Unsa Senf

Die Entlarvung

23.04.2013, 12:41 Uhr von:  Redaktion

Torjubel Mario GötzeMario Götze hat uns getäuscht. Und wir haben uns täuschen lassen. Er könne sich vorstellen, so hieß es noch vor gar nicht allzu langer Zeit, auch seine gesamte Karriere beim BVB zu verbringen. Ja, Mario, vorstellen können wir alle uns so vieles. Doch derlei Worte sind eben allzu schnell über die Lippen gekommen, letztlich sind es aber die Taten, die darüber entscheiden, welches Ansehen man genießt.

Einmal mehr müssen wir Fans diese bittere Pille der Einsicht schlucken – und erkennen, dass der persönliche Lebenslauf allein, das Aufwachsen in dieser Stadt, die Spielfreude in dieser Mannschaft, das Glück mit dem aktuellen Trainer, das hier zu verdienende Geld und die gemeinsam erreichten Erfolge nicht jedem genügen, der sich zu Höherem berufen fühlt.

Kein Einzug in den Olymp

Kann man dafür Verständnis entwickeln? Ich kann es nicht, viele andere können es ebenso wenig. Und auch die offizielle Pressemitteilung des Vereins kommt ungewohnt schmallippig daher.
„Wir sind natürlich über alle Maßen enttäuscht, betonen aber, dass sich sowohl Mario als auch sein Berater absolut vertragskonform verhalten haben“, so wird Hans-Joachim Watzke darin zitiert. Kein Wort des Verständnis, wie weiland bei Nuri Sahin, nicht einmal ein pflichtschuldiges Wort des Danks für die bisherige Zusammenarbeit.

Mario Götze und Marco Reus beim TorjubelMario Götze hat sich entschieden zu wechseln. Das ist sein gutes Recht. Er hat sich gegen den BVB entschieden. Und deutlich auch dagegen, den bisherigen Weg mit der Mannschaft, dem Trainer und uns Fans mitzugehen. Dafür kein Verständnis zu haben, ist unser Recht. Für mich persönlich ist Mario Götze mit dem heutigen Tag nur noch ein gewöhnlicher Spieler, der temporär dieselben Farben trägt wie ich. Solange er diese trägt und Leistung bringt, erfährt er meine Unterstützung, ab dem Saisonende dann ist dies passé. Was immer die Gründe sein mögen für den Wechsel - Pep Guardiola, der FC Bayern an sich, die Stadt München, das Quantum mehr Geld: Es interessiert mich nicht. In meinen persönlichen Fußballer-Olymp wird Mario Götze nicht einziehen. Er wird das verschmerzen können. Ich aber auch, denn so wie es für Mario Götze einen anderen Verein gibt, gibt es für mich andere Spieler, die eben jenen Olymp schon lange bevölkern. Und solche, die wieder dort einziehen werden.

Bei aller Enttäuschung nämlich sollten wir einen Fehler nicht begehen: Wir sollten nicht über den Fall Götze unser komplettes Bild von der aktuellen Mannschaft zerstört sehen. Ein Marcel Schmelzer, ein Roman Weidenfeller, ein Mats Hummels, ein Lukasz Piszczek haben damit nichts gemein. Vielleicht werden wir uns wieder mal im einen oder anderen täuschen. Unterm Strich ist das jedoch wohl der Preis dafür, eine solch fantastische Mannschaft auf dem Rasen zu sehen und ihr im Überschwang des Glücks ein Teil des eigenen Herzens zu schenken.

Im Kriegszustand

Und die Bayern? Die führen nicht erst seit heute Krieg. Und sie führen ihn mit ihren altbekannten Waffen. Schon vor der Saison wurden rund 70 Millionen netto in den Kader gepumpt, nun bedient man sich bei der direkten Konkurrenz. Dass damit auch der eigene Präsident ein wenig aus der Schusslinie gerät, der seit dem Wochenende medial einer Straftat bezichtigt wird, ist wohl mehr als nur ein willkommener Nebeneffekt. Dass die zeitgleich entstehende Unruhe möglicherweise das Champions-League-Spiel des Ligakonkurrenten beeinträchtigen könnte, wird dabei mindestens billigend in Kauf genommen. Das sollte zumindest vor Augen haben, wer mit Hinblick auf Liga und Fünfjahreswertung auch international immer zu den Bayern hält.

Ulli Hoeneß und Kalle Rummenigge auf der Tribüne des Westfalenstadions„Vom FC Bayern München hat sich bis zum heutigen Tag in dieser Angelegenheit kein Offizieller bei Borussia Dortmund gemeldet.“, so heißt es in der Pressemitteilung weiter. Für eine Mitteilung an die Presse scheint indes Zeit gewesen zu sein an der Säbener Straße.

Borussia Dortmund – und damit auch wir Fans – sind indes gut beraten, uns nicht auf dieses Terrain zu bewegen, auf dem die Bayern sich naturgemäß am wohlsten fühlen. Und wir sollten jetzt nicht genau der Hysterie verfallen, die mit der lancierten Wechselmeldung beabsichtigt gewesen ist.

Wir sind in den vergangenen Jahren verdammt gut und erfolgreich damit gefahren, unser Ding zu machen und stur unserer Philosophie zu folgen. Damit sind wir am stärksten. Damit haben wir die Abgänge von Nuri Sahin und Shinji Kagawa kompensiert und wurden immer sogar noch ein kleines bisschen stärker.

Auch ein Abgang von Mario Götze ist ob des einmaligen Talents zweifellos ein Ärgernis und eine Schwächung. Zum Glück allerdings auf einer Position, auf der wir gar nicht mal so schlecht besetzt sind. In der Tat würden andere Abgänge wie Mats Hummels oder auch Marcel Schmelzer die Borussia wohl härter treffen. Das hat nicht zuletzt auch die vergangene Saison bewiesen, als Mario Götze fast die gesamte Rückrunde lang ausgefallen ist. Durch ein Vorziehen von Ilkay Gündogan auf die Zehn und mit Nuri Sahin auf der Sechs lässt sich der Weggang schon heute so kompensieren, dass es in der Liga für die meisten Gegner reichen sollte. Für alles weitere dürfe die kolportierte Ablöse von beinahe 40 Millionen Euro das ihre dazutun.

Trotz allem: Vorfreude

Choreo "Auf den Spuren des Henkelpotts" zum Viertelfinalspiel gegen MalagaDoch wir alle reden schon jetzt viel zu viel über einen einzelnen Spieler und viel zu wenig über das, was uns morgen erwartet: Wir sind 2011 völlig überraschend deutscher Meister geworden, haben 2012 - und im Prinzip noch viel überraschender - das Double geholt und stehen gerade vor dem sportlich größten Spiel seit 15 Jahren. Noch einmal zum Mitschreiben: Champions-League! Halbfinale! Real Madrid! Ein Spiel, für das manche aberwitzige Summen auf dem Schwarzmarkt zahlen. Ein Spiel, von dessen bloßer Existenz wir vor fünf Jahren nicht zu träumen gewagt haben. Ein Spiel, wie es Dortmund seit langen Zeiten nicht erlebt hat und von dem wir alle nicht wissen können, ob und wann solch eine Gelegenheit noch einmal wiederkommt.

Die Freude darüber wollen wir uns allen Ernstes nehmen lassen und sie eintauschen gegen Zukunftsangst und eine seltsam infantile Art der enttäuschten echten Liebe? Ist das unser, ist das Euer Ernst? Wenn ja, stellt Euch bitte morgen nicht in meine Nähe!

Arne, 23.04.2013

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