Eua Senf

Fußball-WM in Brasilien: Wenn das Teufelchen mit dem Engelchen Samba tanzt

12.06.2014, 13:15 Uhr von:  Gastautor
Fußball-WM in Brasilien: Wenn das Teufelchen mit dem Engelchen Samba tanzt

Heute geht sie los, die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Ist es moralisch vertretbar, die WM zu gucken und sich daran zu erfreuen? Wenn ja, kann sie überhaupt Spaß machen, bei so vielen Menschen, die sich sonst nicht für Fußball interessieren, nun aber gnadenlos mit schwarz-rot-goldenem Allerlei durch die Straßen ziehen? Unser Autor sucht nach Antworten.

Heute geht sie los, die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Ist es moralisch vertretbar, die WM zu gucken und sich daran zu erfreuen? Wenn ja, kann sie überhaupt Spaß machen, neben so vielen Menschen, die sich sonst nicht für Fußball interessieren, nun aber gnadenlos mit schwarz-rot-goldenem Allerlei durch die Straßen ziehen? Unser Autor sucht nach Antworten.

Ich war 13. Zu Deutschland zu halten, war für mich so selbstverständlich wie den BVB nach vorne zu schreien. Deswegen war ich auch sehr niedergeschlagen, als die Elf von Jürgen Klinsmann nach dem WM-Aus im Westfalenstadion zu „You'll never walk alone“ die Ehrenrunde gedreht hat. Ein Traum war geplatzt.

Jeder kennt es aus seiner eigenen Jugend: Was heute dein Stolz ist, kannst du morgen schon nicht mehr nachvollziehen. Nur zwei Jahre später wusste ich, was wirklich Träume im Fußball sind. Mein BVB hatte es ins Pokalfinale nach Berlin geschafft. Eine ganze Stadt war in großer Euphorie. Der „Unser ganzes Leben“-Dauergesang in meiner Erinnerung erzeugt bei mir heute immer noch Gänsehaut. Zu diesem Zeitpunkt war längst klar: Solche Gefühle könnte das deutsche Team bei mir niemals niemals mehr auslösen. Was war geschehen?

Wenn ich mit dem BVB in der Liga, Champions League oder im Pokal um einen Sieg zittere, dann steckt dahinter immer eine Geschichte. Eine traurige, fröhliche oder belanglose. Beispiel: Nehmen wir mal nicht den BVB, sondern RWE. Warum kommen zu jedem Regionalliga-Kick gegen Dorfvereine (sorry, Lotte) 6000 Zuschauer, obwohl es dieser Verein immer wieder schafft, seine Anhänger auf das Schärfste zu enttäuschen? Weil sie einen Traum haben. Gut, und Bier und Freunde im Stadion. Aber vor allem diesen Traum, diese Hoffnung. Jedes Spiel ist ein Schritt weg von dem, woher sie kommen – der Insolvenz – und hin zu ihrem Ziel, der zweiten Liga. Jedes einzelne Spiel ist ein Teil des großen Ganzen.

Hätte der BVB 2009 die Europa League erreicht, wäre der BVB-Anhang nicht nur ausgeflippt, weil der BVB die Europa League erreicht hätte. Auch und vor allem, weil es das schöne Ende eines Kapitels gewesen wäre: Von der abgewendeten Insolvenz zurück nach Europa.

Was haben die melancholischen Gedanken nun in einem Text mit der WM zu suchen? Eigentlich nichts, meiner Meinung nach. Und das ist das Problem. Für mich persönlich, und darauf liegt die Betonung, schreibt die Nationalelf keine derartigen Geschichten. Das liegt nicht am fehlenden Erfolg, sondern einfach an ihrem Wesen und meiner Einstellung zu ihr. Es ist für mich unmöglich, von jetzt auf gleich für eine Konstellation zu sein, die zusammengestellt aus verschiedenen und teilweise sich rivalisierenden Mannschaften ist und ihre Heimspiele an verschiedenen Orten vor einem sich ständig wandelnden Publikum austrägt. Es fehlt der rote Faden der Geschichte.

Fußball ist mehr als alle vier Jahre den Grill an zu schmeißen und das Essen in der Sonne zu genießen. Fußball ist, jede Woche am Grill zu stehen, ihn zu pflegen. Bei Regen, im Winter und wenn man keine Lust hat. Das ganze Leben lang mit demselben Grill, so rostig er auch geworden sein mag.

Es gibt sicherlich Fans, die jedes Deutschland-Spiel seit ihrer Kindheit mit Herzblut verfolgen. Ihnen sei es gegönnt. Mich würden eben nur die Umstände stören, unter denen ich Deutschland-Spiele im Stadion gucken würde. Neben Fans, die ein Fußball-Spiel auf eine Ebene mit Alternativen wie einem Kino- oder Freibad-Besuch stellen. Das war 2003, als ich Deutschland-Schottland in Dortmund gesehen habe, noch anders. Das Public-Viewing hat aber die schönen Seiten der Nationalelf verdrängt. Fußballspiele unter Nationen sind seitdem „Party, hard!“

Wobei mir die Vorstellung, ein Fußball-Pflichtspiel anstatt eines Sommerloch-Spielfilms im Fernsehen zu sehen, zugegebenermaßen gefällt. Allerdings gucke ich dann als Fußball- und Taktik-Interessierter zu. Dabei ist auch nicht auszuschließen, dass ich mit Deutschland mitfiebere. Das kann aber je nach Laune bei Spanien, Italien, England, Ghana oder einer anderen Mannschaft passieren. Je nach dem, wessen Spielweise interessanter ist. Fußball eben.

Alles, was darüber hinaus geht, wird nerven. Diese WM-Songs, - Orakel, -Werbung im TV. Es gibt aber auch Schlimmeres, als diese WM-Begleiterscheinungen.

Die Fifa zum Beispiel.

Ob die Toten auf den Baustellen der WM-Stadien die Fifa zu verantworten hat, ist eine Frage im Bereich der Spekulation. Todesfälle gibt es auf Baustellen leider immer wieder, auch beim Ausbau des Westfalenstadions in den 90er Jahren hat ein Bauarbeiter sein Leben verloren. Wegen dieser Vorfälle die WM zu boykottieren, wäre daher etwas oberflächlich.

Die Existenz der Fifa dagegen ist schon Grund genug, beim Wort „Weltmeisterschaft“ Zahnschmerzen zu bekommen. Der Fußballverband hat es sich anscheinend zur Aufgabe gemacht, den Sport von Grund auf zu zerstören. Für die, die es vergessen haben: Fußball ist eine Zusammenkunft von Freunden und Fremden. Sie treffen sich, bilden Mannschaften, haben einen Ball und spielen. Mal vor drei, vor 80 000 Zuschauern. Mal im Innenhof, mal im Stadion. Fußball wird da gespielt, wo Platz ist. Mit Menschen, die so sind, wie sie sind. Und vor allem: An Orten, die authentisch bleiben.

Es widerspricht dem Grundgedanken von Fußball, wenn Spielorte extra für ein Turnier in ihrem Charakter verändert werden. In Brasilien lebt nun einmal jeder 19. Einwohner in einer Favela. Glaubt man zahlreichen Reportagen, fühlen sich nicht wenige von ihnen auch wohl. Es ist ihr Viertel, ihr Leben, zwar in Kriminalität, aber das kennen sie nicht anders. Wegen dieser Umsiedlungen allein gehört diese Fifa-Veranstaltung boykottiert. Hinzu kommen noch die zweifelhaften politischen Umstände in Russland und Katar, den nächsten Gastgebern des einstigen Fußballfestes. Wo Fußball früher ein Ort der Zusammenkunft verschiedener Schichten war, setzte die Fifa an und ließ ihn wie ihn Katar zum Anstoß für Ausbeutung von Menschen werden.

So viel vom Engelchen auf der linken Schulter zur WM. Das Teufelchen sagt an dieser Stelle: Zumindest in Brasilien gibt es Menschen, die sich einfach auf ein schönes Turnier und spannende Duelle freuen. Es kann nun einmal nicht in einem so großen Land Einigkeit über jeden Streitpunkt geben.

Ich bleibe skeptisch. Auch beim Thema „Befriedung“ der Favelas. Die Drogenbanden sind nicht aus der Welt. Die Kriminalität wird nicht von einem Turnier abgeschafft. Was wirklich abgeschafft wurde, ist womöglich die Identität, der Charakter der Heimat vieler Familien.

Interessant ist: Es wird vorerst das letzte WM-Turnier sein, bei dem ich dem Teufelchen überhaupt noch zuhöre. In Russland und spätestens Katar ist der Spaß dann endgültig vorbei. Zumindest bei dieser WM werde ich noch einschalten. Sowohl die Spiele, als auch die Berichte über die Proteste. Immer mit der Vision, dass dieses Turnier einfach wieder menschlicher und vielleicht von einem anderen Verband ausgetragen wird.

So gesehen hätte die WM in diesem Fall dann doch eine Geschichte mit rotem Faden.

geschrieben von Guerriero

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