Warmlaufen

Warum meine Pizza teurer geworden ist

17.09.2013, 16:13 Uhr von:  Redaktion

Manchmal, nur manchmal, wenn mich Hunger und Faulheit gleichzeitig packen, heißt der letzte Ausweg: Pizzeria. Nun ist es so, dass ich da nicht wählerisch bin. Ich habe, seitdem ich denken kann, meine Stamm-Pizzeria, gleich um die Ecke. Gestern war so ein Tag, an dem ich wenig Lust auf Kochen, dafür umso mehr auf eine Pizza hatte. Also rief ich dort an. Man kennt sich. Ich dachte mir, dass ich es in Anbetracht des bevorstehenden Champions-League-Spiels mal mit einer Pizza Napoli versuche. Eigentlich nicht mein Favorit, aber ich wollte es mal probieren. Also: angerufen, bestellt, in 15 Minuten abholbereit.

Drum machte ich mich zügig auf den Weg. Als ich ankam, war mein Essen auch schon fertig. Kurzer Small-Talk. Ein paar Witze über das Spiel. Tipps ausgetauscht. Dann wollte ich bezahlen – und schaute verwundert auf die Kassen-Anzeige. Dort prangten 7,50€ für eine kleine Pizza Napoli. „7,50€?“, fragte ich und setzte auf einen Tippfehler. Auf der Karte stand nämlich ein anderer, zwei Euro billigerer Preis. Doch Giuseppe klärte mich auf: Die Karte sei drei Jahre alt.

„Lass es mir dir etwas genauer erklären. Komm, wir setzen uns“, sagte er. Weil ich zwar Hunger, aber auch Zeit hatte, wollte ich ihm nicht widersprechen und nahm an einem feinen Holztisch Platz. Giuseppe begann zu erzählen.

„Ich habe dir doch bestimmt schon einmal erzählt, dass meine Familie aus Süditalien kommt. Genauer gesagt wurde ich in Neapel, in Napoli, geboren. Nun, und dort hat es große Tradition – und da hält sich jeder Pizzabäcker dran –, den Preis unserer Lieblingspizza an die Form unseres heiß geliebten SSC anzupassen. Mag verrückt klingen, ist aber so. Und wenn du dich ein wenig mit der Historie des Clubs auskennst, wirst du wissen: Da gab es so manche Preisstürze.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Okay. Erst einmal: Wir Neapolitaner sind sehr stolz auf unseren Verein. Die Riesen-Erfolge konnten wir nie verzeichnen, aber Paroli haben wir den großen Clubs aus dem Norden immer bieten können. Nun, bis zu den 80er-Jahren spielten wir immer ganz gut mit, wurden ab und zu Pokalsieger, mehr aber eben auch nicht – bis Diego Maradona bei uns unterschrieb. Der Kerl löste einen Riesen-Hype aus, wird heute noch verehrt. Das waren unsere „Goldenen Jahre“. Wir waren eine große Nummer und holten beispielsweise den UEFA-Cup.“

Giuseppe setzte kurz aus, schaute mit einem Lächeln auf sein signiertes Napoli-Trikot, das er in einem Bilderrahmen an den besten Platz seiner Pizzeria ausgestellt hatte.

„Siehst du? Das hat mir Diego damals, als ich ein kleiner Junge war, unterschrieben. Seitdem habe ich es nicht mehr gewaschen. Nun, du kannst dir vorstellen – denn auch schon damals galt die Tradition –, wie teuer die Pizza-Preise für eine Napoli Ende der 80er waren. Doch der Preis fiel plötzlich rapide. Was war passiert? Mit der Doping-Sperre Maradonas ging es auch mit uns abwärts. Die „Goldenen Jahre“ waren auf einmal weg. 1998 dann der Tiefpunkt: Wir stiegen in die Serie B ab. Doch damit nicht genug, der Abwärtstrend setzte sich stetig fort. 2004 war es dann schon so weit, dass wir Konkurs anmelden mussten. Ganz schlimm, sag‘ ich dir. Zur neuen Saison sind wir dann unter neuem Namen, Napoli Soccer, in der Serie C1 gestartet. Das war eine schwierige Zeit. Ihr Dortmunder habt ja zeitgleich fast ähnliches durchgemacht. Dass wir heute aber wieder so weit oben stehen, das wäre ohne Aurelio De Laurentiis nicht möglich gewesen. Der macht eigentlich Filme, wenig bekannte, eher seichte Kost. Seinen ganz eigenen Erfolgsstreifen wollte er dann wohl mit dem SSC – 2006 kauften wir unseren richtigen Namen zurück – drehen. Was ihm ja auch gelungen ist. So schnell es mit uns abwärts ging, so zügig waren wir auch wieder dort, wo wir hingehören: in der Serie A. Unser Erfolgsweg sollte nach dem achten und zwölften Platz erst so richtig im Jahr 2010 beginnen. Wie es sich für den SSC gehört, musste wieder eine Person her, die vergöttert werden kann: Es sollte Edinson Cavani werden. Ein unglaublicher Spieler. Allein in der Spielzeit 2010/11 hat er uns mit 26 Toren fast alleine auf den dritten Platz geschossen.“

Mittlerweile an einem von Giuseppe spendierten Cappuccino nippend lauschte ich seiner Napoli-Geschichtsstunde weiter aufmerksam. Dass er sich da so auskennt, war mir gar nicht bewusst.

„Siiiii“, fuhr er nun pathetisch fort. „Und dieser dritte Platz bedeutete ja gleichzeitig die Teilnahme an der Champions-League. Die erste seit 1990. Kannst du dir das vorstellen? Natürlich stiegen die Pizza-Napoli-Preise schlagartig empor. Zwischenzeitlich, Anfang des neuen Jahrtausends, hast du die ja fast umsonst bekommen – dunkle Zeit… Da seid ihr nach eurer letzten CL-Saison wahrlich verwöhnt. Na, wo war ich stehen geblieben? Ach ja: In der vorletzten Saison haben wir uns dann europaweit wirklich gut geschlagen – allerdings auch auf Kosten der Serie A. Dort haben wir nämlich nachgelassen. Fünfter Platz. Parallel durften wir dann aber den ersten Titelgewinn seit Jahren, nämlich die Coppa Italia, feiern. Im letzten Jahr haben wir einen überragenden zweiten Platz ergattert.“

Aber jetzt, unterbrach ich ihn, ist der Cavani doch weg, nicht wahr?

„Ach, der Matador. Um den dreht sich bei uns doch gar nichts mehr. Im Sommer sind wir mit übergroßem Einkaufswagen durch Europa, besser gesagt durch Spanien gefahren. Von Real haben uns Raul Abiol, Jose Callejon – und Gonzalo Higuaín verstärkt. Mein Gott, du kannst dir nicht vorstellen, wie wir Higuaín vergöttern. Er ist der neue Cavani. Mindestens. Callejon und er haben schon fünfmal getroffen. Dazu hat Hamsik, der gerade seinen Vertrag verlängert, viermal eingenetzt. Ihr müsst euch vor uns fürchten. Wir sind aktuell in Topform. Drei Spiele, drei Siege.“

Damit konnte mich Giuseppe wahrlich nicht einschüchtern. Ich nahm den Sportteil der auf dem Tisch liegenden Tageszeitung und zeigte schmunzelnd auf die Bundesliga-Tabelle. Giuseppes Blick huschte nur ganz kurz darüber.

„Ach, ihr mit euren fünf Siegen. Mein Freund, ich muss dich leider enttäuschen. Mittwoch wird bei uns nichts zu holen sein. Das schwöre ich mit meinem Maradona-Trikot. Denn Benitez, unser neuer Coach, hat eine eingebaute CL-Erfolgsgarantie. Scusi, aber an Napoli ist im Moment kein Vorbeikommen.

So, das war es soweit von mir. So viel wollte ich doch eigentlich gar nicht erzählen. Aber gut: Jetzt weißt du immerhin eine Menge über den Club meines Herzens – und warum die Pizza 7,50€ kostet. Wir sind nämlich wieder sehr gut drauf.“

Ich nahm meinen letzten Schluck, bedankte mich für die neapolitanische Geschichtsstunde und stand auf. Die Pizza Napoli war unterdessen kalt geworden. Deshalb bestellte ich mir eine kleine Margaritha. Verschlingen werden elf andere Borussen Napoli schon noch morgen. Auf dem Platz.

So könnten sie spielen

SSC Napoli: Reina – Maggio, Raul Abiol, Britos, Zungia – Inler, Behrami – Callejon, Hamsik, Insigne – Higuaín.

Borussia Dortmund: Weidenfeller – Großkreutz, Subotic (Sokratis), Hummels, Schmelzer – Bender, Sahin – Aubameyang (Blaszczykowski), Mkhitaryan, Reus – Lewandowski.

Auf der Bank: Langerak – Kirch, Durm, Sokratis, Blaszczykowski, Hofmann, Duksch, Schieber

Es fehlen: Gündogan, Kehl, Piszczek

Schiedsrichter: Pedro Proenca (Portugal).

Zuschauer: 60240 sind möglich im Stadio San Paolo.

Das Spiel wird im ZDF übertragen.

Leon, 17.09.2013

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