Unsa Senf

Zwölf Mann auf dem Platz und niemand auf der Pressetribüne

05.09.2013, 21:06 Uhr von:  Redaktion

Jannik bandowski verlässt den PlatzWenn man sich an einer Definition dessen versuchen wollte, was ein Journalist beruflich eigentlich so macht, dürfte folgender Vorschlag durchaus konsensfähig sein: Ein Journalist ist jemand, der in einem bestimmten Bereich fundierte Kenntnisse besitzt und zu wichtigen Themen aus diesem Bereich recherchiert und schreibt. Wie wir anhand des Spiels unserer Amateure am Dienstag in Duisburg sehen können, ist diese Definition grundfalsch. Weder muss man von einem Thema Ahnung noch muss man dazu recherchiert haben, um einen Artikel darüber schreiben zu können.

Wir haben in den letzten Tagen viel darüber lesen können, dass Borussias zweite Mannschaft in besagtem Spiel kurzzeitig mit zwölf Spielern auf dem Platz gestanden hat, nur dummerweise ist das in fast allen (auch den längeren) Texten, die bei renommierten Medien erschienen sind, die einzige korrekte Behauptung. Insbesondere schreibt niemand, was eigentlich genau passiert ist, wohl weil die meisten Journalisten gar nicht vor Ort waren. (Was, wie gesagt, niemanden daran hindert, nicht trotzdem darüber zu schreiben.) Deshalb zunächst eine kurze Einführung, was während des Spiels eigentlich passiert ist, wie das so geschehen konnte und warum das aus sportlicher Sicht eine Lappalie ist. Vorsicht, insbesondere wenn jemand von der Presse mitliest: Da kommen Details vor, und die sind sogar wichtig!

1. Während einer Duisburger Drangphase beim Spielstand von 1:2 verletzt sich der Dortmunder Linksverteidiger Bandowski. Er verlässt das Spielfeld und wird länger draußen behandelt. Weil Bandowski ein Linksverteidiger ist, passiert das automatisch in der Nähe des Linienrichters, und dieser Linienrichter ist der auf der den Trainerbänken abgewandten Seite.

2. Die Behandlung dauert ungefähr zwei Minuten, und anhand der Reaktionen der Dortmunder Ersatzspieler erkennt man, dass Bandowski über kurz oder lang ausgewechselt werden soll. Günter läuft zu den Trainerbänken und macht sich bereit. Zu dieser Zeit bleibt nun auch der Dortmunder Rechtsverteidiger Hornschuh nach einem Zweikampf liegen und muss ebenfalls kurz abseits des Feldes behandelt werden. Mittlerweile steht Bandowski wieder.

Hornschuh liegt außerhalb des Platzes3. Als Hornschuh wieder aufs Feld kommen will, befindet sich der Ball auf der rechten Dortmunder Seite. Der Schiedsrichter blickt entsprechend in Hornschuhs Richtung und winkt diesen hinein. Der Linienrichter auf der anderen Seite, bei dem Bandowski steht, interpretiert das als Reinwinken von Bandowski und schickt diesen ebenfalls aufs Feld. Aus Duisburger Sicht ist blöd, dass das in dem Moment passiert, als das Spiel auf die linke Dortmunder Seite verlagert wird, wo Bandowski ja eigentlich fehlt. Der ist nun wieder auf dem Feld und gewinnt den Zweikampf und den Ball.

4. Bei der nächsten Unterbrechung will der BVB Bandowski auswechseln. Der Schiedsrichter hatte nicht mitbekommen, dass Bandowski wieder aufs Feld gekommen war, da er ja nur Hornschuh reingewunken und auch nur in seine Richtung geschaut hatte, und lässt den Einwechselspieler Günter ins Spiel, ohne dass Bandowski vom Feld gegangen ist. Auch der Linienrichter bei den Trainerbänken, der die Auswechslungen betreut, hatte Bandowskis Wiedereintritt nicht mitbekommen.

5. Duisburg bringt den Ball nach der Auswechselung schnell ins Spiel, so dass Dortmund nun für ein paar Sekunden mit zwölf Spielern auf dem Platz steht. Bandowski, der ja eigentlich hätte ausgewechselt werden sollen, greift nicht mehr in das Spiel ein und humpelt einfach vom Feld.

Es nicht nicht ganz unwichtig darauf hinzuweisen, dass das ein reiner Augenzeugenbericht ist. Ich stand im Gästeblock hinter einer dicken Plexiglasscheibe, schaue aber typischerweise Fußballspiele sehr bewusst und habe mich in diesem Fall immer während der Geschehnisse mit meinem geschätzten Redaktionskollegen Malte D. darüber ausgetauscht. Das Ganze ist also ziemlich valide.

Koray Günter machte den Assistenten noch auf die Panne aufmerksamWas hat die Presse nun daraus gemacht? Die Duisburger Verantwortlichen hatten bereits während des Spiels wahrgenommen, dass Dortmund kurzzeitig mit zwölf Spielern auf dem Feld stand, und auch, dass Bandowski bei der Seitenverlagerung plötzlich auf dem Feld stand, und dürften das den lokalen Medien nach dem Spiel in deren Notizblöcke diktiert haben. Das Problem war nur, dass sie in der Hitze des Gefechts die Reihenfolge vertauscht hatten: Sie dachten, dass Bandowski erst ausgewechselt gewesen und danach wieder aufs Spielfeld gelaufen wäre, so dass er den wichtigen Zweikampf nach der Seitenverlagerung bei 12 gegen 11 gewonnen hätte. Das ist verzeihlich, solche falschen Wahrnehmungen sind völlig normal und für den Fußball auch typisch. Nur: Da keine Fernsehübertragung des Spiels geplant war, existieren keine direkt zugänglichen Bilder, die den Fehler hätten aufklären können. Und so nahm die Sache ihren Lauf.

Zunächst war es die RevierSport, die die Duisburger Darstellungen eins zu eins übernahm. Tenor: Zeitgleich zur Einwechslung von Günter habe auch Bandowski wieder den Platz betreten und danach direkt einen Zweikampf gewonnen. Kein Konjunktiv im Text wohlgemerkt, es wird als Faktum dargestellt. Allein dass man als Journalist auf der Pressetribüne den Vorgang nicht ansatzweise mitbekommt und sich auf die Heimmannschaft verlassen muss, ist schon ziemlich irritierend, aber dass diese Schilderung mindestens in zwei Punkten nicht plausibel ist, wird auch noch übersehen: Zum einen waren die Duisburger fuchsteufelswild, weil Bandowski nach einer Seitenverlagerung (aus deren Sicht) plötzlich auf dem Feld auftauchte. Dem wäre wohl kaum so gewesen, wenn er einfach während des ruhenden Balls bei der Auswechslung wieder aufs Feld gegangen wäre. Zum anderen und viel wichtiger: Fußballer gehen nicht einfach so aufs Feld. Dafür gibt es eine Gelbe Karte, die für den bereits verwarnten Bandowski einen Platzverweis bedeutet hätte. Noch dazu stand er als Linksverteidiger zwangsläufig in der Nähe des Linienrichters, ohne dessen Zustimmung er daher niemals den Platz hätte betreten können (oder wollen).

Egal, Hauptsache die Punkte im SackZudem wird im Artikel der RevierSport das Schiedsrichtergespann unverhohlen der Lüge bezichtet, weil alle drei angeben, den Vorfall nicht wahrgenommen zu haben. Nach meiner Schilderung von oben ist das völlig plausibel, auch wenn es nicht unbedingt von einer guten Kommunikation der drei zeugt. Wie auch immer: Nachdem die Duisburger ankündigt hatten, einen Protest zu prüfen, fand sich die Sache schnell auch in regionalen und überregionalen Medien. Zunächst regional bei DerWesten und den Ruhr Nachrichten, später dann etwa bei der Süddeutschen, dem Tagesspiegel und sogar bei 11Freunde. Immer aufbauend auf der falschen Darstellung der Duisburger Verantwortlichen und ohne dass irgendein Journalist sich Videomaterial der Szene angesehen oder mit Dortmunder Offiziellen gesprochen hätte, geschweige denn im Stadion gewesen wäre! Den Vogel schoss aber unzweifelhaft Anja Schramm von der Welt ab, die die Szene nutzte, um darauf aufbauend einen historischen Abriss zu Wechselfehlern (als ob es einen gegeben hätte!) im Fußball zu schreiben. Oder wenn das nicht genug Stoff hergibt, dann halt auch im Handball. Kommt ja auch ein Ball drin vor.

Sportrechtlich ist die Sache gegessen, nachdem der MSV Duisburg Bilder einer Scouting-Firma ausgewertet hat und (natürlich!) kein Eingreifen Bandowskis in das Spiel bei 12 gegen 11 erkennen konnte. Aber was bleibt über den (Online-)Journalismus noch zu sagen? Mindestens, dass die Pest des Abschreibens mittlerweile auch bei den letzten Qualitätsmedien Einzug gehalten hat. Es kommt nicht mehr darauf an, ein Thema als erster zu besprechen oder wenigstens neue Informationen oder auch nur einen intelligenten Gedanken beizutragen: Alles, was woanders steht, muss auch auf der eigenen Seite stehen! Pervers wird das Ganze aber dann, wenn man noch nicht einmal mehr prüft, was man eigentlich schreibt. Dabei sollte das eigentlich die Mindestvoraussetzung für jeden Artikel sein. Kleiner Tipp daher, wenn demnächst mal wieder keine Bilder im Fernsehen oder bei YouTube zu sehen sind: Gesprächspartner suchen, Recherche betreiben, Hintergründe aufdecken. Und sich im Stillen fragen, warum Auflage und Leserzahl eigentlich durch die Bank in den Keller gehen und ob das vielleicht etwas damit zu tun hat, wie man seinen Beruf betreibt.

Nachtrag (06.09.2013): Der Duisburger Pressesprecher hat uns darüber informiert, dass es gar nicht der MSV war, auf dessen Betreiben hin die Vorgänge Eingang in die Medienlandschaft gefunden haben, sondern dass es im Gegenteil Medienvertreter waren, die das Thema nach dem Spiel ansprachen. Der MSV hat daraufhin in Ruhe die Bilder ausgewertet und ist zu dem bekannten Schluss gekommen, dass kein Protest einzulegen ist. Es entbehrt natürlich nicht einer gewissen Ironie, dass der Autor dieser Zeilen es nicht für nötig erachtet hat, die missverständliche Darstellung von erzürnten Duisburger Verantwortlichen zu prüfen und beim MSV einfach nachzufragen (in eigenen Worten: Gesprächspartner suchen, Recherche betreiben). Herzlichen Dank also an Martin Haltermann für den Hinweis, und auch wir (bzw. ich) geloben Besserung!

Scherben, 05.09.2013

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