihen an der Architektur in brasilianischen Favelas, was die Gestaltung der Außenwände betrifft.

Für all dies Schaudern verantwortlich ist eine Firma namens BRITA, die Wasserfilter herstellt und als Hauptsponsor das mehr oder weniger alleinige Sagen bei diesem Nicht-Verein hat. Einst gemeinsam mit Hoppenheim nach oben marschiert, war die Episode der zweiten Liga glücklicherweise schnell Vergangenheit. Jedoch will man diese Saison durchaus oben angreifen und hat sich dafür mit „Wiesbaden kocht“ ein Motto auserkoren, was an Lächerlichkeit wohl nicht mehr zu überbieten ist. Gekocht wurde nämlich lediglich im Hauptbahnhof beim dortigen Metzger.

Berufsperspektive Ordner

Wieder mal in guter Form: Der BVB-AnhangBezeichnend, dass auch das Ordnungspersonal dieses Vereins bei einem solch harmlosen Spiel komplett überfordert war und trotz der wenigen Journalisten und Fans nur wenig auf die Reihe bekam. Langsame und pedantische Kontrollen am Eingang ließen den Eindruck entstehen, dass ein paar Leute Profi-Verein spielen wollen, obwohl das sonstige Umfeld auf Dorfverein-Niveau verblieben ist. Oder wie anders ist es zu erklären, dass keiner der befragten Ordner wusste, dass der Hauptbahnhof nur fünf Minuten die Straße runter ist. Werdet Ihr aus L.A. eingeflogen, wo ihr sonst Straßengangs jagt? Wie soll das eigentlich werden, wenn in zwei Wochen der FCK zum Pokalspiel kommt oder im Laufe der Saison Dresden oder Rostock? Verteilt ihr dann auch Bändchen in sieben verschiedenen Farben an eure fünf Heim-Zuschauer?

Natürlich darf bei einem solch „interessanten Projekt“ (hat bestimmt mal ein Wehener Spieler gesagt, bitte googlen!) auch eine total mitgehende Vereinshymne keinesfalls fehlen. Auf die Melodie von „Wir sind Zebras blau und weiß“ hat ein Sangesbarde von der Qualität eines „Kasche“ Kartners wahrscheinlich im DUDEN ein paar Wörter wahllos ausgesucht und zusammengewürfelt. Der einzige Höhepunkt des sonst zu vernachlässigenden Vorprogramms war der Einlauf der Mannschaften und die Ansage des Stadionsprechers: „Herzlichen Dank auch an die Einlaufkinder des FC Mesopotamien Wiesbaden!“

Fromlowitz macht Karriere

Gyau machte ein schwaches SpielWas muss man sportlich über den SVWW wissen, der mit Wiesbaden soviel zu tun hat wie Dortmund mit Weißwürstchen? Benyamina spielte letztens noch bei Münster und wurde da genauso verspottet wie heute. Vunguidica legte letzte Saison hier seine wohl beste Saison überhaupt hin und Luca Schnellbacher führte uns neulich bei der 1:4-Niederlage in der Roten Erde ganz bitter vor. Der Ersatztorwart heißt übrigens Florian Fromlowitz. Einst von Gerry Ehrmann in die deutsche U 21 gepusht, ist man heute nur noch die Nummer 2 bei einem solchen farblosen Verein in Liga 3. Wenn das Karriereende eine echte Option ist...

Unsere Farben begannen im Vergleich zum 2:2 gegen Kiel vor den Augen des Ex-Weheners und Ex-Borussen Toni da Silva unverändert. Schon nach drei Minuten sollte Jordanov Gyau schön freispielen, doch ging sein Schuss recht kläglich am rechten Pfosten vorbei. Diese Aktion sollte symptomatisch für die weitere Leistung des Amis sein. Bereits gewonnen hatte man zu diesem frühen Zeitpunkt jedoch schon auf der Tribüne. Während der Gästeblock nahezu ausverkauft war, wurde die Heimtribüne von einer Masse bevölkert, über die mancher Fünftligist lachen kann. Da halfen auch die berüchtigten TaunusTorpedos und ihre Supportversuche nichts.

Ansonsten war die erste Halbzeit recht arm an Höhepunkten. Der BVB hatte gerade durch Jordanov spielerische Vorteile, während Wehen bei jedem, aber wirklich jedem Standard gefährlich wurde. Unsere Verteidigung spielte dabei stets auf Abseits, was immer so gerade noch gutging. Hätte aber auch nur ein Akteur mal nicht aufgepasst, hätte ganz Wehen allein vor Alomerovic gestanden (17., 38.,69.). Mit dem Halbzeitpfiff wurde Gyau noch einmal von Bandowski herrlich freigespielt, doch auch diese Gelegenheit wurde vom Flügelstürmer recht kläglich vertändelt.

Alomerovic unüberwindbar

Über Jordanov liefen alle gefährlichen AktionenIn der zweiten Hälfte war das Spiel dann etwas munterer und Alomerovic bewies wieder einmal, dass er sich im 1:1 vor wohl keinem Torwart in Deutschland verstecken muss. Sowohl gegen Benyamina (50.) als auch gegen Schnellbacher (82.) machte er sich ganz groß, sodass die gegnerischen Stürmer einfach keine Lücke fanden. Dazwischen war es erneut Benyamina, der nach einer Hereingabe das leere Tor nicht traf (54.). Anschließend wünschte ihn der Wut-Wiesbadener auf der VIP-Tribüne zurück in die nordafrikanische Wüste.

Beim BVB war es Nyarko, der die Führung in der 64. Minute hätte besorgen müssen. Nach einer zweifelhaften Abseits-Entscheidung gegen Wehen schaltete der BVB schnell über Harder und Solga um, der wiederum den Ball in den Rücken der Abwehr herrlich auf Nyarko passte. Völlig freistehend zielte dieser jedoch zu genau und traf nur die Latte aus etwa 14 Metern. In der Folgezeit dominierten unsere Jungs das Spiel mehr und mehr, da beim Gastgeber sichtlich die Kräfte schwanden. Wehens Trainer Kienle wechselte mit Müller für Benyamina sogar einen Abwehrspieler ein, um den Punkt zu sichern.

Doch wie so oft in der Vergangenheit wurde die Naivität und Angriffsfreude unserer Jungs von den meist erfahreneren und cleveren Gegner noch bestraft. Eine Minute vor Schluss verlud Vunguidica in seiner besten Aktion Narey und in der Mitte löste sich der eingewechselte Kleinsorge von Bandowski. Alomerovic blieb ohne Chance und die bittere 0:1-Niederlage bei diesem Mäzenatenverein war perfekt.

Narey ließ sich vorm Gegentreffer ausspielenSo beschissen sich diese Niederlage auch anfühlt: Es hilft ja alles nix! Es muss weitergehen und nach Sieg, Remis und Niederlage wieder der Aufwärtstrend eingeleitet werden. Dazu passt es perfekt, dass der BVB am kommenden Samstag (14 Uhr) die Eintrittspreise für das Spiel gegen Jahn Regensburg drastisch reduziert hat. Für schmale 2 Euro auf den Stehtraversen und 4 Euro auf der altehrwürdigen Tribüne kann dabei zugeschaut werden, wie der Jahn zurück in die Oberpfalz geschossen wird. Preise gut, Wetter gut, alles gut! Es muss das Ziel sein, dass Stadionsprecher Hartmut Salmen wie bei den Profis an diesem Samstag auch bei unseren Amateuren sein legendäres „ausverkauft“ entsprechend zelebrieren kann.


Und dann war da noch...

…der Gedanke daran, wie gut wir es mit unseren Amateuren und uns als Fans getroffen haben. Während dieser Retortenverein darauf angewiesen ist, dass das grässliche „Döp, döp“ nach Tor und Sieg so etwas wie Stimmung zu simulieren versucht, hörte ich noch kurz vorm Bahnhof und weit außerhalb des Stadions unsere Fans „Amateure, Amateure“ skandieren.

Stimmen zum Spiel

Die Enttäuschung nach Abpfiff war großDa die Deutsche Bahn und der DFB bei der Spielplangestaltung nicht die Zugfahrpläne in Richtung Dortmund bedacht haben, konnte die folgende PK leider nicht besucht werden. Es ist aber davon auszugehen, dass Trainer David Wagner erneut stolz auf Team und Fans war.

Daten zum Spiel

SV Wehen-Wiesbaden (4-4-2-): Kolke – Mrowca, Herzig, Geyer, Mintzel – Jänicke (83. Kleinsorge), Wiemann, Book (90.+2 Wein), Vunguidica – Schnellbacher, Benyamina (78. Müller)

BVB II (4-2-3-1): Alomerovic – Narey, Hornschuh, Stankovic, Bandowski – Solga, Nyarko – Gyau (61. Väyrynen), Jordanov, Kefkir (52. Derstroff) – Harder

Tor: 1:0 Kleinsorge (89., Vorarbeit Vunguidica)

SR: Schlager (Niederbühl)

Zuschauer: 3.382 (Lächerlich! Davon kam die Hälfte ja schon aus Dortmund. Wir haben bei Heimspielen 5.000 Heim-Zuschauer, aber Wehen gehört bestimmt auch zu den Vereinen, die die Fresse aufreißen und keine Zweitvertretungen in Liga 3 haben wollen. Richtiger Comic-Verein!)

Chancen: 5:3

Ecken: 2:5

Gelbe Karten für den BVB: Solga (67., taktisches Foul), Jordanov (69., Foulspiel)

Malte D., 6.8.2014

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