Helden in schwatzgelb

Der verlorene Sohn, der keiner ist (…oder warum das Denkmal eines Feuerkopfes in Flammen aufgeht)

12.03.2014, 20:10 Uhr von:  Gastautor Arne
Der verlorene Sohn, der keiner ist (…oder warum das Denkmal eines Feuerkopfes in Flammen aufgeht)

Kaum ein ehemaliger Borusse polarisiert so sehr wie Matthias Sammer. Vom einstigen schwarzgelben Idol ist schon vor Jürgen Klopps Seitenhieb kaum noch etwas vorhanden gewesen. Eine Geschichte über die Verwandlung eines Beinahe-Heiligen vom Paulus zum Saulus.

Es war der 26. November 1994, als Matthias Sammer gleichermaßen in die Fußballgeschichte einging und seinen Weg in die Herzen der Borussen fand. Im Bundesligaspiel auf dem Gladbacher Bökelberg erlitt der „Feuerkopf“ eine klaffende und stark blutende Platzwunde, wegen der er minutenlang behandelt werden musste. Anstatt sich in der Folge jedoch auswechseln zu lassen, wurde Sammers Augenbraue noch am Spielfeldrand getackert und er spielte anschließend weiter, als sei nichts gewesen. Die Dortmunder Borussia verspielte in der Folge zwar ihre 3:1-Führung, doch die Szene des blutenden und brüllenden Liberos und des tackernden Mannschaftsarztes hielt Einzug in das kollektive Bundesligagedächtnis. Matthias Sammer war zur schwarzgelben Legende geworden. Die Narbe ist noch heute erkennbar.

Es war die Blaupause dafür, wie Dortmunds Nummer 6 seinerzeit als Spieler, aber auch später als Trainer und Funktionär, den Fußball interpretierte und welches Verständnis von Engagement und Arbeitsethos er für sich selbst wie auch jeden anderen zur Maxime auserkor – bis hin zur Vernarbung von geschlagenen Wunden. Bis heute sieht Sammer sich gerne in der Rolle des Unbequemen, des Mahners, des aneckenden Typen, für den der Erfolg im Mittelpunkt steht und der von sich und allen anderen erwartet, persönliche Interessen, Wünsche und Vorlieben hinter die gemeinsame Sache zu stellen.

Ich habe meine ganze Kindheit dem Fußball geopfert. Ich war nicht einmal im Ferienlager (Matthias Sammer im Tagesspiegel)

Doch ganz so selbstlos und im Dienste von Verein und Mannschaft, wie er es nach außen darstellte, agierte Sammer nie. Das wurde aus Dortmunder Sicht erstmals 1996 deutlich, als Sammer Vorreiter einer neuen Form der Vermarktung wurde, in dem er den großen „Schuhkrieg“ zwischen Nike und Adidas vom Zaun brach. Weil er – BVB-Ausrüster Nike zum Trotz – auf das Tragen von Adidas-Schuhen bestand, brachte er jene Lawine ins Rollen, die heute praktisch jedem Fußballprofi einen individuellen Ausrüstervertrag beschert – was gleichzeitig den Werbewert des jeweiligen Vereins für seinen Ausrüster mindert. Es ist die Ironie des Schicksals, dass derselbe Matthias Sammer im Hier und Jetzt beim FC Bayern auf der Präsentation Mario Götzes im Nike-Shirt gequälte Miene zum bösen Spiel machte und sich dafür offenbar auch vereinsintern eine gehörige Gardinenpredigt anhören musste.

Schuhe indes waren nicht die einzige Extrawurst, die sich Matthias Sammer als Topspieler der Borussia herausnahm. Immer wieder flirtete Sammer mit München, ließ sich gar beim Mannschaftsarzt der Bayern, Dr. Müller-Wohlfahrt, behandeln und zettelte aufgrund seiner Verletzung einen großen Streit mit dem damaligen BVB-Vereinsarzt Dr. Büscher an, der letztlich in dessen Demission endete. Und als der FC Bayern schon Mitte der 90er seine Augen auf die Top-Spieler des BVB - Stefan Reuter, Steffen Freund und eben Matthias Sammer – warf, nutzte das Trio die Gelegenheit zum Gehaltspoker, was insbesondere Sammers Gage bei der Borussia in neue Sphären katapultiert haben dürfte.

Trotz all dieser Extravaganzen galt Matthias Sammer stets als tadelloser Sportsmann und Gallionsfigur der Borussia, als Denker und Lenker des BVB-Spiels. Seine Interpretation des „Liberos vor der Abwehr“ entsprach ziemlich genau dem spielerischen Sechser, wie wir ihn heute kennen, der seinerzeit jedoch ungeheuer fortschrittlich daherkam. In dieser Rolle avancierte Sammer bis zu seinem tragischen Karriereende zum vielleicht weltbesten Verteidiger, in jedem Fall aber zum „Europäischen Fußballer des Jahres 1996“. Der Anteil Sammers an den Meisterschaften 1995 und 1996 und am Europameistertitel der Nationalmannschaft im selben Jahr kann kaum hoch genug eingeschätzt werden.

Sammer war in dieser Zeit nicht nur fußballerisch einer der dominantesten Spieler des Erdballs, er war aufgrund seiner kompromisslosen und dem Erfolg alles und jeden unterordnenden Art auch das Idol vieler Fußball-Fans, ganz besonders hier in Dortmund. Seine Aufopferung für den Sieg, für das Gewinnen war zuweilen geradezu manisch, was besonders im Ruhrgebiet von den Fans teilweise stürmisch begrüßt wurde. Zusätzlich neigte er zu einer erfrischenden Geradlinigkeit in Interviews, die zuweilen in der schonungslosen Aufdeckung von blöden Phrasen und inhaltleeren Reporterfragen gipfelte. Dieser Mann lebte und redete Klartext – da waren sich fast alle einig.

Doch geliebt werden, so äußerte sich Sammer als Spieler einst, das wolle er gar nicht. Der Respekt der Leute sei ihm sehr viel wichtiger. Und so eckte er schon als Aktiver immer wieder an bei Trainer, Mitspielern, Gegnern oder Publikum. Dass er dabei nur bedingt bereit war, seinen eigenen Kopf der gemeinsamen Sache unterzuordnen, wurde spätestens 1997 in größerem Ausmaß offenbar. Hinter den Kulissen gärte es bei der Borussia. Trainer Hitzfeld und Spieler Sammer hatten konträre Ansichten und Letzterer zudem den exzellenten Draht zum Präsidenten Dr. Niebaum. So ging es nach dem Champions-League-Sieg plötzlich ganz schnell: Hitzfeld trat als Trainer zurück, beobachtete noch ein Jahr als Sportdirektor den Markt und siedelte dann nach München zum FC Bayern über, um dort seine Titelsammlung fortzusetzen. Der BVB hingegen geriet in immer heftigere Turbulenzen und der dauerverletzte Matthias Sammer vermochte nichts mehr dagegen beizutragen.

Vor 600 geladenen Gästen in Bogenhausen fand Präsident Niebaum, in der Süddeutschen Zeitung als „Sonnengott von Dortmund“ tituliert, kein Wort des Dankes oder des Lobes für seinen Duzfreund, mit dem er längst nicht mehr das Vertrauensverhältnis der Meisterjahre 95 und 96 hatte. Und auch Sammer, den Hitzfeld schon mal zurechtgewiesen hatte „Matthias, erst denken, dann reden!“, ließ in Interviews keine Gelegenheit aus zu betonen: „Ohne die Appelle von Dr. Niebaum an die Mannschaft wären wir nie Europapokal-Sieger geworden!" (Ruhrnachrichten)

Ottmar Hitzfeld, dem Trainer, und Matthias Sammer, dem Kapitän und Libero, war jedoch weniger nach Feiern als nach Lamentieren zumute. „Wir haben uns nicht auf dieses Finale gefreut“, sagte Hitzfeld; „im Vorfeld“, fügte Sammer hinzu, „sind einfach zu viele negative Dinge vorgefallen.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Die Folgejahre gerieten turbulent. Nevio Scala kam und ging, Michael Skibbe kam und wurde gegangen. Bernd Krauss führte die Borussia beinahe in die zweite Liga, bis Dr. Niebaum und Michael Meier in einem verzweifelten Geniestreich Udo Lattek verpflichteten, ihm Matthias Sammer als Trainerlehrling an die Seite stellten und der BVB letztlich das rettende Ufer erreichte.

Matthias Sammer, schon als Spieler gefühlt immer ein halber Trainer, übernahm das Amt des Übungsleiters im Jahr 2000 dann komplett und bekam vom Vorstand – quasi als Einstandsgeschenk – allerhand Topspieler zur Seite gestellt. Jens Lehmann, Christian Wörns, Jürgen Kohler, Lars Ricken und Dede standen bereits bei den Schwatzgelben unter Vertrag. Es folgten – finanziert durch die Einnahmen des Börsengangs – unter anderem Tomas Rosicky, Jan Koller, Marcio Amoroso, Sebastian Kehl, Ewerthon und Christoph Metzelder.

Ihre Visionen, sich nicht mit Durchschnitt zufrieden zu geben, haben sich gepaart mit meiner Denkweise. Es hieß in Dortmund früher immer: Egal, auf welchem Platz ihr landet, Hauptsache, ihr schlagt Schalke 04. Von einem solchen Kirchturmdenken musste man weg. Deshalb benötigte der BVB Männer mit Visionen, mit klaren und außergewöhnlich hohen Zielen. Dafür standen Niebaum, Meier und Hitzfeld. (Matthias Sammer im Interview mit der Westfälischen Rundschau am 19.12.2009)

In der Anfangszeit schien es dabei, als sollte der Trainer Sammer nun all die Versprechen einlösen können, zu denen der Spieler Sammer nach seiner Knieverletzung nicht mehr in der Lage war. Im ersten Jahr erspielte sich die im Vorjahr noch gegen den Abstieg kämpfende Borussia einen guten dritten Tabellenplatz, im darauffolgenden Jahr durften die Schwatzgelben dann nacheinander tollen Offensivfußball, den UEFA-Cup-Finaleinzug und die sechste Deutsche Meisterschaft bejubeln.

Doch im Erfolg werden bekanntlich die größten Fehler gemacht und Fehler beging der junge Trainer Matthias Sammer in der Folge zuhauf. Hatte der BVB die Meisterschaft 2002 noch mit Offensivfußball errungen, wobei insbesondere die Brasilianer und die kreativen Köpfe der Mannschaft große Freiheiten genossen und diese Freiräume durch Leistung zurückzahlten, engte das sture taktische und gedankliche Konzept des Trainers diese Kreativität in der Folge zunehmend ein. Insbesondere mit dem schwierigen Charakter des Marcio Amoroso kam Sammer nicht zurecht. Der Versuch, die launische Diva in das enge Korsett der Sammer‘schen Vorstellungen von einem Profi und dessen Aufgaben zu pressen, war von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Dabei offenbarte der Trainer Sammer eine verkniffene Pedanterie, die der manischen Erfolgsorientiertheit des Spielers Sammers in nichts nachzustehen schien. Manchmal wirkte es, als könne er wie ein Süchtiger einfach nicht davon ablassen, Amoroso erziehen zu wollen. Mit Amoroso verbunden ist dann auch die vielleicht schwerwiegendste Fehlentscheidung des Trainers Sammer: Das spiel gegen Real Madrid in der Champions League im Februar 2003 war eigentlich schon zugunsten des BVB entschieden, das Halbfinale gebucht, als Sammer zum Erstaunen aller Zuschauer Linksverteidiger Dede vom Feld nahm und eben jenen Marcio Amoroso brachte, der das Spiel im Alleingang verlor. Entlastungsangriff des BVB, Ballverlust Amoroso, Stellungsfehler des ebenfalls kurz zuvor eingewechselten Billy Reina, eine verwaiste linke Abwehrseite, Zuspiel Zidane, Torschuss Portillo. Durch den direkten Vergleich war der BVB zwei Spiele später ausgeschieden. Ein sportlicher und finanzieller Rückschlag, denn die sündhaft teure Mannschaft konnte jede Zusatzeinnahme durch ein Weiterkommen gut gebrauchen.

Trainer Sammer
Trainer Sammer

Die Rückschläge häuften sich: Am letzten Spieltag der Saison 2002/2003 vergeigte die Borussia desaströs den direkten Champions-League-Einzug im Heimspiel gegen Cottbus und musste stattdessen gegen den FC Brügge in die Qualifikationsrunde, wo ausgerechnet erneut Marcio Amoroso den entscheidenden Elfmeter vergab. Statt der Königsklasse spielte der hochdekorierte Borussenkader nur noch UEFA-Cup und schied auch dort bereits in der zweiten Runde auf beschämende Art und Weise gegen den FC Sochaux aus. Nachdem es mit Platz 6 in der Liga für die Folgesaison nicht einmal mehr für den UEFA-Cup reichte, war Matthias Sammer als Trainer der Borussia am Ende. Viele Fans ärgerten sich über die sportliche Flaute, viel schlimmer wogen jedoch die wirtschaftlichen Konsequenzen der reihenweise verpassten Ziele.

Insgesamt und für damalige Verhältnisse absurd hohe mehr als 70 Millionen Euro hatte der BVB in den vier Jahren unter Matthias Sammer netto in neue Spieler investiert. Nur der FC Bayern blätterte in derselben Zeit ungefähr genauso viel Geld hin, errang damit aber immerhin zwei Meisterschaften, einen Pokalsieg und die Champions League samt Weltpokal. Zum Vergleich: Seit Jürgen Klopp Trainer der Borussia ist, wurden in sechs Spielzeiten lediglich rund fünfeinhalb Millionen Euro netto in Transferausgaben gesteckt. Nicht einmal ein Zwölftel.

Der BVB stand zum Zeitpunkt von Sammers Demission vor einem Scherbenhaufen. Erste Gerüchte über die finanziellen Probleme der Borussia machten am 21. Dezember 2003 die Runde, es sollten zahlreiche Enthüllungen folgen. Und neben der katastrophalen Finanzpolitik von Michael Meier und Dr. Gerd Niebaum waren es eben auch die sportlichen Fehlschläge unter Matthias Sammer und die Geldvernichtung im Fall Amoroso, die beinahe den Sargnagel des BVB dargestellt hätten.

Es folgte das Engagement Sammers beim VfB Stuttgart – und damit ein neuerlicher Rückschlag. Mit dem hoch dekorierten Kader des Clubs rund um Timo Hildebrand, Markus Babbel, Fernando Meira, Svonimir Soldo, Aleksandr Hleb, Horst Heldt, Cacau, Kevin Kuranyi und Top-Talent Mario Gomez verpasste Sammer den Einzug in die Champions League und lieferte den Zuschauern vor allem eines: unattraktiven, unansehnlichen Fußball. Nach nur einer Saison war das Intermezzo beendet, Armin Veh führte den klug ergänzten VfB-Kader zwei Jahre später zur Deutschen Meisterschaft.

„Matthias Sammer hat als Spieler und Trainer stets das Kollektiv, die Mannschaft über alles gestellt und danach gehandelt. Es liegt wohl an seinem unverwechselbaren Charakter, an seiner Sturheit und seinem Temperament, dass er manchmal wie ein Einzelkämpfer wirkt.“ (Tagesspiegel)

Und Matthias Sammer? Der flüchtete aus dem Traineramt ins Funktionärsdasein und begann als Sportdirekter beim Deutschen Fußball Bund, zuallererst zuständig für die Jugendarbeit des Verbandes, denn die Kompetenz für den glamourösen Teil – die Nationalmannschaft – erhielt Sammer nicht. Keine guten Voraussetzungen für ein Alphatier wie Sammer, der in der Folge daher stetig Versuche unternahm, den eigenen Einflussbereich zu vergrößern und sich in dem Zuge immer wieder mit den für die Nationalelf Verantwortlichen, Jürgen Klinsmann, Oliver Bierhoff, Joachim Löw, und letztlich sogar mit der Frauen-Nationalelf anlegte.

Genau der Sammer, der als Spieler und Trainer des BVB, im Umgang mit der Personalie Amoroso und als Sportdirektor des DFB fast schon manisch Wert auf Persönlichkeitsbildung und Wertevermittlung legte, offenbarte in der Zusammenarbeit also ein miserables Teamplay.

Im Sommer 2010 wurden die Kompetenzen DFB-intern neu geregelt und Sammers Wunsch entsprochen, die U21 als wichtigste Nachwuchsmannschaft ebenfalls in dessen Verantwortungsbereich zu legen. Ein gutes halbes Jahr später kokettierte dieser dann erst mit einem Wechsel zum HSV und sagte diesem zur allgemeinen Hamburger Verärgerung und Verwunderung in allerletzter Minute ab, nur um im Sommer 2011 seinen Vertrag beim DFB letztlich bis 2016 zu verlängern.

"Wir sind enttäuscht und überrascht. Wir hatten über Wochen sehr gute und konstruktive Gespräche und waren uns in den inhaltlichen Fragen einig", erklärte er. "Es lag ein ausverhandelter Vertrag vor. Sein Rückzug ist für uns nicht nachvollziehbar." (Ernst-Otto Rieckhoff, damaliger HSV-Aufsichtsratschef im Kicker Sportmagazin)

Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Matthias Sammer schien zunehmend das große Ganze aus dem Blick zu verlieren und stattdessen nur noch auf das eigene Fortkommen und den eigenen Vorteil bedacht. Eine Liebesbeziehung war die Position beim DFB aufgrund zu geringen Einflusses ohnehin nie gewesen. Und so wurde aus vereinbarten fünf weiteren Jahren am Ende auch nur eines. Seit der Saison 2012/2013 ist Matthias Sammer nun Sportdirektor beim FC Bayern, wobei die exakte Aufgabenstellung des inzwischen kahlköpfigen Ex-Rothaarigen kaum jemandem so richtig einleuchtet.

Seit Sammer beim FC Bayern tätig war, mischte sich nämlich auch Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender Uli Hoeneß wieder mehr in jenes Tagesgeschäft ein, aus dem er sich zuvor noch zurückziehen wollte und das in der Folge mehr schlecht als recht von Christian Nerlinger verantwortet wurde. Auch Karl-Heinz-Rummenigge als Vereinspräsident kam und kommt nur an wenigen Mikrofonen und Kameras vorbei. Der Erfolg hat eben viele Väter. Und so wurde Matthias Sammer in der „Zeit“ als „Mann ohne Aufgabe“ beschrieben, der nichts entscheiden dürfe und an der Säbener Straße nur im Nebengebäude sein Büro habe, fernab der richtigen Entscheider. Immerhin: Mit weitgehend verantwortungslosen Aufgabenstellungen, die eigentlich keine sind, kennt sich Sammer seit seiner DFB-Zeit bestens aus.

Trainer Sammer
Trainer Sammer

Also verlagerte sich Sammer in der Öffentlichkeit auf eben jene Rolle, in der er sich jeher am besten gefiel: Die des Mahners, des Kritikers, des ewig Unzufriedenen. Und findet so immerhin Gelegenheit, jene Beziehung zum BVB wieder aufleben zu lassen, um die es lange Zeit ruhig geworden war.

Die Spielerkarriere viel zu früh tragisch beendet, als Trainer faktisch gescheitert und als Sportdirektor beim DFB kaum mehr als den Frühstücksdirektorenposten innehabend, konnte Matthias Sammer mitansehen, wie sich bei der Borussia die Dinge grundlegend veränderten. Erst wurde der einstige Ziehvater Niebaum mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt und dann war es ausgerechnet ein Trainertyp wie Jürgen Klopp – die personifizierte Antithese zu Matthias Sammer –, der die Borussia auf ungeahnte Erfolgsbahnen brachte. Und plötzlich entwickelte sich im Verlauf der letzten Jahre ein offensichtlich gestiegener Bedarf Sammers, sich am BVB und den handelnden Personen abzuarbeiten.

Anlässlich der Jubiläumsgala vor mehr als vier Jahren hatte sich Sammer erstmalig genötigt gefühlt, die Dortmunder Entwicklung eingehender zu kommentieren. Zu diesem Zeitpunkt wurde in Dortmund von zwei Meisterschaften, dem Double und einem CL-Finale maximal heimlich geträumt, aber die Verpflichtung Klopps hatte einen spürbaren Ruck im Verein und seinem Umfeld ausgelöst. Sammer nahm nun die Gelegenheit war, seine tiefe Verbundenheit mit dem BVB zu betonen, nicht aber ohne für den einstigen Boss und freundschaftlichen Vertrauten Dr. Gerd Niebaum in die Bresche zu springen, von dessen Unterstützung und Finanzpolitik er selbst lange Zeit profitiert hatte. Und so beklagte Sammer, dass das sportliche Lebenswerk seines großen Gönners beim gerade wieder halbwegs gesundeten BVB zu wenig gewürdigt werde.

„Jetzt, zum 100. Geburtstag, sollte man sich allmählich darauf besinnen, was Niebaum dem Verein, den Fans und der Region gegeben hat. Das kommt mir zu kurz, und das macht mich traurig“, so Sammer in dem vielzitierten Interview mit der Westfälischen Rundschau anlässlich des 100. Geburtstags des BVB. Die von Niebaum eingegangenen Risiken, die den BVB beinahe in die Insolvenz und in die sportliche Handlungsunfähigkeit geführt hatten, hielt Sammer dabei für eine Notwendigkeit: „Die Entwicklung von Borussia Dortmund war wegen der wirtschaftlichen Standortnachteile im Ruhrgebiet stets mit einem gewissen Risiko verbunden. Sonst wäre das, was die Menschen genießen konnten, nämlich Meisterschaften, Champions League und Weltpokal, nicht möglich gewesen.“ (derWesten)

Anderthalb Jahre später strafte die von Michael Zorc und Jürgen Klopp zusammengestellte und runderneuerte Borussia Sammers Worte ein erstes Mal Lügen.

„Die zweite entscheidende Phase [der Karriere] folgte bei Borussia Dortmund, wo ich mich nach meinem Wechsel von Inter Mailand neu beweisen und die nächsten Schritte gehen wollte. Hier, in diesem großen Verein, haben die Menschen mich geprägt. Namentlich und zu allererst genannt sei der damalige Präsident Gerd Niebaum. Er war derjenige, der immer wieder den Dialog gesucht und mich geformt hat.“ (Matthias Sammer im Interview mit der Westfälischen Rundschau am 19.12.2009)

Die Freundschaft zwischen Sammer und Niebaum ging und geht allerdings weit über das hinaus, was sich anhand dieses Zitats erahnen lässt. Niebaum versorgte Sammer in seiner Zeit als Fußballer beim BVB (und auch später als Trainer) wie schon eingangs erläutert mit lukrativen Verträgen – angesichts der Leistungen des damals als „Feuerkopf“ geradezu berüchtigten Mittelfeldregisseurs und Defensivstrategen sicher mehr als legitim.


Die Fürsorge Niebaums zahlte Sammer allerdings mit einer realitätsverweigernden Nibelungentreue zurück, die bis heute Bestand hat. So begleitete Sammer Niebaum zum offiziellen Festakt im Rahmen des BVB-Jubiläums und ließ sich von ihm bei seinem Wechsel vom DFB zum FCB begleiten und juristisch beraten. Nun ist es alles andere als eine Schande, einem gefallenen Freund die Hand zu reichen – es spricht sogar eher für den Wertekanon des Menschen Sammer. Aber der ehemalige Sportdirektor des DFB fühlte sich in besagtem Interview eben auch genötigt, eine flammende Lanze für seinen Freund und Gönner zu brechen, in diesem Fall unter vollständiger Ausblendung der bekannten Fakten.

„Ich empfinde es als höchst ungerecht, dass Gerd Niebaum allein für die spätere wirtschaftliche Schieflage an den Pranger gestellt wird. Man sollte ihm eher ein Denkmal bauen. Denn das finanzielle Fiasko, wenn es denn eines war, hat man relativ schnell in den Griff bekommen.“

So kann man seine Worte im selben Interview mit der WR lesen. Allein der Ausspruch, man habe die finanzielle Situation ja leicht wieder in den Griff bekommen, spricht Bände. Jeder, der auch nur im Ansatz die Situation des BVB in der besagten Zeit mitverfolgt hat, muss angesichts derartiger Worte in verzweifeltes Kopfschütteln ausbrechen. Wie kann man sich bei aller Freundschaft zu einem solchen Statement versteigen? Wie kann man Momente wie die Gläubigertagung am Düsseldorfer Flughafen, auf der Hans-Joachim Watzke und Dr. Reinhard Rauball verzweifelt versuchten, den unseligen, von Niebaum eingefädelten Molsiris-Deal rückabzuwickeln, einfach ausblenden? Wie kann man die astronomischen Verluste, die gigantischen Schulden, die existenzbedrohliche Lage des BVB in dieser Phase so nonchalant vom Tisch wischen wollen? Aufrechnung von Chaos und Beinahe-Untergang mit guten Taten? Die Logik des Arguments erinnert nicht nur ein wenig an einen anderen Münchener Funktionär, der seine Verfehlungen bei der korrekten Abfassung der Steuererklärung ja auch gern damit zu rechtfertigen versucht, dass er ansonsten ganz viele Steuern gezahlt habe und zudem auch noch viel Geld für karitative Zwecke spendet.

Aber auch die implizite Aussage, Niebaum trage in keinem Fall die alleinige Schuld, birgt ein ziemliches rhetorisches Pfund: Zunächst mal ist es zweifelsfrei trivial, angesichts von Michael Meier als zweiter Person darauf zu verweisen, dass Niebaum nicht alleinverantwortlich war für das vermeintlich gar nicht-vorhandene Desaster. Zudem haben beispielsweise Frank und Sascha Fligge, letzterer ja mittlerweile Mediendirektor beim BVB, in ihrem Buch „Die Akte Schwarzgelb“ sehr schön herausgearbeitet, wie quasi alle Kontrollorgane des damaligen BVB versagten, vom Aufsichtsrat über den Wirtschaftsrat bis hin zur Mitgliederversammlung, und damit den Beinahe-Untergang erst ermöglichten. Auf wen zielt also dieser präzise Schuss mit der Schrotflinte?

Gönnen wir uns doch mal einen Augenblick der Spekulation. Es muss irgendwann in den späten 90er Jahren gewesen sein, dass Sammer sich im Flugzeug – wieder einmal wegen seines lädierten Knies auf dem Weg nach München unterwegs – neben einem dynamischen Unternehmer aus dem Sauerland wiederfand, der sich auf das Enthusiastischste und verbunden mit viel Fußballsachverstand mit ihm unterhielt. So enthusiastisch, dass Sammer seinem damaligen Mentor Niebaum empfahl, diesen Mann doch in den Verein zu integrieren. Bis heute wird munter spekuliert, ob dieser Mann, der mittlerweile Geschäftsführer der KGaA ist und als einer der Retter des BVB wahrgenommen wird, ob Aki Watzke also aus Sicht Sammers der „Königsmörder“ war. Jener Mann, der die Journalisten Hennecke und Röckenhaus mit Interna aus dem „Teile-und-herrsche“-Konstrukt Niebaums versorgte und damit den Stein von Niebaums Untergang ins Rollen brachte. Aber auch wenn die Informationen damals nicht von Watzke kamen und Sammer somit nicht selbst für den Stolperdraht an Niebaums Beinen verantwortlich wäre, so hätte er vor dem Hintergrund seines dokumentierten Wertemodells trotzdem ausreichend Gründe, Watzke seine jetzige Position übel zu nehmen. Und sei es nur, weil dieser nie einen Hehl aus der Tatsache machte, dass Niebaum sehr wohl einer der Hauptverantwortlichen für die Beinahe-Pleite des BVB war. Wie auch immer: Der Whistleblower hätte in den Augen der meisten Borussen viel eher jenes Denkmal verdient, welches Sammer für Niebaum einfordert.

Aber zurück in die Realität und zu gesichertem Wissen: Im Jahr 2008 wurde nun Jürgen Klopp neuer Trainer des BVB – zweifelsfrei der Königstransfer der Borussia in den vergangenen 20 Jahren. Mit ihm, Watzke und dem BVB-Urgestein Zorc verbindet Fußballdeutschland den Aufstieg des BVB aus dem mittlerweile sprichwörtlichen „Vorraum der Pathologie“. Sammer hingegen sieht an der Spitze des Vereins wohl eher drei Personen, die er – kurz gesagt – schlicht nicht leiden kann. Die latente Abneigung gegenüber Watzke liegt auf der Hand. Mit Zorc verband ihn schon während der gemeinsamen Zeit beim BVB eine – vorsichtig formuliert – nicht wirklich tiefe Freundschaft. Und Jürgen Klopp ist ganz simpel Jürgen Klopp – und daher mit das Schlimmste, was Sammer passieren konnte. Denn Jürgen Klopp ist in vielen Belangen exakt das, was Matthias Sammer niemals sein könnte:

  • Jürgen Klopp ist witzig, locker, charmant, einnehmend und vor allem unverkrampft im Umgang mit Medien und Sponsoren.
  • Jürgen Klopp ist ein eloquenter, dabei aber – von Momenten großer Erregung abgesehen – nie oberlehrerhaft wirkender Fußballexperte, der auch komplexe Dinge einfach zu erklären versteht, am Fernseher wie vermutlich auch in der Kabine.
  • Jürgen Klopp ist ein „Player‘s-Coach“, also ein Freund der Spieler, der bei ihnen aber offensichtlich nie den notwendigen Respekt einbüßt.
  • Jürgen Klopp versteht es auch mit schwierigen Charakteren entspannt umzugehen, sie in ein Kollektiv zu integrieren, eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen und damit das Beste für alle zu erreichen. Mithin jene Wohlfühlatmosphäre, die Matthias Sammer fürchtet und bekämpft wie der Teufel das Weihwasser.
  • Jürgen Klopp versteht es, sich mit Leuten zu umgeben, die ihn fachlich und menschlich ergänzen und komplettieren, ohne allerdings deren Zuarbeit zum Erfolg zu verheimlichen.
  • Jürgen Klopp ist grandios im Umgang mit den Fans. Er hat sofort verstanden, dass die Uhren hier in Dortmund komplett anders ticken und Fannähe beim BVB nicht nur ein notwendiges Übel und ein Tagesordnungspunkt im Pflichtenheft des Trainers sein darf. Er versteht zudem jene Rivalität der Fans zum Reviernachbarn, die Matthias Sammer als „Kirchturmdenken“ verspottet.
  • Jürgen Klopp ist sich nicht zu schade, spontane Auftritte auf Fanfesten hinzulegen, das Mikro in die Hand zu nehmen und einen unvorbereiteten 20minütigen Monolog zu halten, der für eine Comedy-Preis-Nominierung reichen würde, um allerdings im nächsten Augenblick eine fachlich astreine und verbindliche Diskussion über Taktik und Theorie zu führen.
  • Jürgen Klopp ist – vielleicht der wichtigste Punkt – als Trainer um Längen erfolgreicher als Matthias Sammer, vor allem weil Sammer sich mit seiner verbissenen Art bei allen bisherigen Trainerstationen irgendwann selbst im Weg stand.

Matthias Sammer dürfte zu intelligent sein, um nicht zu erkennen, dass Klopp ihm all diese Dinge voraus hat und er diese auch mit aller Akribie, mit aller Manie, mit aller harter, freund- und freudloser Arbeit und verbissener Galligkeit niemals wird ausgleichen können.

Vor diesem Hintergrund und mit Kenntnis der Entwicklung des Spielers Sammer, hin zum verbissenen Funktionär, wirken seine Sticheleien, sein ständiges Abarbeiten am BVB, sein Aufspringen am Spielfeldrand, das förmlich krampfhafte Suchen nach Konfrontation mit Klopp und Watzke nicht nur verständlich, sondern geradezu stringent logisch. Das Double in der Saison 2011/2012, inklusive der empfindlichen 5:2-Demütigung im Pokalfinale, quasi direkt vor Amtsantritt Sammers an der Säbener Straße, scheint Sammer dabei geradezu herausgefordert zu haben. Und eine vergleichsweise armselige Figur wie sein Vorgänger Nerlinger abzugeben will er dabei anscheinend mit allen Mitteln vermeiden. Ganz das Alphatier sucht er sich seitdem nun regelmäßig Streit – mit den anderen Vereinen, anderen Trainern und Funktionären, vor allem aber auch mit den handelnden Personen des BVB. Was liegt schließlich näher, als auf dem glorreichen Weg, den großen FCB auf seinen angestammten Platz zurückzuführen, den mittlerweile ungeliebten Verein und seine handelnden Personen abzustrafen? Und wieder kann man diese verbissene Manie, diesen Hang zum latenten Kontrollverlust beobachten, den verzweifelten Versuch, andere zu erziehen. Man könnte fast meinen, da selbst Sammer es für übertrieben halten dürfte, sich bei einem Pressetermin auch noch die andere Augenbraue zusammen zu tackern, er versucht dieses Manko nun durch Galligkeit in der Formulierung und im Auftreten zu kompensieren. Zuweilen ertappt man sich bei dem Gedanken aufzustehen, zu ihm zu gehen, ihm über den kahlrasierten Schädel zu streicheln und wie dem eigenen Kind sanft beruhigende Worte ins Ohr zu flüstern, damit sich der Feuerkopf nicht zeitnah selbst entzündet.

Und so verbrennt Sammer buchstäblich die Möglichkeit, neben solchen Leuten wie Zorc, Emmerich, Heldt, Kurrat oder Ricken, um nur ein paar zu nennen, auf ewig ein Teil des Herzens des Vereins zu werden. Insgesamt zehn Jahre seiner Karriere hat er in Dortmund verbracht, aber vertraut geworden, so scheint es, sind sich Club und Spieler dabei nie. Sammers Loyalität galt in all der Zeit in erster Linie Dr. Gerd Niebaum und dem eigenen Konto, gleichwohl er dem Erfolg vieles unterordnete und das auch von allen anderen verlangte. Verstanden hat Matthias Sammer Stadt, Verein und Umfeld indes vermutlich nie. Daher dürfte ihm der gewünschte Respekt auch verwehrt bleiben.

Und so liefert Matthias Sammer fast schon folgerichtig heute den Beweis dafür, dass ein großer Fußballer und BVB-Spieler nicht zwangsläufig auch ein großer Borusse wird.

geschrieben von Götz und Arne

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