Unsa Senf

Eine neue Dimension der Solidarität

08.06.2013, 22:25 Uhr von:  Redaktion

Das neue TrikotEtwa ein Jahr ist es nun her, seit wir von Medien, Politikern und Funktionären über den Fußball aufgeklärt worden sind: Schaufensterpuppen können brennen, feiernde Fans auf dem Feld verbreiten Todesangst und Stehplätze sind die Hauptursache für Pyrotechnik und Gewalt. Für den Großteil der regelmäßigen Stadionbesucher dürften dies völlig neue Erkenntnisse gewesen sein, für den Rest von Deutschland jedoch war es der Beweis, dass sofort etwas unternommen werden musste. Doch was hat sich nun eigentlich verändert? Wo steht der deutsche Fußball, wo steht die Dortmunder Fanszene ein Jahr nach der „Schande von Düsseldorf“? Auf den ersten Blick ist alles beim Alten. Düsseldorf ist zurück in der 2. Liga (an dieser Stelle auch nochmal ein dickes „SORRY“ von unserer Seite!) und es gab keine tiefgreifenden Einschnitte für Stadionbesucher. Dennoch hat das vergangene Jahr einige neue Erkenntnisse gebracht.

Einheit und Solidarität

Die Dortmunder Fanszene hat seit einigen Jahren eine Vorreiterrolle inne im Kampf gegen den modernen Fußball. Viele Initiativen und Strömungen gingen von Dortmund aus und so war es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Reaktionen auf die angedrohten Veränderungen zur neuen Saison in Dortmund am heftigsten ausgefallen sind. Die Vereinsführung hat sich sofort strikt gegen eine Abschaffung der Stehplätze ausgesprochen. Von Fanseite gab es – nebst lautstarken Protesten gegen die falsche Außendarstellung der Situation (Stichwort „neue Dimension der Gewalt“) – mehrere Initiativen. So wurde zum Beispiel die „Ich fühl mich sicher“-Homepage ins Leben gerufen, auf der sich bis heute über 75`000 Fans eingetragen haben und damit bezeugten, dass das „sichere Stadionerlebnis“ bereits Tatsache ist. Dazu kam, als sich das „Konzept sicheres Stadionerlebnis“ abzuzeichnen begann, die „12:12“-Initiative. In den Heimspielen gegen Düsseldorf und Wolfsburg schwieg das ganze Stadion (so wie auch alle anderen Bundesliga-Stadien) die ersten 12 Minuten und 12 Sekunden. Die Stille war unüberhörbar, die Funktionäre gezwungen zu verhandeln. Dass es dabei tatsächlich außer einem gespenstischen Gemurmel keinen einzigen Fangesang, kein rhythmisches Klatschen und sogar kaum einen Torjubel gab, war so nicht absehbar gewesen. Man hatte erwartet, dass die Ultras mit ihrem Protest ziemlich alleine stehen würde, doch der nicht unerhebliche Rest der Dortmunder Fanszene schloss sich (k)einstimmig dem Schweigen an und sorgte damit erst für den großen Erfolg. Selbst als es in anderen Stadien teilweise zu Streitigkeiten innerhalb der Fanszene kam und „Ultras raus!“-Rufe hörbar wurden, solidarisierte man sich in Dortmund weiterhin mit der Initiative und dem Gedanken, dass das vorgeschlagene Konzept für den gesamten Fußball nachteilig sein würde. Einzig im ersten Spiel nachdem das Konzept angenommen wurde, gab es hörbare Differenzen im Stadion, als der eine Teil die ersten 12 Minuten schwieg und der andere Teil den Rest des Spiels. Hierbei dürften bei den meisten eher angestaute Abneigung gegen Ultras das Problem gewesen sein, als die grundsätzliche Zustimmung zum Konzept. An dieser Stelle sei den betreffenden Personen geraten, mal zu einer von den Ultras organisierten Aussprachen über Fanthemen zu gehen, statt den Kampf durch Schweigen im Stadion auszutragen. Grundsätzlich war die Initiative 12:12 in Dortmund jedoch ein einziges großes Solidaritätsbekenntnis der Fanszene zum Kampf gegen den modernen Fußball und seine Auswüchse in Form des Sicherheitskonzeptes.

Dass das Konzept zwar angenommen, in der gesamten Rückrunde allerdings noch kaum umgesetzt wurde, ist wohl ebenfalls auf den großen Zusammenhalt der Fanszenen zurück zu führen. Bisher scheint es jedenfalls fast so, als wäre das Konzept implodiert, weil es für die Vereine schlicht nicht durchführbar ist, ohne die eigene Fanszene gegen sich auf zu bringen. Und das will spätestens seit den 12:12-Protesten kein Verein mehr riskieren.

Ebenfalls äußerst solidarisch, wenn auch etwas zu spät, zeigten sich die Fans beim Thema Rechtsextremismus. Es brauchte erst den Angriff auf Jens Volke und Thilo Danielsmeyer, ehe sich die Fans in Dortmund vom rechtsextremen Gedankengut auch sichtbar abwendeten. Im Heimspiel gegen Hannover war es dann aber an allen Ecken und Enden des Stadions zu lesen, dass Borussia Dortmund für Vielfalt steht und weder das Gedankengut noch die damit verbundene Gewalt für die Fans tolerierbar sind.

Erfolge für „Kein Zwanni“

Die ebenfalls von Dortmund ausgegangene Initiative „Kein Zwanni fürn Steher“ hat Ende dieser Saison ebenfalls große Erfolge zu vermelden. Wiederum gab es zahlreiche Proteste gegen teilweise stark überzogene Eintrittspreise, die immer weitere Kreise ziehen. Während zum Beispiel der eine Aufsteiger, Düsseldorf, ganz fair auf die große Geldmacherei verzichtete, verlangte der andere, Greuther Fürth, von den BVB-Fans über 20 Euro für Stehplatzkarten. Ganz krass waren auch die Preise beim letzten Auswärtsspiel der Saison in Wolfsburg. Obwohl es um nichts mehr ging, kosteten die Sitzplatzkarten fast 40 Euro. Aus Protest blieb fast der gesamte Gästeblock (also weit mehr als nur die Ultras) den ersten 20 Minuten des Spiels fern und sorgte so für eine große und zum ersten Mal auch einheitlich positive Resonanz in der deutschen Presse. Nicht zuletzt die Tatsache, dass sich dieses Mal auch weite Teile der Fans außerhalb der Ultraszene solidarisch dem Protest anschlossen, ließ die Verantwortlichen aufhorchen. Kurz davor hatte der BVB verlauten lassen, in Zukunft komplett auf Topspielzuschläge für Gästefans zu verzichten. Zudem wolle man die Topspielzuschläge nur noch für die Spiele gegen die Blauen und die Bayern erheben. Gegen eine solche Bestrafung der Rosinenpicker ist ja auch absolut nichts einzuwenden, solange die Gästefans nicht darunter leiden. Im Laufe der letzten Wochen haben nun zudem Hertha BSC Berlin (alle Gästekarten für 15 Euro) und die am heftigsten in der Kritik stehenden HSV (kein Topspielzuschlag für Stehplätze) und Wolfsburg (Stehplätze für 15 Euro) angekündigt, für Gästefans (zumindest teilweise) auf Topspielzuschläge zu verzichten und eine einheitliche(re), ehrliche(re) Preispolitik für die Gäste handhaben zu wollen. Auch wenn (oder gerade weil) in der Bundesliga, vorwiegend wegen den vielen Stehplätzen, noch durchaus humane Preise verlangt werden, sind die oben genannten Erfolge ein so wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Wie es auch sein kann, haben wir auf unseren Reisen durch Europa wieder erleben müssen. Die billigste Kategorie in Malaga: €45, die billigste Kategorie in Madrid: €77 (inklusive Vorverkaufsgebühren), die billigste Kategorie in London: €72. Dass dies nicht nur den speziellen Spielen geschuldet ist, war den Gesprächen mit einheimischen Fans zu entnehmen. So erzählten uns beispielsweise Fans von Real Madrid, dass die billigsten Karten für das Pokalfinale sie 65 Euro kosteten. Auf unsere Frage, in wieweit dies außergewöhnlich wäre, erzählten sie uns, dass dies normale Ligapreise seien…

Offene Baustellen

Hat sich also bei vielen fanrelevanten Themen einiges getan, sind zwei Baustellen diese Saison völlig unberührt geblieben: die genauere und fairere Beurteilung von Stadionverboten und die Legalisierung von Pyrotechnik.

Letzteres dürfte auch innerhalb der Fans ziemlich gespaltene Meinungen hervorrufen. Wer schon einmal mitten in einer Rauchschwade war, wird zwei Dinge bezeugen können: 1. Es ist nicht lustig. 2. Es ist nicht gefährlich. Es wäre also durchaus wünschenswert, wenn zumindest eine Abgrenzung in der öffentlichen Wahrnehmung entstehen könnte, zwischen Gewalttätern und Fans die Pyrotechnik abfeuern. Eine Legalisierung scheint im Moment aber so aussichtslos wie die Rückkehr zu Eintrittspreisen wie in den 80er Jahren. Der Kampf beschränkt sich also zur Zeit eher auf ein zündeln – verbieten – weiter zündeln – noch mehr verbieten Spiel zwischen den Vereinen und den Fans. Die faire Beurteilung und Vergabe von Stadionverboten jedoch sollte uns alle interessieren, weil es letztlich jeden treffen kann. Sicherlich kann man sich der Gefahr etwas entziehen, indem man nicht in Gruppen reist und die Polizei weitestgehend meidet. Wer jedoch ab und an in größeren Gruppen zu Auswärtsspielen fährt, der sollte sich der Gefahr bewusst sein. Manche der Stadionverbotler mögen eher düstere Zeitgenossen sein, denen man sofort zutraut, das Verbot zurecht zu haben und nicht wenige wird man wohl als Normalfan lieber nicht im Stadion haben wollen. Dennoch sollte man sich die Frage stellen, ob es wünschenswert ist in einem Rechtsstaat Vorverurteilungen, Massenbestrafung und rechtsmittelfreie Urteile zu haben. Die meisten Straftaten denen ein Stadionverbot folgt kommen nicht einmal vor Gericht. Falls sie vor Gericht kommen, enden die meisten davon nicht in einer Verurteilung. Dennoch bleiben die Stadionverbote so gut wie immer in Kraft. Das gleiche gilt auch für Straftaten, die nur im allerweitesten Sinne mit dem Fußball zu tun haben (in dem ein Täter zum Beispiel einen Schal trägt, sich aber nicht annähernd in der Nähe eines Stadions aufhält). Dazu kommen noch die Urteile nach dem Motto „mitgefangen, mitgehangen“. Wenn eine Gruppe zusammen unterwegs ist und sich ein Teil davon schlecht benimmt, bekommt im Normalfall die gesamte Gruppe ein „vorsorgliches“ Stadionverbot. Stadionverbote werden zudem nicht nur für Straftaten verteilt, sondern auch für das Abfeuern von Pyrotechnik und je nach Situation sogar für das Aufhängen einer Fahne, das Werfen von Bananen oder eines Bechers. Das Bündnis aktiver Fußballfans geht davon aus, dass ein Drittel aller Stadionverbote zu Unrecht erteilt wurde und ein weiteres Drittel fragwürdig ist. Eine Änderung der Vergabepraxis ist daher dringend notwendig und sollte mit der gleichen Solidarität getragen werden, wie der Kampf gegen zu hohe Eintrittspreise oder den Kampf gegen das Sicherheitskonzept.

Und dann wäre da ja noch die alte, aber etwas vernachlässigte Diskussion über die fanfreundlichen Distanzen bei Freitag- und Sonntagspielen. Die Notwendigkeit, Maßnahmen in diesem Bereich zu ergreifen wird wohl für jedem einzelnen Auswärtsfahrer problemlos nachvollziehbar sein. Mit der Ansetzung der neuen Saison wird diese Diskussion also vermutlich wieder aufgenommen werden müssen, da nicht von einer schnellen Besserung seitens der DFL zu rechnen ist.

Einfluss auf den Verein

Im Erfolgsfall schwindet der Einfluss der Fans auf den Verein, das war deutlich spürbar, trotz der oben genannten Gegenbeispiele. Dass der Verein uns nicht zwingend mehr braucht und wir austauschbar geworden sind, hat er diverse Male durchblicken lassen. Konnten vor ein paar Jahren einfache „die Fahne muss weg“-Rufe Verein und Sponsor noch innerhalb von Wochen zur Umstimmung zwingen (oder Umdenken bewegen), wird das heute mit einem lapidaren „für jeden, der nicht zahlen will gibt es 100 Nachrücker“ abgetan. Es weckt in vielen von uns den bizarren Wunsch nach weniger Erfolg, nach den guten schlechten alten Zeiten, als es keine Erfolgsfans, keine Marketingerfolge und keine solchen Aussagen von Vereinsseite gab. Aussagen wie „investieren in Steine & Beine“ und „massive Investitionen“ wecken zudem die Angst, in alte Gewohnheiten zurückfallen zu können und um jeden Preis mit den Bayern konkurrieren zu wollen. Glücklicherweise ist letzteres aber nicht ganz so schlimm wie es sich anhört. Nebst der Tatsache, dass im Verein Leute die Zügel in der Hand halten, die glaubhaft versichern keine Schulden mehr machen zu wollen und daher zumindest die Angst vor einem weiteren Finanzcrash nicht realistisch ist, haben die Fans trotz des ganzen neuen Marketings und des inflationären Gebrauchs von „echter Liebe“ auch viel mehr Einfluss als damals. Es gibt einen runden Tisch an dem Fanvertreter und Verein regelmäßig zusammen sitzen, für Fanomenal wird jedes Heimspiel eine große Plattform geboten und die Fanabteilung sorgt sich innerhalb des Vereins ausschließlich um uns Fans.

Dazu kommt der Einfluss eines jeden einzelnen von uns. Wir haben die Möglichkeit, Einfluss auf viele Aspekte des Marketings und Merchandisings zu nehmen, indem wir Dinge schlichtweg nicht kaufen (auch nicht im übertragenen Sinn) und andere dazu animieren, das auch nicht zu tun. Wir können dem Verein sagen: „Wir kaufen euch keine rosa Schals ab! Wir kaufen euch keine Sat-1-Saisoneröffnungsfeier-Tickets ab! Wir kaufen euch keine faulen Ausreden über Ticketvergaben ab!“Letzteres ist vielleicht – gerade wegen des ganzen „echte Liebe“-Geschwafels – einer der Kernpunkte weshalb man sich als Fan manchmal macht- und wehrlos und ziemlich verarscht fühlt. Jedem von uns sollte klar sein, dass man 25‘000 Tickets nicht in 100‘000 verwandeln kann, egal wie sehr man es möchte. Dennoch gibt es zwei Punkte, die der Verein unbedingt ändern sollte, um seinen „Kunden“ den Eindruck von „echter Liebe“ zumindest einigermaßen glaubhaft rüber zu bringen: jeder Dauerkarteninhaber sollte die Möglichkeit bekommen, eine Karte für ein CL-Heimspiel zu erhalten, so er dies denn wünscht und rar gesäte Karten dürfen ausschließlich an Mitglieder verkauft werden. Dann wird es zwar noch immer viele unzufriedene Fans geben, es wird aber nicht mehr in dem Masse das Gefühl von Ungerechtigkeit vorherrschen, wie es in dieser Saison viel zu oft der Fall war. Wenn man dann auch noch – wie versprochen – dafür sorgt, dass sämtliche E-Bay-Verkäufer aufgespürt und bestraft werden, weiterhin die Zusammenarbeit mit Portalen wie ViaNOgo verweigert und einen modernen (und funktionierenden) Ticketshop einrichten kann, dann sind wir gar nicht mal mehr so weit entfernt von einer relativ idealen Kartensituation.

Ob man den Verein auch davon abbringen kann, uns als (austauschbare) Kunden zu behandeln, das ist leider eher fragwürdig und wird sich wohl voraussichtlich tatsächlich erst im Misserfolg wieder ändern.

Die Zukunft

Nicht nur der BVB hat im letzten Jahr viele Freunde dazu gewonnen, auch die BVB-Fans konnten sich in Europa beweisen und haben ein durchweg positives Bild hinterlassen. Sei es durch Choreographien, Fangesänge oder die friedlichen Invasionen, hat Europa gesehen, wie Fußball sein kann. Was sich viele von zuhause nicht gewohnt waren, haben die Dortmunder in Europa gezeigt. Friedliche Massen, permanentes Stehen im Stadion, durchgehendes Singen. Dinge, die für uns selbstverständlich sind, haben Europa begeistert. Aber wir haben umgekehrt auch gesehen, was im Rest von Europa als normal gilt, wenn es um Fußball geht. Wembley war ein gutes Beispiel dafür, wie es in Zukunft auch im deutschen Fußball aussehen könnte: die Choreo scheiterte an den Plätzen für die VIPs und den völlig überzogenen Brandschutzbestimmungen, die Ticketpreise waren jenseits von Gut und Böse, selbst für ein Championsleague-Finale, vor dem Spiel stand die Show und das Event, Merchandising war fast unbezahlbar und wurde dennoch in Massen gekauft, auf der Straße und im Stadion herrschte generelles Alkoholverbot und eine Versammlung aller Fans wurde von der Polizei aus Sicherheitsgründen abgelehnt. Natürlich konnte man mit Stimme, Schal und (Trikot)Farbe dennoch ein bemerkenswertes Bild erzeugen, aber es sollte uns allen etwas daran liegen, dass dies nicht auch zu unserem Alltag wird.

Wir klagen also einerseits auf einem ziemlich hohen Niveau, andererseits zeigt sich aber auch, dass es mehr als genug Gründe gibt zu kämpfen.

Lasst uns also diese einmalige Solidarität in der Fanszene zum Guten nutzen. Diese Saison hat uns meiner Meinung nach drei Tatsachen aufgezeigt: Wie viel Einfluss wir haben, wenn wir alle an einem Strang ziehen. Dass die Verantwortlichen, gerade auch in Dortmund, bereit sind auf uns zu hören, wenn wir laut genug sind. Und dass wir etwas Einmaliges besitzen, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Nadja, 08.07.2013

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