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Eines Tages im Mai – Die Geschichte des SSC Neapel. Eine Buchkritik.

08.07.2014, 09:59 Uhr von:  Redaktion

Eines Tages im Mai: Die Geschichte des SSC NeapelDie beiden Vorrundenspiele gegen den SSC Neapel in der zurückliegenden Champions League-Saison hatten es in sich: Platzverweise für Weidenfeller und Klopp bei der 2:1-Hinspielniederlage, mit der die Gruppenphase von Beginn an zu einem nervenaufreibenden Kampf um das Weiterkommen wurde; im Rückspiel erkämpfte der BVB mit einer überragenden Leistung die benötigten zwei Tore Vorsprung, die das Fotofinish von Marseille ermöglichte. Am Ende verabschiedete sich der SSC mit zwölf Punkten in die Europa League und die Tränen von Torjäger Gonzalo Higuaín erregten europaweit Häme oder Mitgefühl.
Emotionen gehören zum SSC Neapel wie Susi Zorc zum BVB. Der Verein ist der Sehnsuchtsort der Neapolitaner, die Stimmung im Stadion San Paolo ist legendär und die Tifosi sind treue Anhänger. Als ein Spieler des SSC 1934 zum AS Rom wechseln wollte, erhielt er zahlreiche Schreiben von aufgebrachten Fans. In einem hieß es: „Wenn Sie nach Rom ziehen, werde ich das ebenfalls tun. Doch ich bitte Sie inständig zu bleiben. Denn ich habe eine Frau und wie soll ich es schaffen, auch die mitzunehmen?“ Zum Glück ist Dortmunds neuer Stürmer kein ganz so leidenschaftlicher Anhänger – Ciro Immobile ist in der Nähe Neapels geboren und hat in seiner Jugend den SSC unterstützt.

Feindschaft zum reichen Norden

Besonderen Zusammenhalt zieht die Anhängerschaft aus der Feindschaft zum reichen Norden Italiens, von dem Neapolitaner gerne in herabsetzender Absicht als Afrikaner tituliert werden. Jede Niederlage geht scheinbar auf eine Verschwörung der Nordklubs aus Turin oder Mailand zurück, jeder Erfolg ist ein Sieg der Unterdrückten und der Gerechtigkeit. Tatsächlich dominiert der Norden Italiens nicht nur die italienische Wirtschaft, sondern auch den Calcio. Seit 1929 gingen gerade einmal acht Titel in den Süden, in der Regel machten die Clubs aus Mailand und Turin die Meisterschaft unter sich aus. Zwar kämpfen sie dabei nicht selten auch mit unfairen Mitteln – allerdings steht der SSC dem keineswegs nach und kann mit der einen oder anderen Affäre in seiner Geschichte aufwarten.

Die Geschichte des SSC Neapel von Oliver Birkner liest sich daher streckenweise wie eine Mischung aus Räuberpistole und Kuriositätenkabinett, was mehr am Verein als am Autor liegt. Der heutige SSC Neapel wurde 1926 in der Nachfolge früherer neapolitanischer Clubs in einer Zeit gegründet, als der Calcio eine seiner gelegentlich auftretenden chaotischen Zeiten durchlebte. Erst mit der Einführung einer eingleisigen Liga 1929 gelang es, Verbandsspaltungen zu überwinden und eine mehr oder weniger reibungslose Meisterschaft zu organisieren. Nur durch eine Farce gelang es Neapel, als einzige Südmannschaft in die Liga aufgenommen zu werden: Sowohl in der Saison 1926/27 als auch in der Saison 1927/28 konnte Neapel nur aufgrund einer kurzfristig beschlossenen Aufstockung der zweigleisigen Liga die Klasse halten. In der entscheidenden Saison 1928/29 musste Neapel eigentlich den achten Rang erreichen, um sich für die eingleisige Serie A zu qualifizieren. Dies gelang nicht ganz, denn man beendete die Saison punktgleich mit Lazio Rom und ein Entscheidungsspiel endete Unentschieden. Also setzte der Verein gemeinsam mit dem Verband auf das bewerte Mittel: Die Serie A startete mit 18 statt mit 16 Mannschaften und so war auch Platz für den SSC Neapel. Trotz dieser mehr als schwierigen Geburt zeigte sich Neapel in den folgenden Jahrzehnten der Serie A würdig und blieb bis zum Abstieg 1998 Erstligist.

Die Ära Maradona

Obwohl der Verein mit dieser langen Erstklassigkeit der erfolgreichste Südclub Italiens ist, gewann er erst 1987 den Scudetto, die italienische Meisterschaft. Angeführt vom genialen Diego Maradona holte man gleich das Double, 1990 folgte eine zweite Meisterschaft. Im Jahr zuvor hatte der SSC auch den UEFA-Pokal gewonnen, wenn auch mit fragwürdiger Hilfestellung des Schiedsrichters. Der SSC Neapel in der Epoche Maradona war eine dieser besonderen Mannschaften, die im Fußball eine Ära begründen und unvergessen bleiben. Maradona wirkte wie eine Heilsgestalt, der die Wunden der sich stets vernachlässigt fühlenden Stadt heilte und die Menschen zusammenführte. Das notorisch auffällige Publikum wurde 1987 zum fairsten Publikum Italiens gewählt, bis zum Abschied des Argentiniers 1991 gab es weder Ausschreitungen noch Unsportlichkeiten. Aber die Stadt, in der die Mafia allgegenwärtig war, zerstörte auch den vielleicht größten Fußballer aller Zeiten. Über die Beziehungen Maradonas zur Mafia gibt es mehr Gerüchte als Gewissheiten, dass er sich in ihren Kreisen bewegte und von ihr mit immer neuen Drogen versorgt wurde, ist aber sicher.

Oliver Birkner erzählt die anekdotenreiche Geschichte des SSC Neapel spannend und anschaulich. Aber am Ende des Buchs fragt man sich doch ein wenig, was dran ist an der Behauptung, dass der Süden Italiens kontinuierlich benachteiligt sei. Sicher, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen waren nachteilig, aber das Wirken langjähriger Mäzene im Verein war oftmals mehr dem Eigeninteresse und der Selbstdarstellung verpflichtet als dem sportlichen Erfolg. Und es gibt genug Geschichten – das Beispiel der dreifachen Ligaaufstockung beweist es –, die eine Mauschelei zugunsten von Neapel belegen. Hier wäre etwas mehr Analyse von Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren schön gewesen. Dennoch: Die Lektüre lohnt sich ohne Frage.

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PatBorm, 01.07.2014

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