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"Last Christmas" in Zagreb - Ein Reisebericht

15.12.2014, 20:26 Uhr von:  Redaktion

Spielszene Dinamo gegen CelticTraditionsreiche Stadien in hochinteressanten Städten mit klangvollen Duellen - im Schatten der alles überstrahlenden Champions League fristet die Europa League nur ein Schattendasein. Doch für Fußball-Nostalgiker und -Romantiker, die sich weniger nach pompösen Inszenierungen im Zeichen des Sternenballs sehnen, sondern vielmehr nach alten Betontribünen ohne Dach, nach Flutlichtmasten und dem Flair vergangener Jahrzehnte, für den hat dieser Wettbewerb jede Menge zu bieten. Und so begab ich mich am vergangenen Donnerstag auf den Weg nach Zagreb, um mir im Maksimir-Stadion das Europapokal-Spiel zwischen Dinamo Zagreb und Celtic Glasgow anzusehen. Altes Stadion mit Charisma trifft auf reisefreudigen, stimmgewaltigen Anhang, die Vorzeichen standen gut.

Vorgeschichte

Mit Interesse studierte ich im Spätsommer den frischen Spielplan der Europa League auf der Suche nach interessanten Begegnungen, die man auch vergleichsweise unkompliziert erreichen kann. In die engere Auswahl kamen hierbei zwei Spiele: Dinamo Zagreb gegen Celtic Glasgow und insbesondere Legia Warschau gegen Metalist Charkiw. Doch nach ausführlichem Stöbern auf der Internetseite Legias stellte ich fest, dass man sich in Polen wohl ebenfalls - wie beispielsweise auch in den Niederlanden - grundsätzlich als Fan registrieren muss, um überhaupt Karten kaufen zu können. Nun hatte ich darauf prinzipiell keine Lust - habe aber auch die entsprechende Anleitung nicht verstanden - sie war nur auf Polnisch abrufbar. Und so fiel die Wahl auf Dinamo Zagreb gegen Celtic Glasgow; die Flüge schnell gebucht und so stand die Reise nach Kroatien.

Anreise

Mit dem Billigflieger ging es nun also in die kroatische Hauptstadt. Doch zuvor ein Zwischenstopp in Berlin-Tegel. Ich war zum ersten Mal dort - und drücke den Berlinern die Daumen, dass BER möglichst bald eröffnet wird. Tegel jedenfalls ist derart unübersichtlich und ranzig, dass man sich keinen längeren Aufenthalt wünscht als die Stunde, die ich dort beim Umstieg verbringen musste.

Vom Zagreber Flughafen pendeln Reisebusse halbstündlich zum zentralen Busbahnhof in der Innenstadt. 30 Kuna, also keine vier Euro, für eine halbe Stunde Fahrt im einsetzenden Zagreber Feierabendverkehr - das ist fair. Der Busbahnhof befindet sich quasi direkt neben dem Hauptbahnhof, doch für die Erkundung der Innenstadt blieb keine Zeit mehr. Der Stundenzeiger hatte mittlerweile bereits die 16 erreicht, sodass nur der direkte Weg zum Stadion blieb.

Das Stadion

Blick auf die Nordtribüne im MaksimirIch entschied mich dazu, zum Stadion zu laufen, um so wenigstens noch ein paar Eindrücke von der Stadt und den Leuten gewinnen zu können. Eine knappe halbe Stunde sollte man für die rund drei Kilometer über die zentralen Straßen namens „Ulica kneza Branimira“ und „Ulica Kralja Zvonimira“ einplanen. Zwar wusste ich im Vorfeld, dass die Dinamo-Fans die Spiele ihres Vereins wohl aus Unzufriedenheit mit der Vereinsführung weitgehend boykottieren - und doch war ich überrascht, überhaupt keine - erkennbaren - Fans in den Straßen auf dem Weg zum Stadion zu sehen. Vielleicht war ich drei Stunden vor dem Spiel aber auch einfach nur viel zu früh unterwegs.

Und dann, die Wirtschaftsfakultät gerade hinter mir gelassen, erstreckte es sich in der sich abzeichnenden Abenddämmerung an der „Maksimirska cesta“: Das Stadion Maksimir, oder einfach nur Maksimir, wie es im Volksmund analog zum umgebenden Stadtteil genannt wird. Drei rechteckige Tribünen ohne Dächer ragen in den Himmel. Die vierte, die Südtribüne, ist in Kurvenform hinter dem Tor ausgerichtet und dient als Gästekurve. Auf ihr ist auch eine große elektronische Anzeigetafel angebracht. Und das schönste: In den Ecken bildeten die Fluchtlichtmasten ein weithin sichtbares Merkmal, wie man sie heute kaum noch im großen Fußball findet. Das Spielfeld ist umgeben von einer Laufbahn, die - wie in Berlin - in den Vereinsfarben blau-weiß gehalten ist. Auch wenn das Stadion zwischenzeitlich einige Male renoviert wurde, der Charme vergangener Jahrzehnte war in diesem bereits 1912 eröffneten Fußballstadion - welches sich übrigens im Besitz der Stadt Zagreb befindet - überall zu spüren.

Das Spiel

Zuschauer waren lange Zeit nicht zu sehen. Die Uhr zeigte bereits 18 Uhr, als die ersten Fans das Maksimir erreichten. Vor allem der Gästeblock füllte sich nun schnell und die Schotten schmückten ihren Zaun mit allerlei Fahnen und Bannern. Rund 35.000 Zuschauer passen in das Maksimir. Eine offizielle Zuschauerzahl konnte ich nirgendwo finden (und wenn sie durchgesagt wurde, dann habe ich - des Kroatischen nicht mächtig - sie nicht verstanden), aber außer einem vollen Gästeblock waren die Tribünen weitgehend verwaist. Optimistisch geschätzt dürfte das Stadion maximal zu zehn Prozent gefüllt gewesen sein.

Der Gästeblock von CelticStimmungsmäßig taten sich natürlich nur die Schotten hervor. Stimmgewaltig supporteten sie ihr Celtic, zu Spielbeginn unterstützt auch von einem bengalischen Feuer. Einen besonderen Moment gab es nach der Halbzeit. Zur Überbrückung der Pause dröhnte Whams „Last Christmas“ durch die Stadionboxen. Mit dem Anpfiff der zweiten Hälfte verstummten zwar die Lautsprecher, doch der Gästeblock drehte dafür umso mehr auf. Minutenlang schmetterten die Celtic-Anhänger, unterstützt von ihren Trommeln, weiter den Refrain von „Last Christmas“ durch das Stadion - und ließen sich dabei auch nicht vom Spielverlauf irritieren, gerieten sie doch gerade binnen weniger Minuten von 2:2 auf 2:4 in Rückstand. Das Jahr ist zwar noch nicht komplett vorbei, aber diese Augenblicke zählen auf jeden Fall zu meinen Top-3-Stadionmomenten in 2014 - und die Schotten untermauerten einmal mehr ihren Ruf als im positivsten Sinn völlig verrückte Anhänger. Celtic gelang kurz vor Schluss noch das 3:4, doch mehr auch nicht.

Rückreise und Fazit

Auf dem Rückweg zum Busbahnhof kam ich leider an keinem Imbiss mit kroatischen Spezialitäten mehr vorbei, sodass mir um halb 11 nur noch eine Pizzeria blieb. Aber die Einkehr sollte ich auch nicht bereuen. Schließlich am Busbahnhof angekommen stellte ich fest, dass der nächste Bus erst um 5 Uhr morgens gehen sollte. Die 120 Kuna, etwas über 15 Euro, mit dem Taxi zum Flughafen sind aber ebenfalls ein fairer Kurs.

Mit einem hochinteressanten Ausflug in den kroatischen Fußball im Gepäck startete der Flieger am Freitagmorgen zurück nach Deutschland - an Bord übrigens auch noch zahlreiche Schotten, die die Nacht ganz offensichtlich noch zum Tage gemacht hatten.

Ein ausführliches Studium des Europapokal-Spielplanes kann ich also nur wärmstens empfehlen. Gerade in den Qualifikations- und auch der Gruppenphase bieten sich dem nostalgischen Fußballfreund allerlei interessante Ziele im Zeichen des Fußballs. Eins habe ich mir vorgenommen: Dies war nicht die letzte Reise dieser Art! Und vielleicht kann ich ja eines Tages sogar mit der Borussia im Gästeblock des Maksimir-Stadions stehen. Es würde sich lohnen!

Daniel Mertens, 15.12.2014

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